Andreas Kemper

Blog von Andreas Kemper

15.10.2009 | 00:28

Sozialeugenik: Ralph Giordano unterstützt Sarrazin

Manchmal gibt es merkwürdige Koinzidenzen. Ich lese bei einer Freundin die SPD-"Familienpolitik für das 21. Jahrhundert" von 2001 und sehe nebenbei die Science-Fiction-Serie "Torchwood". In diesem Film geht es darum, dass übermächtige Aliens eine Millionen Kinder einfordern. Die Regierungen stimmen zu und heimlich organisieren sie das Einsammeln von Kindern. Genau in dem Moment, wo ich Renate Schmidts Formulierung "Kinderreichtum bei den Benachteiligten, Kinderarmut bei der restlichen Bevölkerung hat gravierende Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Bevölkerung" lese, beruhigt eine Regierungsagentin eine verängstigte Mutter: "Ihrem Kind passiert nichts, es ist ein gutes Kind. Wir nehmen nur die Kinder von der Straße". Und kurze Zeit später stürmen Soldaten ein Arbeiterviertel.

Sozialeugenik ist nicht nur Bestandteil der aktuellen deutschen Familienpolitik, die das sozialkompensatorische Erziehungsgeld durch das einkommensabhängige Elterngeld ersetzte mit dem unverhohlenen Grund, die Zahl der Akademiker zu steigern. Der Diskurs, dass die Unterschicht angeblich zu viele Kinder bekommt und dass dies schlecht sei, ist genau so dominant wie die Warnung vor einer zu niedrigen Kinderzahl in Deutschland.

Sarrazins Äußerungen waren nicht nur rassistisch. Sein Rassismus wurde zurecht angegriffen. Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening warf Sarrazin "rassistische Äußerungen" vor und ähnlich äußerten sich Kenan Kolat von der Türkischen Gemeinde und Stefan Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Die Bundesbank reagierte mit einer Distanzierung und einer Strafmaßnahme gegen Sarrazin und die Berliner Staatsanwaltschaft prüft Ermittlungen wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Zurecht. Aber die Kritik richtete sich ausschließlich gegen die rassistischen, nicht gegen die sozialeugenisch-klassistischen Sprüche gegen die sogenannte "Unterschicht".

Zur Erinnerung: Sarrazin behauptete, ein großes Problem in Berlin sei, "dass 40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden" mit der Folge, dass das Niveau an den Schulen kontinuierlich sinke, statt zu steigen. "In Berlin gibt es stärker als anderswo das Problem einer am normalen Wirtschaftskreislauf nicht teilnehmenden Unterschicht." Diese sozialeugenische Formulierungen sind neue Perlen auf einer alten Schnur, sie reihen sich ein in eine schaurige Sammlung klassistischer Sprüche.

Was wäre geschehen, wenn er sich nur klassistisch, nur sozialeugenisch geäußert hätte? Nicht viel. Ein kurzes amüsiertes Kopfschütteln ohne Konsequenzen. Die sogenannte "Unterschicht" kann nicht für sich sprechen, sie hat noch nicht mal eine Lobby. Sie sollen keine Kinder bekommen. Und sie sollen kein Geld für Kinder bekommen. Wird dies der nächste Schritt sein: Essensmarken statt Elterngeld?

Sarrazins Sozialeugenik ist inzwischen unwidersprochener Mainstream. Ralph Giordano zu Sarrazin: "Er hat doch recht, wenn er sagt, je niedriger die Schicht, desto höher die Geburtenrate. Er hat doch recht, wenn er sagt, große Teile sind weder integrationswillig noch integrationsfähig. Er hat doch recht, wenn er sagt, wir müssen in der Familienpolitik völlig umstellen, nämlich weg von der Geldleistung, vor allem bei der Unterschicht."

Eigentlich schade, dass es keine Aliens gibt, nicht wahr, Ralph Giordano?


