Doris Brandt

Blog von Doris Brandt

25.10.2011 | 12:06

Occupy-Camp Hamburg Teil 3

„Das Aufstehen ist anders hier! Du machst das Zelt auf, und bang! wirst Du mit allem konfrontiert. Passanten, den Camp-Bewohnern, allem hier. Aber so ist das halt, wenn man mitten in Hamburg zeltet.“ Der Camp-Bewohner, der über das morgendliche Aufstehen philosophiert ist Mitte-Ende Zwanzig, Kunststudent und seit Beginn dabei.  Heute Vormittag hatte er Kreislaufprobleme, gerade als er von einer Schulklasse interviewt wurde. Jetzt geht es ihm besser, die heiße Zitrone aus dem Restaurant „Weltbühne“ half. Das Theater-Restaurant –gehobene Gastronomie mit Kellnern in schwarzen Anzügen- hat sich schon seit Beginn mit der Bewegung solidarisiert. Der Livestream wurde zuerst vom Außenbereich des Restaurants gesendet. Irgendwann wurden Kabel mit „Weltbühnen“-Strom über die Bäume des Gerhart-Hauptmann-Platzes in das Camp gezogen.

Ich war drei Tage nicht hier. Das Camp ist nochmals gewachsen. Ich zähle über zwanzig Zelte. Die Luft ist kalt, es riecht nach feuchten Laub und Kaffee. Der Vormittag war neblig, jetzt bricht die Sonne durch. Zwei Party-Pavillons gibt es.  Der Küchen-Pavillon, in dem bunte Fotos von Occupy-Aktionen an der Zeltwand hängen, steht am Rande des Camps und ist Treffpunkt. Zwei große Pinnwände informieren, was noch benötigt wird und was nicht. („Wir sind mit Nahrungsmitteln versorgt!“) Auf dem Tisch reihen sich die Thermoskannen. Der Media-Pavillon ist Sendeplatz des Livestreams. Blogger schreiben ins Laptop.

 „Ist das hier ein Liebescamp?“ Eine alte Frau mit Rollator steht neben dem Zelt und hat irgendwo ein aufgemaltes Herz gesehen. Ihr wird die Situation erklärt. Zufrieden zockelt sie weiter. Ich spreche mit einer blonden Frau, Camp-Bewohnerin, Mutter eines zehnjährigen Sohnes und Yoga-Lehrerin. Die letzten zwei Nächte hat sie sich zu Hause ausgeschlafen. „Ich kann hier nicht schlafen, das Licht, die Geräusche, fremde Leute, die vorbeikommen, herumpöbeln.“ Sie guckt auf ihr Handy, ihr Sohn kommt gleich vorbei. „Heute ist bei mir Yoga ausgefallen, ich habe mit den Kindern Plakate gemalt. Was würdet Ihr ändern?, habe ich gefragt. Und sie haben das hier gemalt.“ Sie zeigt eine dicke Rolle mit schätzungsweise 15 gemalten Plakaten heraus.  Weniger Müll, Kein Hunger für alle, Wir Kinder sollen nicht vergessen werden.

 Die Stimmung im Camp sei ok.“ Es wohnen sehr unterschiedliche Charaktere hier, mit unterschiedlichen Beweggründen. Da wird es auch einmal lauter, und einer steht  wütend auf.“ So sei das nun in jeder Gruppe. Und die Gruppe hält es aus. „Klar, machen wir weiter. Ganz bestimmt. Weihnachtsmarkt hin oder her“  Lachend fügt sie hinzu: „Der Weihnachtsmarkt wird Ende November hier eröffnet. Wir könnten uns alle Jobs im Budenzauber suchen und so den Weihnachtsmarkt unterwandern“.

