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02.04.2011 | 16:06

Plutonium strahlt und schreckt

Plutonium strahlt und schreckt

Lernfähigkeit?

Radioactivity is in the air for you and me(...) Radioactivity tune in to the melody. Radioaktivität, für Dich und mich im All entsteht (...)Radioaktivität, strahlt Wellen zum Empfangsgerät(...) Radioaktivität, wenn es um unsere Zukunft geht(...)“ (Kraftwerk, „Radioactivity-Radioaktivität“, 1975, www.youtube.com/watch?v=o2BYeaxSaV0&;;;;;feature=related ) und

„RADIOACTIVITY-RADIOAKTIVITÄT“, Kraftwerk, Tokyo 2002:

„Ra-di-o-ac-ti-vi-ty..., Tschernobyl, Harrisburgh, Sellafield, Hiroshima,..., STOP RADIOACTIVITY...Cain reaction and mutation, Contaminated population,...STOP RADIOACTIVITY“ ( www.youtube.com/watch?v=GkGOdfwQiXc&;;;;;feature=related ).

Der Stand der Dinge (02.04.2011, 10:00 Uhr)

Der Betreiber Tepco und die japanische Regierung einigten sich diese Woche. Geringe, nicht gesundheitsschädliche (?) Spuren des symbolträchtigsten radioaktiven Stoffes dieser Welt, Plutonium, seien rund um die Blöcke des Kraftwerks Fukushima I gefunden worden. Zugleich stiegen im Meerwasser die Belastungen mit radioaktivem Jod. Die Ruinen gelten endlich offiziell als gefährlicher, zu versiegelnder Schrott, und jeder Vorschlag das Ausmaß der Verseuchung gering zu halten, wird erwogen und getestet. Zuletzt entdeckte der Betreiber einen Riss im Beton unter Block 2, aus dem beständig hochradioaktives Wasser abläuft.

Messwerte anderer, langlebiger radioaktiver Substanzen sind rar. Gerade erst gibt es erste Cäsium-Werte.  Man findet nur, wonach man sucht, und in Japan, wie um den ganzen Globus, fahndet niemand gerne nach sprachlich, symbolisch und real äußerst lästigen Sachverhalten. Mit einem weiteren, deutlichen Anstieg der Cäsium-, Strontium-, Plutonium- und Uran-Konzentrationen muss gerechnet werden, denn Brennstäbe sind bereits geschmolzen, zerbröseln oder lagen in den Abklingbecken zu lange trocken. Wichtig wären exakte Messungen seltener Nuklide (Xenon, Technetium, Barium, Molybdän und Zirkonium), um über den Zustand der Reaktorhüllen und Brennstäbe genauer Bescheid zu wissen, wenn schon keine optische Kontrolle möglich ist.

Was also, ist  Plutonium, was macht es? Woher stammt seine Gefährlichkeit? Ist die ultimative Bedrohung am Ende gar nur eine Mythe, ein Hype der Mediengesellschaft? - Mitkommunaut „Kalle Wirsch“ fragte unter Kathrin Zinkants Artikel „Strahlensalat: Mr. Sievert, Madame Curie und das Wildschwein“ (www.freitag.de/community/blogs/kathrin-zinkant/strahlensalat-mr-sievert-madame-curie-und-das-wildschwein ), was denn das Element so „giftig“ macht. Hintergründig dräut der nicht unpopuläre Forenverdacht, Plutonium sei gar nicht das Teufelszeug, für das es gehalten werde.

Vorweg, für all jene die sowieso nur Textanfänge lesen: Die isolierte Betrachtung dieses Symbolstoffes greift viel zu kurz. Plutonium und sein ebenso spaltbarer Bruder, das Uran, stehen am Anfang einer langen Zerfallsreihe radioaktiver Substanzen und Strahlungsarten. Die Kernenergie-Technik verwendet nicht nur diese beiden, hochgefährlichen Ausgangsstoffe, sondern produziert damit beständig neue und dazu noch, ganz verschiedene, Strahler! Der GAU macht die "Schädlichkeit"  überhaupt erst allgemein sichtbar. Sonst ginge sie im Grundrauschen der übrigen Gesundheits- und Umweltrisiken unter, obwohl sie existiert. - Eine allzu sorglose Betrachtung der bisherigen Ereignisse in Japan oder eine oberflächliche Folgenabschätzung anhand des Symbolstoffs Plutonium, über den man, es verwundert zunächst, erstaunlich wenig weiß, ist daher kein sehr rationales Verhalten.

Plutonium hat seit seiner Entdeckung 1940 eine traurige Geschichte. Von Anfang an war allen klar, dieser Stoff schadet! Mehr aufgrund seine Radioaktivität, als durch seine biologische Giftwirkung, analog den Schwermetallen. Die Strahlenwirkung wurde damals ins Verhältnis zur Wirkung der bekannten Substanzen Radium und Radon gesetzt. Man hielt Plutonium für drei- bis fünfmal gefährlicher. Das Manhattan-Projekt ("Trinity"-Testbombe, Atombombe „Fat Man“), die Schicksale mancher Pionier-Wissenschaftler, brachten den Stoff bald in den Ruf, eine der tödlichsten Substanzen überhaupt zu sein. Nur wer so beeindruckt ist , -und dazu eiskalt-, betreibt Menschenversuche (dazu Horst Kuni, www.staff.uni-marburg.de/~kunih/all-doc/puversuche.pdf ).

Nichtdestotrotz darf für die BBC, im Jargon der Abwiegler zu Fukushima berichtet werden (www.bbc.co.uk/news/world-12860842 ). Da plädierte jüngst (26.03.) Wade Allison, ein Chemiker der Oxford Universität, dafür, vor Radioaktivität nicht weg zu rennen. Sie sei tausendfach weniger gefährlich als bisher eingeschätzt. - Wie das mit der Einschätzung und Risikobewertung klappt, demonstriert gerade Tepco, Japan und die Regierung dort.

Wer verstrahlt wird, fragt nicht nach dem passenden Einheiten-Faktor der Gefahr, zwischen 100 und einigen Millionen Millisievert pro Stunde aus dieser „Fehlmessung“, sondern ob ihm Gefahr droht. Im letzteren Fall stürben die Arbeiter an den Reaktoren wie die Fliegen, beim ersten Wert können sie maximal 2-4 Stunden dort arbeiten und sollten dann nie wieder etwas mit Strahlung zu tun haben. - Wir wissen, die Realität sieht anders aus!

