Achtermann

Der Schatten in mir

27.02.2011 | 16:50

Geistesbrüder: "Dr." Schürholt und "Dr." Guttenberg

Gemeinsam ist beiden, dass sie mit einem Doktortitel, der ihnen nicht zustand, glänzen wollten und ihn zum Triebmittel ihrer politischen Karriere nutzten. Kai Schürholt wollte 2007 in Landau (Rheinland-Pfalz) zum Oberbürgermeister gewählt werden, Karl-Theodor Guttenberg wollte Kanzler werden.

Schürholt wurde im fernen Berlin als OB-Kandidat für die südpfälzer CDU entdeckt. Der Fraktionsvorsitzende im Landtag und der Kreisvorsitzende der Südpfalz waren stolz auf ihren Kandidaten. Damals, 36 Jahre alt, schien er der ideale Kandidat für die Nachfolge des Parteifreundes Dr. Wolff zu sein, der den Ruhestand anstrebte: 1,90 Meter groß, blond, ledig, dynamisch und gebildet wirkend, angestellt beim Deutschen Brauereibund. Seiner Vita nach sei er zuvor im Bundestag als wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt gewesen und nebenbei habe er in Heidelberg an der theologischen Fakultät den Doktorgrad erworben. Altbundeskanzler Helmut Kohl empfing "Dr." Kai Schürholt in seinem Berliner Büro und versprach persönliche Hilfe im Wahlkampf um den OB-Sessel. Fest eingeplant und mit dem Konterfei der Beiden plakatiert war eine Großveranstaltung in der Festhalle Landaus.

Als mitten im Wahlkampf erste Zweifel am Lebenslauf des "Dr." Kai Schürholt aufkamen, setzte dieser sich plötzlich nach Berlin ab. Von dort aus ließ er verlauten, er sei an einem Gehirntumor erkrankt und könne derzeit nicht in das Wahlkampfgeschehen eingreifen. In Landau war man schockiert. Dutzende, wenn nicht hunderte Genesungswünsche erreichten ihn. Die Wahlkampfaktivitäten der Kandidaten wurden auf Sparflamme gesetzt. Zweimal erhielt Schürholt Besuch des südpfälzischen Kreisvorsitzenden. Im Detail verkaufte Schürholt seine Krankheit, sprach von Bestrahlungen, Schwindelanfällen, Kopfschmerzen und Sehstörungen. Aber Heilung sei in Sicht. Der Kreisvorstand und die Wahlkommission beschlossen daraufhin, den Wahlkampf fortzusetzen, auch weil ein Wechsel des Kandidaten kurz vor der Wahl nicht mehr möglich war.

Eine ältere fast 70-jährige Landauerin wollte es genau wissen und verlangte von der CDU die Vorlage der Promotionsurkunde. Man stellte fest, dass in Heidelberg ein Doktorand Schürholt eingeschrieben, aber eine Promotionsurkunde nie ausgestellt worden sei. Das Lügengebäude des falschen Doktors brach zusammen. Der gesamte CDU-Kreisvorstand trat geschlossen zurück. Bei der Wahl schaffte er mehr als fünf Prozent, weil Briefwähler ihre Stimmzettel schon verschickt hatten. Die SPD gewann nach Jahrzehnten der CDU-Herrschaft mit 62,5 Prozent den OB-Sessel.

Kurz nach der Wahl wurde Schürholt wegen Tragens eines falschen Doktortitels verurteilt: 5.000 Euro Strafzahlung, zwei Monate Gefängnis auf Bewährung und 200 Stunden gemeinnützige Arbeit. Nicht geahndet wurden weitere Falschangaben: Schürholt war nicht ledig sondern geschieden, er war kein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundetages sondern Mitarbeiter eines Abgeordneten. In einem Widerspruchsverfahren wurde die Buße etwas abgemildert, weil er durch die Begleitumstände nach dem Verfahren, z.B. Verlust von Freunden, bestraft worden sei.

Schürholt begab sich in Therapie und wurde anscheinend geheilt. Nach einer Phase der Arbeitslosigkeit ist er beruflich fest verankert: Kai Schürholt ist jetzt Direktor eines Klosterhotels in Norddeutschland, das mit dem Slogan wirbt: "Erholung für Geist und Seele."

"Dr." Kai Schürholt ist den Weg gegangen, den "Dr." Karl-Theodor Guttenberg noch zu gehen hat. Nach einer Therapiemaßnahme ist die Sozialprognose sicher günstig, da die materiellen Lebensumstände als gesichert gelten.