Einen anderen Bewohner, der freundlich grüßt und mich nach meinem Befinden fragt, konfrontiere ich mit (Leser-)Kommentaren, „dass diese  ganzen Occupy-Bewegungen eigentlich nur Facebook-Partys mit einem politischen Aufhänger seien. Leute, die etwas erleben wollen und sich dies zeitlich und gesundheitlich leisten können.“  Er zeigt auf einen Mann mittleren Alters, der Flugblätter verteilt. „Er hat sich Urlaub genommen, um hier mit uns zu campieren und sich zu engagieren“, Er zeigt auf einen anderen jüngeren Mann: „Er steht hier morgens auf und fährt zur Arbeit“.  Eine junge Frau verteilt Buttons: „Wir sind 99%“ und „Occupy Hamburg“. Sie zeigt auf meine Tochter, die in der Trage vor mir schläft. „Ich werde auch Mama. 4. Monat. Wenn das kein Grund ist sich zu engagieren.“

Als letztes spreche ich mit dem Camp-Bewohner, der morgens aufsteht und zur Arbeit fährt, auf der anderen Elbseite. Arbeiter sei er, erzählt er. Er hält ein Schulheft in der Hand, in das er Stichworte notiert. „Wir arbeiten an einer Botschaft, die unser alle Beweggründe definiert. Wir können hier nicht einfach herumsitzen und rufen „Wir sind die 99 %“.  Wir werden unterstützt mit Geld, Sachen, Essen! Wir wollen nicht unglaubwürdig werden, weil wir uns nicht definieren können.  Er zeigt mir einen kleinen Zettel, auf den er seine Beweggründe aufgeschrieben hat, die mit weltweiter sozialer  Gerechtigkeit umschrieben werden können. Wir unterhalten uns über die 99 % und stellen fest, dass ein gewisser Anteil der 99 % sich selber niemals dazu zählen würde und natürlich nach den 1 % greift. Wir sprechen  über seine Kollegen, auch Arbeiter, die vor zwei Jahren FDP gewählt haben, weil sie ja Leistungsträger seien. Und wir sprechen über die Bild-Zeitung, vielerorts die einzige Zeitung und somit Gesetz. „Schlafen tue ich gerade nicht hier. Das habe ich letzte Woche gemacht. Ich konnte dann bloß nicht mehr arbeiten. Damit ist keinem geholfen. Ich komme jetzt nach Feierabend hier her und bleibe bis abends.“ Das mit dem Aufstehen ist hier so eine Sache. Bang! Und schon ist man mit allem konfrontiert.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.10.2011 um 12:40
wieder so eine schöne, dichte atmosphärische Beschreibung. Am besten gefällt mir „Ömchens“ Frage. „Ist das hier ein Liebescamp?“

Weiter so, liebe Doris Brandt!!

Salut
HN
Doris Brandt schrieb am 01.11.2011 um 14:39
Komme erst heute dazu! Vielen Dank für das nette Feedback. Ja, "Ömchen" war der Hit. Aber sie hat Interesse gezeigt, und das zählt.
Popkontext schrieb am 25.10.2011 um 13:36
Sehr schön lebendiger Bericht, danke!
shalako schrieb am 26.10.2011 um 10:56
Da wäre vielleicht mal Klärungsbedarf?

> „sämtliche große Occupy-Seiten von Hamburg aus kontrolliert“<

im Kontext:

"Jetzt verdichten sich die Hinweise darauf, dass die aus den USA stammende Zeitgeist-Bewegung systematisch versucht, die Occupy-Bewegung in Deutschland und Österreich zu unterwandern. Nachdem sie über Facebook einen Hinweis bekam, dass „sämtliche große Occupy-Seiten von Hamburg aus kontrolliert“ würden, wo die „Organisation der so genannten Dezentralen Occupy-Bewegung“ säße, deren Treffpunkt der gleiche sei wie der des Zeitgeist-Movement (im Midsommer in der Karolinenstrasse 2), recherchierte die taz ein wenig und stieß dabei auf einige Zusammenhänge zwischen Zeitgeist und Occupy."

www.freitag.de/community/blogs/barbara-muerdter/faellt-die-occupy-bewegung-ihrer-eigenen-offenheit-zum-opfer

Wenn ich Lust und Zeit habe, fahre ich später vielleicht mal zum Camp rüber und spreche das Thema mal vor Ort an.

Vielleicht wissen die Occupy Hamburg-Leute noch gar nichts von diesem Kukucksei.
Verwendungszweck schrieb am 25.10.2011 um 19:14
"Wir unterhalten uns über die 99 % und stellen fest, dass ein gewisser Anteil der 99 % sich selber niemals dazu zählen würde und natürlich nach den 1 % greift."

Das mit den Prozenten ist etwas verwirrend. Mit den 1 % sind eigentlich die Millionäre und Milliardäre dieser Welt gemeint.