In Tschernobyl, so Wade Allison, seien allenfalls ein paar Dutzend Arbeiter lebensgefährlich verstrahlt worden und in Fukushima sei bisher nur ein viel geringerer Anteil an Radioaktivität in die Umwelt gelangt als 1986 in der Urkraine. Gut, der Mann aus Oxford ist sei graumer Zeit bekannt für diese Positionen. Er vertritt sie auch relativ einsam. 2009 veröffentlichte er dazu das allgemeinverständlich geschriebene Sachbuch „Radiation and Reason-The Impact of Science on a Culture of Fear“ (2009). - Ein wenig mehr „Persönlichkeitsstudien“ zu Plutonium schaden also nicht und Professor Wade sagt ja auch ein paar ganz richtige Dinge.

Strahlende Paradoxa

Die lange Halbwertszeit eines strahlenden Stoffes, ist zunächst ein großer Beruhigungsfaktor. Denn es gilt die Regel: Was eine lange Halbwertszeit hat, das zerfällt langsam. Was langsam radioaktiv zerfällt, setzt auch weniger Strahlung frei. - Dann wäre ja wieder einmal alles in Butter und die Katastrophe gerade vom überkompetenten Kernphysikochemiker aus Oxford abgesagt. - Gälte in dieser Frage tatsächlich nur ein einziges physikalisches Wirkprinzip, stammte die radioaktive Gefahr wirklich nur aus der Zahl der Zerfallsereignisse pro Zeiteinheit eines einzigen Stoffes, geritzt, dann liefen die Reaktoren der ganzen Welt mit dem harmlosen Plutonium. Weltweit stünden 2000, gar 3000 Plutonium-Meiler und nicht nur jene 430 Reaktoren, meist mit Uran beladen, die planmäßig alle 25 Jahre, einen GAU produzieren.

Plutonium, der Stoff der Alpträume und einiger Wunschträume

Plutonium ist ein schweres Element. In der, von vielen Schülergenerationen hassgeliebten, Tafel des Periodensystems steht es in der Gruppe der Actinoide. Sie besitzen eine hohe Dichte, sowie große Atom- und Kernradien. Die Endung „-oide“ kennzeichnet die Ähnlichkeit innerhalb der Gruppe (Wer ein gutes interaktives Periodensystem sucht, um selbst einmal genauer nachzuschauen, der findet es hier: www.periodensystem.info/periodensystem/ ).

Die Actinoide, sind den Elementen der dritten Nebengruppe (Scandinium und folgende)  ähnlich. Sie zeigen Metallcharakter (Übergangsmetalle, leichte Oxidation an Luft, mehrere Oxidationsstufen, hohe Schmelz- und Siedepunkte, elektrische Leitfähigkeit, Wärmeleitfähigkeit, Färbung bei der Salz- oder Komplexbildung, leichte Entzündlichkeit der Feinstäube, zahlreiche Oxid-und Hydridbildung, Komplexbildung) in unterschiedlicher Ausprägung.

Radioaktivität ist nicht Kernspaltung!

Alle Elemente dieser Gruppe sind radioaktiv, d.h., sie zerfallen von selbst. Isotope anderer Elementgruppen tun das auch. Kalium-40 (Alkalimetall) z.B., wird seit Anbeginn unseres Sonnensystems zu Argon (Edelgas) und daher dient das Verhältnis dieser Elemente zur Altersbestimmung geologischer Strukturen.  Thorium-232 zerlegt sich gar seit Anbeginn des Universums, mit einer Halbwertszeit von ca. 14 Milliarden Jahren. Uran-238 ist nach ca. 4.5 Milliarden Jahren zur Hälfte zerfallen. Andere radioaktive Isotope des Plutoniums,-aber auch des Urans-, leben nur Bruchteile von Sekunden, Minuten, Tage, und die Halbwertszeiten sind daher extrem kurz. - Grund genug, die Achtung auch vor den langlebigen radioaktiven Ausgangsstoffen niemals zu verlieren! Plutonium-Isotope die kurzzeitig leben, strahlen intensiv. Das gilt ebenso für deren Zerfallsprodukte und die radioaktiven Nebenprodukte aus der Einwirkung der ionisierender Strahlung auf ursprünglich nicht radioaktive Substanzen, wie auch für die radioaktiven Stoffe aus der Kernspaltung. - Gut, wenn es im Gedächtnis bleibt!

Die Kernenergie-Industrie ist nämlich an einer ganz anderen Eigenschaft der radioaktiven Actinoide interessiert. Unter einem gewollt herbeigeführten, viel schneller ablaufenden, sich dazu noch selbst erhaltenden Zerfall der Radionuklide Plutonium, Uran oder Thorium in wesentlich leichtere Kerne (Kernspaltung), wird sehr viel Energie freigesetzt (Wärme und Strahlung). Auslöser ist eine technisch herbeigeführte Vermehrung von „langsamen“ Neutronenstößen, die auf die Radionuklide treffen.

Kernspaltung

Die Neutronen stammen aus dem Spaltmaterial (Plutonium oder Uran) selbst. Sie würden aber allein nicht ausreichen, einen Spaltzyklus in Gang setzen und weiter zu unterhalten (Ausnahme, die lange erloschenen Oklo- und Bangombé-Uran-Naturkernkraftwerke in Gabun).

Für einen einzigen, ultrakurzen Moment funktioniert das bei der A-Bombe. Dabei wird die kritische Masse der Spaltstoffe in eine besondere geometrischen Form gebracht, z.B. zwei massive, allein nicht explosible Halbkugeln in einem fixen Abstand, um sie dann mit einem Mantel aus konventionellem Sprengstoff bei dessen Explosion zusammen zu bringen

Oder aber, die Erzeugung von langsamen Neutronen in einem Reaktor wird durch Moderatorwasser, sowie Regulatorstäbe, z.B. aus Cadmium oder Graphit, in Gang gesetzt und dann, sorgfältig kontrolliert, aufrecht erhalten. Kurzzeitig muss dazu die Zahl der langsamen Neutronen, die auf spaltbares Material treffen, deutlich vermehrt werden, bis die Kettenreaktion einsetzt. Die nun ablaufende Kaskade der Neutronenproduktion und Spaltung wird an der schnell steigenden Strahlungsdosis und der ebenfalls steigenden Temperatur gemessen.

