Columbus

Händler&Helden mbH

04.09.2010 | 06:54

Deutschland, Nation ohne Grenze

 

 

Deutschland, Nation ohne Grenze

Was mich an Thilo Sarrazins Auftritt und Hartnäckigkeit berührt, ich gebe es zu, das ist diese doch tief verwurzelte Sehnsucht, dem was "Deutscher-sein" heißen könnte, etwas näher zu kommen. - Dazu gleich mehr.

Um es aber zuerst und vorweg zu sagen, alles Faktische in seinem Buch, ist für mich eher kontrafaktisch. Die Thesen zur Genetik, zur Demografie und zur sozialen Mentalität, zur Welt der Muslime, und zu den Lösungsansätzen, die im Wesentlichen darin gipfeln, zu glauben es gebe so etwas wie eine gesteuerte Einwanderung, sie sind für mich grundsätzlich nicht stimmig.

Ein böser Zug durchzieht zudem das ganze Werk und selbstverständlich auch seine Interviews.  Das ist das dauernde Gerede von der Effizienz. Zuwanderer und Arme müssten etwas abwerfen,  statt zu kosten. Thilo Sarrazin meint es wortwörtlich, im Sinne von ökonomisch abwerfen. Ein Plus unter der volkswirtschaftlichen Rechnung, die sogar den Kulturwert und den Zuchtwert einer Zuwandererethnie glaubt zu kennen und schätzen zu können, wie der Händler auf dem Viehmarkt der Kuh ins Flotzmaul schaut und dann, mit der Faust auf die Flanke über dem Pansenmagen drückt um die gute Verdauung zu prüfen.

Ich will hier nicht auch noch diese These Sarrazins zerpflücken, weil mein Thema nun ein anderes ist, aber doch anmerken: Ich halte weder die reine Rechnerei des Volkswirts für stichhaltig, noch die Thesen die er ableitet für sinnvoll, weil der, im Stile eines Oberinspektors, schreibende Thilo Sarrazin selbst definiert was er unter Effizienz und Profit verstehen möchte und er Bevölkerungsgruppen danach einschätzt.

Hier soll es aber um den liebenswerten und gleichzeitig fatal irrigen Weg gehen, den die Kulturanschauung bei ihm genommen hat.

Sarrazin befürchtet ja nicht nur den demografischen und den ökonomischen Untergang Deutschlands, sondern auch die Degeneration der Kultur und der Bildung. - Hier ist es besonders schwer dem Sachbuchautor zu folgen, mag er Goethes spätes gleiches, nicht das selbe, Nachtlied, noch so oft vortragen.

 

Was ist eigentlich deutsche Kultur?

All´ die schönen Beispiele und Verweise, was deutsche Schüler, und damit natürlich auch die Schüler mit Migrationshintergrund, kennen sollten, -was sie natürlich häufig nicht lernen, weil der Kosmos der Bildung und Erziehung seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ebenso größer geworden ist, wie die Anzahl der Wissensfelder und die Tiefe ihrer Bearbeitung daher geringer, weil tatsächlich nicht mehr 4-5% eines Jahrgangs das Abitur machen und man diese heutigen Abiturienten, oder auch Realschüler oder Hauptschüler nicht mit einem so starren und verengten Bildungskanon fürs Leben ausbilden kann-, lenkt nur von einer grundlegenden Erkenntnis ab, die man an den Bildungsgütern selbst ablesen kann.

Entstanden ist das Allermeiste der Kultur, die Schätze der Klassik und der Romantik, ebenso wie die wesentlichen Kulturinhalte der deutschen Moderne, bis zum Höhepunkt in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts, also vor der Barbarei, gegen jenes Deutschland der Nation.

Zu Reichseinigungen, Kriegen und Reichsneubegründungen, Kaiserjubiläen und sonstigen Nationalfesten gab es nur Schrottgedichte und Spottgedichte, furchtbar grottige Theaterinszenierungen und Turnfeste, dazu schaurig einfältige Bilder und riesige Monumente starker Männer in Wichs und Rüstung, zu denen andächtig gepilgert wurde und noch heute mancher Familienausflug führt.

