archinaut

nirgends.......... sicher... nie

16.07.2011 | 01:22

Amt der Demütigung

 

Hinter dem ehemaligen Stasi-Quartier in der Berliner Normannenstrasse liegt der ausgedehnte Block des Arbeitsamts. Knapp vor dem ersten Termin findet er die richtige Tür.

Name, Beruf...... bei der ersten Rückfrage stellt der schneidige Arbeitsvermittler die angemessene Rollenverteilung her: Hier frage ich! Ausbildung wird akzeptiert, Selbständigkeit erzeugt Stirnrunzeln.... Der arbeitslose Architekt möchte den Unterschied zwischen Diplomingenieur, Bauingenieur und Bauleiter erklären, im Datensatz ist keine Unterscheidung zu erkennen. Er hat eine Mappe mit Entwürfen und Fotos dabei, aber der Vermittler hat keine Zeit dafür.

Stehen Sie dem Arbeitsmarkt ohne Einschränkung zur Verfügung?

Sind Sie verheiratet?

Sprachen?

Bei jeder Antwort klackern die Finger in der Tastatur, der Vermittler ist schnell.

Kriegen Sie Post von uns, müssen Sie sich sofort beim vorgeschlagenen Arbeitgeber melden!

Der Bauwirtschaft der Hauptstadt wälzt sich durch die Kalmen der Depression. Das erste Schreiben kommt nach fünf Wochen. Eine Holzbau-Firma hinter Nürnberg sucht einen Bauleiter. Senden Sie umgehend Ihre Bewerbung! lautet der abschließende Imperativ des Schreibens unter dem großen A.

Am nächsten Tag ruft er an. Fünfhundert Entfernungskilometer rauschen in der Telefonleitung. Grüß Gott! meldet sich ein unverständlicher Name in der Leitung, er klingt sehr bayrisch. Sie bauen Blockhäuser im gesamten Freistaat bis hoch in die Alpen. Für die Montage suchen sie einen Bauleiter, der auch mit der Motorsäge umgehen kann.

Nein, er wird dieses Angebot nicht annehmen. Wie kann er es seinem Vermittler erklären?

Ein Baustoffkonzern sucht Vertriebsmitarbeiter für den Außendienst: Betonzuschlagstoffe, Schalungselemente und Beschichtungssysteme sind im Angebot, das Revier wartet zwischen dem Weserbergland und den Grenzen der Niederlande. Geeignet wäre ein/e Ingenieur/in Bau/Wasserbau, bevorzugt mit Erfahrung als Betonbauer.

Die Welt der Vermittlung bietet unvermittelt Überraschungen....

Zwei Wochen später liegt das dritte Schreiben im Briefkasten. Er soll sich in Kempten bewerben, in der Milchstadt des Allgäus. Der vom Vermittler ausgesuchte Arbeitgeber ist ein Dienstleistungsunternehmen für Laboranalyse und ingenieurtechnischen Leistungen. Man sucht einen Bauingenieur. Siebenhundert Kilometer entfernt von Berlin.

Freundlich erklärt der Personalchef am Telefon die Aufgaben. Sie untersuchen verbrauchte Industrieanlagen und verseuchte Militärstandorte. Danach reißen sie alle Gebäude weg und tragen die kontaminierten Bodenschichten ab. Jeder Giftstoff ist gesondert zu vernichten.

Nein, so hat er sich seine Zukunft nicht vorgestellt. Warum muss das Amt die Bewerber durch die gesamte Republik vertreiben?

Heute ruft er den Vermittler an.

Ich will eine Veränderung mitteilen. In zwei Wochen nehme ich eine angestellte Tätigkeit auf. Man hat mich zum Geschäftsführer eines Büros in Quedlinburg bestellt.

Die Leitung nach Lichtenberg schweigt kurz wie tot, dann wünscht der Vermittler viel Glück. Trotz der schlechten Übertragung aus dem Berliner Osten klingt ein zynischer Nebenton durch das Telefon, der im Gedächtnis haften bleibt wie giftiger Mehltau.

 

Hier endet der 177. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
goedzak schrieb am 16.07.2011 um 01:34
Danke, es ist eine Art Puzzle? :) Ich mag das Fragmentarische.
archinaut schrieb am 16.07.2011 um 01:41
Ja, so eine Art Rubik-Cube

SuzieQ schrieb am 16.07.2011 um 01:57
Recht hat er, der Architekt:Bäume fällen geht gar nicht!:)
Auch nicht mit Motorsäge!

"...klingt ein zynischer Nebenton durch das Telefon,..."

