Hochspannung: Der heimische Fußballklub BVB 09, erneut den Meistertitel vor Augen, spielte gegen Bayern München. Auf der Opernbühne stand die Fußballrevue “Fangesänge” zur Premiere an. Schwarz-gelb die Stimmung. Schwarz-gelb Schals und Kleidung. Eindeutig standen am Ende des 90-minütigen Spiels auf den Brettern der Dortmunder Oper gleich drei Sieger fest: Der BVB, der Fußball und die Kunst.
Skepsis betreffs des Erfolgs der “Fangesänge” mochte bei dem einen oder anderen vor der Premiere – vor und hinter der Bühne - womöglich vorgeherrscht haben. Indes: Die Show funktionierte. Der große Zusammenstoß Fußball versus Oper, respektive: Theater, blieb aus. In gewisser Weise befruchtete sich sogar beides. Das eine lief dem anderen also keineswegs den Rang ab.
Die Fans: Hundert Chorsängerinnen und Sänger
Das Projekt “Fangesänge” der Oper in Koproduktion mit dem Kinder- und Jugendtheater des Theater Dortmund bestand deshalb, weil es ein fiktives Fußballspiel in zwei Halbzeiten – aber ohne Stückpause gespielt, so daß kein “Loch” entstehen konnte – auf die Bühne (Ilona Schwab) brachte und an keiner Stelle versuchte “König Fußball” naturalistisch zu veropern. Naturalistisch waren einzig die auf die Bühne gestellten zwei Stehplatztribünenteile, unterbrochen durch einen tunnelartigen Ein- und Ausgang, welcher in die hinteren Gefilde eines imaginären Stadions zu führen vorgibt. Darauf verteilt die “Fans”: Der vierzigköpfige Hauschor der Dortmunder Oper (Leitung: Granville Walker) und die 60 Laien vom “Chor der Fußballfreunde” – zusammen hundert Sängerinnen und Sänger bestehend.
Fußball, durchwachsen
Aus der Masse der Fans heraus agierten äußerst engagiert drei Schauspieler in verschiedenen Rollen: Randolph Herbst, Rainer Kleinespel und Bastian Thurner. Besonders glaubwürdig im wahrsten Sinne des Wortes ver-körpert, die Auf- und Erregungen des Fans herüber bringend. Sowie deren Motivation auch dem Fußball-Laien klar werden lassend, “ihrem” Heimatverein in guten wie in schlechten Zeiten, oft von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter hinein, die Treue als Fan zu halten. Die Hauptrolle, getreu dem Stücknamen, ist jedoch durchgängig den Fans vorbehalten, deren so unterschiedliche Facetten, Gesten während des “Spieles”, und Gesichter durch die Choristen mit viel Verve dargestellt werden. Gefühle pur, wie sie ein Fußballspiel nun einmal bei den Fans hervorruft: Eben noch Himmelhochjauzend begeistert, verdüstert sich deren Stimmung bei verschossenen Pässen, die dem Gegner nützen. “Sch…Scheiße…! brüllt der eine. Der andere beschwichtigt: “Kann passier’n!”. Die Dialog der Fans sind zu großen Teilen aus dem Leben gegriffen. Da geht ein getreuer Fan den Millonen absahnenden “Söldner”-Spieler an, der ja eh bald wieder weg ist, wenn ein zahlungskräftiger Verein im Ausland mit dickeren Euroscheinpacken wedelt. Autor Menke-Peitzmeyer hat fleißig recherchiert und die Dialoge echten Fans abgelauscht. Da geht es eben auch schon einmal unter die Gürtellinie, wenn die Schwarz-Gelben Fans vom BVB 09 den “Erzfeind” Herne-West, gemeint ist natürlich Schalke 04 – für deren Fans Dortmund “die verbotene Stadt ist”, im Spiele verbal hart von der Stehplatztribüne angehen. Selbst FIFA-Chef (oder soll man schreiben: “Fußball-König”) Sepp Blatter kommt vor im Stück, der sich augenscheinlich arrogant-selbstsicher für den Nabel der Fußballwelt hält und der es auch samt seines “Ladens” und Amtes ist, weil dort die Fäden gezogen werden und das große Geld abkassiert wird. Ja, auch der Kommerz, der auch in Deutschland immer mehr den alten guten Fußball zum Spielball des Mammons werden läßt: Auch in Dortmund trägt das Westfalenstadion längst den Namen eines Versicherungskonzerns! Ist das normal? Dem Fan nervt’s, deshalb bringt er es auf den Punkt. So auch die “Fangesänge”. Was die Dortmunder Revue ehrlich ‘rüberkommen läßt, ohne dass einen der Spaß daran vergeht. So ist halt das Fußball-Leben heutzutage! Demzufolge klammert die Inszenierung auch nicht die Gewalt so genannter Fans aus. Diese geben ihren Gefühlen hinter einem aus dem Schnürboden herab gefahrenen Gitter rustikal Ausdruck: Randale, Bambule. Während davor bis zum Stehkragen gepanzerte Polizisten aufmarschieren und ihre Gefühle und Ängste kundtun. Fußball-Leben, durchwachsen.