Ein Auftauchen in Kaiser-Wilhelms Land war das herrschende Deutschlanderlebnis und der gedruckte U-Boot-Kapitän am Deutschen Eck zu Koblenz sah durch sein Periskop ringsherum nur Nationaldenkmale und deutsche Helden auf Sockeln. - So zeigten es die Karikaturen.

Wenn also Wanderers Nachtlied, das zweite, spätere, romantisch angehauchte, angestimmt wird, -weltweit übirgens-, intoniert nach Schuberts und Schumanns Noten, dann fantasiert die ganze Welt doch ein Deutschland ohne Grenzen, ein Deutschland als ein atmendes Luftreich, ein Deutschland des Geistes und der Kultur, ein geistig freies und offenes Land.

Der Ort ist tatsächlich ein Nirgendwo, eine Utopie, eine klassische und eine romantische Ortlosigkeit zugleich, niemals konkret auffindbar. Es ist ein Deutschland ohne Pass, allenfalls mit Passierschein, und mit Grenzen, die umritten, umschritten und umwandert werden konnten, und selbst, fast im Jahresrhythmus, umstritten waren. - Heute steht da immer öfter Private property. - Wenig später ist es ein Versprechen an die Menschheit, bevor Deutschland der Name eines Verbrechens an ihr wurde.

„Schläft ein Lied in allen Dingen,

die da träumen fort und fort,

und die Welt hebt an zu singen,

triffst du nur das Zauberwort.“,

dichtete Joseph von Eichendorff.

Dieses Zauberische, das ist es doch, wonach die Welt schon damals in Deutschland auf der Suche war und das, was Deutsche suchten, wenn sie in die Welt gingen. Tatsächlich gelang es deutschen Männern und Frauen oftmals die Zauberworte zu finden, die einen ganz neuen Klang brachten.

Das politische Deutschland allerdings blieb ein Flickenteppich aus adelsbeherrschten Kleinstaaten, rückständig in der Wirtschaft, rückständig in jeglicher Beziehung, wenn es um das Recht und die politische Teilhabe des Bürgertums, und noch mehr, wenn es um die Anerkennung der Leistungen und Kulturen der Handwerker und Arbeiter ging. Rechten Respekt hatten die Verantwortlichen nicht einmal vor den Bauern.

Höchstens in der Sprache und in der Musik, in den geistigen Wissenschaften und in der Idee von der universalen Bildung, im Begriff des Weltbürgers und Weltkundigen, findet sich ein schöner deutscher Ort. - Da liegt der ganze Schmerz, aber auch die Freude, der Götterfunke.

Die Nation aus Blut und Eisen hingegen, was war sie wirklich wert, was produzierte sie damals? Jedenfalls nichts, was Thilo Sarrazin sofort und spontan als geistigen Ausdruck unserer Kultur hätte zitieren können.

Woran liegt das, dass zwar Bildung vom Banker verlangt und gepredigt wird, aber er selbst die Konsequenzen aus dieser wirklich herausragenden Kulturschöpfung Deutschlands nicht ziehen möchte?

Im Zuge der Humboldtschen (hier des Staatmannes) Auffassung von Universität entwickelte sich doch so etwas wie eine globalisierte Geisteswissenschaft und eine gelehrte Sammlung dessen, was in der Welt zu finden war. Nicht umsonst genoss z.B. die Altertumskunde, die Sprachforschung, die Geografie, die Völkerkunde (heute Ethnologie), die Orientalistik so hohe Beachtung in der ganzen Welt. Sie konnte sich freier als in anderen Ländern, nicht gebunden an den Wunsch, Kolonien zu verwalten und auszubeuten, oder die Meere für die Nation zu sichern, entwickeln. - Bildung und Wissen, dienten als Ersatzreiche der Deutschen, und das war gut so.

