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Berlin, 4. November 1989, nach 23.00 Uhr, irgendwo an der Grenze. Kreuzberg, oder doch nicht weit davon, eine gesperrte Brücke über das Wasser. Nachtspaziergang im Grüppchen nach einem Seminar und einem guten Abendessen in einem winzigen kurdischen Lokal.
Einer der Männer witzelte: „Was wohl passiert, wenn ich auf diese Brücke gehe?“ Nicht mehr ganz nüchtern, der Gute. Nein, er ließ es doch lieber.
Was sich keiner vorstellte: den 9. November. Den sah ich dann nur noch im Fernsehen, wieder in Süddeutschland.
Am Tag darauf jedoch, auf der A 7 Richtung Hannover fahrend, ein völlig ungewohntes Bild: Trabbis. Nicht einer, nein, eine ganze Kette, schmutzigbeige, quietschorange, himmelblau knatterten sie auf der Gegenfahrbahn.
Im Hause meiner Eltern, bei der Geburtstagsfeier meines Vaters, drehte sich das Gespräch fast nur um die wieder offene Grenze. Welche Folgen würde das haben? Gerade für meine Familie, teilweise aus einer Stadt direkt am Grenzfluss Werra stammend, eine Frage besonderer Bedeutung. Viele Ausflugsziele, Erinnerungen, waren nach dem Krieg durch den Stacheldraht abgeschnitten worden. Die Tanten, dort im alten Haus verblieben, berichteten bisweilen von nächtlichen Schüssen. Manchmal, so der Förster, hinkte dann ein Reh oder ein todeswunder Hase Richtung Westen, manchmal sahen die Grenzschützer zähneknirschend zu, wie ein Mensch Richtung Osten abtransportiert wurde. Ein Segen, wenn es das nicht mehr geben sollte.
Was dann? Kann man Zeit zurückdrehen, ein System völlig ändern? Nein, vertrat ich als wohl einzige in der Runde. Warum auch? Grenze öffnen, freie Wahlen, zwei Staaten. Sollten sie selbst aussortieren, was sie ändern und was übernehmen wollen. Meine Skepsis wurde auch genährt durch einen meiner besten Lehrer, der, selbst aus Rostock geflohen, beide Seiten gut kannte, nie geglaubt hatte, dass eine „Wiedervereinigung“ eine auch nur irgendwie realistische Perspektive haben könne. Die Geschichte widerlegte ihn – aber ich gebe ihm noch heute recht.
3.10.1990 – der Jubeltag. Im Ausland arbeitend, eine Einladung des Konsulats zur Feierstunde und zum Empfang. Ich ging nicht hin. Thanks, but no thanks. Großes Erstaunen bei meinen Gastgebern – sie wedelten stolz mit ihren Eintrittskarten. Ich überließ ihnen den Spaß mit der Expat-Gemeinde, die ich ohnehin mied, und machte einen Spaziergang durch die Stadt, alleine.
Der Skandal des Tages: ein wohlmeinender lokaler Gast hatte dem Konsul einen Kuchen in Form des nun wieder vereinigten Deutschlands offeriert. Leider hatte der Kartenersteller einen überalterten Atlas benutzt. Böhmen und Mähren waren inbegriffen. Der tschechische Konsul war „not amused“. Omen? Wohl nicht direkt.
Die Zeit ging, die Skepsis blieb. Bis es hieß: Go east.
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Es gab einen einkaufsoffenen Sonntag zur Begrüßung unserer Ost-Deutschen "Gäste". Für uns waren das damals wirklich "Gäste". Rainer & ich sind deshalb in die HH-City gefahren. Nicht wegen der Gäste.
Die Stadt war brechend voll. Überall Trabis. Unter den Scheibenwischern klebten Geldscheine. Am Jungfernstieg trafen wir auf einen meiner Geschäftspartner. Er war überglücklich. Denn er hatte gerade einen DM 100,-- Schein persönlich einem Ostdeutschem geschenkt. Rainer & ich gingen ein Stück weiter. Beim nächsten Trabi schnappte sich Rainer einen DM 20,-- Schein vom Scheibenwischer. Von dem Geld kauft er sich ein Album. Vermutlich Diana Ross. |
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schrieb am
01.03.2010 um 08:55
PS: Dieser Geschäftspartner ist der Vater unseres TV-Lieblings Sophie Schütt. Das darf ja mal bemerkt werden.
Auf einer Party in Hittfeld, fragte mich Sophie ob ich glaube, dass Schauspielerin der richtige Job für sie wäre? Und klar, ich sagte ihr, dass sie das unbedingt machen sollte. Meinen Rat hat sie beherzigt. Wir kennen sie alle. |
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Ja, die Sache mit den Einkaufsfahrten, vor allem im Grenzgebiet ... ich konnte es verstehen, es war sich ja erst mal niemand sicher, ob nicht plötzlich die Grenze wieder dicht sein würde, also versuchte man, sich mit allem einzudecken, was man zu brauchen meinte.
