Doris Brandt

Blog von Doris Brandt

19.01.2012 | 14:46

It’s Dreams World….. Not! - aUS-geträumt

Während meiner Schulzeit Mitte der 1980er besaß ich  eine dieser Blechtonnen mit Sitzpolster. Sie diente als Behältnis geheimer Geheimbriefe, Kino- und Konzertkarten als Trophäen  wichtiger Abende mit wichtigen Klassenkameraden, erschnorrter Parfumproben  und sonstigen unverzichtbaren Dokumente einer 15-Jährigen. Aus meiner heutigen Sicht war diese Tonne so hässlich, wie der Fliesentisch meiner Großmutter. Damals verkörperte die Tonne meinen Traum von Amerika. Vor einem lila-mettalic Pseudo-Graffiti-Hintergrund prangten Humphrey Bogart, Marylin Monroe und James Dean. Wenn sie damals noch gelebt hätten, wären sie alt und grau gewesen. Zum Glück waren sie schon tot und somit Mythos-Marketing der Traumfabrik. Links noch ein pinker Cadillac, am Tonnenrand eben  die Letter des amerikanischen Traumes: HOLLYWOOD. Nicht, dass ich unbedingt Schauspielerin hätte werden wollen. Die USA standen für das Optimum: Sonne, Geld, Freiheit und was man noch so braucht. Selbst nationalistische Filme wie Top Gun, Rocky und Rambo, die während der Reagan und Bush-Ära wie am Fließband produziert wurden, hielten mich nicht davon ab. Ich war damals weder kleinlich noch kritisch. Und, ich war nicht alleine mit meinem Tonnen-Traum.  Ein Traum von einem Land, der sich hartnäckig über die Nachkriegs-Dekaden in der Gesellschaft hielt.  Hollywood war der Erfüllungsgehilfe dieses amerikanischen Traumes, der Traumfilme wie Pustefix-Seifenblasen produzierte und in die Welt hinaus blies.


Amerika betrieb ein perfektes Selbstmarketing und konnte so manchen spaßhungrigen Teenager mit Levis, Hollywood, Big Red Zimtkaugummis und „Man kann alles schaffen - Ghetto“- Musicals a la Fame von Wettrüsten, anhaltendem Rassismus und mangelndem Sozialsystem ablenken. Nach wie vor zwängte ich mich in meine 501, kaute Zimtkaugummis und freute mich des Lebens.


Desert Storm und Pretty Woman


Im Januar 1991 fegte die Operation Desert-Storm durch den Irak, die Sternstunde von Ted Turner samt seines TV Senders CNN. Anhand neuartiger Kameras konnten die Bombardements wie in einem Kriegsspiel mit verfolgt werden. Nur ohne Joystick und  mit Puschen vom Sofa. Der Joystick war die Fernbedienung.
 Natürlich war ich dafür, „Kein Blut für Öl“ zu opfern, schaute zugleich „Pretty Woman“, den Inbegriff des amerikanischen Traumes. Wie dem auch sei. Schule war irgendwann vorbei, der Dollar stand günstig. Florida im Mai.
Scheppernde Klimaanlagen mit Pfefferminz-Duft. Heute weiß ich, dass diese  Geruch-Nuance korrekt  „Winterfresh“ heißt und  als Kaugummi, Limo, Raumspray und eben als Klimaanlagen-Duft die Vereinigten Staaten vereinnahmt.  Pfefferminzduft in einem Dreisterne-Holiday-Inn-Hotelzimmer und  Friteusen-Fett, das aus einer Burger-Ketten-Filiale über einen verwahrlosten Innenhof durch die feuchtwarme Abendluft Floridas wabert, das sind meine ersten Erinnerungen an Amerika im Jahre 1991.