Diese Botschaft durchzieht Alexander von Humboldts Kosmos. Er gibt sich als Wissenschaftler zu erkennen, der früh das länderübergreifende Teamwork schätzen lernte,   der in jeder Zeile ausdrückt, wir sind Weltbürger und müssen so jeden Menschen den wir auf unserer Reise durchs Leben und die ganze Welt kennen lernen, auch als solchen ansehen. - Ja, Deutschland war das Land einer geistigen Respektskultur.

Ist es nicht dieses verborgene, freie, eher sprachlich und musikalisch vermittelte Deutschland, Land Orplid eben, welches von Menschen anderer Nationen immer noch bewundert und wieder gesucht wird? Wo ist das Land, in dem die Bäume poetisch wachsen und Dichter noch was gelten? Wo ist das Land, in dem Bildung, Herzensbildung und Geistesbildung, mehr zählt, als die Kopfbedeckung, der Rock und die Börse? 

Immer wenn es um Kleiderordnungen geht, dann kann Deutschland schnell hässlich, ganz alt und grau werden, und vor allem, bei allem existierenden Reichtum, fantasielos im Angesicht einiger sozialer Probleme, bis hin zum Abgrund.

Aus Deutschland kommt die Idee, dass in der aufstrebenden, sich ökonomisierenden und kapitalisierenden Welt die ethischen und moralischen Normen auflösen, und an deren Stelle eine Haltung tritt, die sagt: „Du verdienst nichts, also bist du nichts“. Die weitere Fortführung der Geschichte bis zur Katastrophe, die spare ich mir jetzt.

Erste Verdächte, dass es mit dem heiligen Bildungsernst und der Freiheit des Geistes nicht so weit her sei, formulierten Heinrich Heine und Georg Büchner. Sie mussten fliehen und das sollte Schule machen. Als Theodor Fontane, im Tone milder Ironie seine Jenny Treibel schrieb, da war schon klar, dass das kalte Herz der Kommerzienrätin und ihres Gatten, das Kalkül auf Rechnung und Gegenrechnung, am Ende stärker sein würde, und die Bildung in Zukunft nur noch als Stukkatur, Abbreviatur und als Liedgut zur Abendsoiree dienen sollte.

Aus Deutschland stammt die Idee, dass ein Wissenschaftler, weil er immer an ein Interesse gebunden ist, selbst wenn er sich selbst für freischwebend hält, auch zur Beachtung der Konsequenzen seiner Erkenntnisse verdammt ist. Aus unserem Land stammt die Weisheit, „das Große bleibt groß nicht, und klein nicht das Kleine“. - Derzeit wandern wir aber weiterhin strikt den Weg, der, mit Heidegger zu sprechen, direkt in die Seinsvergessenheit führt. Wir wollen nicht auf einer Lichtung oder an einer ständig sich weg bewegenden Grenze stehen, sondern den sozialen Wald abholzen, um es uns viel einfacher zu machen. - Das ist die traurige Botschaft Sarrazins, der Goethe zitiert, ihn aber nicht leben will.

So bleibt der Klassiker eine schöne Ausgabe im Bücherschrank, die den Kenner von Briefmarken und antiquarischen Büchern jederzeit begeistert, der aber ideell nicht in uns fortlebt, nicht fortleben kann. Ein Bildungsemblem, eine schimmernde Rüstung der Distinktion, die nur bewundert und regelmäßig abgestaubt wird, mehr nicht.

Ich muss sagen, das will ich nicht, und dagegen wehre und verwahre ich mich.

Zum Trost noch einmal Eichendorff:

„Aktenstöße nachts verschlingen,

Schwatzen nach der Welt Gebrauch,

Und das große Tretrad schwingen

Wie ein Ochs, das kann ich auch.

