archinaut

nirgends.......... sicher... nie

01.02.2010 | 01:31

„Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben"

Ein Lied von Sex und Macht aus dem alten West-Berlin: 1960 feiert die junge Leipziger Architektin Sigrid Zschach Hochzeit mit dem Kreuzberger Bezirksbürgermeister „Texas-Willy“ Kressmann.....die Geburt einer Legende. „Plötzlich ist man drin!“ muss die aufmerksame junge Frau bald erkannt haben.

Später wird man die von Sigrid Kressmann-Zschach entwickelte Strategie mit dem Kürzel PPP (public privat partnership) bezeichnen, in den siebziger Jahren aber ist die Nähe zwischen Bauunternehmen und Politik nicht salonfähig. Bezeichnet wird so die Realisierung komplexer Bauvorhaben mit finanzieller Unterstützung durch die öffentliche Hand in Millionenhöhe. Die subventionsverwöhnte Inselstadt segelt glamourös unter Vollzeug in ihren prächtigsten Bauskandal, der unter anderem der langjährigen absoluten Mehrheit der Sozialdemokraten im Berliner Senat ein Ende setzt. Beschädigt sind am Ende nicht nur die politischen Gremien und die regierende Partei, sondern auch Vertrauen und Geduld der Bürger. 

Nach dem Krieg stehen Ost- und West-Berlin im Wettbewerb mit den erforderlichen Aufbauleistungen von gewaltigem Umfang. Nach allgemeiner gesellschaftlicher Übereinkunft ist jede Art von Bautätigkeit erwünscht, eine Baustelle wird als Fortschritt begrüßt. Seit den skandalösen Sündenfällen wie dem Fall des Steglitzer Kreisels aber sind Presse und Öffentlichkeit sensibilisiert, man vermutet fehlende Transparenz, Blauäugigkeit oder auch Bereicherung und Vorteilsnahme bei den verantwortlichen Persönlichkeiten in den Behörden. 

Blow up heißt der Schlüsselfilm der swinging sixties, blow up könnte auch als Motto über den Werken der munteren Sigi stehen, die nicht nur mit Maßstab sprengenden Großprojekten von sich reden macht, sondern auch durch einen Betriebsausflug nach New York und mit ihren Society-Eroberungen im Berliner Nachtleben: „Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben," zitiert Wikipedia.

Die schöne Sigi zeichnet nicht nur als Architektin, sondern agiert auch als Bauunternehmerin wie schon ihr Vater. Gibt es ein besonderes Gen für die Dressur von Beton und Mörtel?  Zu Recht werfen ihr die Fachorgane „unzulässige Verquickung von Werbung, geschäftlichen Interessen und Architektentätigkeit" vor. Mit den Standesregeln der Freischaffenden Architekten ist die schöne Multimillionärin nicht zu fassen. Im kollektiven Unterbewusstsein wird seitdem die Vemutung gehegt, dass man als Architektin oder Architekt leicht ein Vermögen machen kann.

Die Unternehmerin ist eine kompetente, mutige und durchsetzungsfähige Überzeugungstäterin, schön, erfolgreich, umstritten, bei vielen auch beliebt Wie Soraya, so titelt der Spiegel 1971. Über 300 Mitarbeiter arbeiten in ihren Firmen, sie bewegt ein Bauvolumen von über 1,8 Milliarden DM. In ihrer Grunewald-Villa zählen die Journalisten 200 Kleider,140 Paar Schuhe, 70 Hüte, 65 Handtaschen, 65 Pullover, 44 Kostüme, 25 Negligés sowie 20 Pelzmäntel und –jacken.

Knallhart im Geschäft, damenhaft in Gesellschaft, warmherzig zu den Mitarbeitern, zupackende Baulöwin zur Balz, ein Geschöpf wie aus einem Filmplot...... 40 Millionen DM Architektenhonorar hat sie angeblich für den Steglitzer Kreisel ausgehandelt, Neid oder Eifersucht bleiben nicht aus.

Der Blick in die Chronolgie des Steglitzer Kreisels erzeugt Schwindel wie die Fahrt im Karussell: 1966 erwirbt Kressmann-Zschach mit der eigenen Avalon-GmbH die Grundstücke, weil sie die Pläne zum bevorstehenden U-Bahn-Bau kennt. 1967 legt die Architektin Pläne für ein Bürohochhaus mit Bus- und U-Bahnhof und sogar mit der ersten Shopping-Mall Deutschlands vor. 1968  werden die Verträge zwischen dem Berliner Senat und der Avalon GmbH geschlossen, von den geschätzten Baukosten über 180 Millionen DM bürgt der Senat für knapp 40 Millionen DM und gibt ein zinsloses Darlehen von 32,8 Millionen DM. 1969 ist Grundsteinlegung, 1972 Richtfest für das 119 Meter hohe Bauwerk, nach der Insolvenz in 1973 findet die Avalon-GmbH ab 1974 bei inzwischen aufgelaufenen 330 Millionen DM Baukosten keine weiteren Kredite mehr, da kein solventer Mieter in Sicht ist.