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Die Reise
Juni 1990. Es ist wie ein Wunder, diese furchtbare Mauer, an der so viele Menschen sterben mussten, ist plötzlich durchlässig geworden. Ich halt es nicht aus, ich muss hin! Gespannt, aber ohne große Vorfreude, fahre ich los, getrieben, obwohl ich weiß, dass mich eigentlich nichts Konkretes erwartet, an dem ich Vorfreude festmachen könnte. Ich habe wenig Fahrpraxis, denn erst seit einem Jahr besitze ich den Führerschein. Diese lange Strecke, 572 km, davon die Hälfte auf DDR-Autobahnen, das ist gewagt. Trotzdem, ich riskiere es. Ich will endlich meine alte Heimat wiedersehen. Ich traue mich! Die Autofahrt geht glatt. Ich finde mich sehr gut zurecht. Die grüne Mittelgebirgslandschaft, wenig Städte, viele Dörfer, die ich vom Sauerland an scheinbar unendlich durchquere, zeigt mir wieder einmal, wie schön Deutschland ist. Ich bin sehr gespannt auf die innerdeutsche Grenze. Das Benzin wird knapp. Ich beschließe noch vor der Grenze abzufahren und zu tanken. Plötzlich, zwei Uniformierte! Erschrocken und verwirrt sage ich, ich hätte mich wohl verfahren. Höflich zeigen sie mir den Weg, fragen nicht nach Papieren, lassen mich einfach durch! Erst später nehme ich die Wachtürme seitlich wahr, die vor ein paar Monaten noch dem Töten dienten. Kein Ausweis? Höflichkeit? Unbegreiflich, ist das nicht wie ein Wunder? Die Straßen hinter der Grenze sind voller Schlaglöcher. Leute in schäbiger Kleidung gaffen neugierig nach meinem Auto. Ich bin tatsächlich in der DDR! Nach 34 Jahren das erste Mal und einfach so reingeschlittert! Irgendwie fahre ich im Kreis, denn ohne eine Grenze wahrzunehmen befinde ich mich plötzlich wieder im „Westen“. Die Grenze muss hier wohl mitten durchs Dorf gegangen sein und ist nun nicht mehr sichtbar. Ich tanke. Nun will ich’s aber wissen. Also, los nach Herleshausen! Die Schlagbäume stehen offen. Ich nähere mich vorsichtig. Grenzposten West winkt ab, grüßt freundlich, keine Papiere, Durchfahrt durchs Niemandsland, dann, Grenzposten Ost: Zu sechs Mann, wie die Orgelpfeifen aufgereiht, stehen sie nebeneinander. Stumm, mit starrer Miene, ohne Kontrolle, lassen sie mich passieren. Einfach durchgefahren!? Ich kann’s gar nicht fassen… Gespenstisch mutet mich das an! Die Vergangenheit ist tot! Wirklich tot! Kurz halte ich bei der ersten Raststätte hinter der Grenze an. Viele wechseln hier Geld. Ich warte lieber ab. Schnell eine Tasse Kaffee, Beine vertreten und weiter. Noch 265 km. Die Zeit drängt. Ich will noch vor der Dunkelheit da sein, sonst finde ich mich nicht zurecht. Eisenach: Liebliche Landschaft, historische Stätte, aber diese schrecklichen Trabantenbauten! Schade! Ich muss darauf achten, die nächste Intertankstelle nicht zu versäumen. Kreuz Hermesdorf: Tanken! Ich fahre herunter von der Autobahn... und... finde den Rückweg nicht... Bin mitten im Wald, ganz allein unterwegs, alles sieht gleich aus… wo geht’s nur lang? Ich hab Angst. Da! Ein Schild! Gera! Ich atme auf. Also nach Gera. Landstraße! Herrliche Landschaft! Kurorte! Freundliche Menschen zeigen mir den Weg. Endlich! Die Autobahn! So etwas wäre bei uns nicht mal als Stadtautobahn zugelassen! Schlaglöcher, überall Flickstellen, Risse, keine Raststätten, Rastplätze ohne WC, Auffahren aus dem Stand! Gefährlich! Klar, hier sind mehr als 100 km/h tödlich! Ich fahre, fahre und fahre. Kann kaum noch sitzen. Der Kopf raucht. Bin ziemlich geschafft. Mein Rücken ist so verspannt. Endlich 18.00 Uhr: Ausfahrt „Hainichen“. Schlechte Beschilderung, wieder verfahren! Nette Menschen zeigen den Weg. Diese Freundlichkeit berührt mich wirklich sehr. Da ! Freiberg, noch 13 km! 13 km trennen mich nur noch von der Stadt, an die ich mich 34 Jahre wehmütig erinnerte! Ich bin so aufgeregt! Die Landschaft ist so grün, Wiesen, Weiden, Wälder, bewaldete Berge durchquere ich. In solch einem schönen Land habe ich also meine Wurzeln. Hier haben meine Vorfahren gelebt. Hier bin ich geboren. Hier gehörte ich mal hin! Das war mir gar nicht mehr so bewusst! Eigentlich kannte ich ja die Umgebung gar nicht. Unerwartet sehe ich eine Trabantenstadt: „Freiberg –Wasserberg!“ Das gab’s doch damals gar nicht! War doch alles Wald! Schade! Hier muss Hilde wohl wohnen, die alte Frau, bei der ich Unterkunft haben werde. Ich frage mal wieder Passanten. Keiner kennt diese Gegend. Man schickt mich in ein anderes Neubaugebiet. Aber auch hier: Keinem ist diese Straße bekannt. Was nun? Der Bahnhof! Ich muss zum Bahnhof! Dort gibt es sicher Taxis. Taxifahrer kennen sich aus! Ich fahre einen Berg hinunter und sehe plötzlich das „Johannisbad“ vor mir. Das Schwimmbad meiner Kinderzeit! Jetzt weiß ich wo ich bin! Die Wege meiner Heimatstadt bin ich in Gedanken immer wieder gegangen. Alles sieht noch genau so aus. Es hat sich nichts verändert. 40 Jahre ist hier die Zeit wohl stehen geblieben. Mich macht das glücklich. Unbegreiflich! Ich weiß genau, wo’s zum Bahnhof geht! Ganz unromantisch fahre ich im Auto die Straßen der Kindheit entlang, und kann die vertrauten Häuser nur aus dem Augenwinkel wahrnehmen, das erste Wiedersehen deshalb leider gar nicht genießen. Das tut schon ein bisschen weh! Der Bahnhof macht einen jämmerlichen Eindruck, wie verfallen er ist. In der Bahnhofskneipe schauen alle zu mir herüber. Die Kellnerin fragt die Gäste nach der bewussten Straße und... man drängelt sich sogar darum, behilflich zu sein, da sie an meiner Kleidung sehen, dass ich aus dem Westen bin. Nun finde ich mich zurecht. Ich komme endlich an. Da bin ich, Hilde!!! … Kein großes Wiedersehen!!! - Wie auch, sie hatte mich zum letzten Mal als kleines Kind gesehen. - Verlegen blickt sie mir entgegen. Soll ich sie umarmen? Nein, ich kann es nicht! ... es ist nicht schön nach Hause zu kommen, wenn die Menschen, die das ausmachten, nicht mehr da sind! |
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"Leute in schäbiger Kleidung gaffen neugierig nach meinem Auto. Ich bin tatsächlich in der DDR!" - Ha, das war ich!!!! Ich hab damit gegen das System protestiert! Mein Vater, der Spießer, sagte immer, dass er sich für mich schämt... Später hab ich die Klamotten dann für viel Westgeld an West-Punks verkauft!
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"Leute in schäbiger Kleidung gaffen neugierig nach meinem Auto. Ich bin tatsächlich in der DDR! Nach 34 Jahren das erste Mal und einfach so reingeschlittert!"
Das ist eine unglückliche Formulierung vorsichtig formuliert. Aber, das ist ja auch nicht jedem gegeben, gleich ob Ost oder West.:-)) "Gespenstisch mutet mich das an! Die Vergangenheit ist tot! Wirklich tot!" Die Vergangenheit ist nie tot. "aber diese schrecklichen Trabantenbauten! Schade!" Gute Frau, die Leute müssen wo wohnen. Auch im Westen. "Herrliche Landschaft! Kurorte! Freundliche Menschen zeigen mir den Weg." Ja, es gibt solche Leute, die keine Vorurteile haben. Die kannten Sie ja auch noch nicht. "40 Jahre ist hier die Zeit wohl stehen geblieben. Mich macht das glücklich." Ja, das hat uns in der DDR auch immer glücklich gemacht, wenn alles so zeitlos vergammelt ist. Kurzerhand, es reiht sich so Manches an Manches. Ist ja auch alles eine Weile her. |
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Ein sehr unqualifizierter Kommentar.
Die Transitautobahnen wurden gemeinsam mit der damaligen BRD gebaut. Die guten Klamotten der Wessis waren sehr oft das Produkt fleißiger Hände Deutschland-Ost für Karstadt, Hertie, Quelle usw.. Und was hier beschrieben wird ist das Bild der DDR aus der BILD. Ich schäme mich für solche Überheblichkeiten in der Öffentlichkeit. |
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Na immerhin scheint dein Schamgefühl noch vorhanden zu sein, luggi, wie dein Gefühl für unqualifizierte Kommentare ;-)
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@ Titta
Es scheint bequemer zu sein, sich für die Handlungen anderer als für die eigenen Unverschämtheiten zu schämen. |
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Antje: das ist für einen Kommentar fast zu schade - da hätte sich ein eigener blog gelohnt!