 

Aber glauben, dass der Plunder

Eben nicht der Plunder wär,

sondern ein hochwichtig Wunder,

Das gelang mir nimmermehr.“

 

Christoph Leusch

 

 
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Kommentare
hibou schrieb am 04.09.2010 um 07:39
Volles Ja zur Ablehnung trockenen Zweckdenkens und den "deutschen" klassischen und romantischen kulturellen Errungenschaften. Kleine Kritik an der These, dass das meiste an Literatur etc. VOR der Nazizeit entstand. Ich würde auch Pina Bausch, Anselm Kiefer, Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Heiner Müller, Christa Wolf, Christoph Schlingensief oder Elfriede Jelinek und andere moderne Künstler, die ich gerade nicht nennen kann, zur deutschen Kultur zaehlen.
Büchner floh letzten Endes nach Zürich. Ich mag weder Broder noch die Weltwoche. Trotzdem ist es seltsam, dass man sich in Deutschland auch jetzt bereits wieder nicht mehr frei aeussern darf, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Es sei denn, man sei Schweizer oder Oesterreicher oder aber wie etwa Broder als Jude geschützt. Macht eine Französin wie Frau Lagarde die kleinsten kritischen Aeusserungen, würde man sie doch am liebsten strangulieren, gell?
Columbus schrieb am 04.09.2010 um 09:38
Lieber Hibou,

Ja, das sind unsere "Klassiker", nach dem Kriege. - Mir ging es aber um Sarrazins Goethe, Wanderers Nachtlied gtrommelt und gepfiffen, das eigentlich ein Anhang ist und dann natürlich um die Botschaft der Klassik und Romantik, in dem was zum Kanon wurde, den Migranten vorgehalten wird. Die Kultur richtet sich ja auf Eingemeindung und Integration, erstmals enteht "Weltliteratur", die damals den Kontinent verband. Denken Sie nur an die Bezüge, die Goethe aus dem engl. Briefroman oder bei Shakespeare holte. Denken Sie an den Diwan.

Zweitens, die These, dass um die Ausmalung der Nationalität und des Deutschtums, dessen, was eben Deutsch sei, bis zum Beginn der Barbarei, eben nicht allzu viel Wertiges entstanden ist. Wissen Sie vielleicht was? Mir fällt bei Goethe nur ein "Von deutscher Baukunst" und das ist dann eher Île de France.
Dann kommt mit vollem Recht noch ihre Anmerkung zu Ö.,Ch., die eigenständige und große deutschsprachige Nationalliteraturen produzieren.

Der wunderbare Rest, nämlich die Kulturgeschichte der Bundesrepublik und vice versa, der vielen Beiträge aus dem Osten, wird von vielen Jugendlichen und Erwachsenen nicht gekannt. Was schlimmer ist, nicht einmal gemocht und auch zu wenig bekannt gemacht. Alles keine Abgrenzungs und Ausschluss-Literatur, niemals tümelnd, häufig international und integrierend.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
hibou schrieb am 04.09.2010 um 10:31
Goethe war voll der Italienfan :-)) wie wir auch. Aber die können ja dort zum Teil nicht ma deutsch
Ehemaliger Nutzer schrieb am 04.09.2010 um 07:45
Ach Cristoph,
ein Antideutscher könnte nun diesen Blog zur Demonstration der zynischen Lehre anführen, das deutsche Kleinbürgertum sei noch immer "asozial", sei nicht bürgerlich- kapitalistisch sozialisiert. Es bliebe befangen in Wachträumen, die orientiert seien an der Klassenlage und dem Geist seiner ehemaligen Aristokratie, die vom Joch und den Zwängen absolutistischen Zentralismus verschont blieb. Wachträume, die bis heut den Fetzen nachjagten, die vom Kultur- und Volksgut der Idyllen geblieben sind, die um ein bieder subalternes Gefolge kleinstädtischer Dienstmänner und Handwerksleut gewoben werden, sowie um eine erdichtete, in ein Zerrbild der Antike hinein geölte Pastoralität.
j-ap schrieb am 04.09.2010 um 08:36
Lieber TomGard,

jawohl, das könnte man — und übrigens nicht nur der Antideutsche, sondern auch andere Ströme der Marxlektüre, die etwa tatsächlich in Konkordanz mit ihm darauf hinweisen könnten, daß der Bürger und seine Welt zwar die falsche Emanzipation verkörpern, die Deutschen aber überhaupt wenigstens einmal zu Bürgern hätten werden können.

