Daniel Martienssen

Enttarnung durch Analyse

16.12.2011 | 15:05

Der Liberalismus, ein politisches Modell für das 21. Jahrhundert?

Der Liberalismus in der heutigen Form wird das 21. Jahrhundert nicht überdauern. Es wird notwendig Freiheitsrechte nichtwirtschaftlicher Art zu bewahren und einen demokratischen Etatismus zu etablieren.

Rawls als Ideengeber eines sakrosanten Liberalismus

Als 1971 John Rawls "A theory of Justice" ("Eine Theorie der Gerechtigkeit") vorlegte, war dessen Sprengkraft für den politischen Liberalismus und die westliche Gesellschaft allenfalls am Horizont abzusehen.

Dieses Werk unternahm den Versuch den politischen Liberalismus ein für allemal für sakrosant zu erklären, indem nur diese Ideologie uneingeschränkte Gerechtigkeit für jedermann herstellen und dauerhaft garantieren könnte. Als Weiterentwicklung der liberalen Gesellschaftsvertragstheoretiker wie John Locke gespeist mit der Moralphilosophie Kants gelang Rawls ein in sich schlüssiges System des politischen Liberalismus vorzulegen, dessen Ausstrahlungswirkung tief in die innersten Strukturen der westlichen Gesellschaften Entfaltung erlangte. 

Der  geschickte Schachzug Rawls', Verteilungsgerechtigkeit durch ein neutrales, objektives Verfahren ohne Sozialromantik und moralinsauren Gleichheitsfanatismus, in seine Theorie zu integrieren, verlieh selbiger die nötige sacrosanctitas(=unverletzliche Heiligkeit)um den Kampf gegen Ideologien von links und rechts aufzunehmen und bis in die Gegenwart vermeintlich zu bestehen.

Exzess und Extreme des politischen Liberalismus 

Der politische Liberalismus ist wie jede andere politische Ideologie nicht davor gefeit, in Exzess und Extreme umzuschlagen, sobald theoretische Abhandlungen in Realpolitik überführt werden sollen.

Spätestens seit den frühen 1980er Jahren begann die Realpolitik von Maggie Thatcher und Ronald Reagan in Großbritannien und den USA sich von Maß und Verhältnismäßigkeit abzukoppeln und einer marktradikalen Ideologie den Weg zu ebnen. Nicht zuletzt diese Weichenstellung führte zu den bekannten Krisen in den 1990er Jahren in Asien, zur "Dot-Com-Krise" in den 2000er Jahren sowie der Subprimekrise 2007 in den USA und der darauffolgenden Banken- und Schuldenkrise in den Europäischen Staaten seit 2010.

Von der absoluten Gerechtigkeit, dem fairen objektiven Verfahren Rawls' ist gegenwärtig nicht viel zurückgeblieben.

Die Krisen, eine Krise des Liberalismus?

Seit der Subprimekrise 2007 verändern sich die westlichen Gesellschaften. Die Kritik am Finanzmarktkapitalismus  ist nicht mehr nur von "linken Gerechtigkeitsfanatikern" zu hören, sondern tief in die Mitte des Bürgertums vorgedrungen. In jüngerer Zeit fragte der F.A.Z.-Herausgeber und Chef des Feuilletons dieser Zeitung,  Frank Schirrmacher, ob nicht die (politische) Linke doch recht habe.

Zwar mag diese Entwicklung logisch sein infolge dieser Aneinanderreihung von Krisen, eine Fundamentalkritik an der Richtigkeit des politischen Liberalismus als Gesellschaftsform im 21. Jahrhundert findet bisweilen nicht statt.

Dies mag an der implementierten unverletzlichen Heiligkeit dieser Ideologie liegen, deren Ursprung eindeutig Rawls zuzuschreiben ist. 

Der Liberalismus als solcher wird nicht angezweifelt und erst auf dem letzten Parteitag der SPD sogar durch Sigmar Gabriel okkupiert und gepriesen und den Freien Demokraten abgesprochen.

