Alltag

Alltagskommentar | 25.01.2012 14:50 | Steffen Kraft

Ist das schon Paranoia?

In Berlin hat die Polizei heimlich Handy-Daten eines halben Stadtviertels ausgewertet. Unser Autor wohnt dort. Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Handy überwacht wird?

Zuerst habe ich mich damit beruhigt, dass ich am 24. Oktober 2009 gegen 4 Uhr früh bestimmt geschlafen habe. Das könnte ich vor Gericht zwar nicht beschwören, aber wenn meine damals wenige Monate alte Tochter nicht unheimlichen Hunger oder unheimliche Langeweile hatte, war ich zu dieser Zeit froh über jede Minute Schlaf, die ich während der Nacht bekam.

Mach dir keinen Kopf, dachte ich auch dann noch, als mir klar wurde, dass der Staatsschutz nicht nur in dieser Nacht, sondern über Monate die Daten der Handymasten rund um meine Wohnung in Berlin-Friedrichshain überwacht hatte. So geht es aus Unterlagen hervor, die netzpolitik.org zugespielt bekommen und ins Netz gestellt hat. Mit den Handydaten wollten die Ermittler jenen Heinis auf die Spur kommen, die in meiner Gegend immer mal wieder einen Mercedes, BMW oder Audi abfackeln – und deretwegen meine Schwiegereltern selbst ihren Toyota mit Hybrid-Antrieb lieber in einer Tiefgarage abstellen, wenn sie zu Besuch kommen.

Wer steht auf der Liste?

4,2 Millionen Datensätze hat die Berliner Polizei laut eigener Aussage ingesamt erhoben. 960 Telefonnummern erschienen ihr dabei so verdächtig, dass sie die Namen der jeweiligen Handy­besitzer ermittelten. Ob mein Name auch auf der Liste steht, weiß ich nicht. Von den Betroffenen wurde bisher niemand über die Aktion informiert, sagen die Behörden. 1,7 Millionen Datensätze sind immer noch gespeichert. Beunruhigt muss angeblich trotzdem niemand sein, die Auswertung habe bisher in keinem Fall zu einem Tatverdächtigen geführt.

Du weißt ja, dass du es nicht gewesen bist, sage ich mir. Die haben auch keine Gespräche abgehört, sondern nur gecheckt, wer mit wem telefoniert hat. Hör endlich auf, dir Gedanken zu machen! So rede ich mit mir.

Aber es wirkt nicht.

Nichts zu verbergen?

Mensch, ich wohne da. Ich arbeite als Journalist. Ich habe ein Handy. Manchmal schreibe ich über Whistleblower. Ich versuche, Arbeit und Beruf zu trennen, aber ich telefoniere nicht nur im Büro. Wenn ich vor Gericht geladen werde, müsste ich laut Gesetz als Journalist nicht verraten, wer mich anruft. Manchmal weiß ich das auch gar nicht. Ich kenne nicht jeden, der meine Nummer hat. Genauso wie einer meiner Nachbarn übrigens, der ist Anwalt. Wir finden das richtig so.

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Du hast doch nichts zu verbergen?, höre ich eine leise Stimme in meinem Kopf fragen. Ich will instinktiv nicken. Dann höre ich mich plötzlich flüstern: Doch.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Alien59 schrieb am 25.01.2012 um 17:17
Es ist ein total übles Gefühl, wenn man sich beim Wählen überlegen muss, inwieweit das nächste Telefonat alleine durch sein Zustandekommen mich oder den anderen belasten könnte. Zu erfahren, dass jemand über einen längeren Zeitraum die gesamten Verbindungen kontrolliert hat, ist scheußlich - wenn man weiß bzw. ahnt, dass jemand mithört, kann man sich wenigstens drauf einstellen.

Ich liebe Länder, wo man Prepaid-Telefone einfach so kaufen kann.
carenm schrieb am 25.01.2012 um 18:01
Aber allein die Tatsache, dass Prepaid-Karten "einfach so" gekauft werden können, bedeutet ja nicht, dass man nicht abgehört werden kann.

Ich war in verschiedenen Ländern (v.a. Afrika), in denen ich mir eine Prepaid-Karte günstig und ohne Registrierung irgendwo am Straßenrand kaufte und wenn ich telefoniert habe, hat es ab und zu geklickt und zaack, Mithörer in der Leitung. Hat natürlich den Vorteil, dass die Technik so schlecht war, dass man das mit etwas Übung sofort gehört hat. Beruhigend ist es trotzdem nicht.
Alien59 schrieb am 25.01.2012 um 18:10
Nein, aber es weiß ja niemand, wer diese Nummer gekauft hat. Damit entfallen i.d.R. Bewegungsbilder und der Versuch, Beziehungsnetzwerke kreieren zu wollen.
Horsti schrieb am 25.01.2012 um 19:02
Na klar, lieber Steffen,

muß das Paranoia sein.

Weshalb sonst sonderst Du fast gleiche Artikel innerhalb fünf Tagen ab!? www.freitag.de/politik/1203-verdaechtig-frueh

Ich gebe zu, daß mir das Verständnis fehlt. Nicht für das Thema - eher für Zweitverwurstung und Auf- Ver- und Zersplitterung.
Steffen Kraft schrieb am 26.01.2012 um 14:07
Ertappt! Aber ich wollte den Toyota Prius meiner Schwiegereltern endlich mal in einem Artikel unterbringen. Das wird doch wohl erlaubt sein! :-)

Danke übrigens für den Link zum Text über die politischen Konsequenzen (natürlich damals schon mit "full disclosure" des Wohngebiets des Autors), den hatten wir vergessen zu setzen. Bei der Handyüberwachung wird das Politische ja ganz schnell privat.
Ismene schrieb am 27.01.2012 um 10:45
"Du hast doch nichts zu verbergen?"

Nein, ich habe nichts zu verbergen, aber ich möchte trotzdem nicht, dass mir jemand beim duschen zuschaut (oder bei anderen persönlichen Dingen).

Und doch. Ich will meine Gedanken zu Ende denken oder mit Freunden austauschen und diskutieren, bevor ich sie öffentlich mache. Ich bin auch Mitglied einer Organisation, die der Verfassungsschutz beobachtet, schon lange. Man kann sich darauf einstellen, beobachtet zu werden, aber ein besseres Gefühl wird es dadurch auch nicht.
LiPa schrieb am 27.01.2012 um 17:47
Jetzt, da auch noch herauskommt, dass Innensenator Henkel nun Staatstrojaner, ausgerechnet auch noch den von Syborg, beschafft, lässt die Frage aufkeimen:
Was ist besser?
Keine A 100 (grün) oder Henkel (schwarz)?
Die wenigsten haben schwarz-rot gewählt.
Außer Wowereit plus Partei-Soldaten. Ich hoffe, die beißen sich jetzt selbst in den Allerwertesten.


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