Enrico Fermi und seine Mitarbeiter regelten das 1942, im ersten Reaktorhaufen der Welt, dem Chicago Pile 1, noch per Hand.  Die Physiker rechneten damals schon mit dem GAU und seinen weiteren Folgen, und so mussten ein paar opferbereite wissenschaftliche Mitarbeiter über dem Hügel stehen, um im Notfall zusätzliche Moderatorstäbe fallen zu lassen, sowie Moderatormaterial über den möglichen Unfall zu kippen. Die Strahlung des durchgehenden Reaktors hätte sie allerdings trotzdem getötet. - Es kam nicht zum GAU.

Auf dem erwünschten, kontrollierten Niveau der Kettenreaktion, sorgt heute umgewälztes, entionisiertes Wasser im Reaktorkern für den ausreichenden Neutronenfang. Gleichzeitig verdampft es und führt so die enorme Wärme ab. Oberhalb der Brennstäbe in ihrem Moderator-Wasserbad sammelt sich gespannter Wasserdampf (Druck), der über eine Turbine, unschädlich und nützlich zugleich, abgeleitet wird, oder aber, über einen zwischengeschalteten zweiten Wasserkreislauf (nutzbare Wärme) abgibt. - Wenn das nicht gelingt und die Notkühlung versagt, tritt allerdings der GAU ein. Quod erat demonstrandum apud Fukushimatum.

Schmilzt der Kern durch das Containment, oder bleiben die Kühl-, Notfall- oder Sicherungsöffnungen ungeregelt offen, dann passiert mehr, als je ursprünglich eingeplant. Manche Leute wollen das Super-GAU nennen. Einfacher wäre es, von einem weitgehend unkontrollierten Austritt radioaktiver Substanzen zu sprechen.

Plutonium-239

Plutonium gehört mit seinem Isotop 239 zur Gruppe derjenigen Stoffe die direkt spaltbar sind. Seine Ordnungszahl beträgt 94. Das heißt, 94 Protonen bilden mit einer wechselnden Anzahl an Neutronen seinen Kern. Die Atommasse der 20 bekannten Isotope verändert sich mit der Zahl der Neutronen im Kern, von 228-247. Nur wenige Isotope spielen in der Kernenergie eine wesentliche Rolle. - Der andere, in Kernreaktoren häufiger verwendete Stoff, ist das Uran-Isotop 235.

Um mehr reaktorfähiges Plutonium-239 zu bekommen, müssen andere Isotopen heraus gefiltert und abgereichert, werden. Oder aber, man arbeitet abgebrannte Uran-Brennstäbe aus den Reaktoren, die ca. 1%, aus Neutronenaufnahme (!) entstandenes Plutonium-239 enthalten, auf und bringt das Material nachher, zusammen mit dem Uran-235 als MOX-Brennstab (=Mischoxid, das ist 7% Pu(239)2 O2 und 93% U(235)2O2) in ein Kernkraftwerk. - Je höher die isotopenreine Abreicherung, desto leichter lässt sich das Material auch für Atombomben verwenden. In Brutreaktoren kann gar das spaltfähige Isotop-239 aus anderen Radionukliden hergestellt werden.

Alle Folgeprodukte des Plutoniumzerfalls sind ebenfalls radioaktiv. Dazu wird auf dem weiteren Weg immer wieder Wärme und jede Menge Strahlung frei. Plutonium selbst, ist ein potenter Alpha-Strahler (Ein dickes Heliumkern-Teilchen, macht viel Schaden, kommt aber nicht weit). Darüber hinaus wird Gamma-Strahlung frei, die nur schwer zu entdecken und abzuschirmen ist. Einige der Spaltprodukte sind ebenfalls Gamma-Strahler und andere massive Beta-Strahler. Auch diese Teilchenstrahlung aus Elektronen ist schwerer abzuschirmen und deren Gefahr, wie die der Gamma-Strahlung, stark vom Energiegehalt abhängig, der den Elektronen mitgegeben wurde. - Gesundheitsschäden und Todesfälle treten bei den meisten Radionukliden nach Einatmen und/oder Verschlucken von sehr fein verteilten Partikeln auf, die akut an Schleimhäuten, an Teilungsgeweben, sowie an all den Stellen wirken, an denen sie längerfristig im Körper abgelagert werden (Knochen, Niere, Leber, Gehirn).

Das Ergebnis eines ungeregelten Zerfalls plutoniumhaltiger Brennstäbe im stählernen Reaktorherz und seinem Containment aus Beton, für Uran gilt das ebenso, klingt nur harmloser, sind also eine Vielzahl von Spaltprodukten und eine große Menge direkter Neutronen- und Gammastrahlung. Während die ionisierende Strahlung vor allem am Ort der Entstehung wirkt und so die Aufräum- und Sicherungsarbeiten nach dem GAU schwer beeinträchtigt, wirken die radioaktiven Teilchen als weit reichende Gefahr, wenn sie in die Umwelt gelangen.

Was passiert mit einem MOX-Brennelement im Unfallreaktor 3 des Kraftwerks Fukushima?

Zerfallen die Brennstäbe, weil es zu heiß wurde, dann schmilzt die Hülle aus Zirkalloy (eine neutronendurchlässige Metall-Legierung, mit 90% Zirkonium-Anteil). Treten nun Wasser, Wasserdampf oder Luft, weil eventuell kein Wasser mehr da ist, direkt mit dem strahlenden Material in Kontakt, so gelangt ein ganzer Zoo an radioaktiven Substanzen in die Umwelt, von denen nur ein kleiner Teil als „Leitsubstanz“ gemessen wird. In Japans Katastrophenregion wurden selbst für diese Anzeiger-Substanzen erst nach dem Unfall Messregime aufgestellt und die Zahl der Messorte war von Anfang an viel zu gering.

So hat die japanische Umweltaufsicht zwar die Plutonium- Ablagerungen aus dem Bombenabwurf und aus den oberirdischen Waffentests der Nuklearmächte aus den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts genau beobachtet, aber eben nicht die aktuellen Isotope aus den Reaktoren. So messen bis heute nur sehr wenige Stationen überhaupt. Das Lagebild aller möglichen Austrittsstoffe bleibt unvollständig. - Ich bin überzeugt, kaum ein Arbeiter am Unfallort weiß derzeit, wo er sich gerade mit seiner kumulierten Strahlendosis befindet. Vielleicht wollen es einige der „Helden“ auch gar nicht mehr wissen.