Zum Richtfest 1972 preist der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz das Projekt „als eine große Idee, die sich bewähren wird“. Dreißig Geschosse ragen in den Himmel über Berlin-Steglitz. Begleitend seit 1973 erforscht ein Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses das verfilzte Beziehungsgeflecht um den Steglitzer Kreisel. In diesem Verfahren muss der Chef der Berliner Finanzdirektion zugeben, mit der schönen Sigi zweimal in Hotels genächtigt zu haben, in Wien und im Harz - Berlin ist mit über 70 Millionen DM am Risiko beteiligt.

Bis 1977 steht das Hochhaus nur im Rohbau, ein neuer Investor gewinnt die Steglitzer Bezirksverwaltung als Mieter. 1980 zieht die Verwaltung ein, 1988 erwirbt das Land Berlin trotz der inzwischen bekannt gewordenen Asbestbelastung den Büroturm für knapp 67 Millionen DM, man hängt Warnschilder auf: Achtung, enthält Asbest.

2004 beziffert ein Gutachten die Kosten einer Komplettsanierung mit 90 Millionen EUR, manche mögen Parallelen mit dem Schicksal des Palastes der Republik erkennen: Palast des Westens ist ein Artikel in der Berliner Zeitung überschrieben. Nach 2007 steht das Hochhaus leer, das Land Berlin sucht einen Investor als Käufer und schiebt die Entscheidung zu einer vereinfachten Sanierung auf die lange Bank. 2010 wird das Objekt auf der Immobilienmesse in Cannes angeboten, vielleicht finden Einzelteile den Weg in’s gelobte Morgenland wie einige Stahlträger der Berliner Palastruine, die im höchsten Gebäude der Welt einen neuen Platz gefunden haben sollen.

Natürlich ist die Steglitzer Vorstadtposse nicht zu vergleichen mit der wendebewegten Denkmalschändung auf dem Berliner Schlossplatz. Der Steglitzer Kreisel steht in der öffentlichen Kritik seit der ersten öffentlichen Vorstellung. Nach verlustreicher Historie 1988 erworben, sammelt das Land Berlin nach neun Jahren Nutzung Geld für den Abriss. Das Hotel im Sockelbauwerk scheint ausgelastet zu sein. Aber in den Herzen der Berliner ist der Steglitzer Kreisel vielleicht noch nicht angekommen.

Die Berliner Architekturgeschichte würdigt den mächtigen, nüchternen Zweckbau mit 119 m als eines der höchsten Berliner Gebäude nicht weiter, die Tauglichkeit zur Förderung der sozialen Integration und bürgerlichen Identifikation im Bezirk ist eher zweifelhaft. Oder sollten wir uns täuschen? Zeichnet sich etwa eine Änderung der öffentlichen Meinung ab?

„Der Senat muss nun endlich eine Entscheidung über die Zukunft treffen“, zitiert BZ im Januar 2010 den Steglitzer Abgeordneten Benedikt Lux (Grüne). „Es kann nicht sein, dass dieses typische Berliner Bauwerk am Ende abgerissen wird.“

Vielleicht ein neuer Fall der Quedlinburger Qranqheit? Selbst die Frage nach der Nutzung findet Antwort bei Bernd Matthies im Tagesspiegel: „Machen wir ein Mahnmal draus fürs alte West-Berlin und seine unnachahmliche Kunst, das Geld stilvoll aus dem Fenster zu werfen. Was da kichert, ist die große Architektin Sigrid Kressmann-Zschach, die sich posthum köstlich darüber amüsiert, wie sie die Stadt damals aufs Kreuz gelegt hat.“

 Also doch: ein Denkmal für eine unsterbliche Liebe wie das Taj Mahal? Ein Monument für die Sehnsucht, die Neue Welt zu bauen?

 

 


Hier endet der 64. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.


