Andreas Kemper

Blog von Andreas Kemper

30.12.2009 | 13:55

Nacktscanner - ein Erfahrungsbericht

Im September 2006 beendete ich eine Rundreise durch die USA. Da ich von New York nach New Orleans musste, wo ich als Volunteer bei Common Ground arbeitete, und dann zu einer Konferenz nach San Francisco und auf dem Rückflug in Atlanta zwischenlandete, benutzte ich einige Flughäfen und wurde mit unterschiedlichen Sicherheitsmaßnahmen konfrontiert. Besonders bei Auslandsflügen herrschte damals ein rigides, militaristisches Klima. Selbst alte Leute wurden angeschnauzt, wenn sie nicht wussten, in welche Reihe sie sich anzustellen hatten.

Beim Hinflug wusste ich nicht, ob ich überhaupt in die Vereinigten Staaten hereingelassen werde. Schließlich forschte ich zur Klassengesellschaft und während einer Konferenz ("How Class Works") in der Nähe von New York wurde uns mitgeteilt, dass ein Professor aus Griechenland tatsächlich am Flughafen von den Behörden abgefangen und interviewt wurde und dann nach Griechenland zurückgeschickt worden ist. Er hatte keine Bomben an Bord, aber ein Vortragsmanuskript zur Klassengesellschaft.

Die Sicherheitsmaßnahmen bei Inlandsflügen lassen da in gewisser Weise zu wünschen übrig. Während des Fluges von New Orleans über Atlanta nach San Francisco wurde mein Gepäck geklaut. Wahrscheinlich vom Personal. Als ich in San Francisco noch einmal in der Gepäckabfertigung nachfragen wollte, ob mein Gepäck nicht doch angekommen sei, fand ich einen Raum vor, der weder abgeschlossen, noch besetzt war. Verlorengegangenes Gepäck lag dort unbewacht herum und ich hätte mich in aller Ruhe bedienen können.

Als es dann wieder zurück ging, wurde ich in Atlanta gebeten, die Schlange der Touristen zu verlassen. Ich wurde ohne weitere Erklärung durch eine Extraschleuse geführt. Vor mir stand eine Art 2,50 Meter hoher Kühlschrank, durch den man durchschreiten konnte. Es war 2006 - das Wort "Nacktscanner" war noch gar nicht erfunden. Ich fühlte mich unbehaglich, schließlich hatte ich die Augen von ca. 200 Flugpassagieren auf mich ruhen, die wahrscheinlich auch nicht wussten, warum ich bevorzugt behandelt werde.

Meine Frage, was das für ein Ding sei, wurde mit einem Blick beantwortet, der meine sofortige Erschießung ankündigte, wenn ich es wagen würde, mit einer weiteren Frage zu nerven. Schließlich erhielt ich den Befehl, da rein zu gehen. Unten auf dem Boden waren zwei silberne Fußabdrucksilhoutten, dort musste ich meine Füße drauf stellen und ruhig stehen. Dann machte es pfffft, pffft, pfffft und mein T-Shirt wurde leicht hochgeblasen. Das wars. Ich musste dann noch zu einem Tisch, wo mein Gepäck durchwühlt wurde.

Zuhause angekommen durchsuchte ich das Internet nach dem Ding. Diese Teile wurden X-Ray-Scanner genannt. Es gab noch nicht soviele. Sie dienten im Wesentlichen der Drogenfahndung. Dies erschien mir im Nachhinein plausibel. Schließlich sehe ich eher wie ein Drogendealer als wie ein islamistischer Selbstmordattentäter aus. Mit diesen Nacktscanner können Flüssigbomben ebenso gefunden werden wie Drogen und Vortragsmanuskripte. Auch dann noch, wenn absolut keine Gefahr der Flugzeugattentate mehr gegeben ist.

Ob diese Nacktfotos von mir noch existieren weiß ich nicht. Ich habe auch keinen Abdruck erhalten. Kann man eigentlich in solchen Fällen das Recht auf das eigene Bild geltend machen?