Die Verwendung der Mischoxid-Brennstäbe wurde ökonomisch begründet. Die wachsenden Plutonium-Müllberge lassen sich so „entsorgen“ und gleichzeitig brennen die MOX-Elemente ihren Hauptanteil, das Uran, effizienter ab. Sie belasten aber gerade die älteren Reaktoranlagen und führen zu einer zusätzlichen Abnutzung der Hüll- und Schutzmaterialien. Der Mengenanteil der MOX-Stäbe in den ursprünglich nicht dafür vorgesehenen Reaktoren ist ebenso Gegenstand von Praxisexperimenten, wie die Bestimmung einer hinreichenden Zahl der zusätzlich notwendigen Modulatorstäben in der jeweils passenden Geometrie, um die aktiveren Plutonium-Neutronenzerfälle sicher zu steuern.- Wer weiß, ob nicht hier schon einer der Gründe liegt, warum ausgerechnet der MOX-beladene Reaktor so viel Ärger macht? MOX-Brennelemente leiten schlechter Wärme ab und schmelzen schneller.

Der Zerfall des Plutoniums

Schon im Normalbetrieb gelangen einige radioaktive Partikel in den heißen Dampf. Sie müssen abgefiltert werden. Wer zusätzlich mit der Abbrenndauer der Uran-Brennstäbe experimentiert, indem er die Menge an Uran 235 auf deutlich über vier Prozentsteigert, riskiert mehr radioaktive Gase. Wer MOX-Stäbe einsetzt,  erhöht den Anteil starker und langlebiger Alpha-Strahler, kommt es einmal zum GAU. Wenn aus wirtschaftlichen Gründen die ursprüngliche Betriebsgeometrie und Beladung der Reaktoren verändert wird, beschleunigt sich auch die Alterung der sicherheitsrelevanten Strukturen, weil nun höhere Belastungen auftreten.

Aus Plutonium 239 (Halbwertszeit ca. 24.000 Jahre) entsteht unter Abgabe von Alpha- und wenig Gamma-Strahlung und viel Wärme, Uran-235 (t 1/2 ~703 Mio.Jahre). Das langlebige Uran 235 zerfällt, wiederum unter Alpha-Zerfall und weiterer Energieabgabe zu Thorium 231 (t 1/2 ~25,5 Stunden). Das zerfällt, unter Abgabe von Beta-Elektronenstrahlung, zu Protactinium, usw., usw. So geht es fort, bis zum stabilen Element Blei. 70% des Plutoniums in verbrauchten Brennstäben ist Isotop-239.

In die Umwelt freigesetzt schädigt Plutonium-239 besonders durch seine spezifische Aktivität! -1 Gramm erzeugt ungefähr 2,3 Milliarden (2,3x10 hoch 9) Zerfälle pro Sekunde (Becquerel). 1 g Uran-235 (der Haupt-Reaktorbrennstoff) liefert gerade einmal 80.000 und 1 g Thorium-232 , 4.000 Zerfälle/Sekunde.

Neben dem eigentlichen Reaktorplutonium 239, zerfällt aber auch Plutonium 238 (Halbwertszeit ca. 87 Jahre, spezifische Aktivität ca. 6,3 x 10 hoch 11 Becquerel, d.h. ungefähr 630 Milliarden Zerfällen pro Sekunde). Der 1%ige Anteil im MOX-Brennstab, -potenziell waffenfähig, Antrieb für Satelliten, früher einmal für Herzschrittmacher geeignet-, zeigt einen massiven Alpha-Zerfall zu Uran-234. Partikel-Stäube, die eingeatmet oder geschluckt werden, sind besonders gefährlich. Ausgebrannte Uran-235 Brennstäbe (normale Beladung eines Reaktors) enthalten ebenfalls 1-2% Plutonium 238, das für einen Hauptteil der Zerfallswärme nach dem Stopp der Kettenreaktion sorgt. - Wenn diese Wärme nicht abgeführt wird, kommt es zum GAU und trocken gefallene Brennstäbe in einem Abklingbecken zerstören sich selbst.

Plutonium-240 macht ungefähr 20% der PU-Menge in einem gebrauchten Brennstab aus. Meist ensteht es aus dem PU-239, das beim Neutroneneinfang entweder zerfällt, oder zu ca. 1/3 der Ausgangssubstanz das neue Isotop bildet. PU-240 ist ein starker Alpha-Strahler mit einer spezifischen Aktivität von ca. 8,4 x 10 hoch 9 Becquerel/Gramm, das sind 8,4 Milliarden Zerfällen pro Sekunde, pro Gramm.

Wie es mit den übrigen Plutonium-Isotopen, die geringere Prozentbeiträge beisteuern, weiter geht, schreibe ich nicht hin. Wer es wissen will, zappe sich durch eine Nuklidkarte ( www-nds.iaea.org/relnsd/vchart/index.html , interaktiv, nach ein wenig Spielerei selbsterklärend), oder nutze die Wikipedia (en) , die in dieser Hinsicht sehr genau ist.

Leichte Spaltprodukte, große Gefahr

Die hohen Messwerte für Jod-Isotope belegen, es muss Lecks (offene Ventile, Risse, Druck-Aussprengungen, andere Explosionsschäden) am Sicherheitsbehälter eines oder mehrerer Reaktorblöcke (Fukushima I, 1,2,3) geben. Die Hüllen größerer Teile der Brennstäbe in den Abklingbecken und im Reaktorkern wurden beschädigt und nun tritt das so genannte „Inventar“ an radioaktivem Material aus. Viel wichtiger für die mittelfristige und längfristige Prognose ist, was mit dem austretenden Cäsium und Strontium passiert und welche Konzentrationen diese Stoffe erreichen. Die Halbwertszeit des relevanten Cäsium-Isotops 137 beträgt ca. 30 Jahre, und das Element, einst in Pfälzer Mineralwasser von Bunsen und Kirchhoff entdeckt, ist ein sehr potenter Beta-Strahler.

