Andreas Kemper

Blog von Andreas Kemper

03.09.2011 | 18:02

Linkes Denken II

Die Freitag-Redaktion hatte mit einem kleinen Lexikon begonnen zur Frage, was denn eigentlich "Linkes Denken" sei.  Eine sehr gute Idee, wie ich finde, die nicht so schnell beiseite geschoben werden sollte.

Was ist "Linkes Denken"?

Gibt es einen gemeinsamen Nenner? Ich habe mir diese Frage gestellt, als ich über eine linke Alternative zu Wikipedia nachgedacht habe. Wikipedia verfolgt einen "neutralen Standpunkt". Das ist sehr bürgerlich. Und genaugenommen geht Wikipedia damit hinter die Französische Revolution zurück. Denn die Enzyklopädisten haben nicht mit einem neutralistischen, sondern mit einem aufklärerischem Esprit die Enzyklopädie verfasst.  Sie verorteten sich bewusst gegen Herrschaft und religiösem Dünkel.

Die Ideen der Frühsozialisten würde ich daher zum "Linken Denken" zählen. Wobei "Linkes Denken" nicht auf Ideen verweist, sondern auf das "Denken". "Denken" ist ein Tuwort, es verweist darauf, dass man etwas tut.

Ich würde hier die Thesen von Karl Marx zur Hegel-Kritik Feuerbachs favourisieren.  Also die elf Thesen die damit enden, dass die Philosophen die Welt bisher nur interpretiert haben, dass es aber darauf ankomme, die Welt zu verändern. 

Kritik, Emanzipation, Solidarität, soziale Einstellungen, das sind Begriffe, die ich mit "Links-Sein" verbinde. Es gibt ja bereits Wikis, die keinen neutralen, sondern emanzipatorische Standpunkte haben. Anarchopedia beispielsweise oder das Gender-Wiki. Aber sie sind sehr speziell. Man sollte einen anarchistischen Standpunkt haben, um bei Anarchopedia mitzuschreiben. Und beim Gender-Wiki geht es um Gender. Daher war meine Idee, ein "Soziale Wiki" aufzumachen mit der Option, dass es zwischen den linken Wikis eine Assoziation geben könnte. Beispielsweise einen Artikel-Austausch oder andere Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

BILD, Bertelsmann und Wikipedia

Wikipedia gilt als Beweis der Schwarmintelligenz. Tatsächlich sind aber die meisten Artikel dort von wenigen einzelnen Autoren und Autorinnen geschrieben worden. Die Zusammenarbeit erfolgt eigentlich eher über das gemeinsame Regeln-Finden und das Verlinken der Artikel und natürlich über das fleißige Ausbessern. Hinter Wikipedia steht die Wikimedia-Foundation und die hat überall ihre nationalen Chapter. Eines der größten Chapter ist der deutsche Wikimedia-Verein. Wikipedia-Autoren, die mit mir zugleich angefangen haben, haben dort inzwischen Karriere gemacht. Ich habe mich rausgehalten und wurde nur etwas brastig, als es vor ein paar Jahren eine Zusammenarbeit mit dem Bertelsmann-Verlag gab. Ich höre nur immer von den Streitigkeiten aus dem Vorstand, zu denen jetzt übrigens auch ein Redakteur aus der BILD-Zeitung gehört. Er ist dort zuständig für Mysterie (UFO-Sichtungen) und besondere Aufgaben. UFO-Artikel in der BILD sind so ungefähr genau das Gegenteil von dem, was ich mir unter einer emanzipatorisch gestalteten modernen Enzyklopädie vorstelle.

Es macht Sinn, sich in Wikipedia zu engagieren. Aber letztlich ist Wikipedia ein bürgerlicher und kein linker Verein - mit Vereinsvorsitzenden, die letztlich am längeren Hebel sitzen.

