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08.06.2010 | 10:59

Was der deutschen Bildungspolitik fehlt

Zündende Ideen, Konzepte, Voodoo, Motivationsstrategien, Handlungsspielräume & Praxis-Power. Musikalisch gewendet etwa so:

Dagegen ist die deutsche Bildungspolitik eher auf dem Niveau von Hänsel & Gretel, Fuchs & Has’ oder Heino und seiner schwarzbrauen Haselnuss.

Ja, so der oft erhobene Einwand, man müßte das genauer differenzieren, die einzelnen Bundesländer und ihre Heterogenität berücksichtigen und noch ein Gutachten zum Gutachten erstellen, auch die positiven Vorzeigeprojekte sehen und überhaupt: alles sei im pädagogischen Feld schwierig. Ja, Berichte zum Zustand des Bildungssystems werden alle zwei Jahre neu erstellt. Der nächste kommt bestimmt, die nächste Kultusministerkonferenz auch und die gleich mitverfassten Pressemeldungen der schleichenden Erolgsspur.

Nehmen wir z.B. Hessen: Die auserkorenen, von der Regierung selbst ernannten zwei Vorzeigeprojekte “Selbständige Schule” und neue Wege der Unterrichtsverbesserung durch moderne “Bildungsstandards” und neue Lehrerbildung dümpeln vor sich hin, werden im pädagogischen Feld inzwischen eher milde belächelt. Einem fundierten didaktischen Diskurs mit praktischen Konsequenzen stellen sich die Verantwortlichen erst gar nicht. Die neuen Bildungsstandards mit sog. Kerncurricula (Primarsatufe und Sekundarstufe I, für Sek. II liegt noch nichts vor) werden keinen spürbar erfolgreichen Beitrag zur Unterrichtsverbesserung leisten. Gut gemeint und doch daneben. 50 Seiten und mehr pro Fach, überschwengliche Wolkenformulierungen, kaum neue didaktisch-methodische Erkenntnisse. Schmuckstücke in Schulordnern, abgeheftet unter “unbestimmte Wiedervorlage." Die Kompetenz der Kompetenzkompetenz (E.Stoiber) wird zur Quintessenz.
Chamäleoneffekte: Der Schüler mutiert zum kompetenzgeschwängerten Schlüsselqualifikationsbündel - allzeit bereit sich dienend, leistungseffizient, flexibel, mobil, dynamisch einzupassen. Der Schüler mit seiner "Arbeits- und Lernkompetenz" soll das alles wollen müssen. Wat mut, dat mut.

Insgesamt: Man verwechselt didaktische Kommunikation mit staatlicher Anordnung, verkennt den Kern von Bildung als umfangreiches Angebot. Man bläht zudem die umstrittene Schulinspektion (Vertrauen ist gut, ständige Kontrolle besser) systematisch auf und schmilzt die Lehrerfortbildung weiter ab bzw. verkauft halbtägige sog. Info- und Jubelveranstaltungen als Lehrerfortbildung.Alles ist selbstverständlich ressourceneffizient. Die Selbständige Schule ist in der jetzigen Form ein unbeholfener Werbegag. Von “Freiheit und Verantwortung” (eine gern strapazierte Formel) für die Akteure vor Ort kann ernsthaft nicht die Rede sein. Nennenswert größere Protestformen gegen diese “Reformprojekte” blieben bisher aus. Das wird von der Regierung fälschlicherweise als halbe, im Überschwang als ganze Zustimmung gedeutet. Ein fataler Irrtum. Rückzug aus verstärktem Engagement, Resignation und innere Emigration sind deutlich verbreiteter als direkt sichtbar. Es fehlt der Bildungspolitik der Jazz im Blut.

 
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Kommentare
Fritz Teich schrieb am 08.06.2010 um 11:37
Buergerlichkeit! Milos Vec hat einen wunderbaren Artikel ueber Bildung in der FAZ geschrieben, es aber nicht gesagt. Der Jazz der Bildungspolitik ist die in der DDR ausgerottete und auch im Westen seit dem Siegeszug des Unterschichtenfernsehens verpoente Buergerlichkeit. Im Sinne von Goethe, Humboldt und den Gebruedern Grimm, ganz spiessig und kaum mehr vermittelbar.
Bildungswirt schrieb am 08.06.2010 um 12:44
Hmm, da müßten wir mal klären, was Jazz, Bürgerlichkeit und Spießigkeit (in deinem Sinne?) sein soll...
koslowski schrieb am 08.06.2010 um 12:00
Eine hübsche Metapher - der "Jazz im Blut der Bildungspolitik". Was könnte sie bedeuten? Lasst tausend Blumen blühen? Radikale Individualisierung des Lernens und viel, viel mehr Flexibilität in den Organisationsformen? Verzicht auf gemeinsame Bildungsziele, Kompetenzerwartungen und Überprüfung der Wirksamkeit von Bildung und Erziehung?
Ich meine, dass die Umstellung der Lehrpläne auf Kompetenzen, die erweiterte Selbstständigkeit der Schulen und die Einführung regelmäßiger Schulinspektionen von der Idee her sinnvolle Veränderungen gewesen sind, die aber in der konkreten Ausgestaltung neue Probleme aufgeworfen haben.
Die Vorstellung, Kinder und Jugendliche sollten im Schulsystem so lernen können, wie Jazzmusiker ihre Musik machen, ist mir sympathisch - allein mir fehlt der Optimismus, dass dies in unseren Institutionen möglich sein könnte.
Danke für den Blog und besonders für den Link zum nationalen Bildungsbericht.
Bildungswirt schrieb am 08.06.2010 um 13:00
Den letzten Bildungsbericht (2008) habe ich hier mal pointiert zusammengefasst:
www.bildungswirt.de/2008/07/01/bildung-in-deutschland-2008-harte-fakten/
Hier ein Beispiel für das fortgeführte soziale Geräusch "Bildung" - wo bisr du?
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/aktueller-bericht-der-kultusministerkonferenz-2009

Und hier noch etwas zu Bildung und Emanzipation.
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/gesellschaftstheoretische-wurzeln-einer-emanzipativen-paedagogik-1

"...allein mir fehlt der Optimismus, dass dies in unseren Institutionen möglich sein könnte."...
Genau das ist ein dickes Problem. Symposien und Sonntagsreden haben wir genug, es fehlen institutionelle Veränderungen und gleichzeitig pädagogisch kreative Initiativen. Beides hängt eng zusammen.
Welche Bildungspolitiker, welche Gruppierungen setzen sich ernsthaft für solche Reformen, die diesen Namen noch verdienen, ein?
"Selbständige Schule" ist bisher eine Papierreform, Bildungsstandards in dieser Form aufgeblähte Darmverschlingung.
Gruß BW
poor on ruhr schrieb am 08.06.2010 um 16:25
@Bildungswirt
Der Blog leuchtet mir ein.
Im 'Studium habe ich mich immer gewundert, warum es die Amerikaner schaffen, zu sehr schwierigen und komplexen Sachverhalten -mit Mathematik darin-Bücher zu schreiben, die ich verstehen konnte! ;)

rr

rr
Bildungswirt schrieb am 09.06.2010 um 10:22
Hallo Ruhrrot,
im angloamerikanischen Raum ist die Sprache weniger gestelzt, auch scheut man nicht zurück, Dinge mehrfach zu wiederholen oder eine Geschichte/Anekdote zu erzählen, auch in wissenschaftlichen Werken.
Wie siehst du aber jetzt einen deutlichen Zusammenhang zu meinem Blogbeitrag?
Gruß BW
poor on ruhr schrieb am 09.06.2010 um 13:14
Hallo BW,

ein deutlicher Zusammenhang zu Deinem Blog ist nicht vorhanden.
Mir ist klar, dass Deine Blos qualitativ sehr hochwertig sind, aber als Nichtfachmann fehlt mir da oft die Urteilsfähigkeit.
Du hattest aber in dem oben stehenden Blog die Musikanalogie von Jimmi Hendrix und dem deutschen "Schwarz braun ist die Haselnuß" zu den Bildungspolitiken der beiden Länder gebracht.

Da habe ich mich mal getraut ,das auf die Studienbücher zu übertragen .
Kann sein, dass das am Thema vorbei ist.

Ich wollte damit aber Deinem Blog nicht die Achtung oder den Respekt versagen.
Die Intention war nur als Nichtbildungsexperte auch mal was- wenn vielleicht auch nur weitgehend Ergänzendes- zu schreiben.

Gruß

rr
Bildungswirt schrieb am 10.06.2010 um 12:02
Hallo Ruhrrot,
wir kennen uns ja jetzt schon einige Tage im Freitag,sind von Anfang an dabei, also kein falsche Bescheidenheit. Klartext reden, nicht so sehr an Experten, auch Bildungsexperten glauben, selbst denken, sich in Gedankenstränge einarbeiten, selbst variieren, neu befragen ...

Wiederholtes Anhören von Hendrix, man entdeckt immer wieder Neues, und vergleicht das mal mit der "Haselnuss" - na, da fällt vielleicht doch der Groschen. Am Saxophon wäre das John Coltrane z.B. oder heute Bob Mintzer. oder Michael Brecker.
Der Bezug zur Pädagogoik ist deutlich zu sehen: Experiment und doch gleichzeitg klare Linien, spontane Einfälle, super Groove, fließende Ideen auf höchstem handwerklichen Niveau etc. etc. Da jazzt es - das sollte so immer wieder im Unterricht spürbar sein.
Gruß BW
poor on ruhr schrieb am 10.06.2010 um 17:33
Lieber BW,

dann habe ich Dich doch richtig verstanden, auch wenn ich es nicht so formuliert habe. Danke. :)

Herzliche Grüße

rr
wwalkie schrieb am 08.06.2010 um 17:02
Mir fehlt ein Aspekt, Bildungswirt. Die Vermittler von Bildung, mittlerweile pädagogisches Personal genannt, machen bei der Deklassierung ihrer Professionalität mit, versuchen rastlos den letzten Furz der selbst ernannten Bildungsökonomen aufzufangen, blubbern die bekannten Plastikwörter ab und nehmen tatsächlich die niemand als sie selbst legitimierenden "Diagnosen" der Schulinspektoren ernst. Man glaubt es nicht! Studierte Leut' geben auf dem Lehrerparkplatz allmorgendlich ohne Selbstachtung ihre eigene Bildung ab. Mir ist es zum Beispiel unverständlich, dass man den tausendfach abgeleierten Begriff "Kompetenz" (der - wie so vieles - aus der "wissenschaftlichen" Arbeitsinspektion gekommt, also letztendlich Ford und Taylor, und so hohl ist, dass man "Unterkompetenzen" braucht, die wiederum ...) noch benutzen kann, ohne in homerisches Gelächter auszubrechen.

Und gleichzeitig verfallen die Schulen, verschimmeln die Wände, verwahrlosen die künftigen "Kompetenzträger".
Klaus.Fueller schrieb am 08.06.2010 um 21:52
ja! Ja! JA! So ist es.
Bildungswirt schrieb am 09.06.2010 um 10:40
Den ergänzenden Aspekt nehme ich gern auf. Warum sich viele Lehrer so verhalten, das wäre ein neuer Beitrag wert.

Wenn jedoch Lehrer "ihre eigene Bildung und Selbstachtung" allmorgendlich am Lehrerparkplatz abgeben, so sei die Frage erlaubt: Was taugt dann ihre "Bildung"?

Die Kompetenzologieseuche wurde schon des öftern kritisiert. Sie hat die Schlüsselqualifikationsseuche der 70er und 80er Jahre abgelöst. In den 90er Jahren hatte u.a. ich das in mehreren Aufsätzen stark auseinandergenommen.

Etwa 15 Jahre (2008/2009) später hatte ich es mit einem Kompromisspapier - vom Bildungsbegriff ausgehend, dann eine Integration des Kometenzenkonzept und daraus Bildungsstandards abgeleitet (pro Fach 3 bis 5 Seiten) - versucht. In knapp 100 Seiten waren fast alle relevanten Fächer der gymnasialen Oberstufe abgedeckt. Nur dieses "revolutionäre" Papier, im Auftrag des hessischen Kultusministeriums und unter Beteiligung von 30 Praktikern, wurde dann doch als Affront gegen die KMK-Standards angesehen. Erst im Netz veröffentlicht und zustimmungsreif der Ministerin vorgelegt, dann doch noch in letzter Minute von den Hardlinern im Gewande der Scheinreformer kassiert. Eben Kämpfe innerhalb der Bildungsverwaltung. Das wätre dann wieder eine neue Geschichte.
Gruß BW
Chryselers schrieb am 09.06.2010 um 17:26
Hallo BW, kannst Du mir dieses Papier per PM schicken?

Danke, Horst
Bildungswirt schrieb am 10.06.2010 um 12:21
@ Horst und alle
Das Kompromisspapier bezieht sich auf die Schulen für Erwachsene, Sek II. und ist meines Wissens bisher der einzige Versuch in der gymnasialen Oberstufe:
download.bildung.hessen.de/schule/sfe/b_stand/Bildungsstandards_SfE_Entwurf_neue_Ueberarbeitung_02_04_2008.pdf
Ich hatte mich daran federführend beteiligt, gegen einen KMK-Trend (Bisher hat die KMK und das beauftragte IQB in Berlin nichte Vergleichbares zu bieten). In der KMK-"Strategie" werden pro Fach weiter 50-bis 60-seitige Hefte produziert, umgeschminkte Lehrpläne und das alles als enormer Fortschritt dargestellt.
Der Entwurf ist inzwischen von der offiziellen Seite des KM in Hessen ohne Kommentar genommen, passt so nicht in die offizielle Linie. Aber das Netz vergißt eben nichts, was drin ist, ist drin!!
Ein bestimmtes Pardoxon muss man gelegentlich leben...

Meine Kritik (damals zusammen mit einem Kollegen) an der Kompetenzologie schlug sich u.a. in zwei Aufsätzen nieder:
a) Ist der Kaiser nackt? Zur Verfallszeit pädagogischer Leitbegriffe, Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Heft 3 (1994)
b) Kompetenzen schwirren durch die Lüfte, vom Winde verweht, Heft 2 (1995)
c) Die GEW Hessen hatte ebenfalls Artikel von uns veröffentlicht....
Soweit erstmal
Gruß BW
Klaus.Fueller schrieb am 13.06.2010 um 07:44
Bildungsstandards — ernst genommen — widersprechen der Prüferitis, wie sie im Hessischen Zentralabitur implementiert ist. Dort werden keine höheren kognitiven Leistungen mehr verlangt, dort braucht man abhalkbare Inhaltslisten.

Deshalb kann die Bürokratie keine Bildungsstandards für die Oberstufe zulassen, die die Inhaltspläne _ersetzen_ könnten. Als pädagogische Lyrik _zusätzlich_ zu den Inhalts-Listen und "Einführungserlassen" werden "Standards" kommen. Die heben dann aber keine wirkliche Funktion, außer den Druck auf Schüler und Lehrer noch ein wenig zu erhöhen.

Hessen führt also Bildungsstandards in der Mittelstufe ein und behält die drögen Inhaltspläne in der Oberstufe bei. Mir fällt dazu immer ein Witz aus der Zeit ein, als Schweden den Rechtsverkehr eingeführt hat (1967): "Wir stellen zum 1. August erst einmal den PKW-Verkehr um und dann zum 1. November den LKW-Verkehr."
Bildungswirt schrieb am 13.06.2010 um 08:57
"Dort werden keine höheren kognitiven Leistungen mehr verlangt, dort braucht man abhalkbare Inhaltslisten."
Wäre mir so zu allgemein, wenn ich nicht weiß, was du unter höhere kognitive Leistungen meinst? Komplexe Verstehensleistungen, eigene Ideen, Erörterungen ,,,,?
In Deutsch oder Politik und Wirtschaft ist das immer gefordert...

In Kompromisspapier "Standards SfE in Hessen 2008" sind die Standards mit inhaltlichen Setzungen nachvollziehbar verbunden und das alles pro Fach auf 3 bis 4 Seiten! Ein klar erkennbar anderes Konzept als bei der KMK.
Zentralabitur: Ja, die eigentliche "Steuerung" erfolgt über die Einführungserlasse. Diese sind jeder Mitbestimmung entzogen.
Michael Jäger schrieb am 08.06.2010 um 21:58
Der Schüler als "Schlüsselqualifikationsbündel", das ist einleuchtende Kritik. Nominalismus des Schülers, wo er selbst gar nicht mehr ins Blickfeld kommt, sondern nur die verschiedenen unzusammenhängenden Leistungen, für die man ihn später vielleicht braucht. Oder wird doch noch ein Schüler-Gesamtmensch anvisiert? Daß er kritischer, urteilsfähiger Staatsbürger werden soll, oder so was? Wenn es so wäre, könnte man daran ja weiterdenken. Jazz ist wirklich ein gutes Bild. Wenn ich Jazz höre (oder andere Musik), fühle ich doch sofort, es gibt mich! Aber der Schüler, woran sieht er, daß es um ihn geht?
Bildungswirt schrieb am 09.06.2010 um 10:55
Die sog. Kehrwende von den Lehrplänen zu den "Bildungs"-Standards wird verkauft als neue Perspektive. Vom Input zum Output. Von den Lernzielen hin zu den Kompetenzen, was ein Schüler alles können soll. (Als ob es vorher keine Fähigkeiten gegeben hätte, die systematisch angestrebt wurden?) Reformpädagogisch gewendet - vom "Kinde aus denken", seit min.100 Jahren bekannt. Dabei ist aber fast alles ideologische Verbrämung, um ein autonomes Subjekt, einen kritischen Staatsbürger mit Urteilskraft geht es nicht. Das hat alles mehr mit Kafkas Schloss und den vielen Filterstationen zu tun.
"Aber der Schüler, woran sieht er, daß es um ihn geht?" In der Regel nimmt er die Schule weiterhin als Zwangsanstalt wahr, um ihn geht es nicht (wenn da nicht die Freunde und zwischendurch gute Lehrer wären) ...würde er die Flinte ins Korn werfen.
Mehr dazu hier:
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/bildungspolitik--ab-im-gaensemarsch/?searchterm=ab+im+G%C3%A4nsemarsch

Musik als Lebenselexier - wird in der Schule sträflich vernachlässigt. Von Jazz keine Spur. Ich hätte aber auch Schumann sagen können, dann würde es noch weniger verstanden.
Gruß BW
Chryselers schrieb am 09.06.2010 um 17:32
Hm, Bildungswirt, aber das wissen wir doch alles schon;-)), was Du uns hier erzählst, oder?

Egal, wer regiert, der Jargon ist in jedem Bundesland derselbe, vielleicht mag es kleine Unterschiede geben. Wir hatten das ja schon mal, der Jargon des NewPublicManagement (NPM) regiert nicht mehr nur die Schulen, jetzt greift er auch in den Unterricht hinein. An den Kompetenzen sollen ja die Lernentwicklungsgespräche festgemacht werden, pro Schüler eine halbe Stunde im Halbjahr, in denen auch gleich die Ziel- und Leistungsvereinbarungen für die Schüler festgelegt werden, damit die Abrechnung beim nächsten Termin besser flutscht. Das Köstliche ist dann, dass die Schuld, wenn es nicht klappt, wie bei den ZLVs am Arbeitsplatz, beim Agent liegt, der Lehrer spielt den Principal und ist längst draußen vor. Soviel Entlastung war nie und so wird es auch verkauft. Nur geht dabei die Unterscheidung von Arbeitsverhältnis und pädagogischem Verhältnis flöten, Erziehung wird entkernt. (Nur: Sie kommt da schon von alleine wieder, denn die Schüler-Agents werden sich ein Ei auf die neuen Verhältnisse backen, Kevin wird auch dann rumhampeln, wenn er ne ZVL unterschrieben hat, dass er immer ganz artig sein soll. Und wer da als Lehrer nicht nur Coach sein will, dem wurscht ist, ob seine Ratschläge angenommen werden oder nicht, wird sich auch dann in der Situation um im Zweifel durchgreifende Maßnahmen kümmern.)

Es wäre jedoch falsch, da nur einen albernen Zirkus zu sehen, der eines Tages zu Ende geht, während bessere Praxis im Hinter-, gar Untergrund weitergeht und dann, wenn so'ne nutzlose Reform sich wieder verzogen hat, neu und strahlend hervortritt. Das unterstellte den Protagonisten denn möglicherweise doch zu viel Dummheit. Da wird stattdessen Gesellschaft umgebaut, da wird ein neues Muster gesellschaftlicher Beziehungen geschaffen, mit dem ein altes ersetzt wird. Dieser Wechsel kann hier www.amazon.de/Globale-Eliten-lokale-Autorit%C3%A4ten-Wissenschaft/dp/3518125605/ref=sr_1_8?ie=UTF8&s=books&qid=1276066945&sr=8-8 gut nachgelesen werden. Und dieser neue Leitungstyp braucht auch eine Pädagogik Neuen Typs. Nicht mehr die Kooperation potentiell Gleicher, sondern die Einübung in hierarchische Markt-Systeme ist das Leitbild dieser Pädagogik. Hayek statt Habermas.

Da gibt es eine keineswegs zufällige Parallele zur Politik: Der Raum, der der Demokratie zugestanden wird, wird immer kleiner. Wo die Marktgesetze gelten, hat die Demokratie keine Berechtigung, man kann ja auch nicht über die Fallgesetze abstimmen. Demokratie kann es nur noch angeleitet geben, der Markt teilt als Principal mit, was er wünscht, und das hat dann von den Agents in der Politik, den Parlamenten und Regierungen, geliefert zu werden. So teilt der Markt eben auch mit, welche Fähigkeiten die auf ihm erfolgreichen Anbieter ihrer selbst zu haben haben, und das liefert dann die Schule.

Allerdings, das ist alles hübsch verpackt und, was die Schule angeht, nicht einfach die Rückkehr in die Obrigkeitsschule, in der der Lehrer immer Recht hat, vor allem, wenn er sagt, was die Obrigkeit ihm zu sagen aufgibt. Nicht mehr das Kommando bestimmt diese Pädagogik, sie geht einen Schritt tiefer: Sie will, dass der Schüler sich das Kommando selbst gibt, die Fremdbestimmung als Selbstbestimmung erfährt. Macht der Lehrer keinen genau steuernden Unterricht vom Lehrertisch her, dem der Schüler sich eingliedern muss, sondern lässt er ohne genaue Steuerung an Materialien arbeiten, die er selbst oder ein Verlag ganz genau hergestellt haben, entstand dem Schüler womöglich der Schein von Freiheit: Er kann zwischendurch den Zettel weglegen und sich in der Nase puhlen, ohne dass ihn einer anmeckert, wenn er denn die Spur der Aufgaben ganz "selbständig" ganz genau verfolgt. Nicht mehr die vom Pult kommende Stimme des Lehrer verfolgt ihn, diese soll vielmehr in seinem Über-Ich festen Fuß fassen, damit diese Instanz ausgestalteter werde und das Ich etwas kleiner... Die Autorität wird so ins Innere verlegt, dass sie noch als Fürsorge erscheinen kann.

Wenn all dem so sein sollte: Nicht klar ist mir, wie es denn kommt, dass diese selben Maßnahmen nun in allen Bundesländern, soweit ich es sehen kann, durchgesetzt werden. Wer denkt sich das aus? Wer koordiniert das? Weißt Du dazu was, BW?

Und: Wie kommt es, dass sich all dieses gar als besonders fortschrittlich ausgeben kann? In HH kann man die merkwürdige Beobachtung machen, dass jene Schulen, die einst als besonders "links" galten, in konservativem Blick gar kommunistische Kaderschmieden waren, sich bei der Einführung derartiger Anti-Pädagogik besonders hervortun, während die "konservativen" Gymnasien da erstmal abwarten und sich dann später aus dem Strauß der verschiedenen Maßnahmen jene pflücken werden, die zu ihnen passen, und die anderen bestenfalls pro-forma mitmachen, wenn überhaupt. Es scheint, als ob die einst "fortschrittlichen" Schulen besonders anfällig gegen den Zeitgeist sind, während die anderen noch eine Ahnung davon halten, dass nicht das Kompetenzbündel den wirtschaftlichen und persönlichen Erfolg haben wird, sondern die aufgeklärt-gebildete und deshalb vielfach fähige Persönlichkeit die Chancen wahrnehmen wird.

Allein, das Klagen führt nicht weiter. Erziehung muss wieder mit "einheimischen Begriffen" (Herbart 1806) gedacht werden. So wie einst Adorno den "Jargon der Eigentlichkeit" zerlegte, benötigen wir Texte, die den "Jargon des NPM" zerstören. (Unter Zerstörung wird es nicht gehen.) Der grundsätzlich nicht-demokratische Charakter dieser Reformen ist herauszustellen, ihre Abwendung von Aufklärung und Bildung, ihr Bruch mit dem pädagogischen Denken. Von Krautz gibt es solche Texte und von den Darmstädter Erziehungswissenschaftlern aus der Heydorn-Schule. Und Alternativen lassen sich mit Klafki, Wagenschein und Hentig schreiben. Und wir brauchen auch eine subversive Praxis: Wie kann der Lehrer-Principal unter dem Kompetenz-Regime dennoch *Bildung* für seine Schüler-Agents organisieren? Denn gerade die Verwechselbarkeit von Kompetenzen und Bildung ermöglicht es, das alles gegen den Strich zu praktizieren. In einem großen Als-Ob. Und wie schon wie früher, nicht die "modernen" Schulen, Heydorn hatte damals die Gesamtschulen vor sich, haben Emanzipation und Bildung im Blick, sondern nur deren warengesellschaftlichen Ersatz, sondern das Gymnasium, je konservativer desto eher, hält noch eine Erinnerung...

Bildung paradox.
wwalkie schrieb am 09.06.2010 um 20:02
Im Groben und Ganzen d'accord! Von der Reformpädagogik mal abgesehen.