 

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 30.12.2009 um 14:07
Das finde ich auch, ich möchte wenigstens das copyright besitzen, wenn schon Nacktfotos von mir gemacht werden.

Bei Kontrollen wirke ich wohl auch irgendwie verdächtig, vielleicht wegen der zotteligen, etwas ungepflegten Mähne.

Aber das dürfte kein Grund sein, mich wie einen Verbrecher zu behandeln.

Ihre Schilderung

"Meine Frage, was das für ein Ding ist, wurde mit einem Blick beantwortet, der meine sofortige Erschießung ankündigte, wenn ich es wagen würde, mit einer weiteren Frage zu nerven. Schließlich erhielt ich den Befehl, da rein zu gehen. ..."

erinnert mich an Szenen bei Sicherheitskontrollen, nach denen man sich irgendwie 4 Hufe kleiner fühlte.

Drogenfahndung, tja, würde mal interessant sein, eine Statistik darüber zu finden, die Zahlen hat, wieviel Drogen tatsächlich auf diese Weise gefunden werden.
Oder wieviel Sprengstoff.

Schönes Rest-Jahr noch,
Ihr und euer

Harry Kovalcek
Andreas Kemper schrieb am 30.12.2009 um 14:14
"erinnert mich an Szenen bei Sicherheitskontrollen, nach denen man sich irgendwie 4 Hufe kleiner fühlte."

Ja, genau so habe ich mich gefühlt. Mit Michel Foucault könnte man hier auch von einem panoptischen Blick sprechen, einen Blick, der einen buchstäblich auszieht, ohne dass ich als gescanntes Objekt auch nur ein Fitzelchen Recht darauf habe, zu sehen, wie ich gesehen werde.
Hermanitou schrieb am 30.12.2009 um 16:14
Das Ganze ist demütigend und erniedrigend. Durch das Verpixeln wird der Vorgang auch nicht besser, und dadurch, daß alle (nicht mehr nur zottelige Mähnenbesitzer) nackt gescannt werden, tritt nach kurzer Zeit ein Desensibilierungseffekt ein. Man /frau gewöhnt sich halt an alles...
Danke für den Erfahrungsbericht:-)
Andreas Kemper schrieb am 30.12.2009 um 17:03
Du hast in deinem Blog-Beitrag sehr schön herausgearbeitet, dass die "Nackte Wahrheit" nur für bestimmte Menschen zu gelten hat. Auch dies ist wieder ein Hinweis auf Foucault. Während er in "Überwachen und Strafen" die panoptische Architektur kritisierte, stellte er in "Sexualität und Wahrheit" den Wahrheitszwang (die Beichte als Pastoralmacht) in den Mittelpunkt.

Vielleicht wäre eine Analyse der Nacktscanner mit foucaultschen Werkzeug sehr fruchtbar.
manstruator schrieb am 10.02.2010 um 21:51
bitte mehr davon!
h.yuren schrieb am 01.01.2010 um 19:21
lieber andreas, schönen dank für deinen bericht. aber hast du ganz vergessen, dass unsere amerikanischen freunde sich im krieg befinden? im wirtschaftskrieg gegen china hauptsächlich, im glaubenskrieg gegen die staaten des islam?
rechne mal! das heißt, ein paar millionen ussies gegen ein paar milliarden ossies. so eine situation macht den stärksten krieger nervös bis kopflos.
dazu kommt dann noch "Die Torheit der Regierenden".
so gesehen bist du noch gut davongekommen. du lebst ja noch. denk mal an den angeblich verdächtigen, der in london erschossen wurde.
Andreas Kemper schrieb am 02.01.2010 um 02:54
Dass es keine Sicherheit für mein Gepäck gab (oder gar einen angemessenen Service, der mir das Gepäck erstattet), dass ein Professor aus Griechenland ein Einreiseverbot hat, dass in New Orleans über 250.000 Menschen, die die gemeinsamen Merkmale arm und schwarz hatten, ihre Wohnung verloren und keine angemessene Hilfe von Staat und Kommune angeboten wurde, dass ich gescannt wurde, obwohl nichts darauf hinwies, dass ich irgendwelche Bomben am Körper versteckt hatte - dass hat nichts damit zu tun, dass die USA einen Krieg führt.
manstruator schrieb am 10.02.2010 um 21:52
wie man sieht, geht alle gefahr vomm staate aus - wie beruhigend, meine herren!
Maike Hank schrieb am 04.01.2010 um 11:34
Lieber Andreas Kemper, danke für diesen eindrucksvollen Bericht. Vermutlich gibt es bald eine ganz neue Form der Flugangst.