Die Mitglieder und Funktionäre der FDP erklären allenthalben die Einheit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Freiheit als Wesen des Liberalismus. So sah das auch Rawls, der Grundrechte wie die allgemeine Handlungsfreiheit, Unverletzlichkeit der Person, die Meinungsfreiheit und eben auch das uneingeschränkte Recht Eigentum zu bilden als wichtigste Säulen einer gerechten Gesellschaft voraussetzte.

Die Trennung wirtschaftlicher von gesellschaftlicher Freiheit - das Ende des politischen Liberalismus

Der Liberalismus erfreut sich nicht zuletzt aufgrund der Sicherung gesellschaftlicher Freiheit eines hohen Ansehens in westlichen Gesellschaften.

Meinungs- und Pressefreiheit, freie Wahlen, Rechtsstaatlichkeit sind alles Attribute, die als Verdienste der liberalen Bewegung gelten und für die Reputation des politischen Liberalismus weit über die Grenzen liberaler Vereinigungen verantwortlich sind.

Der Exzess der wirtschaftlichen Freiheit wird über kurz oder lang zu einer Trennung der Freiheitsrechte wirtschaftlicher und nichtwirtschaftlicher Natur führen. Diese Trennung ist jedoch der Anfang vom Ende des politischen Liberalismus. Die weltweiten Ressourcen können eben nicht nach einem objektiven, neutralen Verfahren verteilt werden. Es wird mit zunehmender Knappheit der Wirtschaftsgüter zu massiven Einschränkungen wirtschaftlicher Freiheiten kommen und der Staatsinterventionismus wird im zunehmenden Maße das freie Spiel der Kräfte ablösen (müssen).

Der ganzheitliche Liberalismus ist ein theoretisch-intellektueller Luxus, den sich die Gesellschaften im 21. Jahrhundert nicht mehr leisten können und leisten werden.

Das Verdienst gesellschaftlicher Emanzipation von autoritären Staatsstrukturen wird als Relikt des politischen Liberalismus die Umwälzungen im 21. Jahrhundert überstehen (müssen). Die wirtschaftliche Freiheit indes nicht.

Die westlichen Staaten sind gefestigte Demokratien, die Etatismus, Staatsinterventionismus und eine von Staats wegen organisierte Umverteilung aushalten. Die Freiheitsrechte nichtwirtschaftlicher Natur müssen auch in Zukunft gegen jedermann verteidigt werden, sie bleiben sakrosant. 

Es wird jedoch Zeit, dem ganzheitlichen Liberalismus die unverletzliche Heiligkeit abzuerkennen. 

 
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Kommentare
koslowski schrieb am 16.12.2011 um 15:34
Bevor Sie mit dem Wirtschaftsliberalismus auch den "ganzheitlichen" Liberalismus in den Orkus der Geschichte werfen, sollten Sie kurz erklären, wie Sie in den "staatsinterventionistischen" Gesellschaften der Zukunft das bürgerrechtliche Erbe des politischen Liberalismus bewahren wollen
Daniel Martienssen schrieb am 21.12.2011 um 12:37
Ich habe den Artikel noch einmal überarbeitet. Ich meine, dass Einschränkungen der wirtschaftlichen Freiheit, insbesondere das Recht Privateigentum in unverhältnismäßigen Mengen zu bilden, unvermeidbar sind. Die westlichen Gesellschaften sind mit Justizgewährungsrechten, Grundrechte als Abwehrrechte gegen den Staat gegen ausufernde staatliche Zugriffsrechte geschützt.
nosferatu schrieb am 16.12.2011 um 18:45
....auch im 21.Jahrhundert wird liberale Politik weiterhin notwendig sein. Nur, ob dafür auch eine sich selbst in diese Denktradition stellende Partei notwendig ist, ist mehr als fraglich. Die soziale Basis der FDP als genuin liberalen Partei waren bislang immer die oberen gesellschaftlichen Schichten der Besserverdienenden und Kapitalbesitzer_innen gewesen. Die Dramatik ihres Niedergangs offenbart sich im schwindenden Vertrauen dieser Schichten in die Politik und die Erneuerungsfähigkeit der FDP. Offenbar hat die FDP die gesellschaftliche Verankerung und somit auch ihre Existenzberechtigung verloren.