Als minderjährige Raucherin, ich war damals über 18 aber unter 21, hatte das Land der unbeschränkten Möglichkeiten durchaus Grenzen. Beschämt und mit hochgezogenen Augenbrauen wurde mir nach längerer Diskussion eine leicht angestaubte Marlboro-Schachtel zugeschoben. Ja, ich war im Begriff Zigaretten zu konsumieren und diese auch noch zu rauchen. Ich fragte mich, ob die Reaktion des Verkäufers  schlimmer gewesen wäre, hätte ich nach einer Crack-Pfeife gefragt. Nach 23:00 Uhr wurden wir von zwei sonnenbebrillten Super-Cops von der Strandmauer gescheucht, nachdem ich mich ausweisen musste. Ich rauchte  ja schließlich. Leihwagen? Fehlanzeige. Öffentliche Verkehrsmittel? Wir hätten mit einer Touristen-Schwebebahn Endlosschleifen über der Innenstadt von Miami ziehen können. Alternative Routen erübrigten sich. Mein Bild des Traumes fing an zu bröckeln, fiel aber nicht. Noch lange nicht. Mit neuen Levis-Jeans, Converse-Schuhen und Marshmallows trat ich den Rückflug in die alte Welt an. Die Sonne Floridas, die Puderzucker-Strände, Konsumtempel mit Achterbahnen, die Seafood-All-You-Can-Eat Menus mit Blick auf den Azurblauen Atlantik überblendeten unsere gescheiterte Linienbusreise in eines der ärmsten Stadtteile sowie das Gefühl immer irgendwie kontrolliert zu werden.


Geisterstadt und Aids


Einige Jahre später, Bill Clinton ermutigte gerade Jassir Arafat und  Jitzchak Rabin zum bekannten Handschlag auf grünem Rasen vor weißem Haus,  landete ich in der Nähe von Detroit und das für ein ganzes Jahr. Konnte vielerorts der amerikanische Traum  noch  aufrecht gehalten werden, so war dieser bereits vor Dekaden in der Motor City untergegangen, und das mit Pauken und Trompeten. Das Stadtzentrum war existent und auch wieder nicht. Ehemals feudale Gebäude aus der Henry-Ford Ära, als es der Stadt bestens erging, glotzen einen mit eingeschlagenen Fensterscheiben an, die  wie leere Augenhöhlen aussahen. Es schien, als ob die Bewohner, Arbeiter, Büroangestellte einfach gegangen waren, wie sie jeden Feierabend gegangen waren. Nur irgendwann sind sie nicht wieder gekommen. In Detroit lernte ich Amerikaner kennen. Das war in Florida nicht der Fall gewesen.  Menschen, die sich sozial engagierten, aufklärten, sich Gedanken machten und Europa mochten und vom dortigen Sozialsystem schwärmten.  Und Menschen, die sich in kaputten Rollstühlen mit der amerikanischen Flagge dem „Star Spangled Banner“ am Heck durch die Straßen schleppten, mangels Geld und Zähne 40-cent-Hamburger aßen und die größten Patrioten waren, die ich jemals getroffen hatte. Welchen Traum  träumten diese Menschen? Ich wusste es nicht. Ich wusste aber, dass mein Traumland allmählich seine Fassade herunterließ und ich auf die nackten Grundmauern starrte.  Arnold Schwarzenegger ließ sich in diesem Jahr zwar nicht davon abhalten, als „Last Action Hero“ durch die Kinosäle zu toben, wurde dennoch  von einem Hollywood-Film überschattet, der das erste Mal kritisch den gesellschaftlichen Umgang mit AIDS-Erkrankten und Homosexuellen in den USA behandelt.


Freedom Fries und Findet Nemo


Im Jahr 2003 besuchte ich ein zweites Mal Florida und weigerte mich Fritten unter falschen Namen zu essen. Es war wieder alles beim Alten. Ein Sprössling der Familie Bush regierte das Land und führte Krieg.   Neu war, dass  man mit „911“ auf einmal nicht zuerst  die amerikanische Notruf-Nummer assoziierte sondern den Einsturz des World Trade Centers. „ Die Achse des Bösen“ legalisierte zudem Rassismus. Unter kubanischer Sonne wurde sich neuerdings das Internierungslager  Guantanamo gehalten, welches Menschenrechte nicht nur mit Füssen trat sondern auch ertränkte. „Waterboarding“ war keine neue US- Fun-Sportart. 
Ich wollte in Florida Fritten, sogenannte „French Fries“,  bestellen. Obwohl ich mir das Rauchen mittlerweile abgewöhnt hatte,  folge schon wieder eine Antwort mit hochgezogenen Augenbrauen. Es gäbe ausschließlich „Freedom Fries“, da sich Franzosen neben Deutschen weigerten, für die Gerechtigkeit zu kämpfen und man sie dafür vergasen sollte. Sprach die Wendys-Service-Managerin mit dem lustigen Hütchen und bediente weiter. Benommen trat ich ohne Fritten in die wabernde Mittagshitze,  zählte Autos und amerikanische Fensterklemm-Fähnchen an den Autos. Die Anzahl war identisch.  Bei einem Eishockey Spiel am Abend kam ich mit meinem Sitznachbarn in Gespräch, der demonstrativ während der Nationalhymne sitzen blieb. Manchmal gäbe er sich als Kanadier aus. Er sei in der Nähe von Seattle geboren, der Vancouver-Akzent sei nahezu identisch. Er lebe seit 20 Jahren in Florida, es würde immer schlimmer werden mit den sonnenhungrigen Kriegs-Veteranen, die hier unter der tropischen Sonne ihren Lebensabend genossen. Die Apartments waren bescheiden, der Patriotismus und Kriegswille umso größer.  Das Spiel begann und er beendete den Dialog nuschelnd mit einem „not meant to scare you!“ Für diese spontanen Dialoge mochte ich Amerika doch. Hollywood floh derweil in  Fantasie und Trickfilm. Die erfolgreichsten Filme des Jahres waren Der Herr der Ringe III, Flug der Karibik und Finde Nemo.

