Achtermann

Der Schatten in mir

04.11.2009 | 19:42

Der 10. September – ein guter Tag für Opel?

Die Opel-Belegschaft war der Spielball der Wahlkämpfer

Es war der 10. September, etwas mehr als zwei Wochen vor der Bundestagswahl, als der Coup verkündet wurde: Opel sei an Magna verkauft. Begierig griffen die einschlägigen Politiker den vermeintlichen Deal auf und gingen damit an die Presse. Diese ihrerseits war bereit, großzügig ihre Spalten und Mikrofone für die Wahlkämpfer zu öffnen, damit diese ihre Verkündigungen mit Blick auf die Wahl zum Besten geben konnten.

Roland Koch: „Dies ist ein guter Tag für die vielen Beschäftigten und deren Familien, für die erfolgreiche Zukunft eines traditionsreichen Unternehmens. Es ist der entscheidende Durchbruch, auch wenn in den nächsten Wochen noch viel zu tun ist.“

Dieter Althaus: „Unser Ziel für eine gute Opel-Zukunft ist damit erreicht. Unser gemeinsamer Einsatz für Eisenach hat sich gelohnt.“

Jürgen Rüttgers: "Sie sehen einen erleichterten Ministerpräsidenten … es ist eine gute Meldung für Nordrhein-Westfalen." Das "Geheimnis des Erfolgs" sei der gemeinsame Kampf und "der enge Schulterschluss" mit dem Betriebsrat und der IG Metall gewesen.

Hannelore Kraft sagte, auch sie sei erleichtert, "dass die nervenaufreibende Hängepartie zur Zukunft von Opel nun erst einmal beendet ist."

Noch am selben Tag war in Zeit-Online eine Einschätzung zu lesen, die deutlich macht, welche Dimension diese Meldung für den Wahlkampf hatte: „Politisch bedeutet der Deal für die Kanzlerin die Rettung. Jeder andere Ausgang des monatelangen Pokers um Opel hätte die Christdemokratin mitten im Wahlkampf enorm beschädigt. Die Protesterklärungen waren schon gedruckt, die Gewerkschaften hatten schon zu einer Protestdemonstration aufgerufen. Ein Opel-Wahlkampf hätte für Merkel gefährlich werden können. Jetzt kann sich die Kanzlerin feiern lassen, und der SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier kann nur danebenstehen und höflich applaudieren.“

Mindestens zwei Fragen stellen sich: Waren alle den Verlautbarungen aus den USA aufgesessen und haben tatsächlich geglaubt, der Handel sei perfekt? Oder wussten zumindest einige Wahlkämpfende bescheid, dass es sich um eine großinszenierte Attrappenvorführung handelte, mit dem Ziel, den Gewerkschaften vor dem Urnengang keinen kurzfristigen Anlass zu geben, in den Wahlkampf aktiv einzugreifen?

 
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Kommentare
misterl schrieb am 04.11.2009 um 22:02
Eine gute Frage. Ich vermute die Chance auf realitätsnahe Antworten wird man so schnell - wenn überhaupt - nicht bekommen.

Interessantes Detail ist die Stellungnahme von Dirk Pfeil (OPEL Treuhandmitglied und Mitglied der FDP) lt FTD.

Zitat: "Er begrüßte die Entscheidung von GM, Opel in Eigenregie zu sanieren. Magna wäre mit der Opel Übernahme "glatt überfordert" gewesen."

und weiter wieder lt. FTD:

Zitat: "Das FDP-Mitglied Dirk Pfeil - ohnehin ein erklärter Gegner des Verkaufs an Magna - riet im Gespräch mit der Zeitung (gemeint ist das Handelsblatt) erneut GM davon ab, Opel mehrheitlich an den erklärten Favoriten der Bundesregierung zu geben. Pfeil ist in der Treuhand der Vertreter der Bundesländer."

Es wäre also an sich eine Überraschung, wenn die Ahnungslosigkeit im Bund wie in den Ländern tatsächlich so groß war, wie man nun den Eindruck gewinnen soll.
mh schrieb am 04.11.2009 um 22:12
es war im gm-board nie sonderlich einheitlich, von der entscheidungsfindung. mittlerweile ist gm zunächst gerettet und wir haben opel derweil finanziert.

die zahlen geben her, dass ein boden beim verkauf gefunden ist. alles auf tönernen füßen, aber so denken sie halt die amis. zumal dort niemand davon ausgeht, dass sie keine kredite bekommen werden und sicherheitshalber schonmal mit der insolvenz von opel drohen.

ab da würde es kompliziert. ich hätte den laden von anfang nicht aufrecht erhalten und darüber auch gleich gm die eigene insolvenz schwerer gemacht. alles zum wohle unserer anderen autobauer. damit hätten wir arbeiten können .. diese magna wären gleich mit ausm markt geflogen.

also nein, ich glaube nicht dass hier groß absichten dahinter stehen. diese prozesse sind zu dynamisch und mit zu vielen beteiligten. während der wochen und monate ändern sich die gewichte und machtverhältnisse. da kann man strategisch vorgehen aber nicht strategisch planen und umsetzen.

mfg
mh
misterl schrieb am 04.11.2009 um 22:33
Soweit einverstanden MH120480

Aber taktisch in die Länge ziehen, um Entscheidungen zu überbrücken geht schon. Erlebe ich quasi täglich im Job. Um nichts anderes ginge es hier und ich unterstelle jeder Führungskraft, dass sie das kann.