Magda, goedzak,luggi, Titta: schon komisch. Eine Sicht, die ehrlich geschildert wird, und trifft auf solch harte Antworten, weil man sich auf ein Hühnerauge getreten fühlt? Da weiß ich ja, was mir bei meinem nächsten blog blüht, dem folgenden .... go east. |
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@Alien59
Noch ne Episode, von wegen schäbige Klamotten. So um 1980 rum hab ich mal einen West-Typen in Dresden nach nem Rockkonzert mit ins Studentenwohnheim genommen, weil er nicht wusste, wo er pennen sollte. (War natürlich streng verboten, die hätten mich nach Sibirien deportiert, wenn die Wohnheim-IMs das mitbekommen hätten.) Na, jedenfalls haben wir die halbe Nacht durchphilosophiert, bis er endlich mit einer besonders drückenden Frage rausgerückt ist. Er wollte wissen, warum wir dedeerries denn alle in Bluejeans rumlaufen würden! Er trug Cord oder Gabardine. Ich weiß nicht, ob er mit meiner Antwort zufrieden war. Einige Jahre später musste ich wieder an dieses sein Problem denken, nämlich als ich in Cordhosen vor der Humboldt-Uni Unter den Linden in Berlin stand und die West-Gymnasiasten in ihren (Stone-washed-)Bluejeans an mir vorbeilaufen sah. PS: Der Sarkasmus ist nicht böse gemeint, ehrlich! :) |
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"Eine Sicht, die ehrlich geschildert wird, und trifft auf solch harte Antworten, weil man sich auf ein Hühnerauge getreten fühlt?"
Nicht getreten fühlt und auf Hühneraugen schon gar nicht. Nee, dieser Stil ist einfach entlarvend. |
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schrieb am
04.03.2010 um 16:27
Ja, ich weiß, dass das ein Reizsatz ist, "Leute in schäbiger Kleidung.." aber ich wollte ihn nicht rausnehmen oder mildern, denn ich habe den Text am gleichen Tag geschrieben, als ich die Dinge erlebte. Es waren Tagebucheinträge. So nahm ich das damals wahr, auch wenn es sich überheblich anhört. Wahrscheinlich war unser Denken auch teilweise überheblich, weil wir ja auch Jahrzehnte lang keinen wirklichen Kontakt mit den Menschen dort gehabt hatten. Ich habe die anschließende Wandlung in meinen Gedanken dadurch auch authentisch beschreiben können.
Neulich hatte ich eine Lesung vor 30 Leuten, im Alter zwischen 60 und 80, also die Generation, die vor der Mauer geflüchtet ist. Es ging genau um mein Buch "Es war in der Zeit als die Mauer fiel", von dem ich hier ja ein Kapitel veröffentlicht habe. Sie waren sehr berührt von den Texten und fühlten sich sehr angesprochen. Es kam zu viel eigenen Berichten und auch Diskussionen. und so erlebte ich es immer wieder hier im Westen. Es ist daher zu sagen, daß es bei den Menschen, die schon lange im Westen leben, aber doch von drüben sind, sehr gut ankommt. Ich entschuldige mich aber bei denen, die sich gar beleidigt fühlen und kopiere deshalb hier hinein mein Fazit dieser Reise: Liebe Leser, mein Anliegen war es mit diesen Aufzeichnungen festzuhalten, was ich wirklich erlebte, keine Fantasie, nein wahre Begebenheiten. Ich wollte aufschreiben, dass die Pauschalisierungen, wie entfremdet sich die Menschen aus West- und Ostdeutschland doch sind, bei dem, was ich erlebte, nicht zutrafen. Ich kam seinerzeit zurück in jene ärmliche Welt, die ich 1956 verließ. Sie hatte sich seit meinem Fortgang kaum verändert. Deshalb war sie mir auch sehr vertraut. Es war aber in einer Zeit der Hoffnung auf Freiheit, Neubeginn und auf das Ende der Schrecken. Vielleicht bin ich ja damals nur bestimmten Menschen nahe gekommen. Ich befand mich selbst auf dieser Reise in einem Ausnahmezustand. Ich war in diesen Tagen so offen für alles Gute und Schöne, erfuhr Heilung und Freude, für Negatives war da auch wirklich wenig Platz. Das Erlebte hat mir jedoch, trotz allem Versöhnlichen, klargemacht, dass Heimat immer da ist, wo man sich geborgen fühlt. Es gibt dafür keinen bestimmten Ort. Es ist nicht das Land, die Stadt, das Dorf, es sind nicht die Häuser und Straßen, die uns einst vertraut waren, als Kind. Wir finden Heimat nur da, wo Menschen sind, die uns lieben und uns das Gefühl des Zuhauseseins geben. Denn, wenn in diesen vertrauten Mauern der Kindheitsheimat keiner mehr lebt, der sich an uns erinnert, der mit uns die Vergangenheitserinnerungen teilt und sich freut uns wieder zu sehen, dann sind wir Fremde, mögen die Orte noch so vertraut sein. Diese Erkenntnis möchte ich weitergeben an die, die ihre Heimreise noch nicht machen konnten und die noch immer von einer versunkenen Vergangenheit träumen. |
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schrieb am
04.03.2010 um 16:52
Danke vielmals, Alien, das tut mir gut. Es ging wirklich um Ehrlichkeit: So war's damals vor 20 Jahren. Wir Flüchtlinge hatten Jahrzehnte die DDR nicht betreten, und ich hatte auch keinen Kontakt. Und so waren meine allerersten Eindrücke. Ich habe dieses Tagebuch nicht veröffentlicht,um mich irgendwie beliebt zu machen, sondern wollte die Momente von damals unverfälscht wiedergeben. Das halte ich nach wie vor auch für richtig und wichtig. Wie es damals wirklich war und wie es heute ist, daran kann man Entwicklung ablesen. Die Wahrnehmungen und Erfahrungen sind aber von vornherein bei Menschen sehr verschieden.
