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Politik : Schwarzer Freitag? - Bloß nicht den Sand in den Kopf stecken

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Endzeitstimmung? Die Deutsch-Türkischen Nachrichten titeln: Börsen stürzen ab: Angst vor einem "schwarzen Freitag". Das liest sich zwar etwas alarmistisch; indes können wir nicht die Augen davor verschließen: weltweit rauschen derzeit die Börsenkurse herunter. An den Börsen herrscht Panikstimmung. Der Dax ist tief im Minus. Nach den asiatischen Börsen heißt es auch an europäischen Börsen: Verkaufen, bloß schnell verkaufen! Und Freitag ist heute auch noch. Wenn das kein Zeichen ist!

Dass wir vor einer weiteren schweren Krise stehen, war zu erwarten. Denn: seit der letzten schweren Finanzmarktkrise haben die maßgeblichen Regierungen dieser Welt nichts nennenswertes unternommen, das die Finanzjongleure - sprechen wir es doch aus: vor allem die Spekulanten - wirkungsvoll an die Kandarre genommen bzw. unter Kontrolle gestellt hätte.

Zu Zeiten der angeblich gänzlich überwundenen letzten Weltfinanzmarktkrise waren unsere Gesellschaften schon bedenklich nahe an den Rand des Abgrunds heran getreten. Einige - sollen wir sie Mut-Bürger nennen? - haben auch einen Blick hinein in den sich bedrohlich auftuenden Abgrund getan. Andere wiederum haben die Augen vor ihm verschlossen. Und siehe da - wir kennen das von Kindern: was man nicht sieht ist auch nicht da! Anscheinend, sollte von den Realisten unter uns angemerkt werden.

Nun aber, da wir womöglich - die Anzeichen dafür sind m. E. nahezu untrüglich - vor einer weiteren schweren Krise (Italien und Spanien - große Player! - haben Probleme) stehen - "schwarzer Freitag" hin oder her - stehen, klopft in meinem Oberstübchen abermals Friedrich Nietzsche unüberhörbar an. Der Philosoph sinngemäß: Sehen wir nur lange genug in einen Abgrund hinein, blickt dieser bald in uns zurück. Und: Tut er das nicht etwa, der Abgrund? Dass er das besonders beängstigend (Das Erste: "Das Börsenzittern geht weiter") an diesem Freitag tut, kann Zufall sein. Ernstnehmen jedoch sollten wir es. Und zwar sehr ernst!

Der Absturz der Börsen ist nämlich nicht so ohne weiteres zu stoppen. Vor allem dann, wenn erst einmal die Angst um sich gegriffen hat. Und das hat sie! Dann reagieren die Aktionäre hektisch. Jeder will retten, was noch zu retten ist. Und heutzutage geht das alles rubbeldiekatz: Ein Mouseclick genügt.

Angst ist überhaupt ein (leider!) sehr probates Mittel (denken wir nur an die Politik der unsäglichen Regierung des Kriegsverbrechers George W. Bush nach 9/11), um Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken bzw. im Sinne gewisser Akteure zu lenken. Wir sehen das momentan an dem (noch fleißig geschürten) Hype rund ums Gold. Gilt es doch noch immer als sichere Geldanlage in Krisenzeiten. Leider bedenken die Leute, welche darauf hereinfallen nicht, dass das nicht mehr bzw. nicht immer tatsächlich der Fall ist.

Jens Berger von den NachDenkSeiten hat dazu heute etwas geschrieben (hier). Nebenbei rät der Autor statt Gold lieber in eine Kuh, in Schweine oder Ackerland zu investieren. Was irgendwie spaßig klingt, aber m. E. vielmehr erstens nicht nur ernst und gut gemeint sein dürfte und im Falle des Falles - "Schwarzer Freitag" hin oder her - die Frau oder den Mann halbwegs ordentlich durch die sicherlich kommende - vielleicht sehr schwere - Krise bringen kann.

Die befürchtete Krise dürfte eine Krise des Kapitalismus sein. Und zwar vielleicht die schwerste seit seinem ersten Auftreten. Angekündigt hat sich diese schwere Krise schon deslängeren. Ernst genommen wurde sie - wie wir nun abermals erleben - nicht. Vielleicht deshalb, weil der Kapitalismus so angelegt ist: Die Gier, seine stärkste Antriebskraft überhaupt, ist so unermeßlich stark und als tiefer Glaube in dieser Gesellschaftsordnung und seinen Apologeten verwurzelt, dass dieser Kapitalismus imstande ist, es soweit zu treiben, sich auch noch den eigenen Ast auf welchem er sitzt abzusägen.

Ironischerweise strahlte ausgerechnet gestern - also vor diesem möglichweise neuen "Schwarzen Freitag" - das ZDF von 23 Uhr beginnend bis in den frühen "schwarzen Freitag" hinein Michael Moores Dokumentarfilm "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte" aus.

