Alien59

Amman-Impressionen

05.04.2010 | 10:01

Kollateralschäden

 

Eine Journalistin unter Hausarrest, ein zweiter, dem sie Informationen weitergegeben haben soll, vorsichtshalber von seiner Zeitung nach London ins Asyl geschickt. Es geht hauptsächlich um einen Artikel, „Licence to Kill“, der sich mit gezielten Tötungen durch das Militär befasst. Welches Land mag das wohl sein? Russland? Amerika? China?

 

Nein, es ist „die einzige Demokratie im Nahen Osten“. Es geht um Uri Blau von der „Haaretz“ und die junge Journalistin Anat Kam. Sie wurde im Dezember verhaftet, weil sie angeblich militärische Dokumente kopiert und anderen zugänglich gemacht haben soll. Das könnte ihr 14 Jahre Gefängnis einbringen. Blau war zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung in China, sein Arbeitgeber hat ihn anschließend nach London versetzt – um ihm die Möglichkeit zu erhalten, in Freiheit zu schreiben.

 

Blau recherchiert und schreibt neben anderen, in Israel oft heißen Themen, auch über die Praxis angeordneter Tötungen ohne Gerichtsverfahren oder Urteil. Er soll von Anat Kam Informationen bekommen haben, dass Morde an palästinensischen Politikern und Kämpfern monatelang im Voraus geplant, aber dann als Tod bei Verhaftung deklariert werden. Dabei kommen auch immer wieder Unbeteiligte zu Tode – auch Kinder. Kollateralschäden?

 

Über die Affaire Kam darf in Israel laut einer „Gag order“ nicht berichtet werden. Gegen diese Zensur wird eine Klage ab dem 12. April verhandelt. Das Verfahren gegen Kam ist für den 14. April angesetzt. Es wird spannend sein, zu sehen, ob die israelische Öffentlichkeit dann über diese Praktiken mehr erfahren darf. Die Pressefreiheit dieser angeblichen Demokratie – auch ein Kollateralschaden?

 

www.guardian.co.uk/world/2010/apr/02/israeli-journalist-anat-kam-house-arrest

www.ipsnews.net/news.asp?idnews=50903

www.lemonde.fr/proche-orient/article/2010/04/03/l-histoire-que-la-presse-israelienne-ne-peut-pas-encore-raconter_1328302_3218.html

www.shortnews.de/id/824631/Israelische-Journalisten-befuerchten-Strafe

 

N.B.: Ich habe die Shortnews-Meldung verlinkt - weil ich nach einer deutschsprachigen Quelle suchte. Falls jemand noch eine andere findet, würde mich das freuen.

 

 
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Kommentare
Carl Gibson schrieb am 05.04.2010 um 21:01
Dein gut formulierter Beitrag hat mich etwas traurig gemacht, Alien59, weil mir die eigene Ohnmacht wieder bewusst wurde. Ich antwortete deshalb an anderer Stelle etwas ausweichend:

"Und heute, in Netz ist es ähnlich:
Ich lese, gezeichnet von der Heuschnupfenplage, in guten, gerade erstellten Blosbeiträgen und zögere zu antworten.
Alte Phänomene treten wieder auf:
Das Agieren - ein Don Quichotterie?
Ein Kampf gegen Windmühlenflügel?

Enttäuschung, Frustration, Demotivation, Resignation stellen sich ein angesichts der Erkenntnis, dass die "Ungerechtigkeiten" des Staus quo da sind und unverändert weiter gehen werden, ganz egal ob wier hier dagegen sind oder auch nicht.

Ich mache mir so meine Gedanken ( etwa zum neuen Beitrag von Alien 59 "Kollaterlaschäden" bzw. zu "Jenseits des Menschlichen", (Ulrike Baureithel, Kultur) über "Gott" und Welt, schlage nach, lerne dazu ... und weiß doch nicht recht, ob ich dem bereits Geschriebenen noch etwas hinzufügen soll.
Ohnmacht macht sich breit und die Einsicht, dass gewisse Dinge abänderbar sind und andere eben nicht, auch wenn das Unrecht an-klagend zum Himmel schreit."

