archinaut

nirgends.......... sicher... nie

08.09.2011 | 23:50

Das zerrissene Tor

 

Peggy weiß, dass sie sich heute von Marlene verabschieden muss, wenn es auch schwerfällt. Vor ihnen ragt als mächtiger Schattenriss dunkel ein Flügel des Charlottenburger Tors in den herbstlichen Frühnebel.

„Entlang dieser Chaussee läufst Du an der Technischen Universität vorbei, weiter im Westen findest Du die Sommerresidenz, welche einige preußische Königinnen und Könige als Wohnsitz bevorzugten,“ sagt Marlene, um das beklommene Schweigen zu brechen, „das alte Schloss in Berlin war nicht bei allen gekrönten Häuptern beliebt,“ mit leicht spöttischem Unterton.

„Ist es nicht seltsam, dass ein Schloss und eine ganze Stadt nach einer verstorbenen Königin benannt wird!“ überlegt Peggy laut, Marlene erwidert: „Der alte Name ist bald vergessen, wenn die Herrschaft neu benennt,“ und erinnert sich:

„Als Kind habe ich die alten Steuerhäuser noch gesehen, mein Vater hat sie mir gezeigt.... ich habe mir vorgestellt, dass ich, Prinzessin Marie Magdalene, im nördlichen Haus wohne und mein über alles geliebter Prinzgemahl im südlichen, unsere Zollbeamten bedienen den Schlagbaum und kassieren, alle Reisenden grüßen uns freundlich, wir winken ihnen nach.... man musste die beiden Häuser abbrechen, als die Strasse verbreitert wurde, dann bauten sie die neuen Torflügel,“ Marlene macht eine kurze Pause: „Die Nazis haben die beiden Torflügel wieder versetzt, als Hitlers Baumeister die Chaussee verbreiterte und die Flügel weiter auseinanderzog, so hat er das unsichtbare Verbindungsband überdehnt: Die Nazis haben dieses Tor förmlich zerrissen.“

Bei jedem Abschied muss Peggy an ihren Vater denken, der unerwartet fortblieb, so konnte sie den letzten Moment nie mehr erinnern, nicht die letzten Worte, das letzte Lächeln. Man sagte doch, die TITANC sei unverwundbar...

„Ich wollte Dir noch so viel erzählen, liebe Freundin..... und vielleicht hätte es Dich gelangweilt. Aber in Gedanken werde ich weiter mit Dir reden, geduldig wirst Du alles anhören und Dir nur gelegentlich eine süffisante Bemerkung verkneifen...“ verspricht Peggy, „seit meiner Kinderzeit suche ich immer wieder den inneren Dialog mit Menschen, die ich schätze... auch wenn ich manchmal denke, dass ich damit eine eigenartige Marotte pflege, ganz lächerlich für andere...“

„Schreib es doch auf,“ sagt Marlene, „und gib es mir zum Lesen, wenn wir uns wieder treffen!“

Sie starrt in die Ferne und kneift die Augen zusammen, irgendwo im Dunst über dem westlichen Horizont muss ein Sendemast in die schweren Himmel ragen, daran erinnert sich Marlene.

„Soll ich Dir Briefe schicken?“ fragt Peggy belustigt, „einen in der Woche, oder wenigstens einen pro Monat?“ Eine Erinnerung erwacht: „Der namenlose Architekt hat mir jeden Monat ein Gedicht geschickt,  sentimental und so schnulzig, dass ich mich erst geärgert habe.... aber nach ein einiger Zeit hatte ich mich daran gewöhnt, sodass ich zu jedem neuen Monat auf seinen Brief gewartet habe... mit Worten wollte er ein Haus für uns bauen...“

Sehr, sehr deutlich verkneift Marlene sich jetzt eine süffisante Bemerkung....

„Ich liebe Dich, Marlene....“ sagt Peggy leise.

„Du weißt, dass ich nicht lieben kann.“ sagt Marlene nervös und ihre Augen wandern schnell zwischen den beiden Torflügeln hin und her. „Ich werde in den Wald gehen, vielleicht finde ich das Einhorn.... hoffentlich schenkt es einen guten Champagner aus...“

 

 

Hier endet der 196. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
kay.kloetzer schrieb am 09.09.2011 um 01:52
danke auch für diesen kick in die atmosphäre!

neulich haben wir uns von einem freund berlin zeigen lassen. also westberlin, das persönliche, das seiner jugend. zwischen charlottenburger tor und dem einhorn liegt wirklich nur ein brief. aber ohne den geht es nicht. oder kaum.
archinaut schrieb am 09.09.2011 um 07:37
Guten Morgen, liebe kay,
freue mich sehr, dass Du diesen Blog besuchst,
auch wenn die Zeiten so unsicher sind ;-))

Herzliche Grüße in die Heldenstadt

archie
poor on ruhr schrieb am 09.09.2011 um 14:02
Lieber archie,

wie immer gerne gelesen. Sehr interessant diese Vereinigung von Berliner Flair rund um das Charlottenburger Tor gepaart mit Deiner surrealen Note. Danke.

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 09.09.2011 um 23:41
Lieber por,

was Du gerne liest, schreib ich ja auch gerne...;-))
Da passen unsere Interessen gut zusammen....

Herzliche Grüße an die herbstliche Ruhr
sendet
archie
SuzieQ schrieb am 10.09.2011 um 20:01
Warum gehen Peggy und Marlene nicht zusammen?

"Ich werde in den Wald gehen, vielleicht finde ich das Einhorn....hoffentlich schenkt es einen guten Champagner aus..."
Zum Glück gibt es im Wald keine Tabletten.
Und Peggy dachte an Max und an die blauen Briefe.
Und Marlene verkniff sich eine süffisante Bemerkung, die auch süßlich, fein würzig und weniger scharf ausfallen könnte. Wie eine Schalotte.
Ja, einmal Prinzessin sein,.....
archinaut schrieb am 11.09.2011 um 02:34
Warum Peggy und Marlene nicht zusammen weiter gehen,
weiss ich nicht.... sie haben es so entschieden.
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