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20.03.2009 | 01:40

Mein Deutschland? - eine Bildkritik

DIE ZEIT hat offensichtlich ihre beste Zeit hinter sich. Das Titelblatt von dieser Woche zeigt 6 Köpfe für die neue Großserie „Mein Deutschland“. Oben in der Mitte, im Z der ZEIT platziert: Boris Becker. Lächelnd zur rechten Bildseite abgestuft: Alice Schwarzer, dann herausgehoben: Helmut Schmidt mit obligatorischer Kippe. Links unten, sozusagen als Pendant zu Schmidt: Günter Grass, ebenso schnauzbärtig, aber  lächelnd daneben: Günter Wallraff. Über den beiden Köpfen, den Blick nach oben gewendet: Christa Wolf – annäherend 450 Jahre schauen dich an, „erzählen demnächst die bewegendsten Momente aus 60 Jahren Deutschland.“
Ja, sie haben alle ihre Verdienste, hoch decoriert. Der ehemalige Filzkugelschieber löste in Deutschland das Tennisfieber mit Bummbumm und Hechtrolle aus, der Kettenraucher hatte es als Bundeskanzler und als eiserner Zeitinterpret immer schon gewusst, wo es in Deutschland und der Welt hinzugehen habe, dazu der Blechtrommler als westdeutsche Gewissensinstanz mit kleinen Schönheitsfehlern, das weibliche literarische Pendant für den Osten (auch mit Schönheitsfehlern) und der Undercoverheld der Arbeitswelt: Welch tolles Familienfoto.
Mein Gott Walter, wer braucht das für 60 Jahre Deutschland? BB. (nicht zu verwechseln mit Bertolt Brecht oder Brigitte Bardot) turnt heute als abgehalfterter Partylöwe auf schrägen Designerparties (teure Mode kann man kaufen, Stil nicht), Alice (nicht zu verwechseln mit Alice im Wunderland) wirbt als Feministen-Emma-Oma in der Bildzeitung für die „Wahrheit“, der Undercover bleibt seiner Rolle starr treu und ZeitgenossInnen über 80 stehen für mich aus Höflichkeitsgründen ausserhalb der Tageskritik, zumal die 90 schon anklopfen.



Hätte man nicht andere Köpfe nehmen sollen? Helmut Kohl, den Einheitskanzler, Ludwig Erhard, die wandelnde Zigarre für den "Wohlstand für alle", Willy Brandt - den Vorreiter der Entspannungspolitik mit weltbewegendem Kniefall, Meisterdenker Teddy Adorno, den Rebellen Rudi Dutschke, Rudolf Augstein als einflußreichen Meinungsmacher, von mir aus Udo Lindenberg, die toten Hosen oder preisgekrönte Titanic-Köpfe.
Ja, es wäre etwas bunter geworden, aber im Prinzip nur graduell besser.  Vielleicht doch BB. mit drei Kindern im Arm, bei Schmidt ein Urenkel auf dem Schoß und dazu 2, 20, 200 herausragende Niemande, die "mein Deutschland" aufbauten. Ja, warum nicht eine große Fotomontage über die ganze Titelseite: zerbombtes Stadtbild mit Trümmerfrauen in Aktion, dazu blühende Landschaften mit Trabi- und Computermüll. Aus den ausgemusterten Monitoren grinsen schlitzohrig berühmten Köpfe hervor, die Berliner Mauer fällt, aber nicht wegen Günter Schabowski.
 Warum nicht die Migrantenfamilie aus Italien oder der Türkei – mal in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt – auch sie können "mein Deutschland" erzählen. Warum nicht ein Penner, ein Ausgestoßener, ein Nichtseßhafter mitten in den neuen Konsumtempeln wandelnd? Wer erzählt denn am besten authentisch die letzten 10 Jahre Google- und Wikipedia-Zeit? Mit Sicherheit keiner der 6 abgebildeten Köpfe. Wem will man überhaupt die letzten 60 Jahre erzählen, welche Köpfe anbieten, welche bedeutenden Linien, Strukturen und  Prozesse aufzeigen?
Sicher: Uwe Seeler, der liebevolle Arbeiterkicker, wird erzählen von Zeiten, als noch 11 Freunde um die Wahrheit auf dem Platz kämpften und deshalb noch nicht die abgezockten TV-Millionen- Gagen flossen. Peter Schneider oder Wolf Biermann werden erneut kluge Sätze zu den 68ern verfassen – "unter den Talaren, Muff von 1000 Jahren", garniert mit Oswald Kolle und der Kommune I. Egon Bahr noch einmal die Bedeutung der Ostverträge bis hin zum Mauerfall würdigen. Alles wichtig, wichtig, erzählenswert. Nur bitte, ZEIT, wenn du nicht bald das Zeitige segnen willst: Bringe neue Bilder aus dem Geist einer frischen, jungen Republik auf's Titelblatt! Lernen ist auch im hohen Alter möglich.

Bildnachweis:Graffiti von Helge “Bomber” Steinmann
Der Mann hat's als Sprayer einfach drauf.
 
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Kommentare
Gregor Keuschnig schrieb am 20.03.2009 um 10:53
Volle Zustimmung. Die ZEIT wird sukzessive zum gehobenen Boulevard-Magazin. Die Äusserungen all dieser 60 "Prominenten" kennt man schon zur Genüge; was Grass, Schwarzer, Christa Wolf und ZEIT-Hausautor Wallraff von Deutschland halten - tausendmal gehört (und es hat schon lange nicht mehr "Zoom" gemacht). Und Steuerflüchtling Boris Becker entdeckt plötzlich auch seine Liebe zu Deutschland - ja, gerne, aber doch bitte nicht hier (wird auch der Ghostwriter erwähnt?).

Seit Giovanni di Lorenzo die Chefredaktion übernommen hat, weht ein Hauch von Douglas durch die Seiten der ZEIT; das Feuilleton wird mit Yuppies bestückt, die Prosa "Texte" nennen. Weist man den Redakteuren essentielle Fehler nach, ignorieren sie diese Hinweise in bräsiger Arroganz. Weil selber Mitglied in dieser selbstreferentiell-redundanten Parallelwelt der üblichen Verdächtigen ("III nach 9" - um nur das zu sagen) biedert sich die ZEIT-Entourage mühelos der "Knoppisierung" der (historischen) Publizistik an.
Bildungswirt schrieb am 20.03.2009 um 18:36
Schöner Ko-Text, so könnte es parallel zur ZEIT weitergehen; 1000mal berührt, nur wer küßt den Bildfrosch wach? Und wer erklärt den ZEIT-Leserinnen und Lesern, dass der Politfunktionär Schabowski (Teil 1 der Serie) mit seinem Gestammel keine "Weltgeschichte" geschrieben hatte?
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