Schwierigkeiten habe ich mit den Passagen im Artikel, die zwischen alldem einen weiter prozessierenden Antagonismus entdecken wollen: zwischen weltweiser Gelehrsamkeit hier, buntem Rock da und Börsen dahinter und davor. Mir fielen dazu diverse Dinge ein, allerdings weiß ich nicht genau, worauf Herr Leusch hinaus will oder wo genau er ansetzt (mir ist das, jedenfalls nach Erstlektüre, zu unterbestimmt) — Herder kommt mir da in den Sinn und seine ebenso unseliger wie leider folgenreicher Historismus, der der Vernunft Zeitlichkeit und Örtlichkeit unterzuschieben versuchte, sein »Volkslied«, die Pluralität der Kulturen und die Verwurzelung des Individuums in Volk und Boden: spätestens damit ist die sich abzeichnende Frontstellung ja klar, die deutsche Ideologie begreift ihre Rückständigkeit und die Unmittelbarkeit personaler Herrschaft als ein glattes So-sein ihrer völkischen Eigenschaft. Herrschaft von Menschen über Menschen wird darin affirmiert, und auch, wenn dabei die Hölle auf Erden aufreißt, soll's nur recht sein, aber nur, solange auch nur ja fürs Numinose gestorben wird und nicht fürs etwa Geld.

Dieser lange Atem der 'deutschen Religion' zieht noch Kreise über Werner Sombarts »Händler und Helden«, wo die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, der 1. Weltkrieg, mit allem deutschen Ernst zu einer Auseinandersetzung des deutschen Heldentums gegen den angelsächsischen Händlertypus hinaufphantasiert wird (was sich schon daran zeige, daß die verweichlichten Engländer Sicherheitsrasierklingen im Tornister dabei haben, während sich der Deutsche vor der Schlacht mit dem Bajonett rasiert), Spenglers Untergangszenarien für die Kulturen, Heideggers manche Anleihen bei Herders 'Sprachontologie' und Arnold Gehlen, der aus eben dieser Sprachontologie den Menschen rundheraus als Mängelwesen entnahm, das den schützenden und schirmenden Institutionen anvertraut werden müsse.

Wie gesagt: Muß nochmal drüberdenken, ehe daraus vielleicht etwas wird.

Grüße,
Josef Allensteyn-Puch
Columbus schrieb am 04.09.2010 um 09:55
Lieber Herr Allensteyn-Puch,

Ihr Bogen ist jetzt sehr viel weiter gespannt als ich nun wollte. Tatsächlich existiert eben gerade einmal das Bewusstsein, auch bei jenen, die sich überhaupt nicht mit Kultur beschäftigen, dass Goethe der Klassiker ist, den man kennen sollte, zumindest als Namen. Aber die Schriften Goethes stellen ja auch einen Anspruch und der wird plötzlich, wenn es um Integration geht, nicht mehr gebraucht. Da gilt die Kenntnis oder Nichtkenntnis als Bildungsmangel, nach Sarrazin sogar als mangelnde Integration und für manche als Ausweis von Dummheit, aber die Frage lautet ja auch was macht man in der Integrationsdebatte mit Goethe, Kant, Schiller und Hegel und den anderen Klassikern einer vorgestellten deutschen Bildung.

Weil Sie auf meinen Blogtitel anspielen, er trägt deshalb auch die Erweiterung m.b.H.

Antideutsche kenne ich übrigens nicht. Wer könnte damit gemeint sein? - Noch nie war Deutschland so feindlos wie heute.