Nun stand der politische Liberalismus nicht stets für Freiheit des Handelns und Denkens, wie die programmatischen Texte der National-Liberalen Strömung, die insb. in NRW der 1950er Jahre stark war, deutlich macht.

Darüber hinaus hat der reine Liberlismus eine wesentliche Schwäche: er ignoriert die materiellen Grundlagen, die für Individuen und soziale Gruppen gegeben sein müssen, um theoretische Freiheit auch tatsächlich leben zu können. Dazu bedarf es - leider - eines intervenierenden Staates, der für einen gewissen Ausgleich sorgt. Ohne diese Intervention auf der Grundlage sozialer Rechte verliert die Demokratie ihre Arbeitsgrundlage und Legitimation.

Die liberale Partei FDP muss man nicht nachtrauern, es wird nun vielmehr darauf ankommen, dass u.a. durch gesellschaftlichen Druck, die bundesrepublikanischen Parteien individuelle Freiheit beachten und die repressive und undemokratische Überwachungs- und Sozialpolitik der letzten Jahre revidieren.
Daniel Martienssen schrieb am 21.12.2011 um 12:45
"Nun stand der politische Liberalismus nicht stets für Freiheit des Handelns und Denkens, wie die programmatischen Texte der National-Liberalen Strömung, die insb. in NRW der 1950er Jahre stark war, deutlich macht."

Der politische Liberalismus à la Rawls darf nicht mit den nationalliberalen Strömungen in Deutschland vermengt werden.

In "Eine Theorie der Gerechtigkeit" und "Politischer Liberalismus" wird in zwei Stufen die liberale Ideologie entfaltet. Eine theorisierende erste Stufe und eine praktisch umsetzende zweite Stufe.

Der politische Liberalismus Rawls' wird zwar nicht genuin demokratisch hergeleitet, jedoch im demokratischen, pluralistischen Rechtsstaat etabliert.

Im Übrigen, inwieweit die FDP außer Stande ist, der liberalen Idee wieder Geltung zu verschaffen, kann m.E. offen bleiben, da der politische Liberalismus der zunehmenden Ressourcenknappheit und Polarisierung der Vermögen keine ausreichende Gerechtigkeitsbasis mehr für westliche Gesellschaften bereithält.
ebertus schrieb am 16.12.2011 um 22:33
"...eine von Staats wegen organisierte Umverteilung aushalten."

Und das mit dem Eingangshinweis auf John Locke, wo zu dessen Zeit eine zumindest partielle Ablösung des Naturrechts durchaus auf den gesellschaftspolitischen Agenda einer neuen Zeit, des entstehenden Bürgertums gestanden haben mag. Aber auch ein Locke kannte, benannte die Schranken der individuellen Aneignung, deren spätere und andauernde Nichtbeachtung nun und erwartbar eher Lockes "Vorgänger" Thomas Hobbes auf das Schrecklichste bestätigen wird.

Der Kampf aller gegen alle mag hierzulande und aktuell nur sehr gefiltert das Denken einer Mehrzahl der Menschen erreichen, aber man darf sicher sein, dass die Wenigen, die mittlerweile fast alles Besitzenden bereits sehr intensiv an der eigenen Arche bauen. Umverteilung und die Teilhabe der Vielen gehört mit Sicherheit nicht zu den Baumaterialien, eher Vorwärtsverteidigung in aller Welt und im Inneren alle Spielarten von Überwachung und Repression bis hin zum Einsatz der Bundeswehr.
Daniel Martienssen
Dieses Blog soll Gedanken fuer den Erhalt einer sozialen und freien Gesellschaft mit rechtsstaatlichen Flankierungen wiedergeben. Und dort, wo Fehlentwicklungen im Gange sind, sollen sie aufgezeigt werden. Enttarnung durch Analyse.
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