Wenn Leute z.B. die DDR zurück haben wollen, und das hört man heute immer wieder, dann hat das sicher mit ihrer ganz eigenen Geschichte, ihrem Vorankommen bzw. ihrem Scheitern und ihrer psychischen Verfasstheit zu tun. Es braucht sicher noch ein, zwei Generationen bis die 40 Jahre Trennung wirklich überwunden sind. |
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einspruch, junge frau!
"wir flüchtlinge" hatten die DDR durchaus wieder betreten. wenn ich richtig rechne, dauerte es bei mir kein eines jahrzehnt. und kontakt? also - briefe, päckchen, pakete: fotos, gestrickte unterhosen, luftige sommerkleider, honig und weihnachtsplätzchen, bücher! nur mit dem meißner porzellan und dem bleikristall, das war nen bißchen schwieriger ... was meine omi aber nicht hinderte, die eine und andere vase zu schmuggeln. wie ansonsten bei mir zu lesen, war der westen so goldig nun auch nicht. außer fremdenfeindlichkeit gab es auch schäbige klamotten - von anderen schäbigkeiten nicht zu reden. ich sag's mal so: Sie haben kitsch as kitsch can geschrieben. kammer machen, mußmer aber nich alles glauben. liest sich streckenweise nämlich wie verklärter kalter krieg. |
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@Alien59
"Eine Sicht, die ehrlich geschildert wird, und trifft auf solch harte Antworten, weil man sich auf ein Hühnerauge getreten fühlt?" Die Sicht empfinde ich als genauso ehrlich, der galt meine Kritik auch nicht. Der Kommentar sollte, das sehe ich ähnlich wie Sie, als eigenes Blog erscheinen. Von mir blüht Ihnen daher gar nichts. In diesem Sinne liebe Grüße Titta |
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"Wenn Leute z.B. die DDR zurück haben wollen, und das hört man heute immer wieder, dann hat das sicher mit ihrer ganz eigenen Geschichte, ihrem Vorankommen bzw. ihrem Scheitern und ihrer psychischen Verfasstheit zu tun."
Es gibt kaum Leute, die die DDR zurückhaben wollen, aber dieser Vorwurf wird gern verwendet für alle Leute, die sich erlauben auf - hin und wieder - zu erwähnende "Errungenschaften" der DDR verweisen. Das mit der psychischen Verfasstheit wird gern genommen, wenn man Kritikern den Ball zurückgeben will. Ich halte das für reichlich unangebracht. |
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schrieb am
06.03.2010 um 11:20
Ich denke, es geht um ein Thema, deshalb trug ich es hier ein.
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schrieb am
06.03.2010 um 11:37
Alles ist halt individuell. Bei mir und vielen anderen war es so. Ich hatte keinen Kontakt zur DDR über all die Jahre gehabt und deswegen waren das meine ersten Eindrücke.
Ich kann auch überhaupt nichts Schlechtes über mein Leben in der BRD, in der ich ja aufgewachsen bin, sagen. Vor der Wende ging es uns Jahrzehnte lang sehr gut. Wir mussten damals, nach der Flucht, zwar vier Jahre warten bis wir eine gute Wohnung fanden, weil ja so viele Menschen geflüchtet waren, aber sonst ist es uns gut gegangen. Wir lebten im Wirtschaftswunder, es gab damals für jeden Arbeit, der arbeiten wollte. Wir waren frei konnten reisen, wohin wir wollten und denken, was wir wollten. Mit der Wiedervereinigung hat die BRD sich übernommen. Milliarden wurden in die neuen Bundesländer gepumpt. Ich selbst habe mtl. 54€ an Solidaritätszuschuss gezahlt. Wenn man das über 20 Jahre rechnet...und malnimmt mit der Zahl der Steuerzahler... Wir in der BRD hatten uns die Wiedervereinigung ja immer gewünscht und haben uns wahnsinnig gefreut, als es dann Wahrheit wurde. Nur, dass damit die wirtschaftlichen Probleme anfingen, das muss man auch sehen, wenn es auch nicht der einzige Grund ist für die heutigen Schwierigkeiten. Aber es ist auch ein Grund. |
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wer, Antje di Bella, ist "wir"?