Liebe Grüße an Sie und Tom Gard

Christoph Leusch
goedzak schrieb am 04.09.2010 um 16:17
@j-ap
"nicht nur der Antideutsche, sondern auch andere Ströme der Marxlektüre" - Keine Ahnung, was so ein kleiner Anti-Deutscher alles geschmökert hat, aber ihren Ideologiekritikfetischismus könn' se nich von olle Karlo haben.
j-ap schrieb am 06.09.2010 um 06:58
Lieber Herr Leusch,

der Goethe, ja — wäre ich nun böse, könnte ich zu ihm und dem Verhältnis, in dem die Bürger dieses Landes zu ihm stehen, sagen: Sie kennen und halten ihn, immerhin haben sie ihn drei Angriffskriege hindurch im Tornister mit sich getragen. Das spricht selbstredend in gar keiner Weise gegen den Geheimrat, wiewohl er es verstand, zu gleicher Zeit die wunderbarste Prosa zu verfassen und die »Hessians« an den englischen König zu vertralamanschieren (so sagt man in Altbayern, wenn jemand ein halbseidenes Ding dreht und dabei seinen Schnitt macht, ohne daß es gleich ein regelrechtes Verbrechen wäre).

Es gibt ja nicht nur Goethe oder Schiller, Hegel und Kant und Schopenhauer — schlimm genug, daß ganze Jahrgänge (ja, auch 'autochthone') nicht mehr von ihnen wissen, als daß sie mal von wegen der Stegreifaufgabe im Unterricht dran waren. Was ist mit Albertus Magnus, Hartmann von Aue, Nikolaus von Kues, Tilman Riemenschneider? Mit den Gebrüdern Asam, Albrecht Dürer oder Hans Scharoun? Sind das »Klassiker«? Kann man mit denen »integrieren«?

Vermutlich war der Bogen tatsächlich zu weit gespannt. Ich habe allerdings, Herr Leusch, noch nie in meinem Leben verstanden, weshalb manche Menschen so viel Lebenszeit darauf ver(sch)wenden, herauszufinden, was nun wirklich »deutsch« sei und was nicht.

Was mich aktuell im Zuge der Sarrazin-Debatte umtreibt ist die Frage, weshalb ausgerechnet aus Sozialdemokraten oder gar Sozialisten solche hammerharten, megalomanischen Ausgrenzer werden können. Denn Sarrazin steht ja nicht allein auf weiter Flur, und die populäre kurzschlüssige ex post-Erkenntnis, die Betreffenden seien dann halt nie wirklich Sozis gewesen, greift mir viel zu kurz.

Im Ohr sind mir da immer noch die beiden Webbs aus England und auch George Bernard Shaw: Fabians, Sozialisten, maßgebliche Old Labour-Leute, als solche aber zugleich im Bunde mit den bellizistischen Tories, mit ihnen auch verbunden darin, kein einziges gutes Haar an den Gladstonians zu lassen, eminente Verteidiger des Burenkriegs (zusammen mit den Tories gegen die Liberalen), die der Meinung waren, daß es die aufgabe kleiner Nationen sei, zu verschwinden — wie ist das erklärlich? Führt von da aus eine Linie bis zu einem Sloterdijk oder einem Sarrazin?

Fragt
J. A.-P.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.09.2010 um 16:17
Wer einer Geschichtsapologetik frönt, J-ap, macht sich halt zur Charaktermaske der in's Tradierte hinein erfundenen Schienenstränge und Lokomotiven, ob er nun Marx heißt, oder sonstwie, und wenn er darüber nicht total verbiestert, wird's zur Narrenkappe - die Ausgabe des "altersweisen" JB.Shaw soll recht stilvoll gewesen sein, habe ich mir erzählen lassen.

Konversation ist ein Geschäft mit Narrenkappen. Wenn Sie es mit den Fabian Sozialists gegen die TomGards und mit den Gladstonians gegen die Fabians halten, ist das für mich weder närrisch noch geschäftlich. Keine Ahnung, was es ist, aber eine schauerliche Zeit- und Energieverschwendung ist es sicher.
goedzak schrieb am 04.09.2010 um 16:19


Bitte wahlweise vor 'gelesen' ein 'Mit Geduld' oder vor 'nicht bereut' ein 'trotz Längen' einfügen. :))>
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