Eine blau-weiße Tasse für den einzigen Schalker
In der Fußball-Halbzeit-Pause dann ein Quizeinschub. Ein quirliger Conferencier (Rainer Kleinespel) stellt Fragen zu Fußball und Borussia Dortmund. Ein T-Shirt mit Autogrammen von Dortmunder Borussen wechselt den Besitzer. Ein Sixpack Pils auch. Sogar eine blauweiße Schalke-Tasse (!) findet einen Abnehmer, die eine junge Borussia-Anhängerin zuvor natürlich selbst als Trostpreis verschmähte: Ein einzelnen, wahrscheinlich den einzigen, bekennenden und an den Vereinsfarben Blau und Weiß erkennbaren, im Zuschauerraum der Oper Dortmund sitzenden, freundlich geduldeten Schalke-Fan. Und das in der “Verbotenen Stadt”! Was doch alles möglich ist!
“Schiri, wir wissen wo dein Auto steht …”
Nach Dialogen der Schauspieler erfolgen Videoeinblendungen. Es geht Schlag auf Schlag. Die Inszenierung des gebürtigen Argenteniers Marcelo Diaz hängt nie durch. Immer wieder gewinnt sie an Tempo. Erst recht, wenn Fan-Schlachtgesänge, untermauet von Paukenschlägen wie “Heja BVB” oder “Dortmunder Jungs”, erklingen. “Leo Duo” (zwei Chorsolistinnen) läuft mit “You’ll never walk alone” (BVB-Hymne) auf. Andere bekannte Lieder wurden vom Komponisten Martin Gantenbein für die “Fangesänge” arrangiert. Nur wenige Instrumentalisten – hoch droben über der Tribüne thronend – genügen, um für die richtige Stimmung zu sorgen. Es erklingen: eine Trompete, zwei Posaunen und Schlagzeug. Die musikalische Leitung liegt in Händen von “Schiedsrichter” Philipp Armbruster, der sein Amt vom Orchestergraben ausübt. Und der auch den Stab nicht sinken läßt, wenn die “Fans” singen: “Schiri, wir wissen wo dein Auto steht …”
Kein Zuckerguss für “König Fußball”
Stück wie Inszenierung atmen Herz und Verstand. Autor wie Regisseur haben Gott sei Dank der Versuchung widerstanden “König Fußball” mit dickem Zuckerguss zu überziehen und über den grünen (bzw. vielmehr: schwarz-gelben!) Klee bis in den siebten Himmel hinauf zu loben. Einzig die Maradonna-Szene, hier: die Spielerfigur Djego Maradonna selbst, scheint mir in der Inszenierung eine Spur zu kitschig geraten zu sein. Maradonna ist wohl einfach zu einzigartig, als dass er ruckzuck nachzuspielen wäre. Dessen nicht selten tatsächlich (mara-)donnen haftes Auftreten nähme man sicher in der Wirklichkeit hin, vielleicht nicht aber, gespielt von einen Maradonna spielenden Darsteller. Dem sympathischen argentinischen Regisseur der Dortmunder “Fangesänge” muss man dessen Maradonna-Bild vielleicht durchgehen lassen. Schließlich tut es dem positiven Gesamteindruck der Inszenierung keinen Abbruch. Schon deshalb nicht, weil wohl beim Tango tanzenden Maradonna alle (zumindest männlichen Zuschauer) ihre Augen auf dessen Partnerin in der Szene, die bezaubernde Adriana Nadolni, gerichtet haben dürften …
“Fangesänge” in Dortmund. Mit einem Wort: Bravourös!
Unterhaltsam und mit Dialogen, die ordentlich Schmackes haben. Stehende Ovationen! Zugabe-, Zugabe-Rufe. Was will man mehr?! Wer hätte das gedacht: Eine rundum tolle Revue. Fußball traf Oper. Und nichts ging dabei entzwei. Im Gegenteil! Ein begeisterter Intendant, Jens-Daniel Herzog, nahm das mit Freuden zur Kenntnis und lobte die Inszenierung, Autor, Komponist Regisseur, Bühnenbild und selbstverständlich deren Akteure auf der Premierenfeier im Foyer unter der als Markenzeichen der Oper, des Theaters Dortmund, geltenden Kuppel dieses Musentempels inmitten der westfälischen Metropole herzlich und – mit Fug und Recht – überschwänglich. Das Kalkül des Hauses mit dieser Inszenierung neben dem “normalen” Opernpublikum vielleicht auch anderen Besucherkreisen Appetit auf andere Stücke zu machen bzw. denen mögliche Schwellenängste zu nehmen könnte aufgehen. Herzog kündigt auf der Premierenfeier an, künftig weiter Kooperationen der einzelnen Theatersparten ins Auge fassen zu wollen. Warum auch nicht: Mit den Pfunden die man hat, soll man auch als Kulturinstitut ordentlich wuchern. “Fangesänge” ist eine Show die so richtig in die fußballverrückte Stadt Dortmund passt. Wie mögen erst folgende Vorstellungen laufen, wenn Borussia Dortmund vielleicht bald wieder Deutscher Meister sein wird?! Zuweilen ist ja Fußball auch großes Theater. Nun ist auch der Fußball ganz groß in der Oper …
“Fangesänge” im Opernhaus des Theater Dortmund: Weitere Vorstellungen am 5.5, 13.5, 20.5. sowie am 31.5, 24.6, 4.7. und 8.7.2012.