ich bin es nicht. ich hatte mir die wiedervereinigung nicht gewünscht, und um so mehr ich denken lernte, dies umso weniger. vielleicht, weil ich schon bevor es so weit war den nationalistischen djumm fürchtete - der dann ja auch einsetzte. wie soll ich sagen? ich war doppel-deutsch, das ja. aber ich war nicht "wir". |
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Naja, in meinem Ruderverein gabs jemanden, der hat es Helmut Kohl erzaehlt. Dann hab ich einen Vortrag von einem Friedrich Luft oder so gehoert, der war zwar interessant, was die Vorgeschichte betraf, was er anzubieten hatte war aber unglaublich wenig. So haette man die DDR nicht regieren koennen. Und:
<< Die guten Klamotten der Wessis waren sehr oft das Produkt fleißiger Hände Deutschland-Ost für Karstadt, Hertie, Quelle usw.. >> Da hat keiner gekauft, der gute Klamotten wollte. C & A hatte immer gute Cordjacken, die kamen aber noch von weiter her. Der Niedergang der Textilindustrie in Forst usw. ist sehr traurig. Man wuenscht sich, da einige Fabriken wieder aufzumachen. Mit Billigstprodukten ist es aber nicht moeglich. Die Leute wollen einfache Sachen aus guten Materialien mit klaren Linien, ohne Bluemchen und aehnlichen Mist, die auch ein paar Jahre halten. |
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schrieb am
10.03.2010 um 17:01
Also - ich finde Antje Di Bellas "Reise" toll. In einem erfrischend-natürlichen Stil lässt sie uns IHRE Eindrücke von jener Fahrt in die DDR lebendig werden - und zwar ohne Schnörkel und philosophisch verbrämte Überheblichkeit. Natürlich wird jeder "seine" Wende irgenwie anders erlebt haben, das ist ja keine Frage und braucht eigentlich nicht extra betont zu werden.
Di Bella schreibt nicht "über etwas" sondern "aus sich"; das macht ihre Geschichte ebenso lebendig wie glaubhaft. Sie beschreibt die Wendezeit, ohne sich - wie manch andere Autoren - berufen zu fühlen, das ganze Gewicht der historischen Tagweite reizueinpacken und ... ohne sich beim Leser, gleich ob Ost oder West, anzubiedern. Nur ein Beispiel: "Leute in schäbiger Kleidung gaffen neugierig nach meinem Auto." Das provoziert, keine Frage. Aber wer den Satz nur wörtlich liest, versteht die eigentliche Botschaft nicht, die uns hier - nach allen Regeln der Schreibkunst musterhaft verpackt - überreicht wird. Ja - so war das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen damals tatsächlich eben auch: von Vorurteilen und Vorbehalten geprägt. Und mancher, der sich heute an diesem Satz stört, wird sich wohl wie im Spiegel wiedererkennen: der sich überlegen dünkende Wessi ebenso wie der sich am Westauto die Nase plattdrückende Ossi. Wir waren eben alle keine Heiligen damals, sondern "nur" Menschen. Dass es Di Bella gelingt, diesen Spannungsbogen in einem ebenso knappen wie lebendigen Satz auf den Punkt zu bringen, zeugt nur von ihrer hohen schriftstellerischen Qualität. Besser kann man das nicht machen - auch auf die Gefahr hin, nicht von 100% der Leser verstanden zu werden. Soweit also meine Meinung zu Di Bellas Beitrag. co |
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die "wende"?
das telefonklingeln reisst mich aus dem schlaf - meine schwester: die mauer ist weg. meine antwort: oh, dann sind wir keine flüchtlinge mehr. das relativierte sich dann allmählich wieder. - meine töchter fanden die mauerspechte lustig, all die leute, die da mit hämmerchen und meißel zugange waren. ich fand es ziemlich bald nicht mehr lustig, sondern zunehmend peinlich. nicht die mauerspechte, sondern das begrüßungsgeld. die gemeinde organisierte den kaffee-ausschank neben der bank ... und der pfarrer aus dem schwäbischen fuhr gucken, ob auch alles klappte. mit dem schlange-stehen. 'meine' flüchtlinge dagegen, die, welche zum Friedrich-Krause-Ufer mußten, die bekamen statt kaffee nummern. mehr als 200, glaub ich, gab es nicht. alle anderen bekamen zu hören, sie sollten wieder nach hause gehen. nach hause? in den Iran? manche übernachteten am ufer, um am nächsten morgen möglichst nah ans tor ranzukommen, um eine nummer zu ergattern. 3.oktober - ich verstand nicht, was meine freunde da feierten. die übernahme? Kohl und die "Gechichte"? nein, ich wollte nicht meine gärtnerei wiederhaben. die gab es so, wie sie gewesen war, als meine eltern mich aus ihr republik-geflüchtet hatten, sowieso nicht mehr. die trug ich mittlerweile als buntes tuch um hals und schultern. mein verständnis für den cousin, der aus lauter depression CDU wählte, hielt sich in sehr engen grenzen. |
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Rahab: jenau.
Und gut, dass du daran erinnerst: zu den Verlierern der "Wende" gehörten vor allem die Flüchtlinge .... |
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Unter den Flüchtlingen, die ich kannte, aus Chile, Kuba, Vietnam, Algerien, waren nicht wenige, die damals Angst bekamen vor dem, wovor die 'Mimmis' aus Bremen 1986 warnten.