Und heute?


Wie es ausschaut, dauert es noch ein wenig bis Jenna oder Barbra Bush als dritte Generation das Zepter im Weißen Haus übernehmen. Präsident Obama stand für einen neuen alten amerikanischen Traum, den von Martin Luther King. Zitate derselben Rede am selben Ort. Im Januar 2009 scheint es, als wäre ein großer Teil der Bevölkerung  froh die „Bush-Brände“  hinter sich gelassen zu haben. Auch wenn der Bush abgefackelt war, die verbrannte Erde liegt dort bis heute. Obama wurde bereits 2009 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet und ein  paar Monate  später für seine Gesundheitsreform von vielen Amerikanern wechselweise als Hitler oder Kommunist bezeichnet. 


Eine kollektive medizinische Versorgung passt scheinbar nicht in das Bild des typischen amerikanischen Traumes „Vom Tellerwäscher zum Millionär“, der das Individuum predigt. Ich bin meines  Glückes Schmied und kann es schaffen, wenn ich es  schlau genug anstelle. Wieso soll ich für die Nieten mit zahlen?
Es ist schon schwierig  mit dem amerikanischen Traum. Es scheint so viele unterschiedliche amerikanische Träume zu geben, wie Cornflakes-Sorten in den Supermärkten. Aber träumt die alte Welt noch von der neuen? Es scheint,  als dass die neue Welt überholt wurde von wem auch immer.    Und Hollywood ist am kranken. Amerikanische Schauspieler leisten sich sogar einen britischen Akzent. Was will man da mit einer Tonne?

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 19.01.2012 um 15:08
"Freedom Fries" - sich ein Stück Freiheit einverleiben, das geht durch einen durch und kommt am anderen Ende als (...) wieder raus. Patriotische Metaphorik 'verscheißert' das höchste Gut. :)

Es gab damals auch US-Ebayer, die bei jedem ihrer Angebote den Satz zu stehen hatten, dass sie nicht nach Frankreich und Germany versenden würden.
Doris Brandt schrieb am 19.01.2012 um 15:55
Echt? Eine Ironie des Schicksals, dass der Gründer von Ebay ausgerechnte Pierre heißt.
cuchulainn schrieb am 19.01.2012 um 16:19
"Hollywood floh derweil in Fantasie und Trickfilm."

ich weiss nicht, woran das liegt, dass fantasy bis heute offenbar als "flucht", als eskapismus gilt - genauso übrigens wie science fiction. gab da mal ein sehr lesenswertes interview mit dem grandiosen dietmar dath, das ich zum thema empfehle (bitte ganz lesen, lohnt allemal):

www.welt.de/kultur/article4672252/Dietmar-Dath-will-die-Aldi-Brueder-entmachten.html
Doris Brandt schrieb am 25.01.2012 um 12:16
Da haben Sie Recht. SciFi und Fantasy müssen keine Flucht sein sondern können auch gut als Gleichnis oder Reflexion genutzt werden. In dieser Zeit (2003) sah ich die Filme aber in der Tat als Flucht vor der Realität. Rein subjektiv. Das Interview werde ich gerne lesen. Danke für den Link.
Jan Pfaff schrieb am 24.01.2012 um 12:09
Doris Brandt schrieb am 25.01.2012 um 12:11
Bruce, der alte Haudegen. Danke für das Video. Ich würde ihn zu gern fragen, wie er den sogenannten "American Spirit" definieren würde, von dem er spricht. Der Tabak wird ja nicht gemeint sein.
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