Empfehlung der Woche

Generation rechts?

Generation rechts?

Rüdiger Maas

Hardcover, gebunden

288 Seiten

24 €

Zur Empfehlung
Doxumentale 2026

Doxumentale 2026

Das Festival für Non-Fiction-Storytelling

In zahlreichen Locations in ganz Berlin

Vom 27. Mai bis 7. Juni 2026!

Zur Empfehlung
Das Los des Fremden

Das Los des Fremden

Brandt Andersen

Drama

USA 2025

104 Minuten

Ab 18. Juni 2026 im Kino!

Zur Empfehlung
Gefühlte Wahrheiten. Zeppeline und Nationalsozialismus

Gefühlte Wahrheiten. Zeppeline und Nationalsozialismus

Zeppelin Museum Friedrichshafen

Seestraße 22 | 88045 Friedrichshafen

Vom 22. Mai 2026 bis 4. April 2027!

Zur Empfehlung

Politik : Neues Deutschland ohne "krude Gedanken" aber norwegisch inspiriert

Zum Kommentar-Bereich

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Deutschland ist anders. Mir fiel dieser Tatbestand bereits auf, da schaute ich noch von der einst so hoffnungvoll als "neues Deutschland" gedachten und im damaligen Zentralorgan der SED "Neues Deutschland" tagtäglich bis 1989 als selbiges beinahe hymnenhaft gepriesenen Landes DDR via mir zugänglicher Medien auf den damals erst immer nur Westdeutschland, dann BRD genannten anderen Teil unseres inzwischen wieder zusammengebrachten Vaterlandes.

Oft wurde dort - in meinen Augen zumindest - auf dies und jenes mit viel Geblubber und Geplapper reagiert. Manchmal "flächendeckend". Dabei passierte in der jeweiligen Sache oftmals wenig bis nichts. Im Bundestag dafür aber umso mehr! Da war noch Leben in der Bude. Wehner. Strauß. Bartzel. Mischnik. In der Rückschau war dieses Westdeutschland in vielerlei Hinsicht ein besseres Deutschland als das heutige. Jedenfalls für mich. Was u.a. sehr viel mit Willy Brandt, dem ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler der BRD zu tun hatte.

An ihn erinnerte dieser Tage im Rückblick auf schrecklichen Anschläge in Norwegen Holger Schmale in seinem Kommentar für Berlin Online. "Die Erinnerung an Willy Brandt ist eng verknüpft an den Kernsatz seiner Regierungserklärung von 1969: 'Wir wollen mehr Demokratie wagen'. Das politische Denken", schreibt der Kommentator, "des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers war entscheidend geprägt von seinen Erfahrungen im norwegischen Exil."

Die Reaktionen der norwegischen Regierung, insbesondere, die Äußerungen des nowegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg auf die Anschläge von letzter Woche, ließen erkennen, dass sich das liberale, freiheitliche Denken - wovon eben gerade auch Willy Brandt entscheidend geprägt worden war - in Norwegen bis heute erhalten hat. Wir sollten aufhorchen und tiefen Respekt vor den von den Anschläge selbst tief ge- und betroffenen Jens Stoltenberg und dessen besonnenen Reaktion darauf empfinden.

Mir werden seine Worte lange in Erinnerung bleiben. Nicht von Hass oder von einem nun etwa zu beginnenden Krieg gegen Attentäter welcher Art auch immer war darin die Rede. Nicht einmal von einer Verschärfung von Gesetzen sprach er. Stoltenbegs Worte konnten passender und klüger - ja: weiser! - nicht sein: "Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität. Aber nie Naivität."

Hand aufs Herz: Können Sie sich, liebe Leserinnen und Leser - gesetzt den Fall, bei uns wären so schreckliche Anschläge geschehen - eine auch nur anähernd ähnliche, besonnene Reaktion auch nur eines führenden Politikers unsere Bundesregierung darauf vorstellen? Die Antwort auf diese Frage mag sich eine jede, ein jeder selbst geben.

Deutschland ist anders. Wieder einmal. Zuerst - da ist der Anschlag von Oslo gerade Minuten alt - plappern auf diversen TV-Kanälen so genannte "Terrorismus-Experten" munter darauf los, obwohl sie kaum mehr als wir Zuschauer über die Vorgänge wissen. Sie sind in den Sendeanstalten nahezu unvermeidlich geworden. Man karrt sie bei Bedarf rasch heran, oder klingelt sie daheim zu welcher Zeit auch immer an und holt sie wenn es sein muß auch direkt von der Kloschüssel ans Telefon. Denn irgendwie müssen Erklärungen her. Selbst wenn es noch gar keine gibt: geben kann.

Einer dieser unvermeidlichen "Terrorexperte" Elmar Theveßen (ZDF) war diesmal life-haftig im Nachrichtenstudio vorhanden. Er schnurrte die zumeist passende Erklärung seit 2001 und 9/11 herunter: Islamistischer Anschlag nicht ausgeschlossen. Hat ja noch immer hingehauen! Doch, padautz!, Herr Theveßen lag gehörig daneben. So etwas nennt sich Experte?! Warum sagt man nicht einfach: Wir wissen noch nichts. Müssen erst recherchieren! Aber klar: n-tv könnte ja schneller sein und der Zuschauer enttäuscht weg vom Lercherberg zappen.