Das Video zeigt einen Auftritt in Rostock 2008, der Song samt Text stammt aber von 1986... |
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3.10.1990
Ich habe den Tag ganz bewußt außerhalb des Landes verbracht. In den Niederlanden, weil's die nächstliegende Grenze war. Freiwillig bei den Holländern, hätte ich vorher auch nie für möglich gehalten. Gruß Titta |
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liebe alien59,
"Grenze öffnen, freie Wahlen, zwei Staaten. Sollten sie selbst aussortieren, was sie ändern und was übernehmen wollen." da haben beide seiten eine chance verstreichen lassen, denke ich. oder vertrieben. wie zielgerichtet das damals geschah, würde ich heute gern mal wissen. danke für diese erinnerung! herzlich kk |
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Liebe kk,
danke für den Kommentar. Was die Zielgerichtetheit angeht, war und bin ich mir nicht so sicher. Zumindest in dieser Übereiltheit denke ich, war die Wiedervereinigung nicht geplant - aber es gab keinen anderen Weg, den Strom von Menschen gen Westen zu bremsen. Oder zumindest hatte es angesichts überfüllter Turnhallen den Eindruck. Aber vielleicht war auch das geplant. Wer weiß? lg Alien |
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Man hörte und las doch vor einigen Wochen Berichte über ein Treffen von ost- u. westberliner Politikern und Verwaltungsleuten in einem ostberliner Hotel, wo VOR dem 9. November '89 Maßnahmen im Falle einer Grenzöffnung abgestimmt wurden.
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Das mit den schäbigen Klamotten kann ich nicht bestätigen.Aber, dass die Leute lässiger waren. Das schon.
Die DDR habe ich sehr gerne besucht. Und immer das gemacht, was man auf keinen Fall tun sollte. Z.B. Tramper mitgenommen. Sonst wäre es ja nur halb so aufregend gewesen. Eine ganze Zeit lang, sind wir rüber gefahren um Parties zu feiern. Waren echt tolle Parties. Die Mutter der Gastgeberin war eine frei praktizierende Ärztin. Zur Villa gehörte auch ein Pool. Als die Mauer gefallen war, wurden gleich weiter Parties organisiert. In den Ruinen von Ost-Berlin. Draussen brannten Tonnen. Skulpturen aus Schrott warfen flackernde Schatten an die Wand. Die Parties waren in den Kellern. Die Elektrischen Drähte hingen über uns Gästen. Es gab heisse Musik & wenig Licht. Toiletten gab es auch keine. Die Leute waren gestylt, als wenn die gerade mal eben vom heimischen Küchentisch rüber gekommen seien. Ganz lässig. Wir passten da gut rein. Das war der "Tresor". Heute wäre mir es dort vermutlich zu langweilig. Wir sind dann auch rüber zum "Tacheles". Auch eine Ruine. Aber etwas mehr Licht. Irgendeiner von uns rauchte eine türkische Zigarette. Plötzlich kamen die Ostdeutschen. Gesellten sich zu dem Raucher & wollten genau wissen wie so was schmeckt. |
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Ein Nachtrag: eben las ich in einem anderen blog Texte von Volker Braun, und musste an ein leider lang verlorenes Buch denken, dass ich dem hier erwähnten Rostocker Lehrer verdanke. "Die wunderbaren Jahre" von Reiner Kunze. Einige hier kennen ihn sicher. Ein Stück weit war mein "DDR-Bild" sicher auch von ihm geprägt, und so will ich ihn nicht unerwähnt lassen.
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schrieb am
02.03.2010 um 09:23
Auf alle Fälle ein interessanter Blog.
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Das Buch "Die wunderbaren Jahre" wurde selbstverständlich in der DDR nicht verlegt. Eine Bekannte hatte ein Exemplar, ich las es in den späten 70ern, und fand mich mit einigen meiner Erfahrungen in den Episoden um subkulturelle Jugendliche und deren Probleme mit Polizisten und Lehrern wieder. Andere der Kurztexte, die eher vom DDR-Normal-Otto handelten, bedienten unsere jugendlich-überschwengliche Spießer-Verachtung. Dass aber nicht alle meine Lehrer so waren, wie die von Kunze geschilderten, hat mich damals nicht gestört.
Vor einiger Zeit las ich das Buch wieder und fand den Sound von Kunze jetzt an vielen Stellen unerträglich selbstgerecht und dünkelhaft. |
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d'accord. Aber er gehörte zum Lehrplan-West. Jetzt ist es ziemlich still um ihn geworden.
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Er galt immer als fuerchterlich, von dieser Seite der DDR wollte man im Westen nichts wissen. Abgesehen von der Springerpresse und die war out.
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Wo galt er als fürchterlich?
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DDR: das war nicht etwas, wo ich gern hingefahren bin - das ist etwas, aus dem ich von heute auf morgen (als urlaub getarnt) entfernt wurde. und damit von großmutter, nem sack voll tanten und onkels, meiner 'peer-group', meinem zuhause, das von der Elbe über die gärtnerei am bienenhaus vorbei bis hoch auf den berg reichte, von wo aus ganz weit zu gucken ging, vom hund, der immer Rolf, und der katze, die immer Peter hieß, von den ziegen und zickchen, den schafen und lämmern, dem wütigen hahn, den hennen und den tschippchen, dem eismann, dem schultütenbaum, den wasserbassins, den gewächshäusern, den frühjahrsbeeten, dem geblubber der heizanlage, dem geruch nach frischgebundenen kränzen ... dem plumpsklo natürlich auch, der kirche, in der ich mir fast den tod geholt hatte, weil man mich ja unbedingt taufen mußte, der schule, in die ich nicht mehr eingeschult werden konnte, der stadt, die immer näher gekommen je größer ich geworden war.
