Doris Brandt

Blog von Doris Brandt

10.12.2009 | 22:59

Die späte Rache des Poppertums

 

Ich hatte die letzten Jahre meiner Schulzeit fast vergessen. In dieser Zeit fiel die Mauer, und es gab jede Menge Bananen für die  Revolutionäre.  Wir wurden von einem birnenförmigen Mann aus der Pfalz regiert,  der sich in den Kopf gesetzt hatte, die beiden deutschen Staaten binnen 11 Monaten auf  Biegen und Brechen „wieder  zu vereinigen“. Hierfür wurde er  übrigens im November 2009 von der BUNTEn mit  einem „Bambi“ ausgezeichnet.  Immerhin. Neben jeder Menge Obst  kommen jedoch auch andere Erinnerungen an diese  Zeit  hoch. Seit Anfang der 1980er wurden deutsche Schulklassen in zwei Lager geteilt: Popper und Andere. Popper schienen konservative Werte ganz toll zu finden und waren trotzdem unpolitisch. Oft aus gutem Elternhaus  wussten sie schon mit 16, dass Rechtsanwalt werden die absolute Berufung war. Also die  Berufung war, mit der man die meiste Kohle verdienen konnte, um sich viele neue schicke Status Symbole zu kaufen.  Dummerweise haben sie nicht gemerkt, dass sie schon in ihrer zarten Jugend spießiger waren als die Hausfrau aus der  50iger Jahre-Persil-Werbung.  Kurz: Gegen die Popper aus meiner Klasse waren meine Großeltern –selbst Häuslebauer und Adenauer-Wähler- echte Punks, weil sie eben nicht mit Burberry,  Burlington und Lacoste den Konsum zelebrierten.

Wie  Phönix aus der Asche oder Urmel aus dem Eis werden mir genau diese Gestalten kaum 20 Jahre später von „Mutti“ wieder vor die Nase gesetzt. Und das Schlimme daran: Heute blinzeln sie nicht nur arrogant unter ihrer Poppertolle hervor und tragen ein niedliches Krokodil auf ihrem Polohemd zur Schau. Diesmal  sind sie in die Regierung gewählt worden, haben somit irgendwie etwas zu sagen und predigen  Neoliberalismus.  Die Poppertollen sind heute mit Gel aus dem Gesicht gestrichen. Dezente  Perlohrringe und randlose Brillen werden gleich zusammen mit dem FDP-Parteibuch  an die Neubeitritte  verschickt.  Und wenn es um Wählerfang geht, dann streift  man –dies wäre in der Schulzeit ein absolutes no go gewesen- auch mal ein fabrikneues ACDC Shirt  über, um auch den letzten Schmalspur-Wähler aus Hintertupfingen zu erreichen. Nach dem Motto: Wer ACDC mag, kann kein schlechter Mensch sein. Wahrscheinlich hat unsere frisch erkorene Bundesfamilienministerin auch schon ein „Guns ‚n‘ Roses“ T-Shirt für den Wahlkampf 2013 in ihrer ökologisch abgebeizten Bauerntruhe aus dem frühen 19. Jahrhundert  gebunkert.  Ich habe als Kind auch nicht für Pferde geschwärmt, aber dann muss man doch nicht gleich die für eine 14-Jährige  widersinnigste  Alternative wählen! Warum gab es wohl in der BRAVO keinen Starschnitt von Helmut Kohl?   „Kruzifix, this is my generation!“   Ach nein, für Außen-Popper  Guido lieber auf  Deutsch: “Das ist meine Generation!“

 Die Zeitungen fragen:  Ist unsere Regierung zu jung? Gegenfrage: Liegt das Problem wirklich am Alter? Spiegeln unsere Politiker denn überhaupt noch ansatzweise die Bevölkerung wider?  Besteht unsere Bevölkerung tatsächlich ausschließlich aus korrekt verheirateten Wirtschaftserben, Karrieristen und Schmalspur-Promotionen?   Oder produziert sich diese Spezies mittlerweile selbst?  Ich sehe keine alleinerziehenden Mütter, Hartz IV Empfänger oder einfach nur Menschen, denen tatsächlich schon einmal da draußen in der freien Wirtschaft der Allerwerteste auf Grundeis gegangen ist, ohne weich auf 6-stellige Abfindungsbeträge zu fallen. Aber solche Vertreter sind bestimmt viel zu unbequem für das aalglatte Unternehmen Bundesregierung.  Vielleicht sollte man es einfach mal mit einer randlosen Brille und Perlohrringen versuchen?