Kontakt mit Plutonium

Einleitend schrieb ich, das geringe Wissen zu unserem Symbolstoff verwundere. - Jedoch, wer will freiwillig mit Plutonium etwas zu tun haben? Klinische oder allgemeine medizinische Forschung an und mit dieser Substanz ist in jeder Hinsicht schwer. Hinweise stammen aus den unfreiwilligen, katastrophalen Großexperimenten, wie wir gerade wieder eines erleben, und aus den Folgen der militärischen Nutzung. Aus einem Graubereich existieren die spärlich veröffentlichten Daten zu Arbeitsunfällen bei der Anreicherung und Aufbereitung spaltfähiger Materialien. Gerade aus den großen Einrichtungen des kalten Krieges (Los Alamos (USA), Mayak (SU), Hanford (USA)) kamen nur gefilterte (klassifizierte) Ergebnisse.  Gegen die ärztlichen Standesregeln, führte man Niedrigdosis-Experimenten an (tod)kranken Probanden, geistig Behinderten und Strafgefangenen durch (s.o., Kuni). Alle weiteren Daten, z.B. zur möglichen Letaldosis, stammen aus Tierversuchen an Ratten und Hunden.

Plutonium musste erst gefunden und technisch benutzt werden, um überhaupt relevant in der "Humanosphäre" gelangen zu können. Das besorgte die Bombe über Nagasaki und die Testexplosionen der 50er, 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts.  Jeder Mensch dieser Erde lebt mit einem, wenn auch sehr kleinen, Plutonium-Strahlungshintergrund. Raucher bekommen etwas mehr davon (Plutonium, Polonium), denn sie atmen die Kumulatorpflanze Tabak auf Lunge.

 So gibt es weltweit allenfalls ein Monitoring sehr weniger, dazu häufig noch, ethisch anrüchiger Fälle, und selbst die mageren Studien an ein paar Dutzend Menschen, bei denen die isolierte Aufnahme, Ausscheidung und Einlagerung einer definierten, kleineren Menge Plutoniums hätte diagnostiziert werden können, kranken an hohen Drop out- Quoten oder anderen, die Ergebnisse verzerrenden Randbedingungen (Rauchen).

Jene, die unfreiwillig relevant hohe Dosen des Plutoniums als Stäube oder Aerosole oder gasförmig aufnahmen, waren meist gleichzeitg auch noch mit der Radioaktivität anderer Elemente schwer belastet. Sie starben zumeist an der direkten, hohen Strahlenwirkung aller Kontaktsubstanzen. Plutonium ist so sehr ein radioaktives Übel, dass die biologisch-toxischen Vergiftungserscheinungen gar nicht realisiert werden (dazu:Schäfer, Georg; Elsenhans, Bernd; Schümann, Klaus-Otto; Hagen, Ulrich, „Plutonium: Eine toxikologische Bestandsaufnahme“, Dt Ärztebl 1996; 93: A-2151–2156 [Heft 34-35], www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=2522 ).

Fazit: Plutonium erweist sich  nicht das ultimative radioaktive Gift, zu dem es stilisiert wurde, obwohl seine effektive Strahlendosisleistung z.B. für die entscheidenenden Isotope 238, 239 deutlich über der des Uran-235 liegt. Folgeprodukte aus der Spaltungsreaktion und aus dem Zerfall haben jedoch teilweise viel höhere effektive Dosisleistungen! Gefürchtet sind z.B. Americium-241, das aus abgebrannten Brennstäben (ca.100g Americium/Tonne Brennstäbe) Gamma-Strahlung frei setzt oder Polonium. Polonium-210 erlangte berüchtigte Berühmtheit, weil damit 2006 der Ex-KGBler Alexander Litwinenko, in London tödlich vergiftet wurde. Es emittiert Alpha-Strahlung und sehr viel Wärme und hat eine spezifische Aktivität von 166 TBq/Gramm. Das sind 166 x 10 hoch 12, also 166 Billionen Zerfälle pro Sekunde, pro Gramm. 50 Nanogramm (50 milliardstel Gramm) geschluckt, oder 10 Nanogramm inhaliert, sind absolut tödlich (en.wikipedia.org/wiki/Polonium ). - Aber, Plutonium und Uran sind die Leitstoffe, deren weltumspannende, kommerzielle und militärische Verwendung das generationenüberdauernde Risiko der technischen und industriell erzeugten Radioaktivität überhaupt erst begründen.

Christoph Leusch

 
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Kommentare
Gold Star For Robot Boy schrieb am 02.04.2011 um 16:48
Danke für den Text. Was können die Menschen in Japan in dieser Situation tun ? Werden weite Teile des Landes unbewohnbar sein ?
Könnten die Konsquenzen des Gau's schlimmer als nach Tchernobyl sein oder ist es derzeit überhaupt nicht möglich genauere Prognosen über die Gefährlichkeit der Situation für Mensch und Umwelt abzugeben ?
Columbus schrieb am 02.04.2011 um 18:37
Ja, Gold Star For Robot Boy, wenn sich weiter bestätigt, was schrittweise auch von den Behörden und diesem Energie-Konzern zugegeben wird, dann bleibt es nicht bei der Belastung mit kurzlebiger Radioaktivität und dann müssen die Menschen zwingend umgesiedelt werden.

Wirklich leben kann in dem Gebiet um den Reaktor niemand mehr. Flächendeckend dekontaminieren lässt sich die Region auch nicht.

Bisher hatte die Japaner nur ein einziges Mal Glück und das war die vorherrschende Wetterlage (Windrichtung aufs Meer).

Wie groß die spätere Sperrzone sein wird, hängt davon ab, wann es gelingt, weitere Austritte der Zerfallsprodukte und der Brennstoffe zu stoppen.
-Bisher ist man aber von diesem Ziel weit entfernt.

Wenn es gelingt, die Freisetzung zu beenden, dann wäre es möglich, misst man ausreichend dicht, Sperrzonen nicht pauschal kreisförmig anzuordnen, sondern eine differenzierte Grenze zu ziehen (grob werden das aber mindestens 30-40 km Kilometer tiefe Bereiche sein, die man als dauerhaft bewohnbares oder landwirtschaftlich nutzbares Gebiet aufgibt.

Aber dazu muss erst einmal der erste Schritt erfolgreich sein, nämlich die Dauerquelle neuen radioaktiven Materials, das die unkontrollierten Reaktoren weiter auswerfen, abzudichten.

Das in den Reaktoren lagernde radiaoaktive Material reicht jedenfalls aus, ein weit größeres Gebiet zu verseuchen. Wieviele Male mehr als Tschernobyl, das weiß ich nicht.

Auch in Tschernobyl lagerten Brennelemente in Abklingbecken, die man aber wohl sichern konnte.