Die wichtige Frage, die Sie stellen, ist: Wie kann der Lehrer-Principal dennoch Bildung für seine Schüler organisieren? Die Antwort: Das ist verdammt schwierig! Erst einmal: Den Referendaren ("Lehramtsanwärtern") wird - so meine Beobachtung - Bildung systematisch ausgetrieben. Methoden"kompetenz" wollen die Fachleiter sehen (die selber unter Druck stehen). Ich erlebe, dass "schlechte" Referendare Supernoten bekommen und begeisternde (im demokratischen Sinne) Fachleute mit einem Ausreichend bedacht werden, weil sie sich weigern, sich zu "Think-Pair-Share" à la Norm Green zu äußern. Ein zweites Beispiel: das Zentralabitur. In NRW wird Geschichte auf Politikgeschichte reduziert, und diese auf eine Successstory, die in der ersehnten Vereinigung 1989 apotheosiert. Es ist unglaublich! Die Sozialgeschichte, die Geschichte der politischen Ideen (inklusive Marxismus/Anarchismus), die Alltags- und Umweltgeschichte verschwinden, werden zukünfitg zum Nichts. Im Abitur sind nach bestimmten Schemata politische Reden, Zeitungskommentare oder Karikaturen zu analysieren. Die Lehrer, die nun einmal auf Seiten der Schüler sind, präparieren diese zwecks guter Noten. Sie machen sich nolens volens zum Coach, wichtig wird der "Sieg" im Punktekrieg, nicht der Inhalt, nicht die Bildung. Da hilft kein "listiger Lehrer", keine Subversivität.

Und - da uns ja keiner liest. Ich erinnere mich an eine scharfe Diskussion mit einer Kollegin, die an meiner Anstalt eine meiner Ansicht nach neoliberale Arbeitsgemeinschaft organisiert. Sie machte mich sprachlos mit dem Argument: "Und was wird mit den gesellschaftskritischen und gutmenschlichen Schülern im Berufsleben? Haben die überhaupt eine Chance?"
koslowski schrieb am 09.06.2010 um 21:45
@Chryselers 17:32

Habe lange im FREITAG keinen Eintrag mehr gelesen, der mich so zum Nachdenken gebracht hat. Dank und Respekt!

"Bildung paradox": Deine Beobachtung, dass besonders die besonders konservativen Gymnasien resistent gegen den verderblichen Zeitgeist seien und am traditionellen Begriff von "Bildung" festhielten, provoziert meinen Widerspruch. Ich war 38 Jahre an konservativen Gymnasien tätig, kann deinen Eindruck von ihrer Widerständigkeit gegen jede Form von Reform bestätigen, habe aber festgestellt, dass diese legitimiert wird mit einem Begriff von Bildung, der mir suspekt ist: Bildung als Privileg einer traditionellen Elite; Bildung als Distinktionsmerkmal gegenüber den anderen, die nur an anderen, "sozialdemokratisierten" Gymnasien und an Gesamtschulen ( Pfui Teufel! ) ihr Abitur machen; Bildung, die nur an der Auseinandersetzung mit Sprache, Literatur und Geschichte erworben werden kann; Bildung, die nur über traditionelle, d.h. lehrerzentriertre Unterrichtsformen vermittelt werden kann; Bildung, die sich grundsätzlich jeder Form von Evaluation entzieht. Bildung war in diesen Anstalten vor allem ein Kampfbegriff, der gegen die Zumutungen der modernen Pädagogik in Stellung gebracht wurde.

Diese Erfahrungen dementieren nicht die Plausibilität deiner Kritik an der "Pädagogik Neuen Typs". Ich ziehe aus ihnen jedoch den Schluss, dass nichts damit gewonnen ist, sich die "Pädagogik Alten Typs" zurück zu wünschen. Es käme darauf an, aus der Kritik an der Schule vor Pisa und aus der Kritik an den Schulreformen nach Pisa eine Bildungspolitik zu entwickeln, die den "Jazz im Blut" ( was immer das konkret heißen mag ) hat.
Chryselers schrieb am 09.06.2010 um 21:57
Hallo WWalkie,

ja sicher gibt es da momentan Methoden-Affentheater. Da könnt ich auch Geschichten erzählen, aber als älterer Kollege steht man da außen vor, aber vor allem gibt es da so eine Art gymnasialer Resistenz, die sich einfach nicht ausreden lässt, dass der Gegenstand vor den Methoden steht, und dass, wenn schon, die Methoden aus dem Gegenstand abgeleitet werden müssen... Und das Zentralabitur, ja sicher hat das in den hermeneutischen Fächern was von Affendressur an sich... Und das Verhältnis zum Gegenstand steht gerade nicht im Mittelpunkt, sondern die vermutete, aber noch geheime Abi-Aufgabe.

Aber: Keineswegs ist jede Stunde in so einer Mühle drin. Gerade Politik ist Nebenfach, da gibt es keine KMK-Standards, da gibt es keine Kontrollarbeiten von außen, da gibt es höchstens die Fachkonferenz. Und die gestalte man mit. Und dann hat ich noch das Glück, einen Lehrplan von der Art der neuen kompetenzorientierten zu bekommen, an dem ein guter, nein, ein exzellenter Kollege von mir mitgeschrieben hat, und was der geschrieben hat, hab ich dann noch an einer Stelle etwas verbessern dürfen, und nun habe ich einen Politiklehrplan, mit dem ich gut leben kann. www.li-hamburg.de/publikationen/publikationen.Bild/publikationen.Bild.bildgym.2/index.html (Natürlich, auch der Plan ist etwas hochgestochen, aber das setzen Schreiber und Leser ja eh stillschweigend voraus. Außenwirkung und Binnenwirkung fallen eben nicht zusammen.)

Ich kann mit diesem Lehrplan meine Arbeit, wie ich sie schon mal für eine wiss. Qualifikationsarbeit begonnen habe, problemlos fortsetzen.