 

 
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Kommentare
seriousguy47 schrieb am 27.02.2011 um 17:19
Klosterhotel? Na da müssten sich doch noch zwei weitere Pöstchen finden lassen. Eins für Guttenberg und eins für Andreas Kasper. Mit solchem Fachpersonal könnte man sich dann spezialisieren auf die Zielgruppe der Hochstapler.....
Achtermann schrieb am 27.02.2011 um 17:35
Da Schürholt Theologie studierte, lag es sicher nahe, mit dem gefallenen Bruder in einer solchen Herberge die Resozialisation zu starten.
Fro schrieb am 27.02.2011 um 18:07
Ja, vielleicht macht ihm das Mut. Es geht auch ohne Ministeramt, Abgeordnetenmandat und Doktortitel. Ohne Kanzlertitel ist natürlich hart - da braucht es wohl seelischen Beistand.
Achtermann schrieb am 27.02.2011 um 18:48
Es ist mir ernst, wenn ich Guttenberg rate, therapeutische Hilfe anzunehmen. Allerdings wird er mich übergehen. Es liegt auf der Hand, dass jemand mit einer akademisch-graduierten Leiche im Keller nicht davon ausgehen kann, dass nie danach gesucht würde. Man stelle sich vor: Ein Bundeskanzler mit einem erschlichenen Doktortitel regierte uns. - Leider: Lieber das als ein Medienmogul.
claudia schrieb am 27.02.2011 um 18:49
Als Nachfolger im Kriegsministerium würde ich Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy favorisieren
de.wikipedia.org/wiki/Gert_Postel
Achtermann schrieb am 27.02.2011 um 19:10
Bartholdy hat aus nichts etwas gemacht. Er hatte nicht mal eine akademische Ausbildung.

Mittlerweile psychologisiert auch der SPD-Vorsitzende die Causa Guttenberg:

Herr zu Guttenberg hat keine abgeschlossene Berufsausbildung, da er das zweite Staatsexamen nicht gemacht hat. Offenbar hat er darunter gelitten, dass er trotz der großen Familientradition auf diesem Gebiet nichts vorzuweisen hat. Dieses vermeintliche Manko hat er wohl mit einem erschwindelten Doktortitel zu heilen versucht.

Folgt man dieser These, ist Guttenberg kein ganz Großer, sondern eher ein von der Seele Getriebener, der seiner Familie etwas beweisen wollte. Eventuell trifft ihn das Misslingen dieses Ansinnens gegenüber seiner Familie härter als gegenüber der Öffentlichkeit.
j-ap schrieb am 27.02.2011 um 19:27
»Herr zu Guttenberg hat keine abgeschlossene Berufsausbildung, da er das zweite Staatsexamen nicht gemacht hat.«

Wo hat der Große Vorsitzende denn diesen Käse aufgeschnappt?

Selbstverständlich ist das bestandene 1. Staatsexamen sowohl ein Studien- (eben deshalb ist für die Promotion auch nur das 1. Staatsexamen notwendig und nicht das zweite) als auch ein berufsqualifizierender Abschluß (weswegen manche Universitäten auch den Titel Diplom-Jurist oder Magister Iuris dazu verleihen).

Das zweite juristische Staatsexamen nach vorherigem Referendariat ist nur dann nötig, wenn man Volljurist werden, also zur Rechtsanwaltschaft zugelassen oder in den höheren juristischen Staatsdienst (Richter, Staatsanwalt, Regierungsrat usw.) aufgenommen werden will.
Rahab schrieb am 27.02.2011 um 19:46
das 2.juristische staatsexamen verleiht die befähigung zum richteramt (inkl. StA) und die berechtigung zur zulassung zur anwaltschaft und zum eintritt in den höheren dienst
so weit ist das richtig
und auch einigermaßen nachvollziehbar als beruflicher abschluß anzusehen, besteht doch das referandariat daraus, in die verschiedenen praxisfelder zivilgericht, strafgericht, verwaltung und anwalt hineinzuschnuppern

für das 1. staatsexamen gilt das so nicht
für die praxis befähigt das erst mal nur dazu, nach kurzer einarbeitungszeit die aktenweglage selbständig zu bewältigen, das telefon zu bedienen, den posteingang zu stempeln, den postausgang durch die frankiermaschine zu jagen, und den fristenkalender zu führen (weil dessen führung nämlich kontrolliert werden MUSS)

allerdings werden solche mit 1. staatsexamen bei banken etc. gern genommen - denn sie haben in aller regel durch den besuch eines repetitoriums unter beweis gestellt, dass sie lern- also aufnahme- und wiedergabefähig sind

besonders smarte gestalten werden (wurden) gern vom diplomatischen dienst genommen

oder in hausverwaltungen, personalbüros und so weiter
j-ap schrieb am 27.02.2011 um 20:04
Ob nun Hausverwalter, Personalchef, diplomatischer Dienst oder Banker — jedenfalls ist es unrichtig, daß alles unterhalb des Assessorexamens bullshit sei, so wie das Gabriel zusammenhalluziniert.