Zudem ist, was hier in den Medien kaum einmal untersucht wird (GfS fragen?!) , auch bei Tschenobyl sehr wahrscheinlich nicht das gesamte Inventar frei gesetzt worden. Durch die heroischen Rettungsaktionen verblieb vor allem das Brennstabmaterial zum großen Teil am Ort. Jedenfalls behaupten das die (ehemaligen) offizielle Stellen in Russland und die neuen Behörden in der Urkraine.

Einige Kritiker behaupten, die Explosion hätte die wesentlichen Anteile radioaktiven Materials ausgeblasen. Schätzungen reichen von am Ort verbliebenen 3% (Kritiker)- 97% (ehemalige SU-Regierung). - Ganz radikal raten sie, von einem weiteren Schutzmantel abzusehen und den bestehenden Reaktorsarkophag schrittweise zurück zu bauen. - Ich vertraue diesen Ansichten nicht.

Die deutsche GfS uns die französische Strahlenschutz-Untersuchungsbehörde arbeiten federführend an einem Sicherheitskonzept mit, den Sarkophag mit einer hundert Jahre stabilen Halle aus relativ strahlenfestem Stahl zu überdecken, unter dessen Dach noch Kräne passen, mit denen der schrittweise Abbau des Sarkophags (baufällig) und der teilweise Rückbau des zerstörten Reaktors erfolgen kann. Die EU und die G8 haben lange schon zu weit reichenden Hilfeleistungen vertraglich verpflichtet.

Meine Meinung ist, dass doch ein großer Teil der Brennstabmarterialien in oder in direkter Nähe des Tschernobyl Reaktors 4 verblieben sind, denn sonst wäre eine höhere Hintergrundbelastung zu erwarten. Um es genauer sagen zu können, müsste man die Wärmeabstrahlung und das Ausgasungsverhalten am Sarkophag genau kennen.

Zum "Inventar" eines Reaktors, GfS:

www.grs.de/aktuelles/radioaktive-stoffe-im-brennstab-und-gef%C3%A4hrdungspotenzial-von-strahlung

Zur Situation in Tschernobyl, BMU:

www.bmu.de/atomenergie_sicherheit/downloads/17_legislaturperiode/doc/5409.php

Langjährig Erfahrung sammelnde Strahlenmediziner schätzen das Risikopotential der Blöcke in Fukushima nicht niedriger ein, als die verwirklichte Katastrophe in Tschenobyl. Dort lagert mehr Material, enger beisammen und derzeit mit hoher Dauerstrahlung, die geordnete Räum- und Sicherungsmaßnahmen sehr erschwert und auch die Blöcke mit geringeren Schäden weiter in der Sicherheit beinträchtigt.

An einer Versiegelung seiner Anlage wird Japan wohl nicht vorbei kommen. Wobei die Konstruktion einer mittelfristig sicheren Hülle dort eher mehr Probleme und höhere Kosten verursacht, als der Bau in der Urkraine, weil die Lage am Wasser einen Schutz gegen Tsunami und Beben verlangt.

LG
Christoph Leusch
Gold Star For Robot Boy schrieb am 02.04.2011 um 20:53
Danke für die ausführliche Antwort!

Leider werden die Profiteure dieser tödlichen Technologie weiter ihren Geschäften nachgehen.
Tycho schrieb am 03.04.2011 um 09:22
Alpha Strahlung
Beta Strahlung
..aber Gamma Zerfall.

Das ist etwas Seltsames, was mich gedanklich knirschen lässt:
Ein Stoff, der mit der Zeit in mehrere Dutzend komplett andere Stoffe zerfällt, bis am Ende Blei übrig bleibt! Check the booty on that!

lieber Christoph,
man wird weiterhin die Kernspaltung als Energie Quelle einsetzen. Wenn man schon grundsätzlich dagegen ist, dann sollte man global ein Handling der Gau Reaktoren entwickeln, sodass es nicht zu diesen gewaltigen Landnahmen kommt.

Das ist auch im Artikel von Dir sehr schön 'rüber gekommen: Das Learning by Doing in der Branche. Das kann nicht sein.

Interessant fand ich auch einen Artikel, den ich jetzt schon wieder nicht zuordnen kann. Darn. Es ging um die Marktwirtschaft im Allgemeinen. Tepco kann ja nicht in Haftung treten für die Schäden. Auch die Versicherung nicht. Also wird es sozialisiert. Es gibt also Branchen, die mit einem Schadensrisiko behaftet sind, welches niemals von dem betreffenden Unternehmen getragen werden könnte, während die Gewinne in den Taschen der Privatiers und Investoren landen. Letzteres wäre ja okay, wenn es das mögliche Schadenspotential nicht gäbe, dass bei Eintritt dann durch die Allgemeinheit getragen wird.

Nun würde Josef sagen, dass der Staat der falsche Ansprechpartner wäre...hmm,..ich sage...
Bestimmte Branchen stellen ein allgemeines Interesse dar und gehören nicht an den Markt und dürfen nicht unter die bekannten Gesetze der Finanzwirtschaft fallen, weil diese sonst gänzlich in Frage gestellt wird.

Darüber hinaus ist es bei der Kernenergie auch noch so, dass die Kosten meiner Meinung nach, nicht vollständig eingepreist sind.
j-ap schrieb am 04.04.2011 um 21:10
»Nun würde Josef sagen, dass der Staat der falsche Ansprechpartner wäre...«

Ach, würde der Josef das so sagen? Ja, er würde es so sagen, zumindest, wenn die Grundlage für eine Bewertung 'richtiger' oder 'falscher Ansprechpartner' die (mE illusorische) Vorstellung ist, daß Staatsbesitz und/oder -verwaltung res extra commercium bedeutet — also darauf abstellt, daß der Staat durch Mit- oder Exklusiveigentümerschaft etwas aus dem System der Selbstverwertung des Werts würde 'herausnehmen' können; als sei der Staat eine Insel der Seligen, auf welcher die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten nicht gelten würden.

Man sehe sich einmal exemplarisch die Beteiligungsverhältnisse der großen deutschen Energieversorger an.

Bei Vattenfall ist es ohnehin sonnenklar, weil Vattenfall zu genau 100% im Besitz des schwedischen Staates ist. Bei RWE halten allein die nordrhein-westfälischen Kommunen ein Drittel der Anteile, der Rest verteilt sich auf Pensionskassen, Kranken-, Lebens- und Rückversicherungen. EnBW befand sich bis vor einem Monat paritätisch im Besitz des Landes Baden-Württemberg (das die Anteile dem französischen de facto-Monopolisten EDF abgekauft hat) und der Kommunen von BaWü.