Davon ab möchte ich an das künszliche Aufregen des Herrn Koch im Bundesrat 2002 erinnern, wo selbiger sich bewußt künstlich über das Berlin/Brandburger Abstimmungsverhalten aufregte und dieses alberne Schauspiel öffentlich verteidigte. Will meinen, unsere Damen und Herren Schauspieler in der Rolle eines Ministerpräsidenten oder Ministers sind durchaus glaubwürdig, wenn der Rest der Öffentlichkeit nichts genaues weiß.
mh schrieb am 05.11.2009 um 07:22
ja, ich kann mir durchaus vorstellen, dass man bei GM die entscheidung traf, dass man noch ein weilchen wartet. die wahl ist dabei dann auch ebenso ein faktor gewesen wie das prüfen der eigenen kreditfähigkeit für diese transaktion.

was hier in deutschland seitens der politik als absolut manipulativ angesehen werden muss ist allein schon die suggestion innerhalb des vorgangs .. man tat so, als ob hier entscheidungen getroffen werden können, die gm dann schlussendlich nur noch umsetzt.

ärgern würd ich mich jetzt, wenn ich mir nen opel gekauft hätte .. und ich bin mir auch sehr sicher, dass des jetzt eine trendwende in den verkäufen war. analog zu nokia - käuferstreik. natürlich auch deshalb, weil es keine abwrackprämie mehr gibt.

mfg
mh
Janusz Biene schrieb am 05.11.2009 um 09:37
Hoffentlich lässt sich zeitnah klären, welche Beteiligten Politiker wann was wussten? Und wer sich vor allem als Sandstreuer hervorgetan hat. Würde dies aufgedeckt, könnte es für einen Rücktritt reichen.

Bis dahin geht es aber vor allem um Opel. JJK hat in der Politikarena aus gegebenem Anlass flugs die richtige Frage gestellt:

"Alles Wahlbluff: Wird Opel unter GM überleben?"
Link: www.freitag.de/arena/debatte?id=944
Ehemaliger Nutzer schrieb am 05.11.2009 um 20:57
MH Du magst recht haben aber es gibt noch einen anderen Faktor, - und zwar im Hinblick auf den astronomischen Schuldenberg der USA an China, das die schleichende Entwertung des US$ angesichts eigener Währungsreserven in US$ fürchtet. Ich erinnere daran, als die US Regierung der GM die finanzielle Hilfe gewährte, hatte GM die Technologiepapiere verpfändet. Geitner wäre es zuzutrauen das er die jetzt wohl an die chinesische GM versilbern wird. Darum denke ich 'mal OPEL wird zu einem langsam dahin siechendes Opfer der Globalisierung. Wenn die beteiligten Politiker heute sagen sie hätten das nicht erwartet, dann werden die wohl nun auch noch GM Hilfsleistungen hinterher werfen.

Guttenberg hatte frühzeitig die einzig mögliche Lösung vorgeschlagen, hat sich dann aber ziemlich zurück gehalten. Die Schweden haben das so mit Saab gemacht.
Onkel Wanja schrieb am 04.11.2009 um 23:05
Nun schicken sie ihre gewerkschaftlich organisierte und mit Nationalstolz aufgeladene Schafherde wieder in die Warnstreiks. Diese Gewerkschaftsbonzen haben die Arbeiterklasse verhausschweint (Robert Kurz) und die wissen, man behält die Kontrolle, wenn man die Leute in Bewegung hält! Simulierter Widerstand, Ölfässer in denen es in der Nacht vor den Werkstoren brennt, lauwarmer Kaffee und belegte Brötchen für die "Opelaner". Auch viele Reden ala: „das werden wir uns nicht bieten lassen!!!!“ -um dann am Ende diese schon tausendmal erwärmte Suppe langsam kalt werden zu lassen. Dann stehen die Arbeiter wieder dumm da, gehen entweder zum Arbeitsamt, oder beständig dezimiert, durch
den technischen Fortschritt und Überkapazitäten, und mit saftigen Lohnabschlägen in der GM-Fabriken bei OPEL wieder malochen!
Die Betriebsräte verziehen sich dann wieder in ihre Büros und Herr Huber dient sich weiter dem Klassenfeind als Sozialpartner an.

Ach Brüder, tretet aus diesen Pseudo-Gewerkschaften aus, lernt von den französischen Arbeitern, die sind mal wieder weiter als wir Deutschen. Lernt aus der Geschichte, bildet ARBEITERRÄTE (So kommt
ihr ohne Bonzen viel besser klar) und lasst keine Hierarchien mehr zu!
Begreift endlich, nach zwanzig Jahren Klassenkampf gegen Euch von OBEN, ihr müsst leider wieder Kämpfen. Die Lüge von der Sozialpartnerschaft zwischen Kapitalisten und euch ist dazu, da euch
langsam auszupressen!

Ihr habt nicht nur manche Betriebsräte die wie Zuhälter aussehen, die wie solche gekleidet sind, die Porsche oder Benz fahren wie diese, nein,
das SIND Zuhälter. Eure Zuhälter!

"Ballade vom Wasserrad"

Ach wir hatten viele Herren
Hatten Tiger und Hyänen
Hatten Adler, hatten Schweine
doch wir nährten
den und jenen.

Ob sie besser waren
oder schlimmer:
Ach, der Stiefel glich
dem Stiefel immer
Und uns trat er.
Ihr versteht: ich meine

Daß wir keine andern Herren
brauchen, sondern keine!

Bert Brecht
SteinMain schrieb am 05.11.2009 um 15:28
Richtig. Wenn diese Opel-Arbeiter wenigstends die Eier hätten, zu sagen "Macht euren Laden doch einfach dicht und seht zu wer eure Versager-Bonusse bezahlt", wäre schon vieles besser. Das Problem ist doch, das die am Tropf der Eigenheimfinanzierer und Versicherungskonzerne hängen, und sich garnicht mal ausmalen würden, ihr Häuschen im Grünen mit der Waffe in der Hand gegen Banker und Bullen zu verteidigen.
Achtermann
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