So ist das eine Möglichkeit: Es heißt kompetenzorientiert, wird als Bildung in der Begegnung mit dem Gegenstand gelesen, und schon können die Kompetenzen von den Inhalten her gelesen werden. Denn dass die Auseinandersetzung mit den Gegenständen im Zentrum steht, ganz antikonstruktivistisch, kann mir im Alltag keiner austreiben.

Horst Leps

(Übrigens, das Hentig-Zitat mit dem Dorf lese ich völlig anders...)
Chryselers schrieb am 09.06.2010 um 22:03
@Koslowski,

Deine Kritik ist völlig richtig. Ich dachte, ich hätte sie mit der Formulierung, diese Gymnasien hätten noch eine "Erinnerung" - und eben nicht mehr - schon berücksichtigt. Ein Zurück dorthin kann es nicht geben. Aber ebenso auch kein bewusstloses Vorwärts nur des Vorwärts wegen. Ich würde zur Orientierung da auf Klafkis Aufsätze zur Allgemeinbildung in seinen "Neuen Studien" hinweisen.

Horst Leps
Bildungswirt schrieb am 10.06.2010 um 12:31
@chryselers, wwalkie, koslowski
Danke für eure Kommentare. Aus Zeitgründen werde ich erst später eingehen können.
Jedenfalls ist der Bogen weit gespannt und aus meiner Sicht kommen wir weder mit der Rückwendung an den Humboldtschen Bildungsbegriff noch durch die Anpassung an die Kompetenzologie weiter.
Vielles haben wir an anderer Stelle im Freitag durchaus schon diskutiert. Unterbeleichtet scheint mir noch der Machtdiskurs in der Schule und in der Bildungsverwaltung ...
Dazu später
Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 11.06.2010 um 12:38
@wwalkie
Referendariat: - ja, meist schlechte Ausbildung, Anpassung ans Mittelmaß, keine Stärkung der Personen. Die Modulseuche kann zurzeit nicht aufgehalten werden...

Zentralabitur: Müßte man nach einzelnen Fächern differenzieren, wird von den meisten Bildungspolitiker nicht wirklich verstanden - sie halten sich blind an die "beratung" aus dem Ministerien.
Das dezentrale Abitur war aber nicht von vorneherein besser. Ich hatte hunderte von dezentralen Abituren ausgewertet, zum Teil katastrophal, v.a. bescheuerte Aufgabenstellungen, drittklassige Texte, schwache Lösungshinweise.
Ein sehr großes Problem: Das Zentralabitur wird von keinem Bundesland nachprüfbar veröffentlicht. Sinnvoll wäre eine Veröffentlichung im Internet nach der Prüfungskampagne...alle Bundesländer versagen hier..(Ich hatte u.a. auch im Freitag mehrfach darauf hingewiesen, die Redaktion will leider kein großes Thema daraus machen) Hier könnte dann eine prüfungsdidaktische Diskussion geführt werden, vieles liegt schief.
Vgl. u.a.:http://www.bildungswirt.de/2010/04/20/verkauf-von-abituraufgaben-cdu-echt-aetzend/
(In meinem Blog www.bildungswirt. de findest du dazu unter der Kategorie "Abitur verkauft" 28 Beiträge!)

Verschredderung von "Geschichte" - ja, eine üble Entwicklung, zwischen blind, naiv und Absicht.

Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 11.06.2010 um 12:52
Hallo Horst,
vieles sehen wir ähnlich, dennoch ne neue Runde:
"Nicht mehr die Kooperation potentiell Gleicher, sondern die Einübung in hierarchische Markt-Systeme ist das Leitbild dieser Pädagogik. Hayek statt Habermas."
Zugesitzt von dir formuliert. Oft genug aber eher Herrschaftssystem, dem Schüler zeigen, wo's lang geht mit fast allen Mitteln, willfährige Lehrer (Du schränkst ja selbst ein: "potentiell", von Habermas wenig zu spüren ...)

"Der Raum, der der Demokratie zugestanden wird, wird immer kleiner."
Und was macht der Souverän? Konsum auf der Zeil oder auf der Kö, talk for everybody, gib mir mein Manna...politischer Analphabetismus, mehrfach gewollt.

"Allein, das Klagen führt nicht weiter. Erziehung muss wieder mit "einheimischen Begriffen" (Herbart 1806) gedacht werden. So wie einst Adorno den "Jargon der Eigentlichkeit" zerlegte, benötigen wir Texte, die den "Jargon des NPM" zerstören.'"
An fundierter Kritik und Einsicht mangelt es nicht. Die Vernunft ist in der Welt...nur wer hört sie?
Ja, wir müssen unseren Garten bestellen ...

Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 11.06.2010 um 12:56
@koslowski
Sehe grundsätzlich viele Übereinstimmungen.

""Jazz im Blut" ( was immer das konkret heißen mag ) hat."
Dazu habe ich im Freitag viele Ausführungen getätigt...
Vgl. die Fülle der Bildungsartikel....
Gruß BW
Chryselers schrieb am 11.06.2010 um 18:10
Hallo BW,

das mit dem Herrschaftssystem hätte hinein gehört, eine Marktgesellschaft ist ja einerseit eine der irgendwie gleichen Marktteilnehmer, andererseits immer Zentralverwaltungsgesellschaft im Betrieb. Die Freiheit des Marktes hat immer die Kehrseite der Herrschaft im Unternehmen. Und auf beides zielt die neue Pädagogik: Teilnahme am Markt und Unterwerfung im Betrieb.