Doch n-tv erwischte es noch schlimmer: Ein sich Netzreporter schimpfender Journalist? saß einem Fake von einer zweiten Explosion im Zentrum Oslos auf, die jemand auf Youtube zurechtgebastelt hat. Welch Wahnsinn! Die öffentlich-rechtlichen hielten jedoch tapfer mit: Das Erste fuhr mit dem Stellvertretenden Chefredakteur, Rainald Becker, einen "Terrorexperten" auf, der sich ebenfalls nicht lumpen ließ. Auch für den ARD-Mann war klar: Nur Islamisten konnten hinter dem Anschlag stecken. Wo nur wußte das nassforsche Journalist? - solche Leute hätten doch früher keinen Pförtnerjob gekriegt, oder? - so rasch her. Wird wohl kombiniert haben. Islamismus passte ja bis jetzt noch immer wie die Faust aufs Auge...

Doch die nächste Tage wurde es nicht besser im "neuen Deutschland" unserer Tage. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Hans-Peter Uhl entblödete sich nicht angesichts der Anschläge in Norwegen die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung - die das Bundesverfassungs in der alten Regelung für verfassungswidrig erklärte - zu fordern! Schmerz laß nach, bitte!

Den Vogel, wenn man das in diesem Zusammenhang schreiben darf, schoss jedoch der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut ab. Der Mann machte aus seiner enormen Beschlagenheit bezüglich der vorliegenden Thematik nun überhaupt kein Geheimnis: Er forderte, eine Datei für "auffällige Personen" mit "kruden Gedanken" zu installieren. Toll! Für den Buchstaben "W" hätte ich schon einen würdigen Kandidaten, der wie Hammer auf den Kopf in diese geforderte Datei passte!

Wer schon ulkig so'ne Datei! Aber Spaß beiseite: Wir brauchen sie eigentlich gar nicht. Kenn wir doch unsere Pappenheimer in Sachen "kruder Gedanken" alle nur zu gut. Ja, so gut gar, dass sie so manchem von uns wohl längst zum Halse heraushängen! Erst kürzlich traten wieder zwei dieser "auffälligen Personen" in Erscheinung. Einer heißt Thilo Sarrazin. Der andere Stänkerer Henryk M. Broder. Der eine ist geistiger Brandstifter. Der andere Schreibtischtäter, Chefzyniker und Talkshow-Provokateur. Man sollte fertig werden mit dieser Sorte Mensch. Auch ohne Datei.

Deutschland ist anders. Ja. Ach lernten wir doch etwas von Norwegen! Ein bisschen nur. Ist das denn zuviel verlangt?Wagten wir doch auch im Sinne des norwegisch inspirierten Willy Brandt mehr Demokratie. Orientierten wir uns doch auch an Jens Stoltenberg, der ebenfalls dies, sowie mehr Offenheit und mehr Humanität versprach. Was ja nicht heißt - gleichzeitig naiv bzw. blind nun einmal für vorhandene gesellschaftliche Probleme sein zu müssen.

Freilich dabei mitbedenkend, dass selbst ein solches Herangehen so horrible Anschläge wie die in Norwegen geschehenen nie gänzlich wird auschließen können. Mehr und schärfere Gesetze leisten dies aber eben auch nicht. Im Gegenteil: sie demontieren die Demokratie und erdrosseln Schritt für Schritt auch die Freiheit.

Wir dürfen nicht auf Konfrontation mit wem auch immer gehen. Allen Bürgerinnen und Bürgern ein Mehr an Partizipation zuzugestehen, um die Möglichkeiten der gesellschaftlichen und kulturellen Mitgestaltung zu erweitern, ist dringend nötig. Und was ist eine der lebendigsten Formen von Partizpation: Gelebte Demokratie, doch! Sie muss zu einer insgesamt gerechteren Gesellschaftmit möglichst wenigen sozialen Unterschieden führen. Wer dagegen Hass gegen Sozialdemokraten, Linke und Kommunisten aufbaut, Menschen fremder Herkunft, oder andere Hautfarbe rassistisch beleidigt und Religionen gegen einander aufbringt - gar von einem Kampf der Kulturen spricht; ihn so vielleicht gar herbeiredet - und die Gesellschaft zur Explosion zu bringen imstande ist, dem muss mit mehr Demokratie und entschieden in aller Offenheit begegnet werden.

Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell warnte dieser Tage die demokratischen Gesellschaften, n i c h t den Dialog mit Rechtspopulisten zu führen. Der Mann wird rechtbehalten: Die Augen vor gesellschaftlichen Problemen zu verschließen hat noch nie etwas Gutes gebracht...

Warum ist Deutschland so anders? Könnten wir doch ein wenig norwegischer sein. Weniger Geblubber und Geplapper - heute sprechen wir ja wohl neudeutsch von einem Hype: natürlich "flächendeckend" - täte unsere Lande wahrlich gut. Ein bisschen mehr von abwartender Sachlichkeit in den Medien. Nicht zu vergessen: Journalistische Kompetenz! Weniger an Spekulation in den Medien. Der Abbau von Vorurteilen jeglicher Art. Täte gut, wetten?! Und manchmal wärmte es einen das Herz, wenn wir doch nur etwas mehr zusammenstehen könnten! Man muss ja deshalb nicht gleich jeden lieben. Aber achten, dem Gegenüber seine Respekt erweisen. Muss das ein Traum bleiben in Deutschland? Ein wirklich "neues Deutschland" wäre wieder einmal vonnöten...

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.