Michael Moore prangert in diesem Streifen (Ausschnitt auf YouTube) von 2009 irrsinnige Auswüchse des Kapitalismus an. Abermals ging der Oscar-Preisträger auch in diesem Dokumentarfilm reichlich polemisch zu Werke. Was der Geschichte keinen Abbruch tut: Im Gegenteil. Wird doch ordentlich zugespitzt, dass einem die Augen über gehen und die Ohren das Sausen kriegen. Moore geht in seinem Film der Bankenkrise und deren Ursachen auf den Grund.

Schaut man sich den Film an, muss man an sich halten, dass einemangesichts der kenntlich gemachten Auswüchse und den damit verbundenen Ungerechtigkeiten nicht der Kragen platzt. Aber man versteht sehr gut, wie dieser US-Kapitalismus funktioniert. Was sehr gut passte, haben wir doch erst eben noch mitverfolgen müssen, wie sich angesichts der drohenden Zahlungsunfähigkeit der USA die Republikaner und in erster Front die rechte Kampftruppe der Tea-Party-Bewegung mit Händen und Füßen gegen Steuerhöhungen für die Reichen gewehrt und sich im Grunde genommen auch gegen Obama und die Demokraten durchgesetzt haben. Die Zeche zahlen die Armen, die Alten, die Arbeitslosen, die Mittelschicht...

Moore zeigt in seinem Film weinende US-Bürger, die ihr ganzes Hab und Gut, zuletzt noch ihr Eigenheim an die Bank verloren haben. Ohne Zweifel ist diese US-System der Großkapitalisten und Großbanken - von George W. Bush und Konsorten noch mehr dazu gemacht - ein zutiefst verbrecherisches ist, dass sich - so Moore - in seinem Vorgehen kaum noch von der Mafia unterscheide. Er kombiniert diese zu Herzen gehenden Aufnahmen mit Szenen eines Filmes über das dekadente alte Rom. Was wunder: Dabei kommt einen partout ein gewisser Guido Westerwelle in den Sinn...

Als Zentrale dieses verbrecherischen Systems hat Michael Moore die New Yorker Börse ausgemacht. Folgerichtig läßt er das Börsengebäude an der Wall Streat mit mit jenem gelb-schwarzen Plastikband umspannen, dass die US-Polizei zum Absperren von TATORTEN zu benutzen pflegt...

Auch hat Moore christliche Geistliche interviewt, die mit Abscheu die Habsucht kritisieren.

Überdies wird in dieser Dokumentation die Frage aufgeworfen, was dies noch mit einer Demokratie zu tun hat. Es kommen auch Parlamentarier zu Wort, welche man anläßlich der letzten Finanzkrise unter starken Druck setzte, um bestimmten Rettungsaktionen für Banken zuzustimmen. Moore schaut sich ebenfalls die Urfassung der US-amerikanischen Verfassung an. Er hat darin übrigens keinen Hinweis darauf gefunden, dass darin der Kapitalismus als Gesellschaftsordnung vorgeschrieben worden wäre...

Mag dieser heutige Freitag nun als d e r neue "Schwarze Freitag" in die jüngere Geschichte eingehen, oder auch nicht, Entwarnung kann nicht gegeben werden. Denn fakt ist: es ist etwas im Busche. Der Kapitalismus ist gehörig in der Krise und wir kriegen sie früher oder später härter zu spüren, als mancher es momentan vielleicht ahnen mag. Möglicherweise wird diese Krise, ohne zu unken, nämlich sehr schwere Folgen haben. Hoffen wir, dass dabei in Konsequenz nicht Blut fließt, wie es Eric Hobsbawm in einem Stern-Interview befürchtet: "Es wird Blut fließen, viel Blut".

Der Kapitalismus ist schwer angeschlagen. Aber an seinem Ende wohl lange noch nicht angekommen. Vielleicht können wir ihn mit einem angestochenen Stier (der sich die Stiche allerdings selbst zugefügt hat) vergleichen. Dann ist er sehr gefährlich. Ein gefährliches, in seiner Reaktion nur schwer zu berechnendes Tier mit spitzen Hörnern. - In welcher Zeit leben wir überhaupt? Soeben ist der Stierkampf in Spanien zum KULTURGUT (sic!) erklärt worden. Für diese blutige Volksbelustigung ist jetzt das Madrider Kulturministerium zuständig. Und von der EU gibt es Subventionen...

Wie kommen wir aus dieser Krise? Die Demokratie muss wohl wieder natürlich gedüngt und beatmet werden. Wohl dem, der ein Stück Ackerland (statt Gold!) erworben hat, darauf u.a. eine neue Demokratie wachsen und fürderhin einer gerechteren Gesellschaft zum Nutzen gedeihen kann.

Endzeitstimmung? Wohl kaum: es ist noch immer weitergegangen. Fragt sich eben nur wie. Orientieren wir uns doch im Sinne eines anderen großen Philosophen: Stecken wir den Sand bloß nicht in den Kopf! Dass wäre nämlich fatal...

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.