Dennoch hat Wikipedia gezeigt, dass es möglich ist, eine Enzyklopädie "von unten" aufzubauen. Die Technologie bietet neue Möglichkeiten, eine Enzyklopädie zu schreiben. Durch die Verlinkung im Text wird das lineare Prinzip durchbrochen. Wiki-Texte sind eher Wolken als Eisenbahnzüge. Und es besteht die Möglichkeit des Verschmelzens und Auseinandergehens von Texten. Texte könne so aufgebaut sein, dass sie zum Schluss auseinandergehen und alternativ weitergeschrieben werden. Es muss nicht wie bei Wikipedia die eine neutrale Wahrheit geben, auf die man sich einigt. Gerade aus der unterschiedlichen Einschätzung kann sich ein Text entwickeln. Bei Wikipedia darf es keine Theoriefindung geben. Beim Sozialen Wiki wird ausdrücklich darum gebeten, Theorie zu finden.

Solidarische Ökonomie der Bildung

Ich hatte für diese Form der Wissensfindung, -aneignung, -weitergabe einmal den Begriff "Solidarische Ökonomie der Bildung" gefasst. Autor_innen verschwinden bei Wikipedia. Es gibt sie nicht. Anscheinend verstehen sich Google und Wikipedia deshalb so gut. Schreiben macht Spaß, es ist ein Hobby, deswegen sollen Autor_innen nicht als Produzent_innen wahrgenommen werden. Und wenn man links ist, nimmt man schon gar nicht Geld für seine Autor_innentätigkeit. Gleichzeitig macht Google Gewinne ohne Ende. Es sollte deutlich sein, dass Schreiben Arbeit ist. Beziehungsweise eine sinnvolle Tätigkeit. Wenn das Geld irgendwann abgeschafft ist, muss Schreiben nicht bezahlt werden. Auch wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, muss man das Bezahlen von kreativer Arbeit nicht mehr wichtig nehmen. Da kommt es dann drauf an, wie hoch dieses Einkommen ist. Solange aber gilt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, solange macht es keinen Sinn, auf Bezahlung für kreative, schreibende, künsterlische Arbeit zu verzichten. Denn dann können nur diejenigen schreiben, die irgendwie privilegiert sind. Es kommt zum Bias.

Es ist also wichtig, dass Linkes Denken auch gefördert wird. Es nützt nichts, wenn man sich so seine Gedanken macht und diese abbricht, weil ja eh keiner zuhört, weil man kein Forum hat. Linkes Denken gehört in ein produktives Kollektiv, welches die Individuen ernstnimmt und einen gleichberechtigten Raum schafft. Wikis können dies weitgehen leisten. Zumindest in einem hochtechnisiertem Land wie Deutschland. Und es gibt inzwischen auch schon Ansätze, wie diese Mitarbeit honoriert wird. Flattr und ähnliche Dinge sind keine wirkliche Bezahlung. Sie erinnern an den Hut der Straßenmusikant_innen. Aber dieser Hut kann manchmal auch richtig voll werden. Andere Dinge wie Meldesysteme im Internet können auch dazu beitragen, dass das Schreiben honoriert wird. Hier sind ja viele neue Ideen im Umlauf. Die Gewinne von Google zeigen, dass viel Geld im Internet unterwegs ist. Dieses könnte stärker sozialisiert werden.

Was also ist Linkes Denken?

Naja, das was wir jetzt gerade machen, wenn wir darüber nachdenken, was Linkes Denken ist. Oder wie es zu organisieren ist. Ich schlage noch einmal vor, dafür Wikis zu nutzen - jenseits von Wikipedia. sozialeswiki.de

 
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Kommentare
Uwe Theel schrieb am 03.09.2011 um 18:18
Na ja, dazu gab es im Mai 2010 schon mal ein paaar Blogs

Was ist eigentlich "links"? - Individuum – Freiheit – Gesellschaft

www.freitag.de/community/blogs/uwe-theel/was-ist-eigentlich-links---individuum--freiheit--gesellschaft

Was ist „links“? Eine große Frage. Immer wenn ich sie höre, fallen mir Ernst Blochs erste drei Sätze in seiner „Tübinger Einleitung in die Philosophie“, "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst." und daß ich weiß, daß dieser Weg ein Weg in die Freiheit sein muß. ...

Tags: linksdings wettstreit_links ausschreibung wettstreit links community individuum freiheit gesellschaft natur des menschen menschenbild spd müntefering marx

>> mehr: www.freitag.de/community/blogs/uwe-theel/was-ist-eigentlich-links---individuum--freiheit--gesellschaft

Außerdem noch die freitag-Blogs:

www.freitag.de/community/blogs/angelia/einladung-zum-brainstorming-was-ist-das-wesen-einer-linken-bewegung

und

www.freitag.de/community/blogs/angelia/liebe-brainstormer:
Andreas Kemper schrieb am 03.09.2011 um 22:22
Bei diesen Blogbeiträgen ist die Schwierigkeit, dass keiner wiederfindet. Es gibt einen Blogbeitrag zu einem Thema und ein Jahr später wieder einen Blogbeitrag und diese Beiträge stehen nebeneinander.

Wikis haben den Vorteil, dass die Veränderungen aufeinander aufbauen und dass die Themen verlinkt sind. Wenn dort jemand einen Artikel zu "Linkem Denken" schreiben würde, würde er sofort sehen, dass es bereits einen Artikel mit langer Diskussion dazu gibt.
Uwe Theel schrieb am 03.09.2011 um 23:56
@ Andreas Kemper am 03.09.2011 um 22:22

Sehr geehrter Herr Gesterkamp,

objektiv haben Sie recht, ein Wiki ist besser nutzbar als eine reine Blogstruktur.

Und wenn Sie auf sozialeswiki.de/ ein Projekt Ihrer Wahl anlegen und zum Laufen bekommen, dann feel free

Allerings behaupten Sie, die Freitag-Redaktion hätte mit einem kleinen Lexikon zur Frage, was denn eigentlich "Linkes Denken" sei, begonnen , ohne die URL dieses Lexikons auf den Freitagseiten zu nennen und verweisen dann aber indirekt auf "Ihr" Projekt "Soziales Wiki" (s.o.), wo dann so direkt auch nichts zufinden ist, man aber von dort ohne Umwege auf Ihrer eigenen, kommerziellen Homepage landet, wo wieder nicht vom "Linken Denken" zu finden ist.

Da sei es erlaubt die hiesigen Ressourcen hier zu verlinken. Linkes Denken, geht eben sprunghaft, eben dialektisch und nicht ohne Brüche.

mfg
ut
Andreas Kemper schrieb am 04.09.2011 um 00:33
Hallo Uwe Theel,

ich bin nicht Herr Gesterkamp, sondern Andreas Kemper. Ich kann mir vorstellen, wie sie zu der Ansicht kamen, dass ich Herr Gesterkamp bin. Ich hatte einen Artikel verfasst zu Thomas Gesterkamp und dahinter gekennzeichnet, dass der Artikel von mir ist. Das sah dann so aus: "Thomas Gesterkamp (Andreas Kemper)" Ich habe jetzt ein "von" hinzugefügt und die Maske vergrößert. Danke für den Hinweis. Schaun Sie nochmal rein, ob es jetzt deutlicher wird: sozialeswiki.de
Dort sind dann immerhin schon 169 Artikel zu finden. Ich versuche mich an den Themen Bourdieu, Bloch und Klassendiskriminierung. Das wären meine Arbeitsbereiche (Redaktionen) in dem Wiki. Gerade Ernst Bloch hat eine große Menge von Begriffen in die Welt gesetzt, die über ein Wiki sehr gut darstellbar wären.