Was die Zukunft angeht, bin ich vielleicht optimistischer: Die Anforderungen der pädagogischen Arbeit setzen sich immer wieder von alleine durch, die Welle der pädagogisch-didaktischen Moden kann ja deshalb meist schadlos überstanden werden, weil es im Klassenzimmer nach Brauch und Regel von alleine läuft. Wer das Verhältnis von Schüler-Lehrer-Gegenstand schnell grundlegend ändern will, hat wenig Aussicht auf dauernden Erfolg, er müsste die Schwerkraft aufheben können.

Natürlich genügt das nicht. Aber es ist mehr als nichts, von Glöckl gibt es die tröstliche Bemerkung, dass, egal welcher didaktischen Konzeption einer anhängt, guter Unterricht allemal immer schon spontan erkennbar ist. Woraus man schließen darf, dass der gute didaktische Geschmack sich immer wieder von alleine einstellt und guter Unterricht deshalb auch von Kompetenzrichtlinien nicht totgeschlagen werden kann.

HL
Bildungswirt schrieb am 12.06.2010 um 18:10
Hallo Chryselers,
wo Widersprüche sind, gibt es auch immer wieder Gegenkräfte. Teils werden offizielle Betrebungen unterwandert, teils überwandert durch bewusste Ignoranz - lass die anderen schwätzen, gehe deinen Weg, bastle an deinem guten Unterricht - ....(Meinen eigenen Kompromissvorschlag Standards SfE, Sek II 2008 innerhalb der Bildungsverwaltung sehe ich als vorläufig gescheitert an - wie gesagt - wurde auch kommentarlos in einer Nacht- und Nebel-Aktion aus dem Netz genommen , aber das Netz vergisst eben nichts)
Quantitativ ist jedoch der "gute Unterricht" in Deutschland unterrepräsentiert. Das straff organisierte Kompetenz-Modul-Gerede verschlimmbessert die Misere.
Also, basteln wir an wohl durchdachten Lernumgebungen, Lernsituationen und der Lehrkunst in Ruhe weiter ...

Für alle "Neuen" in der Debatte:
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/der-gute-lehrer--ein-phantom-1/?searchterm=der+gute+Lehrer

Gruß BW
chrislow schrieb am 10.06.2010 um 11:03
Hm, .... vielleicht sollten wir alle hier genannten und weitere möglichen Begebenheiten und deren Folgen als Symptom von etwas grundlegenderem erklären.

Etwa Voodoo - oder so.

Ist eben nicht immer leicht von Reaktion auf Aktion zu schliessen. Aber vielleicht gibt es irgendwann einen hellen Moment, um mal zu resetten und wieder an besonders wesendliche Dinge zu denken.
Bildungswirt schrieb am 10.06.2010 um 11:50
Bei Jimi Hendrix (und vielen anderen) war "Voodoo" gleichzeitig Aufbruch, Kreativität, Wildheit, Experiment, Freiheit. Dieser Aufbruch/Ausbruch könnte hier als pädagogische Leitmetapher gelesen werden.
Davon ist in der Schule definitiv fast nichts zu spüren. Freiwillige Einpaassung ist en vogue.
Aufbruch ins Unbekannte ist aber notwendiges Lebenselexier in der Ausprägung der eigenen Persönlichkeit. Diese gebildete Persönlichkeit ist aber gelichzeitig immer im Fluss, kein Endstadium, kein klares Ankommen. Wer in festen Normen und Regelwerken ankommt, erstarrt, leitet sein eigenes Absterben ein.
Gruß BW
Klaus.Fueller schrieb am 13.06.2010 um 07:31
Es ist nicht "fast nichts zu spüren", es ist "nichts zu spüren".

Bei den Bildungsstandards fällt auf, dass es große Unterschiede gibt zwischen den _wichtigen_, d.h. in diversen Prüfungen standardisierten Fächern, wie Mathematik. Dort wird zusätzlich auf die überbordenden Inhalte nun eine Ebene von "Kompetenzen" gelegt. Der Unterricht wird damit noch mehr gegängelt. Andererseits: In Physik werden Inhalte zurückgenommen und mehr Freiheiten gegeben. Das gibt dankenswerterweise Luft zum Atmen.

Zu den überbordenden Inhalten in Mathematik: Man müsste einen Preis ausloben: Wer kann einen Sinn dafür angeben, die pq-Formel oder die Strahlensätze derartig überbordend im Unterricht zu behandeln.
Bildungswirt schrieb am 13.06.2010 um 08:47
...ein bißchen Luft und Freiheit weht immer, mit den richtigen Seismographen spürt man es, auch die Unterschiede in den sog. Bildungsstandards. Das galt aber bei den Lehrplänen auch schon. Es gibt jedenfalls keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen gutem Unterricht und Bildungsstandards. Das Wortgetöse überwiegt.

Zu Mathe und Physik: schreib' doch einen eigenen Blogbeitrag und erläutere die Veränderungen inkl. einer Bewertung, was diese konkret taugen...
Gruß BW
Angela S. schrieb am 05.11.2010 um 23:22
Am besten ist es ja, wenn man nicht nur über die Schule schreiben darf, sondern da auch noch täglich hinmuss und diese unsäglichen Strukturen miterleben muss.
Bildungswirt schrieb am 07.11.2010 um 18:49
hier wird noch ein halbes Jahr später kommentiert, da es immer noch ordentlich in der Bildungspolitik mangelt..
"unsägliche Strukturen" - vielleicht ein paar Tipps aus dem nahegelegenen Sägewerk holen?
Gruß BW
Bildungswirt
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