Ganz spontan: Klingt das für Dich so, als würden in dieser Branche die turbokapitalistischen Spekulanten aus der City und der Wall Street auf den grünen Renditetisch hauen? Wohl kaum, oder?

Das hängt damit zusammen, daß Energieversorger zwar traditionell zu den Dickschiffen gehören, weil sie ziemlich viel Kapital binden, ansonsten aber völlig unspannend und unspektakulär sind. Früher, als es noch gute und anständige preußische »Versorger« wie VEBA, VIAG, OBAG usw. gab, da waren die Stromklitschen soetwas wie Staatsanleihen: keine großen Kurssprünge, inflations- und zinssensibel, überschaubare, aber stabile Renditen, hohe Dividendenanteile.

Sprich: Für Rentner, Versicherungen, Pensionskassen, Beamte und sonstige Konservative auf der Suche nach dem 'sicheren Hafen', die auf langfristiges Buy-and-Hold setzten.
j-ap schrieb am 04.04.2011 um 21:11
Die Kursiva muß man sich zur rechten Zeit wieder aufgehoben vorstellen. Sorry.
Tycho schrieb am 05.04.2011 um 00:37
Die Unternehmen arbeiten aber im marktwirtschaftlichen System immanent, ja?
Good Lords, am Ende bricht ja alles zusammen wenn man die Realita Asse und Co. einpreist?

Ich hasse Versicherungen bis ich den Schaden habe,..ehrlich...! Well, man lernt dazu.
Hoffentlich,..

War übrigens grob Dich so unfromm und gemutmaßt zu referenzieren.

verzeih bitte,
alexander.
j-ap schrieb am 05.04.2011 um 08:37
Lieber Alexander,

ich bin ja kein Baal, der im Schrein haust und nur beim Namen genannt werden darf, wenn man vorher ein paar Unzen Myrrhe opfert. — Es gibt also da gar nichts zu verzeihen. ;-)

Zumal Du ja mit Deiner Spekulation recht hast.

Es wäre gewiß höchst aufschlußreich, mal bei der Münchner Rück anzurufen und sich eine Police für ein Kernkraftwerk durchrechnen zu lassen unter der Prämisse, daß für etwaige Schäden nicht der Fiskus haften solle. Dann käme vielleicht heraus (ich denke mal frei vor mich hin), daß E.ON für Isar II 10 Milliarden EUR Versicherungsbeiträge p. a. bezahlt. Wo kämen die her? Da Versicherungen Kosten sind, würden sie in den Strompreis eingerechnet werden. Und nun kann man sich mal näherungsweise ausrechnen, was die kwh Strom unter diesen Bedingungen tatsächlich kosten würde.

Der Widersinn von kerntechnischen Großanlagen zur Stromerzeugung liegt nicht in der Betriebsform privat oder staatlich, sondern in der Natur der Sache selbst: Weil Schäden, die im ungünstigsten Fall eintreten, so und anders viel zu groß sind, als daß etwas anderes als der Fiskus als Letzthafter überhaupt in Betracht käme.

In Tschernobyl waren es beispielsweise keine Aktionäre, die hinter dem Betrieb des Kraftwerks standen, es waren also keine Renditeziele, die dort eine Rolle gespielt haben. Die Ukraine ist aber seit 1991 dabei, Jahr für Jahr zwischen 3 und 5 % des BIP (!) allein in den Erhalt des Sarkophags zu investieren.

Oder man wendet den Blick etwas weiter nach Osten nach Kyschtym. Nach allem, was man zwischenzeitlich darüber weiß, steht der Kyschtym-Zwischenfall in Bezug auf die Umweltschäden, die er anrichtete, mindestens auf der selben Stufe wie Tschernobyl, auch wenn die mediale Wahrnehmung eine andere ist.

Wenn ich dann in diesen Tagen höre, daß manche das sowjetische Krisenmanagement in Tschernobyl loben, weil nur der Staat in der Lage sei, auf die Schnelle 100.000 Liquidatoren an die Reaktorfront zu kommandieren, dann verweise ich eben auf Kyschtym, denn da ist's derselbe Staat gewesen — nur hat der bei dieser Gelegenheit eben nicht Rettungs-, sondern Vertuschungspersonal eingesetzt, weswegen bis auf den heutigen Tag nicht abgeschließend geklärt werden konnte, was genau im Kombinat Majak damals vor sich ging.

Und jetzt sag mir bitte, daß der Staat ein geeigneter Kernkraftbetreiber wäre. — Ist er nicht, genausowenig wie es Tepco, RWE oder EDF sind.
Columbus schrieb am 06.04.2011 um 19:04
Lieber J-A.P., lieber Tycho,

Ihre Diskussion wäre ein eigenes Blog wert. Tatsächlich ist mir die Frage völlig offen, ob der Staat als Eigentümer oder Teilhaber risikorelevanter Geschäfte besser oder schlechter ist.

Ich erkenne keinen Unterschied, was Pleiten, Pech und Pannen angeht. Denn ohne Unterschied zahlen für die sozialen, gesundheitlichen und gesellschaftlich relevanten Folgen, ab einer "systemrelevanten" Dimension, weder die ö. r. Anstalten oder Staatbetriebe, -sie haben dazu, genau wie die Pribvatberiebe, weder Rücklagen, noch Versicherungen eingepreist, noch die privaten Investoren, sondern für die Aufarbeitung und Bezahlung des Schadens und die konsequenten Folgen des Fehlhandelns kommt der Staat mit seinen Bürgern auf.

Zumindest lauert aber, bei einer mehr oder weniger öffentlich-rechtlichen Unternehmung der Grundversorgung oder des Finanzwesens, wenn sie mit erheblichen Risiken belastet sind, immer das Übel aus der dummen Konstruktion, dass nun Kontolleure und Rahmengesetzgeber in Eins mit den Betreibern und Nutznießern fallen.

Dazu kommt ein Trend, den Politiker aller Parteien, bis auf die Linke, die letzten Jahrzehnte lang kräftig förderten: Diverse Firmen der Grund- und Daseinsvorsorge sollen zwar mit Beteiligung und sogar in Mehrheit des Staates weiter betrieben werden, aber de jure und de facto hat die Geschäftsführung freie Hand, dort nach marktwirtschaftlichen und finanzmarktlichen Kritierien zu arbeiten.