Es war keine böse Absicht von mir, dass ich den Link zum Freitag-Lexikon nicht gesetzt habe, das hatte ich einfach vergessen und hole es nach. Aber auch das Freitag-Lexikon ist bislang nur ein Blogbeitrag. Sollte es ausgebaut werden, würde ich eine Wiki-Struktur nahelegen.

Natürlich habe ich ein Interesse daran, dass im Sozialen Wiki mitgeschrieben wird. Aber spannender fände ich eine Assoziation von Wikis. Also angenommen, die Freitag-Redaktion baut den Blog "Basiswissen A-Z" aus und gibt ihm eine Wiki-Struktur, dann wäre es toll, wenn es zu einer Assoziation käme mit anderen linken Wikis.
GEBE schrieb am 03.09.2011 um 18:48
Von Vorteil fände ich es, bevor "linkes Denken" erörtert werden soll, erst einmal zu klären, was überhaupt Denken ist, ansonsten ist die Gefahr nämlich sehr groß, sozusagen assoziationspurzlerisch unterwegs zu sein. Und ob man dann links oder anderswie rumpurzelt mit seinen Affekten, Zwangsaffirmationen, Tapetenmustern von Vorstellungswelten usw. ist vollkommen nachrangig. Es gerät das dann allesamt zur Posse aus Unfreiheit.
Andreas Kemper schrieb am 03.09.2011 um 22:11
Vor allem sollte Denken abgegrenzt werden von dem, was Sarrazin und andere erbbiologische Theoretiker unter allgemeiner Intelligenz verstehen.
Zeitleser schrieb am 04.09.2011 um 13:27
Sie wollen den Begriff linkes Denken ausfüllen und fangen damit an, dass Sie wikipedia kleinmachen. Verstehe ich nicht ganz. Wiki ist heute ein so wunderbares Werkzeug des Wissenszugangs, warum kleinmachen was groß ist - zumal es ein Gemeinschaftswerk ist. Ohne das Ich auf den Titel heben zu können, ohne Geld erwerben zu können - für etwas gemeinschaftliches tätig zu sein - das ist zum Beispiel links.
goedzak schrieb am 04.09.2011 um 16:24
Wieso 'kleinmachen'? Der Autor hat nur die Ansicht geäußert (und ansatzweise begründet), dass Wikipedia ungefähr so 'links' ist wie Ikea oder Apple, die prima Möbel oder Computer herstellen und bei 'Gefühlslinken' oder Links-Ästheten als 'links' galten/gelten.

Ja, ich weiß, dass Ikea als links galt, ist schon sehr lange her. Bei Apple liegt das aber noch nicht so lange zurück.
Zeitleser schrieb am 04.09.2011 um 16:40
Versteh ich auch nicht. Wenn ich über linkes Denken nachdenken will, brauche ich weder wikipedia, Ikea, Apple ..... . Was haben die mit dem Thema zu tun? Ist doch immer daselbe: Ich will was sagen, weißt nicht genau was und vor dem Druck des eigenen Unvermögens schreibe ich was über sonst was.
goedzak schrieb am 04.09.2011 um 16:38
Ein paar anregende Gedanken im Text. Zum Beispiel die These, dass das sogenannte 'Ausgewogene' bzw. die 'Neutralität' etwa von Wikipedia (oder auch der sonstigen etablierten Medien) eine Spielart des absoluten Wahrheitsanspruchs ist.

Die Erwartungen, die in das BGE gesetzt werden, teile ich aber nicht. Das Für-Lau-Schreiben aus Spaß und Engagement ist ja heute auch schon alimentiert: durch einen gutbezahlten Job, der einem Zeit für sowas lässt, durch Rente, betuchte Eltern, BaföG oder Hartz4. Die Käufer von Arbeitskraft würden ihre Preisangebote für diese um genau die Summe des BGE reduzieren und damit Extraprofit erzielen, so wie sie es heute schon etwa unter dem Siegel 'Generation Praktikum' machen. Das hätte höchstens den Effekt, dass ein paar heutige Billiglohnländer unterboten werden könnten...
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