Tja, der Vermittler, Autonome mag er wohl nicht.
Aber gleich morgen wird er den Aufkleber an seiner Tür, der auch schon ein bißchen blass geworden ist,gegen einen neuen austauschen.
Welcher Aufkleber?
Na der auf dem steht:

---

Ich?
Ich arbeite beim Arbeitsamt!

grüsse sq
archinaut schrieb am 16.07.2011 um 02:18
Oh, Du arbeitest beim Arbeitsamt?
Heisst ja inzwischen Agentur für Arbeit.....
bestimmt sind heutzutage alle supernett und entspannt

Oder steht das auf dem Aufkleber,
den der Vermittler morgen austauschen wird?

Darüber werde ich heute nacht sinnen
schlaflos
archie ;-)
weinsztein schrieb am 16.07.2011 um 02:29
Lieber archinaut,

SuzieQ will nur den Aufkleber austauschen lassen.

Hab Deinen Blog sehr gern gelesen, wie eigentlich immer. Ich bleib dran, Du aber bitte auch!

weinsztein
SuzieQ schrieb am 16.07.2011 um 02:30
8-), :)
supernett und entspannt,ja,
in der ARGE,nein,
wennste nich schlafen kannst,lies doch nochma,:)
suuuzie
SuzieQ schrieb am 16.07.2011 um 02:34
ups@weinsztein
Sie,Sie,Sie wissen gar nicht,was Suzie will! :)
-der Vermittler erneuert undso,ne
bleiben Sie,bleiben Sie, dran ist ja sone Art Hobby von Ihnen,yes sir!
Ist die Kochkolumne eigentlich in Sommerpause?
Ich Sie auch,Sie wissen schon,und Sie mich sowieso, Sie wissen schon.
:)))
archinaut schrieb am 16.07.2011 um 02:38
....nochmal gelesen,
sinne weiter.... ;-))

(Dunkel bleibt mein Sinn...)
archinaut schrieb am 16.07.2011 um 02:41
Lieber weinsztein,
bei Deinem freundlichen Zuspruch
bleibt mir wirklich keine Wahl:
Ich muss dranbleiben!

Vielen Dank für die Motivation
(und herzliche Grüße an hibou,
wenn Ihr Euch mal begegnen solltet)

archie
archinaut schrieb am 16.07.2011 um 02:44
Liebe SuzieQ,
lieber weinsztein,

hier wird nicht gestritten!

Küsschen!
Knuddel und so!
SuzieQ schrieb am 16.07.2011 um 02:58
wer streitet?
hell bleibt mein Sinn...
archinaut schrieb am 16.07.2011 um 23:14
.... eine hellsinige Leserin
ist ein großes Geschenk!
poor on ruhr schrieb am 16.07.2011 um 11:39
@archinaut

Großartiger Text! Du beschreibst so gut , wie es da so zugeht, an jenen Orten von denen in der Regel der gut abgesicherte Mittelständler nichts wissen will.

....und doch sind sie da.

Das Resultat ist eine Reduktion der gesellschaftlichen Solidarität auf die noch verbliebenen Reste, die das System Hartz IV vorschreibt.

"Erst wenn der Letzte von Ihnen in einem knebelirischen Zeitv ertrag gelandet ist, werden sie begreifen, dass es Solidarität selbst bei Hugo Boss nicht von der Stange gibt." :)

Du schreibst um unser Leben und man / frau kann
es lesen.

Ich bleibe dran.

Danke für das großartige Blog.

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 16.07.2011 um 23:25
Ja, lieber por,

die Stübchen der Agentur sind wenig transparent,
hier stirbt jeder seinen eigenen Tod im Stillen....
mit gelegentlichen Ausnahmen
www.freitag.de/community/blogs/poor-on-ruhr/drama-im-frankfurter-job-center

Zur Zeit werden wieder viele Angebote mit Rechtsbelehrung verschickt, wie man hört....
liegt's an den Wahlen im Herbst?

Über Dein Lob freue ich mich sehr!

Herzliche Grüße
archie
Magda schrieb am 16.07.2011 um 14:12
Hallo Archie,

Kürzlich hörte ich zufällig im Radio das folgende empörte Statement:
“Stellen Sie sich vor, Sie müssen in eine 500 Kilometer entfernte Stadt fahren, wo Sie keiner kennt und ohne ihre Familie.”
Ich dachte erst, es ist die Rede von Arbeitslosen hierzulande, aber es ging um einen verbannten weißrussischen Journalisten.