So erspart man sich, schon aus rechtlichen Gründen (ein Wust an Vertrags-und Gesellschaftrecht, die Konstruktion der Kontrollorgane und ihr Verhältnis zur Geschäftsführung steht entgegen), tiefe Einblicke in die Bücher und in die Firmenstrategien, weil das gegen das eigenständige Wirtschaftsprinzip (Eigenbetrieb, Mehrheitsaktionärsbetrieb, Sperrbeteiligung) verstieße. - Meist weiß nur noch ein Minister und der Staatschef(m/w) ungefähr bescheid. Der Rest der Politik bekommt den Geschäftsbericht und frisst den auch (siehe Bahn AG).

So kommt es, dass obere und oberste Bundesbehörden, gar das Parlament, bei Firmen, die dem Bund, den Ländern oder den Kommunen gehören (manchmal sogar allen gemeinsam), sich Zugänge und Informationen ebenfalls über den Rechtsweg besorgen müssen!

Wie schauerlich das ausgeht, sieht man im kleinen derzeit bei der Asse. Da beschimpfen sich derzeit oberste Bundesbehörde nebst Ministerium und auf der anderen Seite die Landesministerin NRW, in ihrer Funktion als Aufsicht, wo denn die ca. 2000 von ca. 290.000, Thorium-Kugeln hin gekommen sind, die einst in Kalkars Brüter Dienst taten und nun in irgend welchen Inventaren fehlen.

Dahinter steht die plausible Vermutung, sie wurden, zusammen mit viel anderem illegalen Müll und unter der Ägide zahlreicher Bundes- und Landesminister, widerrechtlich in die Asse gekippt. - Heute zucken alle Verantwortlichen von damals die Achseln oder schieben den Fehler einer anderen Einrichtung/Behörde zu.

Die grüne Ministerin sagt, der Bund habe geschlampt, weil er die von ihm beauftragte öffentlich-rechliche Anstalt nicht ausreichend anweist und überwacht. Die Anstalt sagt, wir verwalten doch nur in eurem Auftrag den ungeheuren Fehler, den ihr durch frührere Regierungsentscheidungen auf Bundes- und Landesebene verursacht habt. - Für ö.-r. Fernsehanstalten gilt diese Argumentationslinie übrigens auch. Die sind zu einem Grade verfilzt und verschachtelt privat, halböffentlich und politisch, dass über einen Jahresetat von 7-9 Mrd. Euro ein Haufen Redundanz bezahlt wird und dazu ein Starsystem ohne Gewinnbeteiligung der ö.r.Anstalt, seinen Bekanntheitsgrad vermarktet und steigert, nur um dann noch mehr Gage aus dem ö.r.System zu ziehen.

Da herrschen auch vertraglich Sitten, wie im alten Rom. Das Ganze geschieht ohne großes Murren, mitten unter uns.

LG
Christoph Leusch
Tycho schrieb am 06.04.2011 um 20:10
Mit Sicherheit ist das Risiko der Unabhängigkeit und Unkontrollierbarkeit bei grosser Deckelung eines Risiko Unternehmen stets gegeben. Allein, ein einzelnes Unternehmen ist völlig damit überfordert, die Folgen radioaktiver Kontamination und dessen Landnahme zu refinanzieren, noch wäre ein Versicherungsunternehmen dazu in der Lage. Deshalb gehört dies auch nicht in national-staatliche Hände. In diesem Zusammenhang sehe man sich bitte auch die Positionen von KKW'en (gerne an der Landesgrenze im Luv ;) an.

Solange KKWe genehmigt und betrieben werden, und das werden sie weiterhin, weil die Rohstoffe vorhanden sind und der CO2 Ausstoß und damit die Kosten für Zertifikate gering sind, sollte eine internationale Interessensgemeinschaft die Atomenergie aus einem internationalen Fond heraus bewirtschaften und durch ein unabhängiges Gremium überwacht werden, dass beispielsweise an die UNO gekoppelt sein sollte,..also strikt getrennt. Strom fließt ja beinahe global. Es ist demnach widersinnig, die Energieversorgung national zu handhaben.

Was ist denn zum Beispiel mit Inselgruppen im Pazifik, die sich innerhalb der Fahne von Fukushima befinden? Das ganze läuft aber noch über Tepco, (Überordner Japan) und das ist doch Mist. Solange die Zerfallsprodukte also aus Japan herauswehen und man hier und da auf Seetang verzichtet ist alles im Lack,...?

Ich meine, für solche Risiken muss ein internationales, nicht Gewinn bezogenes Unternehmen her, weil Energie eben nicht ein Produkt ist, dass man unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten vertreiben sollte, noch kann,..wenn es solche Risiken beinhaltet. Ebenso verhält es sich mit der Pharmabranche und Epidemien und den großen Krankheiten.

Tepco musste doch er-wirtschaften und dann läuft es so. Ähnlich verhält es sich bei der Entwicklung neuer Moleküle für den pharmazeutischen Bereich.

Das Problem ist aber das national-staatliche KleinKlein und die Verquickung mit ganz anderen Themenfelder und damit Interessen...

Wenn wir hier abschalten, tun es andere garantiert nicht. Das ist kein Grund nicht abzuschalten, aber es macht auch nicht mehr Sinn, als die Anlagen, die gewissen Mindestanforderungen genügen, weiter zu betreiben. Es müsste nur eben nicht unter nationalen oder Unternehmerischen Gesichtspunkten sein.

Nochmal: Um so größer der Betreiber, um so mehr Möglichkeiten. Stehe dieses unter allgemeinnütziger Flagge, mit so einer Art Grundversorgung für alle, über die sehr wohl noch hinaus produziert werden müsste - und überwacht durch ein allgemeines internationales Gremium, würde man nicht so beschissen dastehen, wenn etwas schief läuft.

Aber solche Bereiche unter den Gewinnaspekt zu legen, und die betreffenden Versorger mit Ach und Krach das Kapital für Investitionen in dreissig Jahren zusammenkratzen zu lassen UND dann jede Leitung noch durch Bürgerbescheide absegnen zu müssen. Autsch. Das ist dann wie ein hochinfektiöser, zahnloser Tiger.

_
Außerdem bin ich der Meinung, dass man Staat effizienter gestalten und machen kann, als es jetzt der Fall ist. So und jetzt gehe ich schnell in die Weiterbildung Steuerrecht für Anfänger...chchch
Columbus
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