Die sozialeugenischen Passagen des Interviews finden sich auch in meinem Artikel Sarrazins Sozialeugenik.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
poor on ruhr schrieb am 15.10.2009 um 12:39
Bei Ralph Giordano wundert mich nichts mehr.
Der Blog spricht mir aus dem Herzen. Da werden wirklich wieder ganz unselige Traditionen der deutschen Geschichte wieder zur ernst gemeinten Debatte gestellt. Man denkt, dass kann nicht sein, nach 1933 -1945 , aber es ist so!
Danke für das Augen öffnen.

por
Andreas Kemper schrieb am 16.10.2009 um 01:57
Hallo poor on ruhr!

Ich habe mir heute die lettre gekauft. Außerhalb von einschlägigen Faschozirkeln habe ich noch nie eine solche Ballung von sozialeugenischen und rassenhygienischen Gedanken gelesen. Sarrazin benutzt dreimal die Formulierung "auswachsen". Als er vom Interviewer (dem Chefredakteur und Geschäftsführer vom Lettre) gefragt wird, ob er mit "auswachsen" "aussterben" meint, bejaht Sarrazin das. Die Unterschicht müsse aussterben. Berlin sei zu voll, es sollten nur noch intelligente Völker nach Deutschland ziehen, wie z.B. Vietnamesen oder Juden, deren IQ 15 Punkte über dem der Deutschen liegen, Russlanddeutsche seien auch noch willkommen weil sie die altdeutsche Art zu Arbeiten noch drauf hätten, das Unterschichtenverhalten sei nicht zu verändern, das müsse sich "auswachsen", Intelligenz sei vererblich, deswegen würde eine Geburtequote von 40% bei den Unterschichten dazu führen, dass Berlin immer mehr versinke, Familie aus der Unterschicht dürften kein Geld mehr erhalten. Hinzu kommt noch der ganze rassistische Scheiß.
Wer diesen Text gelesen hat und trotzdem unterstützt, der verteidigt eine sozialpolitische und rassistische Sozialeugenik.
poor on ruhr schrieb am 16.10.2009 um 15:53
Hallo Andreas Kemper,

den letzten Satz Deines Kommentars möchte ich noch dick unterstrechen. Ich bin schon am überlegen, ob ich mir die lettre auch nicht mal kaufen sollte. Ich möchte aber auf der anderen Seite sowas auch nicht unterstützen und zum Zwecke der Aufklärung reicht es ja, wenn das einer kauft und die Anderen aufklärt.
Ich finde das vollkommend erschreckend, was die lettre da an seltsamen Positionen verbreitet. Danke für Deine Aufklärung.

por

por
Andreas Kemper schrieb am 16.10.2009 um 19:40
Hi por!

Ich habe die entsprechenden Passagen rausgeschrieben und als kommentierte Zitate hier dokumentiert:

klassismus.blogspot.com/2009/10/moderne-sozialeugenik.html

Ich weiß nicht, wie sich Sarrazin da rausreden kann. Es ist ein geschlossen sozialeugenisches Weltbild.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.10.2009 um 20:24
Danke, Andreas Kemper, für Dein Engagement und auch diesen Text. Die Zeiten des Klassenkampfs sind vorbei, erzählen sie seit 20 Jahren, und betreiben ihn.
Andreas Kemper schrieb am 22.10.2009 um 00:24
Ja. Und erschreckend die nicht enden wollende Liste von Unterstützern, die sich damit brüsten, den Text gelesen zu haben: Henryk M. Broder, Ralph Giordano, jetzt noch Sloterdijk. Wer den Text nicht gelesen hat, den kann man noch damit entschuldigen. Wer aber tatsächlich das Interview mit Sarrazin gelesen hat und es trotzdem unterstützt, der ist ein Sozialeugeniker. Was zumindest bei Sloterdijk nichts neues wäre.
Andreas Kemper
Mich interessieren die Themenbereiche * Diskriminierung - insbesondere Klassenspezifische Diskriminierung * Genderforschung * Erkenntnistheorie (Fragen zur Virtualität) * Utopien * Entwicklung der Wissensplattformen im Internet (Wikipedia, Google-Knol) * Anarchismus
Ort:
Münster
Mitglied seit:
3 Jahre 2 Wochen
Zuletzt aktiv:
15.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 63
Kommentare: 439
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
15:26
bertamberg hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:26
Nashira hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:26
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:26
bertamberg hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:24
EnidanH hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG