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Calvani: Welche Veränderungen ergeben sich für deine Arbeit als Redakteur durch die Möglichkeit der User selbst Blogs zu schreiben und Blogs und Artikel zu kommentieren?
Jäger: Die Blogs der User zeigen mir, für wen ich schreibe, ihre Kommentare, wie das, was ich schreibe, verstanden wird. Besonders vom Ersten, im Grunde aber auch vom Zweiten hatte man vorher nur eine vage Vorstellung trotz der Leserbriefe, die es immer schon gab. - Die User analysieren selbst schon die Sachen, die ich dann auch analysiere, so dass ich mehr antwortend schreiben kann. Und sie erweitern durch ihre Berichte etwa von der Auseinandersetzung um S 21, von Occupy-Schauplätzen oder aus Syrien das Erfahrungswissen, auf dem ich aufbauen kann. - Eine mehr banale Veränderung ist die, dass der Zeitaufwand steigt. Man liest sich oft noch nachts durch die Blogs und Kommentarstränge und kommentiert gelegentlich ja auch selbst. Aber das ist „Arbeit“ und „Freizeit“ zugleich, da es nicht nur wichtig, sondern einfach auch spannend ist, zu sehen, aus welcher Art Individuen der „irgendwie linke“ Teil der Gesellschaft real besteht, und da virtuelle Freundschaften entstehen.
Calvani: Wodurch zeichnen sich Blogs und Kommentare aus, die du besonders schätzt und warum?
Jäger: Dadurch, dass sie die Frage „Wie geht es dir?“ beantworten, oder wie geht es anderen, wenn es gelingt, das zu erzählen, und/oder dadurch, dass sie Denkanstöße geben.
Calvani: Warum hast du dich dazu entschlossen, deine Texte zur "Anderen Gesellschaft" als fortlaufenden Blog zu veröffentlichen? Welche Erwartungen wurden erfüllt, welche nicht und welche vielleicht sogar übertroffen?
Jäger: Als Zeitungsschreiber muss man sich immer kurz fassen, hat „6000 Zeichen“ oder so. Das ist gut, denn in der Kürze liegt die Würze. Je kürzer, desto wirksamer. Am wirksamsten sind bekanntlich die Reklamesprüche, denen setzen wir etwas entgegen. Dennoch gibt es Dinge, die sehr ausführlich bedacht sein wollen, und die Frage, welche Zukunft der Gesellschaft wünschenswert ist, gehört mit Sicherheit dazu. Diese Frage war ja auch immer zentral im jetzt über 20jährigen Bestehen der Zeitung. Archinauts Motto „Ich schreibe um unser Leben“ ist zwar sehr dramatisch formuliert, es ist aber im Grunde die richtige Einstellung, finde ich. Ich habe also die Gelegenheit ergriffen, „rücksichtslos“ lange nachzudenken und auch zu schreiben, so ausführlich eben, wie es die Sache erfordert. Davon ist das fortlaufende Blog die Konsequenz. Erfüllt wurde meine Erwartung, dass Einige es auch lesen. Dass an manchen Brennpunkten längere Debatten entstehen, übertrifft meine Erwartung schon fast. Schade finde ich es, dass nicht noch viel mehr User in ihren Blogs über die Zukunft der Gesellschaft nachdenken. Ich hätte mir auch gewünscht, dass der Community-Support eine eigene Rubrik für Blogs dieser Art einrichtet.
Calvani: Was würdest du an der Community verbessern und was wünschst du dir von ihr bzw. ihren Usern?
Jäger: Ich möchte jetzt nur einen Punkt hervorheben, der sich mir in den letzten Debatten aufgedrängt hat: Wir sind in der Community vielfach der „Tyrannei der Intimität“ (Sennett) erlegen. Will sagen, es kommt uns ganz selbstverständlich vor, dass wir andere User anmachen können, als teilten wir seit Jahrzehnten das Wohnzimmer mit ihnen. Das ergibt doch aber überhaupt keinen Sinn. Niemand würde in einem Gespräch auf der Straße oder bei einer Einladung zum Essen, sei‘s bei Freunden oder Feinden, solche Sätzen sagen wie „Du kannst nicht richtig formulieren“, „Ich finde das affig“ usw. usf., die wir uns hier ständig um die Ohren hauen. Mit dieser Tyrannei sollten wir brechen. Alle sollten sich bei jedem einzelnen Kommentar vorstellen, sie schrieben gerade einen Brief: Das hilft vielleicht, auf diese Unmittelbarkeit, die der Zustand des Eingeloggtseins nur vorspiegelt, nicht hereinzufallen. - Ich frage mich, ob nicht eine Art Vergottung des Internets zugrunde liegt: Man gibt sich quasi coram Deo zu erkennen. Es ist ganz vergeblich, denn „uns hört niemand“, wie ein User (Lethe) richtig bemerkt hat. – Du, Calvani, machst es vorbildlich bis in den Stil hinein, denn dein Stil ist immer künstlich (und dennoch locker), und so soll es sein.
Calvani: Was ist dir noch wichtig, wonach ich vielleicht vergessen habe zu fragen?
Jäger: Was jedenfalls euch wichtig sein müsste, ist die Frage, was eigentlich mit unserer Ansage, wir seien „die größte Redaktion der Welt“, gemeint war. Sie führt zu Fragen, die noch nicht alle beantwortet sein dürften. Aber es ist euch ja auch wichtig.
(Ebenfalls zum Thema: Fragen und Antworten von und an Jakob Augstein und Wolfgang Michal.)
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Mit Vergnügen!
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Zu meiner letzten Antwort: Das Interview wurde vor Weihnachten geführt, also bevor goedzaks "Wir müssen schreiben!" erschien, wo das Verhältnis von Community und Redaktion sehr weiterführend, wie ich finde, analysiert worden ist.
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Gut dem Dinge!
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Herzlichen Dank an Euch beide! So kann das aussehen, das 'Wir müssen reden!'
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Mein Dank an Calvani und Michael Jäger.
Die drei Interviews, die Calvani mit Jakob Augstein, Michael Jäger und Wolfgang Michal führte, sind eine wichtige Grundlage für die weitere Diskussion über die Zukunft des wunderbaren Freitag/FC-Experiments. Michael Angele sollte ein Gespräch mit Goedzak führen. Dieses Interview würde ich auch sehr gern lesen. |
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Danke Calvani, Danke Michael.
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Danke, Calvani!
Danke, Michael Jäger! Wenn es denn ernst gemeint ist, mit dem Hinweis, online so zu schreiben, wie auf blassblauem Schreibpapier, dann mal los! Und immer mit gutem Beispiel vorangehen. Langweilig sollte der "Briefwechsel" trotzdem nicht werden! Wir müssen uns ja nicht tagtäglich gegenseitig loben, aber wir müssen uns auch nicht in die Pfanne hauen. Dafür gibt es dann die Massentierhaltung... |
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danke für diese drei erhellenden interviews! erst dachte ich: warum streut sie sie nicht ein wenig? aber schnell war klar: sie ergänzen sich perfekt. und das geht nur sofort.
eigentlich nämlich lese ich gar keine interviews mehr, weil sie meist "gesegnet" sind, also gegengelesen, geglättet, entschärft. langweilig. diese hier aber belehren mich eines besseren - wie übrigens auch schon die sehr gute weihnachtsausgabe des Freitag. die kultur des gesprächs zu pflegen, finde ich sehr wichtig. dass sie im journalismus oft (und gern) durch den gedruckten autoritätsbeweis im sinne der verantwortungsentlastung und meinungshascherei vermieden wird, ist schade. also nochmals: danke! |
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Ich wollte zunächst alle drei Interviews in einem Blogbeitrag zusammenfassen. Ging aber erstens nicht und zweitens lässt sich's so auch leichter kommentieren...
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@goedzak schrieb am 17.01.2012 um 15:41
"Mir hat seinerzeit ein Text über die Szene der Bardy in der Sowjetunion gefallen." Danke für Dein Interesse an diesem Thema... ich fühle mich intensiv gekrault (ohne Murks!). Ich liebe Bards abgöttlich: Nicht mit dem Kopf, nicht mit dem Herz, sondern mit jedem Nerv. Die geplante Serie über Bards in Russland ist jetzt gesperrt, aber ich schreibe mal in den Tagen ein Blog über Bards in Deutschland (NB: Nicht DEUTSCHE Bards, die kenne ich gar nicht, sondern Bards IN Deutschland). Schau mal dann vorbei... ;) :) |
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@DandelionWine
..die bards :-)))) www.youtube.com/watch?v=u_tORtmKIjE sorry wenn ich abgeschweift bin! Deine Blöcke Calvani enthalten einige sehr gute Gedanken und Ansätze! Unser aller Kommunikation wird stark davon abhängen wie elastisch wir auf die sicher zunehmende Vereinnahmung unserer Plattformen durch die Macht"elite" reagieren bzw. einfach schneller sind und unser Resilienzwille zäher bleibt. |
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Danke, Art! :) Mit Bards habe ich zwar was anderes gemeint (das weißt Du ja:), aber Dein Link ist großartig. :)
Ach ja, die Machtelite und unser Resilienzwille... da gehen unsere Meinungen, wie immer, auseinander. :) Ich glaube, der einzige Punkt, in dem wir bis jetzt absolute Übereinstimmung miteinander hatten, ist das russische Theater. Es gibt keine "böse" Machtelite" und keine "gute" Wir. Wir sind genauso wie Machtelite und die Machtelite ist genauso wie Wir. Die Machtelite besteht aus Menschen, die - wie auch Wir - ihre Ängste haben, lieben, sich in Wirrungen der Gefühlen verzweifeln, gestorbene Eltern vermissen, versuchen die Schmerzen zu vermeiden, Vertrauen brechen und Vertrauensbrüche erleben... ich kann sie nicht als Feinde betrachten. Ich liebe sie. Einer für alle und alle für einer. "Glück für alle - umsonst!" Andererseits handeln wir in unserem Leben nach den gleichen Mustern wie auch die Machtelite... erinnerst Du noch an unseren Gespräch über diese sehr berühmte in Deutschland Frau, die Du für ihre Verdienste so sehr schätzt? Ich will jetzt ihren Namen nicht nennen, damit keine Diskussionen in diese Richtung angestoßen werden, denn dann fliegen sofort Bananenschalen durch die Gegend und Diskutanten (inkl. mich) springen affenmäßig auf ihren Palmen... ähm... Standpunkten. Aber Du weißt schon, wen ich meine und worum es geht. Diese Frau würdest Du auf gar keinen Fall als "böse" Machtelite betrachten, nicht wahr? Aber... Ich habe Dir damals über eine Situation berichtet, die mich sehr empört hat, d.h. mich empört, wie diese Frau in bestimmter Situation gehandelt hat... und als ich eben zu der wichtigsten Stelle dieses Berichtes kam, war ich so entsetzt, dass mir einfach die Worte fehlten, ich musste einige Sekunden nach Luft schnappen und wusste nicht so richtig, wie ich die Sache formulieren kann... und in diesen wenigen Sekunden hast Du sofort (!) alles verstanden und die Sache erraten und so exakt formuliert als wüsstest Du Bescheid... obwohl Du Bescheid eben NICHT wusstest. Das ist irgendwie... diese Frau (die Du keineswegs zu der Machtelite zählen würdest!) hat genauso gehandelt, wie es jede Machtelite getan hätte, aber das ist nur ein Teil des Problems... viel wesentlicher (für mich) ist, dass Du es sofort verstanden hast, d.h. in Deinen Gedanken hast Du von Anfang an die Möglichkeit zugelassen, dass so etwas möglich ist, es hat Dich nicht erstaunt... du warst zwar damit nicht glücklich, hast aber irgendwelche Entschuldigungen und Erklärungen für ihr Verhalten gefunden. Diese Frau hat natürlich ihre Zwänge... die Machtelite hat aber auch ihre Zwänge, sie wird von gleichem System geprägt und dem gleichen System ausgesetzt. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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