archinaut

nirgends.......... sicher... nie

28.10.2011 | 00:35

Vom Stürzen

 

Im März 1943 begann ich wieder mit meiner Arbeit im Innenministerium, schreibt mein Großvater auf Seite 159 seiner Lebenserinnerungen: Mein Vertreter.... hatte die Interessen meiner Abteilung bestens wahrgenommen, aber bei der Einordnung neuer Reichsgebiete waren wir völlig ausgeschaltet, und auch sonst ging vieles an uns vorbei. Da wir für die Wehrmacht ständig Vermessungsingenieure zu stellen hatten, und die einzigen Hilfsquellen hierfür sich bei der preußischen Katasterverwaltung befanden, deren oberster Chef der Preuß. Finanzminister Dr. Popitz war, fragte ich ihn, ob für die Dauer des Krieges die Katasterverwaltung dem Innenministerium unterstellt werden könnte, damit wir den Anforderungen der Heeresleitung besser entsprechen könnten. Er bat dringend darum, davon abzusehen, da die Katasterverwaltung noch die einzige Säule sei, die ihm als Preuß. Finanzminister übrig geblieben sei.

Als ich ihm entgegenhielt, dass nach meiner Information seine Ernennung als Reichsschatzminister erwogen würde, antwortete er zu meinem größten Erstaunen, aus der Hand von Hitler nähme er kein Amt an; da er als Preuß. Finanzminister den Preuß. Ministerpräsidenten Göring als obersten Dienstherrn hatte, fragte ich ihn, ob er die moralischen Qualitäten Görings so viel höher einschätze als die von Hitler. Darauf teilte er mir in längeren Ausführungen mit, dass alles, was gegen Gesetz und Recht geschehe, unmittelbar auf Hitler zurückgehe. Im Felde hatten wir zwar auch manches gehört, was unseren Abscheu hervorrief; wir aber nahmen an, dass es sich dabei um Übergriffe allzu diensteifriger Schergen handele. Diese Unterredung, die mich unendlich aufregte, ist mir heute noch in allen Einzelheiten in Erinnerung. Als ich einwarf, es müsste etwas geschehen, um diese unheilvolle Macht auszuschalten, erinnerte er daran, wie es in Russland z. Zt. der Zaren Peter II. und Paul I. geschehen sei. Zum Schluß sagte er mir: „Jedes Wort, das wir miteinander gewechselt haben, kann unseren Kopf kosten; wir rechnen mit Ihnen. Sind Sie damit einverstanden?“ Ich bejahte dies. Selbst meiner Frau, der ich stets alles gesagt habe, habe ich von diesem Gespräch nichts mitgeteilt.

 

 

Hier endet der 212. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 28.10.2011 um 01:37
@

"Darauf teilte er mir in längeren Ausführungen mit, dass alles, was gegen Gesetz und Recht geschehe, unmittelbar auf Hitler zurückgehe. "

Der Satz weist wohl nur formal auf den Beamten- und Soldateneid hin, der nach dem so genanten "Röhm Putsch", dem Tod von Reichspräsident Paul Hindenburg im Bunde mit dem illegalen Generalstab der Reichswehr (Aussetzung des Generalstabes durch den Vertrag von Versaille) ab dem Sommer 1934 auf den Führer, in Persoanalunion Reichskanzler, Reichspräsident Adolf Hitler als verblieben gesetzgebendes Organ verweist und gleichzeitig auf den angeblichen Befehlsnotstand abhebt?
Joachim Petrick schrieb am 28.10.2011 um 01:53
@archinaut

"Darauf teilte er mir in längeren Ausführungen mit, dass alles, was gegen Gesetz und Recht geschehe, unmittelbar auf Hitler zurückgehe. "

Der Satz weist wohl nur formal auf den Beamten- und Soldateneid hin, der nach dem so genanten "Röhm Putsch", dem Tod von Reichspräsident Paul Hindenburg im Bunde mit dem illegalen Generalstab der Reichswehr (Aussetzung des Generalstabes durch den Vertrag von Versaille) ab dem Sommer 1934 auf den Führer, in Persoanalunion Reichskanzler, Reichspräsident Adolf Hitler als verblieben gesetzgebendes Organ verweist und gleichzeitig auf den angeblichen Befehlsnotstand abhebt?

wie könnte das Spiel weitergehen?:

Jetzt könnte eine freiwillige und eine zwangsverpflichtete Hausangestelte als Kindermädchen, Pflegerin aus Polen ins Spiel kommen, von denen die eine von polnischen Partisanen als Kundschafterin und Briefkasen geworben wurde, die andere von Sophie Scholzens tapferen Schreckens Schicksal ergriffen ist...

beide lesen wie zufällig, des Deutschen mächtig, gemeinsam heimlich in den vorgestellten Tagebuchschriften des Hausherrn
SuzieQ schrieb am 28.10.2011 um 02:41
@ Joachim Petrick
"wie könnte das Spiel weitergehen?"
es ist keins, wars auch nicht für Sophie Scholl.
auch keine soap, sondern Ernst ; )
archinaut schrieb am 29.10.2011 um 00:38
Hallo Joachim Petrick,

es heißt, Dr. Popitz habe auf die Renaissance der Monarchie gesetzt......
www.dhm.de/lemo/html/biografien/PopitzJohannes/index.html
aber gegen die Judenverfolgung hat er mit einem Rückstrittsgesuch protestiert.....

Für einen autoritär denkenden Menschen ist die Spitze der Befehlspyramide allein für alles verantwortlich.

Der Gedanke mit den heimlichen Mitleserinnen wäre zwar dramaturgisch reizvoll, aber etwas unglaubwürdig:
Die Niederschrift dieses Gesprächs erfolgte bestimmt erst viel später, nach dem Krieg....
SuzieQ schrieb am 28.10.2011 um 02:32
"...wir rechnen mit Ihnen. Sind Sie damit einverstanden?“ Ich bejahte dies. Selbst meiner Frau, der ich stets alles gesagt habe, habe ich von diesem Gespräch nichts mitgeteilt."

Da möchte ich doch erfahren, wieviele Seiten Lebenserinnerungen der Großvater noch zu schreiben in der Lage war.
Wünschen würde ich noch viele hundert Seiten.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es war, zu seiner Zeit zu leben, zu reden, zu entscheiden. Bemerkenswert. Geradeaus.
In einer einzigen Unterredung, die ihn unendlich aufregte, war alles geklärt.
Und er sprach darüber nicht mit seiner Frau. Reiner Schutz. Man schützt, wen/ was man liebt.

Sag mal, archie, magst du ein wenig schneller blättern, in den Erinnerungen, sagen wir mal, so bis Mai 1945, bis etwa Seite x mit Überschrift -alles gut, überstanden-?!

Gruß durch die Nacht von Suzie
archinaut schrieb am 29.10.2011 um 00:52
Hallo nächtliche Suzie,
freue mich über Deine Neugier!

An dieser Stelle fand ich besonders reizvoll, dass sich in der nüchternen Schriftsprache das Unerhörte spiegelt: der Chef lästert ausführlich über "den da oben".

Aber es bleibt nicht beim Lästern, die Zeit ist zu kostbar,
es geht um eine andere Ordnung danach, der Chef will einen neuen Unterstützer anwerben: "Wir rechnen mit Ihnen!" Knapper geht es kaum.

Es ist übrigens eine der wenigen Stellen in diesen Lebenserinnerungen, wo Gefühle durchschimmern...

Wie es später weiterging, dazu war hier was zu lesen
www.freitag.de/community/blogs/archinaut/vom-erinnern

und ja, er hat den Krieg überlebt.

Gruß in die Nacht
archie ;-))
SuzieQ schrieb am 29.10.2011 um 01:39
"Es ist übrigens eine der wenigen Stellen in diesen Lebenserinnerungen, wo Gefühle durchschimmern..."
Ich denke, er hat, zumindest bis Kriegsende, vorsichtig formuliert.
Gefühlsäußerungen sind seiner Generation sicher fremder gewesen als es heutzutage möglich ist.
Bin noch ein bißchen neugierig, wie er selbst mit seinen Erinnerungen umgegangen ist.
Ob er -für sich- geschrieben hat oder mit dem Wunsch, sie weiterzugeben, ob er sie thematisiert hat oder sie als 'Vergangenheits-Bewältigung' wichtig waren, um verarbeiten zu können, was er lebte/ leben musste.
Nach zwanzig Jahren hat er sie beendet.
Und weggelegt? Gehütet wie einen Schatz? Hingelegt für die nachfolgenden Generationen?
Ich nehme mal an, dass er, nachdem er sie beendet hat, noch eine ganze Weile lebte.
Schreiben kann Frieden bringen.
Gruß und bitte
gerne mehr
Suzie
archinaut schrieb am 29.10.2011 um 02:32
Hallo Suzie,
er hat seine Lebenserinnerungen für die Kinder und Enkel aufgeschrieben, zur Konfirmation hat er jedem Enkelkind ein Exemplar geschenkt.... aber ich will ehrlich sein: Beim ersten Lesen (mit sechzehn oder so) bin ich schon irgendwo in den Schlachten des ersten Weltkriegs versandet....
goedzak schrieb am 28.10.2011 um 10:50
Erst klingt es nach getreuer Diensterfüllung, dann nach Kreisauer Kreis. Wahrscheinlich kein Widerspruch, oder?