Inzwischen wurdest Du mit Deiner Botschaft getoppt:

Das Thema hier hat mir jede Sprache verschlagen:

www.freitag.de/community/blogs/cassandra/wikileaks---spekulationen-ueber-geheimnisvolles-video-haben-ein-ende

Kommentar erwünscht! Beste Grüße Carl Gibson
Alien59 schrieb am 06.04.2010 um 06:01
Carl, danke fürs Lesen und kommentieren. Ich hatte gestern deinen Verweis auf diesen Text schon gesehen.

Ich hatte mich hier kurz gefasst - die Tatsache ist einfach, dass in Palästina auf Befehl gezielt gemordet wird. Und die Welt schaut schweigend zu. Und dann gibt es noch Apologeten, die angesichs toter Kinder meinen, die seien doch selbst schuld ....

Palästina, von hier aus, ist keine drei Stunden Autofahrt entfernt. Gaza etwas weiter, aber es könnte genauso gut auf einem anderen Stern liegen: fast unmöglich, dort hinein oder heraus zu kommen.
archinaut schrieb am 07.04.2010 um 01:44
Liebe Alien59

das die Welt schweigend zuschaut.....
ist vielleicht richtig empfunden, es dauert leider oft sehr lange, bis "die Welt" sich artikuliert....
Alien59 schrieb am 08.04.2010 um 11:20
Langsam merkt auch die deutsche Presse, dass da was los ist und will es wohl nicht nur dem Ausland überlassen. Möglicherweise war auch der selbstzensierte Artikel in der „Yedioth Aharonoth“ der Auslöser. Hier geht es nun eindeutig um Zensur vs. Pressefreiheit.

www.welt.de/politik/ausland/article7087305/Israel-will-gezielte-Toetungen-totschweigen.html
www.nzz.ch/nachrichten/international/enge_pressefreiheit_in_israel_1.5386355.html
www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687717,00.html

Aus dem Spiegel-Artikel:
"Ami Kaufman, israelischer Journalist und Blogger, schrieb sich für die "Huffington Post" seinen Frust von der Seele: "Ich kann Ihnen nicht sagen, worüber ich hier schreibe. Wenn ich es tue, könnte ich verhaftet werden. Nein, ich lebe nicht in Iran. Ich lebe nicht in Myanmar. Ich lebe nicht in China. Ich lebe in 'der einzigen Demokratie im Nahen Osten'", bloggte Kaufman - so rühmt sich Israel immer wieder selbst. "
Alien59 schrieb am 11.04.2010 um 08:33
Der österreichische Standard zum Thema Blau:
"Als Blau Ende November Israel verließ, hatte er noch keine Ahnung, dass er vorerst nicht mehr zurückkehren werde. Telefon, Emails und sein Computer würden bereits seit langem überwacht, und als man ihm klar gemacht hätte, dass er im Falle einer Rückkehr "für immer mundtot gemacht" und ihm ein Prozess wegen Spionage angehängt werde, habe er sich dazu entschlossen, zu kämpfen: "Sorry für das Klischee, aber das ist nicht nur ein Kampf für meine eigene, persönliche Freiheit, sondern für Israels Image", schreibt Blau.

Es sei schließlich nicht der Job eines Journalisten, seinen Lesern, Arbeitsgebern oder den politischen Spitzen des Landes Freude zu machen. Jeder Journalist wisse allerdings, dass Anschuldigungen nicht ohne Beweise möglich seien. Bis heute allerdings hätte kein israelischer Journalist gewusst, dass ihn Berichte zum Staatsfeind erklären und ihn ins Gefängnis bringen könnten."
derstandard.at/1269449292505/Nachrichtensperre-aufgehoben-Geflohener-Journalist-Kampf-fuer-Israels-Image
Alien59 schrieb am 12.04.2010 um 06:18
Falls noch jemand mitliest:
Nach dem Aufheben der Nachrichtensperre finden sich mehr und mehr Artikel.
Gerade die Haaretz gibt eine längere Erklärung ab:
www.haaretz.com/hasen/spages/1162071.html
Rahab schrieb am 12.04.2010 um 07:10
ich lese noch mit. es ist der helle wahnsinn!
Alien59 schrieb am 12.04.2010 um 07:21
Es scheint mir aber, dass sich was bewegt. Eigentlich sollte ja heute über die "gag order" entschieden werden, die Nachrichtensperre wurde jedoch bereits aufgehoben.