DDR: das war das land, dessen sprache ich sprach und verstand. hessisch war meine erste fremdsprache! und das notaufnahmelager Marienfelde und Gießen war nicht 'golden', sondern überfüllt und grau und stinkend und gewalttätig. DDR: das war das, wo ich wieder hin zurückgehen sollte, wie mir die großen wie kleinen im westen sagten. DDR: da kamen die geschenk-pakete her! DDR: nicht party und abenteuer - sondern das leben der menschen, von denen ich getrennt worden war! |
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Schön! Danke! - Jetzt werden sie nicht mehr sagen, geh doch zurück, sondern: Verklärung! Dabei ist es 'bloß' ein Beispiel für Entwurzelung...
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danke meinerseits. - was hätte ich im zarten alter von fünf denn tun sollen? außer verklären? sterben vielleicht - sterbenselend war mir jedenfalls.
den spruch "geh doch dahin wo du hergekommen bist" hörte ich das letzte mal mit vierzehn. später habe ich ihn einfach nicht mehr gehört! im übrigen: davon, dass ich mich aus der verklärung auch wieder rausgearbeitet habe, wurde der westen auch nicht goldiger. ganz im gegenteil. |
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Schon mal von gehoert, jemand hat ihn sehr gelobt, der es wissen musste.
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nach der "wende" entdeckten die im westen, dass ihre nachbarn türken waren - war ihnen bis dahin nämlich garnicht so aufgefallen. und die aus dem osten entdeckten, dass die nachbarn derer im westen türken waren - hatten sie im westfernsehen nie so gesehen.
oh ja, das war ne "wende"! |
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schrieb am
02.03.2010 um 15:52
@ Rahab
Das stimmt. In der DDR war mal willkommen & geschätzt las Wessi. In der ehemaligen bekam man plötzlich Probleme mit Westkennzeichen. Und seine Kumpels konnte man schon gar nicht mehr mit rüber nehmen. Zu gefährlich. Irgendwann, dass war damals in Wismar, als meine Gastgeber ( Lehrer ) Angst um ihre Punker-Tochter hatten & ich fürchterliche Geschichten über Gewalttaten an einem Weststudenten erzählt bekam, verlor ich das Interesse an Ostdeutschland. Man muss auch gar nicht mehr rüber. Wo ich wohne sind Ossis vermutlich in der Überzahl. Jedenfalls in der Saison. |
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schrieb am
02.03.2010 um 15:54
Erste Zeile ohne Fehler:
In der DDR war man willkommen & geschätzt als Wessi. |
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schrieb am
02.03.2010 um 15:56
Städte in denen es keine türkischen Gemüsehändler gibt & wo selbst italienische Restaurants von Deutschen bewirtschaftet werden, besuche ich grundsätzlich nicht mehr.
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wisma nach Wismar?
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schrieb am
02.03.2010 um 21:15
@ hibou
Nä. Auch nicht mehr nach Fischland Darß. Oder nach Rostock-Lichtenhagen.Da war ich zwar noch nicht, aber ich hätte irgendwie Angst davor. Auch doof: Als ich mit Künstlerfreunden 1991 in Schwerin bei einer Art Bürgertreffen war. Irgendwann wurde ich dann öffentlich angemacht. Eine Dame warf den ersten Stein: "Siehtst! Habe ich doch gleich gesagt, dass die krank ist!" Und ich fragte noch blöde, warum ich krank sei? "Weil Sie aus dem Westen kommen. Die sind alle krank. Das sieht man doch auch!" Also, nach Schwerin bin ich dann auch nicht mehr gefahren. Denn der Abend endete recht chaotisch. |
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versteh ich. ich war auch nur in der echten DDR
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Ich war zum ersten Mal voellig begeistert von Willy Brand, der in meiner Uni im Hoersaal 17, dem groessten, etwa 4 Stunden darueber sprach. Saetze wie: Was interessieren mich die Saarlaender verglichen mit den Mecklenburgern. Den Jusos gefiel es garnicht, es war aber alles super!
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wahrscheinlich war ich vor 20 jahren schon zu alt für politbegeisterung jener sorte.
weiß nicht, wo ich beim mauerplumps war, kann mich nur an diese musikalischen politclowns erinnern, die was nationales anstimmten, ja, und an die knallerei am tor (dativ von 'das tor', nicht von 'der tor'). |
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"die knallerei am tor (dativ von 'das tor', nicht von 'der tor')"
:-)) |
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Uih, n Blog zur 89er Wende.
Hat wohl das Hochladen seit dem letztjährigen Feier-Brimborium etwas länger gedauert ? :-) |
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Nein. Dieser Text entstand quasi als Fortsetzung zu "1959 - Babyboomer". Und der wiederum in einer Reihe mit diversen anderen autobiographischen Blogbeiträgen ....
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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