 

 
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Kommentare
outnumber schrieb am 10.12.2009 um 23:08
Das wäre ein guter Wahlspruch: Perlenohrringe für alle!

Danke für den guten Text.

Gruß,

outnumber
Deaktivierter Nutzer schrieb am 10.12.2009 um 23:13
Tatsächlich war es noch viel bescheuerter: es war ein ACDC-T-Shirt, das eine ACDC-Coverband mit ihrem Logo verfeinert hatte. Passt scho, wie der Bayer sagt.
I.D.A. Liszt schrieb am 11.12.2009 um 00:25
Ich glaube, richtig ernst wird es in dem Moment, wenn diese Laute Motörhead-T-Shirts überstreifen und gröhlen "Love Me Like a Reptile".

Dann ist der Jüngste Tag nicht mehr fern! ;-)
veggie-bee.blogspot.com schrieb am 11.12.2009 um 11:39
sehr schön ;-)

vive la dégénérescence!
Jan Pfaff schrieb am 11.12.2009 um 14:35
Sehr treffende Beobachtung. Ich habe mich nach der Wahl auch gefragt, wo diese Popper-Typen mit ihren zurückgegelten Haaren und randlosen Brillen auf einmal alle wieder herkommen. Haben die sich die ganze Zeit versteckt, verkleidet oder waren sie vielleicht nie wirklich weg?

Und auch, dass das Problem nur vordergründig ein ästhetisches ist, ist treffend beschrieben. Die Gel-Frisuren lösen ja gerade deswegen so starke Aversionen aus, weil sie für ein bestimmtes Weltbild standen und stehen. Die neue Familienministerin wollte ja mit 14 (!) schon die Junge Union eintreten...
Streifzug schrieb am 11.12.2009 um 14:40
"... wo diese Popper-Typen mit ihren zurückgegelten Haaren und randlosen Brillen auf einmal alle wieder herkommen."

Nun, es sind Klone von Kai Diekmann. BILD hat die Wahl gewonnen.
Jan Pfaff schrieb am 11.12.2009 um 15:38
Auweia, ob das die taz schon weiß?
Streifzug schrieb am 11.12.2009 um 15:43
Die taz versucht das Drama ja gerade auszuloten ;)
Tessa schrieb am 11.12.2009 um 16:18
Ich würde hier sehr viel eher unseren Verteidigungsminister in der Rolle des Trendsetters sehen.

Beim letzten Freitag-Salon unterhielten sich Jakob Augstein und Ulf Poschardt auch länger über die Optik der männlichen Mitglieder der Jungen Union, und die daraus entstehenden Nachteile (vor allem bei den jungen Frauen).

Nachhören kann man das hier: www.freitag.de/community/blogs/der-freitag/unplugged-der-audio-mitschnitt-des-letzten-freitag-salon
Streifzug schrieb am 11.12.2009 um 16:23
Tessa,

wie jetzt? Noch einer mit einer missglückten Penis-Verlängerung?
Columbus schrieb am 12.12.2009 um 20:25
Absolut, liebe Tessa, in allen diesen Fällen geht es um Optik und man glaubt es kaum, um Stallgeruch.- Scharr, scharr, schnaub, schnaub.- Bismarck und von Guttenberg. Wobei von Guttenberg adelstechnisch auf Seniorität, das gefällt auch dem Seniorenbeirat Germania, pochen kann. Von Bismarck, ist da nur ein Krautjunkergeschlecht aus der Altmark, obwohl es ein Wittelsbacher war, der guten Gewandtschneidern zum Durchbruch verhalf und später zu wilhelminisch, hohenzollernschem Fürstenadel.

Wie kürzt sich eigentlich der schöne "Ulf" ab, ruft man Ihn "Poshie".
Er war entschieden zu laut, selbst fürs Mikro, entschieden zu selbstsicher, entschieden zu wortheischend und entschieden zu sehr mit dem Aufsagen von Textbausteinen beschäfitgt, die bei der Lufthansa in der Busy- und Bussi-Class, oberhalb 10.000 Metern Flughöhe gut ankommen:

-Die Systemfrage stellt sich nicht, weil durch große und radikale Sozialexperimente deren Maßlosigkeit und
Brutalität belegt sei.
-Dann die leidige Einkommenssteuer, Steuerbelastung übrhaupt. Da gilt man mittlerweile schon für sexy und intellektuell zugleich, wenn man das so bespricht wie Sloterdijk und Sarrazin und Bolz, und eben "Poshie". Mit 26 schon so reich, dass er sich das als Verdienst anrechnet. Ein "Windhorst" des Journalismus. Kennen Sie den noch? - Das ist auf dem Niveau des Kunsthändlers
Gagosian, genannt "Go,go", "Hai und Genie" , der an kam und in weniger als 2 Jahren reich wurde(KUNSTZEITUNG,12-2009, gratis).