Offensichtlich wird auch weiter verhandelt, wie weit das ein Kuhhandel ist und wem man da trauen kann? ich möchte weder in der Haut von Kam noch von Blau stecken.
www.haaretz.com/hasen/spages/1162371.html
Rahab schrieb am 12.04.2010 um 07:36
ich 'weiß' nichts, bin schließlich nicht shin beit, aber: ich halte es für schlimmer als einen kuhhandel. die anwälte von Kam und Blau würfeln nun also aus, wer schlußendlich als hexe verbrannt wird...
Alien59 schrieb am 12.04.2010 um 07:50
Bei Kam stehen wohl 14 Jahre Gefängnis als Drohung im Raum.
Andererseits: die Haaretz ist ja nicht irgendein Käsblatt, und Israel wurde durch das Öffentlichwerden dieser Affaire schon ganz schön in die Ecke gedrängt. Ich denke, die Publicity war hilfreich.
Rahab schrieb am 12.04.2010 um 08:04
unbestritten. andererseits: shin beit läßt jetzt also die beiden betroffenen unter sich auswürfeln, wer nen bißchen mehr bestraft wird. und erhält gleichzeitig die zusicherung, dass beide nie mehr geheimnisse an die öffentlichkeit bringen.
wobei es bei den staatsgefährdenden geheimnissen um mindestens zwei sensible punkte geht:
- extral-legale hinrichtungen
- staatliche beteiligung an landkäufen in den gebieten, und zwar mit gefälschten papieren.
na, da kommt doch freude auf!
Alien59 schrieb am 12.04.2010 um 08:19
Sowieso. Aber es gibt ja kaum Protest von außerhalb. Wer hat damals schon den Skandal wahrgenommen, der so aufgedeckt wurde? Licence to kill - so what?

Ab morgen wird es für die Israelis eine weitere Möglichkeit geben, sich "legal" unliebsamer Bewohner der Westbank zu entledigen:
www.freitag.de/community/blogs/alien59/erlaubnis-zu-massendeportationen
Alien59 schrieb am 13.04.2010 um 07:48
Landsmann stellt im Tagesspiegel eine gute Frage: was ist mit den Offizieren, die durch Blaus Artikel beschuldigt wurden, gezielte Tötungen angeordnet zu haben?

"Anat Kam aber muss am Mittwoch vor dem Tel Aviver Distriktsgericht antraben. Und die fehlbaren Offiziere, diee illegale Tötungen anordneten? Zwar soll seinerzeit eine Untersuchung eingeleitet worden sein, doch vieles spricht dafür, dass diese schon bald im Sande verlaufen wird. "
www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Anat-Kam-Israel;art141,3080183
Cassandra schrieb am 26.04.2010 um 10:38
Ich habe nicht mehr aktiv danach gesucht, aber gerade lief mir dieses Spiegel-Interview über den Weg.
Cassandra schrieb am 26.04.2010 um 10:39
huch, Link daneben gesetzt. Nocheinmal.
Alien59 schrieb am 26.04.2010 um 10:50
Ich habs gesehen. Aber die Frage ist, wie wird der Prozess gegen Kam ausgehen - derzeit ist es da sehr still. Ärger hat es wohl wegen Besuchen bei ihr zu Hause gegeben, wo sie immer noch unter Hausarrest steht.
Soweit mir bekannt, ist Blau noch in England.
Alien59 schrieb am 15.09.2010 um 07:30
Ein Update - nicht genug Stoff für einen neuen Artikel:
"Laut Berichten könnte die israelische Whistleblowerin Anat Kamm nach rund zehn Monaten Anhaltung demnächst einen gerichtlichen Handel angeboten bekommen. Dieses Abkommen hätte zur Folge, dass die schwerste Anschuldigung fallen gelassen wird, sie hätte bewusst versucht, Israels nationale Sicherheit zu gefährden. Eine Reihe weiterer Anklagepunkte würde aber weiter aufrecht bleiben, die zu jahrelangen Haftstrafen führen könnten. "
www.antikrieg.com/aktuell/2010_09_14_bericht.htm

Soweit mir bekannt, ist Blau noch immer im Ausland.
Alien59
Nächster Versuch.
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