Und das mit 'Göhring besser als Hitler', war das nur eine Illusion, oder eine wohl begründete Einstellung?
archinaut schrieb am 29.10.2011 um 01:09
Hallo goedzak,

die möglicherweise als rhetorisch einzuschätzende Frage "ob er die moralischen Qualitäten Görings so viel höher einschätze als die von Hitler" dient doch dazu, die auslegungsbedürftige Aussage "aus der Hand von Hitler nähme er kein Amt an" besser zu deuten.....und löst offenbar die Zunge des Ministers zu unerwarteter, letzter Offenheit.....
"Diese Unterredung, die mich unendlich aufregte, ist mir heute noch in allen Einzelheiten in Erinnerung," schreibt der Überlebende zwanzig Jahre später nieder.
poor on ruhr schrieb am 28.10.2011 um 14:04
Beeindruckende Geschichte aus den Erinnerungen Deines Onkels?
Sie hatten zum grössten Teil damals noch andere Wertvorstellungen. Und viel zu viele haben viel zu lange geschwiegen.
Du erzählst von denen , die noch halbwegs aufrecht geblieben sind und doch Angst hatten. Spannend.

Danke.
archinaut schrieb am 29.10.2011 um 02:11
Lieber por,
interessant fand ich an dieser Stelle, wie aus Gefolgschaft plötzlich Abstand, verdrängter Ekel und Abscheu wächst:
Was muss passieren, damit ein Machtapparat, ein Ministerium Umsturzpläne schmiedet?

Die Strafandrohung war natürlich gefährlicher damals, da ist der Abgeordnete Bosbach mit dem"Pofalla-Rüffel" noch glimpflich weggekommen.....

Herzlichst
archie
poor on ruhr schrieb am 29.10.2011 um 13:10
Lieber archie,

"Die Strafandrohung war natürlich gefährlicher damals, da ist der Abgeordnete Bosbach mit dem"Pofalla-Rüffel" noch glimpflich weggekommen....."

Das stimmt. Das war ja auch nicht gerade eine Lehrstunde der nach dem Grundgesetz vorgeschriebenen innerparteilichen Demokratie.

Herzliche Grüße

poor
archinaut schrieb am 29.10.2011 um 23:54
Lieber por,

das Internet mach bekanntlich schlau:

"Ohne eine erkleckliche Dosis Kadavergehorsam und bestgemeinten Jesuitismus pflegt es auch heute noch, in modernen politischen Parteien, nicht abzugehen.“
( de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/K )

... auch wenn er manchmal streng riecht ;-))

Herzlichst

archie
luggi schrieb am 28.10.2011 um 21:52
Wenn alle die Schnauze halten sollten ... woher kennst du die Details? War da ein IM im Spiel?
Ja und was ist mit den Kleinen? Meine Ernennung zum Erschießungskommando von Juden akzeptiere ich nur aus der Hand von ... ???
archinaut schrieb am 29.10.2011 um 02:41
Hallo luggi,
wie wir ja wissen, haben viele ihre "Pflicht" bis zum bitteren Ende erfüllt: ohne Widerstand, ohne Skrupel....
luggi schrieb am 29.10.2011 um 21:55
Hallo archie,
jenau, ham se erfüllt ... ihre Pflicht ... und viele nach '45 weiter. Einer hat sogar seine Pflicht als Bundeskanzler erfüllt ...

Danke noch mal für die Anregung zum Nachdenken.
archinaut schrieb am 30.10.2011 um 00:10
Hallo luggi,
freue mich über Deine Nachfrage!
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