Wobei es mir persönlich ja wurst ist, worüber sich der SPD-Vorsitzende und der Selbstverteidigungsminister streiten. Ich find's nur lustig, daß sich der gelernte Berufsschullehrer Gabriel mittlerweile auf dieselbe und nun wirklich sarrazin-bürgerliche Schiene setzt, die die Union damals dem Joschka Fischer vorgehalten hat: Der hat doch gar nix Gscheits glernt, der kann nicht Minister sein!

Kurios.
Rahab schrieb am 27.02.2011 um 20:10
bullshit nicht
aber ungefähr so berufsqualifiziert wie der hauptschulabschluß, wa
j-ap schrieb am 27.02.2011 um 20:29
... und wer will sich schon mit Hauptschülern gemein machen, wa?

Da steht der examinierte Bildungsbürger aus Goslar »natürlich« genauso turmhoch darüber wie der examinierte Volkswirt aus der Bundesbank.
Rahab schrieb am 27.02.2011 um 20:33
och
nix gegen hauptschülerinnen!
Achtermann schrieb am 27.02.2011 um 22:02
@ j-ap

...der examinierte Bildungsbürger aus Goslar...

Da schließt sich der Kreis. Der oben beschriebene "Dr." Schürholt ist in der Nähe von Goslar untergekommen. Es ist ihm und Gabriel zu gönnen.
Rahab schrieb am 27.02.2011 um 22:18
und weil es so hübsch ist
www.iaapa.org.il/46024/psychiatric_heresy#Postel

findige kerlchinen werden bestimmt eine übersetzungsmöglichkeit finden
claudia schrieb am 28.02.2011 um 09:02
@achtermann:
eben deswegen schlage ich Gert Postel als Nachfolger vor: Er braucht im Falle der Entlarvung keine Therapie, denn er kann sich selber in einen (von Fachkollegen anerkannten und hoch gelobten) Psychiater verwandeln. Als Solcher könnte er dann gleich im Gesundheizministerium weiter machen.
claudia schrieb am 28.02.2011 um 23:00
Ausserdem ist Dr. ab und zu Gert Postel geeignet, den derzeitigen Stand der Kriegministerwissenschaften zu repräsentieren.
Deren Ruf ja durch Dr. ade Gutti arg gelitten hat.
claudia schrieb am 28.02.2011 um 23:03
Korrektur:
>>repräsentieren.<<
rehabilitieren

rofl
Ickelsamer schrieb am 27.02.2011 um 18:49
Es hat 1978 einen Justizminister (Niedersachsen) Dr. Puvogel gegeben, der wegen seiner Dr-Arbeit abtreten musste. Die Dr-Arbeit war eine Schmierenkiste aus der Nazizeit und sollte die Euthanasie rechtfertigen. So ein Vogel wie der Pu.... ist der Guttenberg also nicht! Aber: die Arbeit des Dr. Puvogel war mit nur 35 jämmerlichen Seiten und der Wiedergabe von ein paar Urteilen sehr anstrengungsarm. Guttenberg ist bestimmt kein Puvogel, aber ein "blendender" Darsteller der Selbstvermarktung. Er hat den richtigen Zeitpunkt zum möglichen ehrenvollen Absprung längst verpasst. Heute hat sich schon die Bildzeitung gedreht: Gabriel (kein Erzengel, sondern der SPD-Vorsitzende) darf 2 Seiten über Guttenberg herziehen, auf der Leserbriefseite 40 der Bild am Sonntag wird Guttenberg mit doppelt so langer Lügennase dargestellt als derjenigen, die vor 10 Jahren unser Roland Koch trug (auf Plakaten der Initiative für Neuwahlen). Das heißt: die Bildzeitung polt um, um beim Scherbengericht mitmachen zu dürfen. Wie lange bleibt er noch Minister? 3 Tage oder 3 Wochen? Je weiter weg von der Wahl in Bad-Wü, umso weniger schlecht für die CDU. Ich rechne mit dem "Fall" in wenigen Tagen.
claudia schrieb am 28.02.2011 um 09:06
>>3 Tage oder 3 Wochen?<<
Eher etwas länger als 3 Wochen. Es gibt ein paar Dinge, mit denen wir uns in den nächsten Wochen nicht befassen sollten...
Achtermann
Ich lass' mich belehren. Jedoch: Oft wehre ich mich dagegen.
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