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Kommentare
jayne schrieb am 01.02.2010 um 11:18
hätte nicht gedacht, daß der "kreisel" bis in die jetzt-zeit für skandale und aufsehen sorgt; als prägnanter und stofflicher begriff für korruption war er mir in den 70ern bekannt geworden, auch vermittels abbildungen in der "westpresse", sehr gegenwärtig seltsamerweise, vielleicht weil ich allzuoft RIAS und SFB hörte, nicht nur rock, sondern auch andere sendungen, und in der deutschen bücherei zugang zu diversen druckerzeugnissen hatte ...
archinaut schrieb am 01.02.2010 um 20:54
Liebe jayne,

manche Häuser haben eine Legende wie die Nibelungen,
bis sie endlich fallen -
nur Katzen haben 7-9 Leben..

Vielen Dank für's Lesen, der Text zieht sich etwas in die Länge diesmal... Sehr schön finde ich übrigens, dass Du den "Kreisel" schon seit den 70 Jahren kennst..!
Magda schrieb am 01.02.2010 um 11:41
Hallo,
auch ich hatte da noch ziemlich präsente Erinnerungen. Ich habe das Ganze auch in der "Berliner Abendschau" und im RIAS und SFB verfolgt. Das war ein Filz, mein lieber Scholli.
Und simmt: Die Kressmann-Zschach war eine wirklich schillernde Person. Wo ist die eigentlich abgeblieben?

Nicht lange danach gab es dann den Garski-Skandal. Auch so eine Baugeschichte, über die der Bürgermeister Dietrich Stobbe gestolpert ist.

Es gab viel Geld zu verjuxen damals in Westberlin.

Danke für die hochinteressanten - sicherlich im Wesentlichen doch realen :-)) Blogaufzeichnungen.

Bleib auch Du dran!!
archinaut schrieb am 01.02.2010 um 20:59
Liebe Magda,

die "große Architektin Sigrid Kressmann-Zschach" (Zitat) habe ich leider nie persönlich kennengelernt/gehört/gesehen....und nach den Quellen lebt sie nicht mehr.

Auch heute würde sie eine Menge Geld zum Verjuxen finden, vermute ich, sie müßte nur die Branche wechseln.....(wer hat eigentlich die Bankenkrise verursacht?)

Eva nascht doch immer wieder am Apfel,
hoffe ich:-)))
poor on ruhr schrieb am 01.02.2010 um 18:21
Lieber archie, klasse und total interessant. hier im Westen ist Der 'Steglitzer Kreisel aus meiner Perspektive immer nur als Bauskandal angekommen, aber so was Genaues habe ich da noch nie drüber gelesen. Vielen Dank. Ich gebe Magda recht:"Bleib Du auch dran", denn Du bist prima.

Ich bleibe dran.

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 01.02.2010 um 21:02
Lieber por,

dann habe ich ja mal ein Berliner Thema gefunden, dass in Essen so bekannt ist wie in Leipzig:-))

Es freut mich, dass Dir die Gechichte gefallen hat!

Herzliche Grüße
archie
poor on ruhr schrieb am 02.02.2010 um 16:59
Lieber archie,

hat mir ganz ehrlich sehr gut gefallen.
Nochmals vielen Dank!

Herzliche Grüße

por
Sportchef schrieb am 04.02.2010 um 10:59
Hallo, Archie!

Sigrid Kressmann-Zschach starb am 28. Oktober 1990 in Berlin.
Sie erhielt ein Ehrengrab (sic!) auf dem Waldfriedhof Zehlendorf.

Da sie nunmehr vermutlich in der Hölle schmort, kann sie heute hoffentlich wenigstens ein Drittel ihrer Maxime verwirklichen: "Männer (...) kann man nie genug haben." De mortuis nil nis bene.
archinaut schrieb am 04.02.2010 um 20:59
Vielen Dank für den input, lieber Sportchef,

das ist doch bestimmt ein Trick,
um die Millionen ungestört zu verknuspern:-))

Aber mal im Ernst: Glaubst Du, dass in der Hölle Männerüberschuss angesagt ist?
Sportchef schrieb am 04.02.2010 um 22:04
Frauenüberschuss, aber hallo!

Aber da gibt's eben immer welche, die können nie genug von allem bekommen!

Hauptsache, es findet sich wer, der am Ende die Zeche zahlt.
Im Himmel, auf Erden und erst recht dort, wo das Blut kocht.

Rosen auf das Grab in Nikolassee - und mit ganz viel Dornen dran, bitteschön!
archinaut schrieb am 04.02.2010 um 23:44
Die Welt ist ungerecht,
die einen wollen zuviel,
die anderen haben zu wenig,
und manchmal bleibt die Zeche offen.....
archinaut
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Magda hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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