In der Politikarena besteht nun ebenfalls die Möglichkeit, das Thema "Nacktscanner" zu diskutieren.

Herzliche Grüße
Maike Hank
Andreas Kemper schrieb am 04.01.2010 um 18:55
Hallo Maike Hank

Ehrlich gesagt hat mir die Prozedur vor dem Abflug immer schon mehr Stress gemacht als der Flug selber. Und mein erleichtertes Aufatmen war stets größer, wenn ich endlich im Flieger saß, als wenn ich gelandet bin.

Danke für den Hinweis auf die Politikarena. Hab dort mal meine 5 Cent dazugegeben.

Herzlichen Gruß
Andreas Kemper
Deaktivierter Nutzer schrieb am 05.01.2010 um 11:22
Der Nacktscanner soll eine Sicherheitsmaßnahme sein, um zu verhindern, dass Leute mit Waffen, Sprengstoff oder Drogen durch die Flughafenkontrolle gelangen.

Soweit wäre das eine gute Sache.

WENN sich nicht durch die komplette Durchleuchtung (auch wenn neuerdings die Nacktaufnahme weggefiltert werden soll und nur noch die übrigen Schichten auf dem Monitor sichtbar werden), jeder einzelne unbescholtene Bürger damit "nackt ausziehen" müsste.

Was bitte, haben unsere Unterhosen oder Knochen auf dem Bildschirm eines Flughafen-Angestellten zu tun.

Davon abgesehen, wird die Technologie wahrscheinlich eingeführt werden, wie jede technische Errungenschaft vorher eingeführt wurde. Siehe zum Beispiel Telefon (heute Mobilfunk), Glühbirne, Atombombe, CDs, Chipkarten, blue ray, elektronischer Fingerabdruck und so weiter und so fort.
Ob das nun datenschutzdenklich bedenklich ist oder in die Privatsphäre eingreift (was ich persönlich nicht gutheiße), ist in dem Moment egal, wo es um öffentliche Terror-Bekämpfung oder Drogenfahndung geht.

Jeder Fluggast wünscht sich natürlich, dass es bei seinem Flug glimpflich und ohne Leute mit Waffen oder ähnlichem abläuft. Daher wird er dann auch die Kontrolle eines Tages in Kauf nehmen.

Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass in Kürze auch eine "Gegen-Technologie" entwickelt wird, so dass die Wirksamkeit des Nacktscanners teilweise wieder aufgehoben werden wird.
manstruator schrieb am 10.02.2010 um 21:50
aber hallo, könnte es sein, dass das personal auf leute steht, die wie ein derogendealer aussehen? ich habe da aschon leute gesehen, die tatsächlich gut aussehen, und wo sich vermutlich eine genauerer blick sicherlicuhz lohnen würde. könnt dies hier zutreffen? wie sahen denn die damen oder herren aus, die sie durch die spezielle schleuse schleusden wollten?
waren vielleicht auch eine auffallend größere menge während der aktion sichtlich interessiert an einem monitor versammelt? von sexuellen aspekten abgesehen, scheint mir bei Ihrem Beispiel, daß seit Jahren eine ganz bestimmte lobby gute arbeit geleistet hat und bis heute leistet.
ich habe dies hier kommentiert:

www.freitag.de/community/blogs/manstruator/schmiermittel-in-der-servicewueste
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