-Dann die Angriffe auf die Linke in Brandenburg,vor allem gerade auf Frau Kaiser, die doch damit sehr auskunftsfreudig und ehrlich war, dazu FDJ- jung, wie unsere Kanzlerin. Nun gut, die "Linke" hat nun doch erheblich mehr IM und offizielle Mitarbeiter der Stasi in ihren Reihen hat. Das wird ein hartes Aufarbeiten. Aber, in welche Abgründe muss Frau Müller schauen? Das war schon perfide und blieb ohne Gegenrede.

Leider war auch Frau Kipping, obwohl wenigstens formvollendet höflich, indisponiert, anderweitig orientiert, und Alle, einschließlich des so sympathisch nach Worten suchenden
Gastgebers, nicht recht zum Thema fokussiert. - Aber das wird noch, glaube ich.

Liebe Grüße

Christoph Leusch
j-ap schrieb am 12.12.2009 um 21:58
Nun, Herr Leusch, ganz so einfach ist es nicht. Was die Bismarck von den Guttenberg rein formal trennt ist ein ziemlich weiter Abstand: Die Bismarck waren (nach ihrer letzten Erhebung im Kaiserreich) ein Fürstenhaus und damit Standesherrn, sie hätten also auch in souveräne Häuser ebenbürtig einheiraten können ohne Beanstandung, während die Guttenberg "nur" ein freiherrliches Haus sind.

Was die Guttenberg allerdings adelsintern "vornehmer" macht ist nicht ihre Seniorität (die es im übrigen bei Adelshäusern nicht gibt bzw. nur dann, wenn Sie zwei Häuser desselben Ranges vergleichen - was, wie erwähnt, nicht der Fall ist) sondern ihre Herkunft aus der Reichsritterschaft, die nämlich - der Name sagt es ja schon - im Alten Reich an allen Standesherrn vorbei direkt dem Kaiser folgten. Ein Guttenberg hätte daher jeden Reichsfürsten vor dem kaiserlichen Gericht rechtmäßig zum Zweikampf fordern können, während ein Bismarck davon nicht einmal hätte träumen dürfen (er wäre ja erst weit hinter diversen Landesherrn gekommen).

Daß solche Spitzfindigkeiten heutzutage, da es aus guten Gründen keinen Adel mehr gibt, reines Privatvergnügen sind, ist ohnehin klar.

Ihnen einen guten Abend!
J. A.-P.
Ludwig Hasselberg schrieb am 11.12.2009 um 14:39
Wie viel Redigierarbeit ist denn von Seiten der Redaktion in diesen Beitrag geflossen? Ganze zwei Minuten bestimmt...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 11.12.2009 um 14:43
Wie – Sie sind dafür, dass die Redaktion Blogbeiträge redigiert?
Ludwig Hasselberg schrieb am 11.12.2009 um 15:14
Allerdings - schräg, oder?
Ich erwarte, wenn sich der Freitag einen Blogbeitrag zu eigen macht, dass dieser dann nicht mehr vor Fehlern strotzt. Irgendjemand in der Redaktion könnte doch wissen, wie man Hartz-IV-Empfänger schreibt, zum Beispiel.
cairo23 schrieb am 11.12.2009 um 15:22
Lieber Herr Hasselberg, geht es Ihnen um die Form oder den Inhalt? Formalisten gibt es ja genug auf dieser Welt, wie es in diesem Beitrag ja eindringlich beschrieben wurde. Bei Rechtschreibfehlern bitte melden.
Jörn Kabisch schrieb am 14.12.2009 um 15:21
Lieber Ludwig Hasselberg,
natürlich redigieren wir nicht. Siehe dazu meine Erlärung von Anfang November. Grüße, JK
Doris Brandt schrieb am 11.12.2009 um 16:00
Fielen Dank führ die konstruktiefe Krietik. ...und ich dachte immer, Hartz IV hat etwas mit dem deutschen Mittelgebierge zu tuhn. Habe ich koriegiert, meine Rechtschreibschweche bitte ich zu entschuldigen ;-)
Fastenbrecher schrieb am 11.12.2009 um 22:23
Das mit den Poppern ist noch nicht das Schlimmste. Aber, leider die mentalstrukturelle Voraussetzung dafür,
daß auch in APOdoitschland schon wieder zu viele Blockleiter/innen und andere sich berufen fühlende graue Mäuse in Amt und Würden sitzen, die es nicht bis zum Eichmann oder zum Bormann gebracht haben, aber immer ganz genau wissen, wann sie welche Meinung zur jeweiligen Angelegenheit haben müssen. Die Streber und Leisetreter, die schon in der Schule nie ihr Maul aufgemacht haben, und, die Mundwerksburschen, die schon als Schulsprecher ihre Lehrer in Grund und Boden gequatscht haben, sind halt nicht immer die Besten. Aber, wer immer mehr Dämokratie von unten wagt, der bekommt nach den Gesetzen der politischen Entropie halt auch immer mehr Dämokratur von oben. Wenn die Bürger immer wieder - nicht nur in der Politik - aus mangelndem eigenen Engagement Aschlöchern das Feld überlassen, darf man sich nicht wundern. Es gibt aber auch ehemalige RAF-Sympathisanten (Nichtpopper), die es zum OB gebracht haben, und heute im Glenchek-Anzug auf netten Schwiegersohn machen...
j-ap schrieb am 12.12.2009 um 00:27
Interessehalber:

Wo ordnen Sie jemanden wie Dirk Niebel ein? Der Mann ist nicht nur jenseits aller Maßstäbe, sondern leider auch Ihrer Kategorien, denn zum abgewrackten Popper taugt er wohl ebenso wenig wie seinerzeit Klaus Kinkel, und das liegt nicht am Schwäbeln.

Und von wegen Schmalspurqualifikationen: Würde Niebel ein Bestattungsunternehmen führen, würden die Leute wohl glatt aufhören zu sterben.
Doris Brandt schrieb am 12.12.2009 um 15:18
Die Maßstäbe von Dirk Niebel? Oder in diesem Fall vielleicht besser Dierk Nebel? Vielleicht liegt hier eine gekonnte Verschleierung des eigenen Images vor. Da muss ich nachdenken ... und komme auf keine vernünftige Erklärung. Vielleicht ein V-Mann zu sonstigen Bevölkerungsgruppen? Es wäre zu auffällig, wenn die FDP aus einem Guss bzw. einer Fönwelle bestünde... :)
Tiefendenker schrieb am 12.12.2009 um 12:05
Der Artikel gefällt mir, denn das war mir noch gar nicht aufgefallen...stimmt aber natürlich.

Hat übrigens gewissermaßen (zynisch gesehen) auch wieder insofern eine gute Seite: wenn diese aalglatten Jungspunde und Ex-Popper genauso mit ihrer Marktwirtschaft scheitern, wie ihre Elterngeneration, das ist ihnen das zu gönnen...

Deshalb: Punk for ever!!!
Giuseppe Navetta schrieb am 12.12.2009 um 19:44
"wenn diese aalglatten Jungspunde und Ex-Popper genauso mit ihrer Marktwirtschaft scheitern, wie ihre Elterngeneration, das ist ihnen das zu gönnen..."

Das werden sie!!! Kannst'e Gift drauf nehmen!
THX1138 schrieb am 12.12.2009 um 12:26
Oh je: Die "New Economy" war ja genau genommen auch schon eine Popperrevolution. Ihr Platzen im März 2000 ebenso.

Und nun verändern wir die Welt genauso wie schon unsere Eltern von der Generation Woodstock: Immer in die eigene Tasche, alles zu unserem eigenen Vorteil.

Geneartion X, die Generation zwischen Woodstock und Golf, hat noch richtig Krach gemacht- zumindest bevor sie ebenfalls damit begann, nur noch für sich selbst zu sorgen.

Was wir heute erleben, ist eine Mischung aus X und Golf und Woodstock.

Und bisher gibt's kein Triple A-Rating für diese Mischung, sondern bestenfalls ein BBB- oder ein BBB+ (Standard & Poors)- nur so wegen neoliberal und so...

Da würde mich mal wundernehmen, was Generation Nokia dazu sagt!
Magda schrieb am 12.12.2009 um 15:45
"In dieser Zeit fiel die Mauer, und es gab jede Menge Bananen für die Revolutionäre. "

Gähn, ächz...finde ich ein bisschen blöde, aber man soll ja nicht so sein.
Achtermann schrieb am 13.12.2009 um 16:47
Ich habe nie gehört, dass diese Art von Revolutionär, die sich mit Kohl und Konsorten gemein machte, andere Ziele verfolgt hätte als an Bananen zu kommen.
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