Die "Wir sind die 99%"-Kampagne kommt aus Amerika. Dort wie hier in Deutschland sind ein Prozent der Bevölkerung Millionäre.

Mit dem normalen Wohlstand, den die meisten anstreben, hat das wenig zu tun. In Deutschland besitzen die reichsten 10 % der Bevölkerung rund 60 % des Vermögens. Die reichsten 30 % der Bevölkerung 90 %. Wenn man da dazugehört, kann man sich ein neues Auto leisten.

Viele Leute verdienen über die Zeit und die Jahre schon auch 1Million, aber die haben auch ein paar Ausgaben und gehören dann doch nicht zu dem 1 %.
jonek schrieb am 26.10.2011 um 07:24
Das ist die bisher beste Erklärung dieses 99%-Slogans, die ich gesehen habe. Kannst du mir jetzt noch eine Quelle für die Verteilung des Vermögens nennen, auf die du dich für Deutschland beziehst? Das wär super.
claudia schrieb am 26.10.2011 um 07:53
>>Viele Leute verdienen über die Zeit und die Jahre schon auch 1Million,...<<
Dafür gibt es 2 Möglichkeiten:

a) wenn Du ein bisserl Geld zum Investieren hast, kannst Du Leute anstellen, die Dir beim "Verdienen" der ersten und weiterer Millionen helfen.

b) Du steigst in einer Konzernhierarchie so weit auf dass der Konzern Dir vom erarbeiteten Mehrwert 1 000 000 (oder mehr) als Gehalt abgibt.
Auch für ein Millionengehalt müssen Viele arbeiten, denn die Leistungsfähigkeit des einzelen Menschen ist begrenzt.

Eine sehr wesentliche Grenze verläuft zwischen den Zuständen:
Für den Lebensunterhalt Arbeitskraft verkaufen müssen
und
genug besitzen, um sich nicht verkaufen zu müssen.
Verwendungszweck schrieb am 26.10.2011 um 10:16
@jonek
Einfach in der Wikipedia Millionär nachschlagen.

Witziges Detail am Rande: In Summe entspricht das Vermögen der Millionäre in Deutschland ziemlich exakt den deutschen Haushaltsschulden.

@claudia
Natürlich beruhen große Gehälter und Vermögen immer auf der Arbeit vieler Hände.

Der Wille der Armen auch zu Wohlstand zu kommen, machte den Kapitalismus über einige Phasen, als der Aufstieg tatsächlich für viele möglich war, so erfolgreich.

Amerika zeigt uns unsere Zukunft. Der amerikanische Traum ist ausgeträumt. Geringe Arbeit hat wenig Chancen, denn die ist in Asien billiger. Offene Grenzen für Waren und geschlossene für Menschen sorgen für das Potential, mit dem die Konten der Reichen noch mehr aufgeladen und die Börsen der Armen entleert werden.
claudia schrieb am 26.10.2011 um 10:54
>>Der Wille der Armen auch zu Wohlstand zu kommen, machte den Kapitalismus über einige Phasen, als der Aufstieg tatsächlich für viele möglich war, so erfolgreich.<<
Schon. Aber wer nichts hat, kann das eben nur über den Verkauf der Arbeitskraft versuchen.
Die gekaufte Arbeitskraft aber wird immer zum einseitigen Nutzen des Käufers eingesetzt. (Sie GEHÖRT ihm.) Auch wenn den AK-Verkäufern längerfristig durch den Einsatz ihrer ursprünglich eigenen, aber verkauften Arbeitskraft Schaden entsteht.
So kam es, dass immer wieder ein bescheidener Wohlstand der Arbeitskraftverkäufer durch das Primat der Kapitalrendite zerstört wurde.

Arbeitskraftverkäufer mussten und müssen nach Kriegen und Krisen immer wieder ganz unten anfangen, während Besitzer ihren Reichtum mehren konnten. Eine Ausnahme bilden nur diejenigen, deren weit überdurchschnittliche Gehälter einen Aufstieg in die Besitzerklasse zulassen. (Auch wenn sich dazu Viele berufen fühlen: Nur Wenige sind auserwählt)

Wer das Prinzip mal erkannt hat wird sich nicht mehr für das Ziel "Kapitalismus retten, koste es was es wolle" agitieren lassen.
Es kostet immer mehr, egal welches Rettungskonzept favorisiert wird.
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