Daniel Schneider

Blog von Daniel Schneider

26.05.2011 | 11:37

Gedanken zu Bob Dylan‘s 70. Geburtstag

Ich war nie ein großer Bob-Dylan-Fan. Sicher lag das auch an meinen dürftigen Englischkenntnissen. Aber Leonard Cohens Songs, die ich ebenfalls nur teilweise verstand, haben mich berührt. Vielleicht, weil ich mich in ihnen wiederfand. Cohens erzählt von seinen Drogengeschichten, aber auch eine religiöse Mystik ist zu hören. Ich war ein Asket und Rausch noch eine mir fremde Seite. Als Kind war ich tief religiös, was mir Kraft gab. 

Ich, der meiner Leiblichkeit nicht sicher war, habe Bob Dylan als einen kraftstrotzenden, jungen Mann in Erinnerung. Für uns, die wir gegen den Krieg in Vietnam demonstrierten, verkörperte er das andere Amerika. Dass er ein Freak war, der durch Europa getrampt war und sich mit Singen durchgeschlagen hatte, machte ihn zusätzlich sympathisch. Frei und „on the road“ zu sein, war auch einer unserer Träume.

Als er diesen Mythos nicht mehr verkörperte, sorgte er für Kontroversen. Plötzlich kam er geschminkt auf die Bühne und ließ sich von einer Band begleiten. Ausgerechnet auch noch drei schwarze Sängerinnen hatten den Part des Background-Chors zu übernehmen. Das fanden viele nicht mehr politisch korrekt und alles andere als alternativ. Schon sprachen die ersten von Verrat. Ich war nicht dabei, als er bei seinem Konzert in der Deutschlandhalle von einer kleinen Gruppe mit Farbeiern und Wasserbeuteln beworfen wurde. Wie üblich lagerten vor der Bühne begeisterte und angetrunkene GIs mit ihren Familien. Bob Dylan hat die Attacke gar nicht mitbekommen.

Als nächsten Schritt, um ihre Enttäuschung öffentlich zu machen, entschieden sich die Protestler für eine Todesanzeige. Sie erschien im "Tipp" und beklagte, einen nahen Freund verloren zu haben. Als einer der Mitverfasser wurde später der Herausgeber des Stadtmagazins vermutet. Er war gerade dabei, finanziell Erfolg zu haben. Ein Jahrzehnt später wird er sich eine Villa im Grunewald leisten können und inzwischen soll er auch noch ein Schloss in Frankreich besitzen.

Ganz anders war die Enttäuschung, die Bob Dylan seinen Fans in der DDR zumutete. Fast hunderttausend waren zu seinem Konzert in den Treptower Park gekommen. Wie immer belohnte er den Beifall mit drei Zugaben. Trotzdem fühlten sich viele im Publikum nicht wahrgenommen. Hatten ihn die Grenzkontrollen völlig kaltgelassen und hatte er die Mauer, die die Stadt teilte, einfach ignoriert? Jedenfalls sah er sich zu keinerlei persönlichen Worten veranlasst.

Sein 70. Geburtstag gibt Anlass, sich diese Zeit noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Was war ich damals für ein Mensch und wie habe ich mich seitdem verändert? Leonard Cohens Stimme ist deutlich anzuhören, wie sehr ihn seine Drogen und Liebesaffären gezeichnet haben. Er ist alt geworden und seine offensichtliche Schwermut macht ihn mir nicht unsympathisch. Bob Dylan soll sich noch immer wie ein großer Junge freuen können, höre ich im Radio. Das soll wahrscheinlich ein Kompliment sein. Aber war er jemals etwas anderes als ein großer Junge, der sich in immer neue Rollen hinein entwarf?

Als Blinder muss ich die Stimme des anderen hören, um mir ein Bild von ihm machen zu können. Bob Dylans erste Schallplatte war in diesen Tagen noch einmal zu hören. Schon damals beherrschte er seine Gitarre und seine Mundharmonika virtuos und seine Stimme ist raumfüllend. Aber jeder Song klingt gleich. Als ob man einem zuhörte, der "traumverloren" seinen Weg geht.

Vielleicht ist diese "Traumverlorenheit" ein Privileg der Jugend. Wir wollten unseren Traum vom Sozialismus nicht verlieren. Deshalb haben wir uns recht wenig für die Lebenswirklichkeit in der DDR interessiert oder protestiert, als im sozialistischen Kuba Schwule in ein Konzentrationslager gesteckt wurden.

Wie lange darf man sich im Leben dieses Ignorieren leisten? Es sind nicht nur die großen Jungen, die allen Ernüchterungen zum Trotz unentwegt weitermachen und dem Schmerz und der Traurigkeit in ihrem Leben keinen Raum zugestehen wollen.

www.leiden-schaft.org

 
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Kommentare
Popkontext schrieb am 26.05.2011 um 13:22
Danke für den Text. So richtige verstanden habe ich nicht, worauf Sie hinauswollten, aber ich fand den persönlichen Zugang interessant.

Bob Dylan in der DDR war übrigens ein einziges riesiges Mißverständnis - egozentrisch von beiden Seiten. Dylan war angepisst, weil er eigentlich in West-Berlin spielen sollte und da wohl der Vorverkauf nicht lief. So jedenfalls die Geschichte, die erzählt wurde, wie es überhaupt dazu kam. Und eben die progressiveren FDJ-Bosse, die die DDR kulturell öffnen wollten. Mit so einem habe ich mich damals mal unterhalten. Dass Dylan angepisst war kann ich auch bestätigen - ich war dabei, aber noch sehr jung und ohne (falsche) Erwartungshaltungen. Es war einfach ein Riesenabenteuer.

Bob Dylan war die DDR und ihr politisches System genauso schnurz wie heute China. Er hat aber er hat nichts anderes vorgegeben. Das haben die vermeintlich und tatsächlich leidenden Menschen auf ihn projiziert - wie so viele diverse Dinge auf ihn projizieren. Dass er das schafft, ist sein Erfolgsgeheimnis.

Hier übrigens ein interessanter Beitrag zu Dylans 70. aus der Community aus einer völlig anderen Ecke: www.freitag.de/community/blogs/wahr/bob-dylan-zum-70sten-ueberlagerungs-dub-revisited
Daniel Schneider
Dr. Daniel Schneider ( Jahrgang 1944 ), konservativer Anarchist, Studium der Pädagogik, Soziologie und Psychologie, Erfahrungen u.a. in der Lehrerausbildung und der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, viel herumzigeunert, kurze U-Haft in Stuttgart-Stammheim.
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