Was Du schilderst, ist eine Erfahrung, die viele teilen. Ich kenne es aus dem Anfang der 90er Jahre.
Das waren allerdings Zeiten, wo sie die Leute im Osten ein bisschen ruhig halten wollten. Es gab - zur Überbrückung - ganz gut bezahlte ABM. Und die Beraterinnen und Berater - ich habe schwer gegrübelt, was die zu DDR-Zeiten gemacht haben - waren freundlich. Einer hat zu meinem Mann gesagt: “Wir kriegen Sie schon ganz gut noch in die Rente”. Der war dann zwei Jahre ohne Job, dann gabs ne gut bezahlte ABM und dann war er aus dem Schneider. Mir gings ähnlich, die Erfahrung der demütigenden Behandlung habe ich erst gemacht als die Hartz IV-Gesetze “durch” waren. Aber da war ich auch schon fast in Rente und mich hat - Gottseidank - niemand mehr gefragt, wieviele Kilometer ich reisen würde für einen Job. Die Gnade des herankommenden Alters würde ich das nennen. Jetzt haben sich die Zeiten wieder komplett geändert. Jetzt ist voll die Härte.

Seltsam ist aber schon, dass Dein Held in Lichtenberg zugange war. Das ist doch auch Osten, wo ich dachte, dass sie ein bisschen kulanter sind.

Es hängt damit zusammen, dass “Wessis” auch viel mehr so sozialisiert sind, bei sich selbst die Schuld zu suchen, während die “Ossis” immer meinten, sie können nichts dafür, wenn sie hier die Arbeitsstellen plattmachen. Und die dann fordernder auftraten. Das ist aber jetzt auch nicht mehr so.

Danke fürs Erzählen.
archinaut schrieb am 16.07.2011 um 23:42
Liebe Magda,

im Prinzip ist es völlig okay, für einen Job weit zu reisen,
wenn man z.B. spezialisiert ist und eine angemessen bezahlte Stelle zu besetzen ist. Aber die negative Seite macht sich inzwischen bemerkbar, nicht nur als Belastung von Familienstrukturen oder als Phänomen der kinderlosen Fernbeziehung, sondern auch als brain-drain bestimmter Regionen, also Fachkräftemangel und ausbleibender Unternehmensgründungen.

Gerade für jüngere, wenig erfahrene Leute wäre eine Ortsveränderung eine wichtige Erfahrung, aber ungelernte werden wohl selten auf die Reise geschickt.
Da waren die alten Zünfte schlauer:
de.wikipedia.org/wiki/Wanderjahre

Die Arbeitsteilung der Arbeitsämter in Berlin hat sich wahrscheinlich immer mal wieder verändert, das Lichtenberger Amt war mal für die Akademiker zuständig....

Danke für's Kommentieren ;-))
Magda schrieb am 17.07.2011 um 11:31
Na klar, junge Leute sollen rumkommen, aber es ist doch anders, wenn diese Forderung so stereotyp gestellt wird und ein Zwang dahinter steht, der mit den eigenen Zielen nichts zu tun hat.
archinaut schrieb am 17.07.2011 um 13:14
Ja, da gebe ich Dir gerne recht,
die Ziele sind das Entscheidende...
und bei den Zielen der Agentur für Arbeit bin ich nicht sicher, ob diese mit den Zielen der "Klienten" kompatibel sind.
kay.kloetzer schrieb am 16.07.2011 um 15:03
lieber archie,
danke für diesen einblick in den wahnsinn. auch wenn es schon ein weilchen zurückzuliegen scheint, viel hat sich sicher nicht geändert.
ein freund von mir ist schauspieler. sie wollten ihn mal als opernsänger irgendwohin schicken. bühne = bühne. verrückt.
liebe grüße
archinaut schrieb am 16.07.2011 um 23:48
Liebe kay,

freue mich von Dir hier zu lesen!
Die Geschichte mit dem singenden Schauspieler ist bestimmt kein Einzelfall!

Sehr lustig fand ich ein Umschulungsbeispiel, von dem mir eine Bekannte erzählte (kein Witz!):

Gestanden Traktoristinnen aus der Landwirtschaft
wurden umgeschult zu
- Floristinnen!

Man sieht doch förmlich einen Loriot-Film ablaufen....

Grüß mir bitte die Pleiße ;-))
kay.kloetzer schrieb am 18.07.2011 um 02:44
mach ich! und wenn ich das nächste mal die angerbrücke passiere ....
liebe grüße
kk
S. Steinebach schrieb am 16.07.2011 um 18:17
Danke für die Vor(t)setzung. :-) Super geschrieben!
archinaut schrieb am 16.07.2011 um 23:50
Liebe S.Steinebach,
für so freundliche Kommentare tue ich doch (fast) alles...
(sogar weiterschreiben ;-))
archinaut
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