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Politik : Schlager statt Kritik – Politik wird weggefeiert

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Ein sonores ohrenbetäubendes Brummen begleitet von Orgelmusik riss heute Morgen die Bewohner des Hamburger Zentrums aus dem Schlaf. Wer die allgegenwärtigen Skandal-Vuvuzelas unter Verdacht hatte, wurde eines Besseren belehrt. Es handelte sich nur um 40.000 Motorradfahrer, die zum alljährlichen Motorrad-Gottesdienst in den Hamburger Michel pilgerten. 40.000 fromme Christen, die sicherlich an diesem Morgen nur zwei Dinge im Sinn hatten: Gott, den Allmächtigen zu huldigen und ihrer auf der Strecke gebliebenen Weggefährten zu gedenken. Für letzteres gibt es übrigens auch den Totensonntag.

Was hier Jahr für Jahr stattfindet, ist ein stinknormaler Motorrad-Event unter dem scheinbar progressiven Deckmäntelchen der Kirche. Ein Event, der von seinen Teilnehmern seit Jahren in den Himmel gelobt wird. Kommentare wie „Der Gottesdienst ist mir, wie den Allermeisten, ziemlich Wurst.“ oder „Hauptsache Live-Musik, Mopeds und Gänsehaut!“ sind an der Tagesordnung. Da gewinnen die „Hamburger Harley Days“ ja fast an Authentizität, so ganz ohne kirchlichen Hintergrund.

Die heutige Zeit ist geprägt von Massenveranstaltungen, auf denen massenhaft geheult, gegrölt, gefeiert und aufs Dixi-Klo gegangen wird. Massen-Trauer-Events für Robert Enke. Massen-Bier- und-Gröl-Veranstaltungen wie die Wiesn in München. Massen-Bier-Gröl-Zusammenkünfte-mit- scharz-rot-goldenen-Perücken beim WM- Public Viewing . Massen-Prilblumen-und- schlechte- Musik- Veranstaltungen wie der Schlagermove in Hamburg. All diese Events ziehen mühelos zwischen 35.000 (Trauerfeier Robert Enke) und bis zu über 500.000 Teilnehmer (Schlager-Move in Hamburg) an.

Massen-Moblisierung leicht gemacht: Ein paar Teelöffel Emotionen, gepaart mit einem lustigen oder traurigen Leitthema, aufgelöst in jeder Menge Alkohol, reichen zumeist.Die aufgezählten Veranstaltungen können für Menschen ohne Massenphobie zweifellos eine spaßige und hochemotionale Bereicherung ihres Alltags sein. Nur eines sind sie nicht: politisch.

Da zwingt unser schwarz-gelbes Kompetenz-Team gerade den Sozial-Staat in die Knie, und die Bevölkerung hat nichts Besseres zu tun, als im Rudel Moped zu fahren oder sich beim Grand Prix Musikanten Wettbewerb in Ekstase zu schreien. Politik ist von der massenkompatiblen Festplatte schon längst gelöscht worden. Die Regierung freut es. Gegenwind aus der Bevölkerung ist so mühsam.

Dennoch fanden die Demonstrationen gegen die Rotstiftpolitik der Bundesregierung an diesem Wochenende zum Glück statt. „Ein wichtiger wenngleich auch schwacher Anfang“, wie Tom Strohschneider richtig schreibt. Die Aussagen über Teilnehmerzahlen schwanken zwischen 10.000 und 40.000. Für die Veranstalter der Demonstrationen in Berlin und Stuttgart war dies ein Erfolg, der hoffentlich anhält und sich noch steigert. Für die Veranstalter des Schlagermoves wäre gleiche Teilnehmer-Zahl Grund genug, den Event einzustampfen. Findet Politik in der Spaßgesellschaft noch einen Platz?

Im Vergleich: Zum heutigen Motorrad-Gottesdienst kamen 40.000 Menschen, und das sogar mit Motorrädern. Zum heutigen WM-Spiel Deutschland-Australien werden 70.000 Menschen, und das sogar mit merkwürdigen Perücken, erwartet.

Das „Glaubens“- Motto des heutigen Motorrad-Gottesdienst lautete:

"Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht."
1.Samuel 2,7

Ersetzte man „Herr“ und „Er“ durch „Neo-liberale Bundesregierung“ und „Sie“, wäre das übrigens ein dufter Slogan für eine nächste Demonstration, die hoffentlich stattfinden wird.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.