Doris Brandt

Blog von Doris Brandt

30.05.2010 | 13:48

Wir sind wieder wer!

 

Deutschland im Fahnenmeer. Der hyperaktive Moderator des „Grand Prix d‘Eurovision“ Public Viewing Events auf dem Hamburger Spielbudenplatz ist sich dem epochalen Ereignis des  heutigen 29.05.10 bewusst. Eine neunzehnjährige Sängerin aus Hannover mit einem Nachnamen, der in jedem Loriot-Film willkommen wäre, hat vor zehn Minuten den ersten Platz des  „Grand Prix d’Eurovision“   für Deutschland gewonnen. Es gab bestimmt schon schlechtere Beiträge. Sinn und Unsinn bzw. Qualität dieses Wettbewerbs ist jedoch nicht das Thema.

   Nach einer 28-jährigen Dürreperiode hat Deutschland eine neue Nicole, ohne weiße Gitarre. Die Stimme des Grand-Prix- Moderators überschlägt sich: „Jetzt sind wir nicht nur Papst sondern auch Grand Prix!“  Die weitere Ansprache geht in der tosenden Menge aus Freudentränen, Sprechgesängen und Meerschweinchen-Gefiepe unter. Als deutscher Staatsbürger ist man also automatisch katholisch, um die achtzig und mit  Ralf Siegel verwandt.

 Was sind wir als nächstes? Hund, Katze, Maus, Müllschlucker oder einfach pleite? Nochmals zu Erinnerung: Es geht hier um einen Gesangswettbewerb, um so etwas  Ähnliches wie „Jugend musiziert“, nur dass die Haare der Teilnehmer mit Hilfe von Windmaschinen durcheinander gewirbelt werden.   Nationalbewusstsein entfacht  aus  Kommerz und einer cleveren Vermarktung-Industrie. Ist Nationalismus wirklich so einfach? Im August finden die Minigolf-Youth World Championships im russischen Sochi statt. Würde diese derzeit eher noch bescheidene Veranstaltung mit der richtigen Vermarktung und Medien-Präsenz ebenfalls einen Freuden-Taumel in schwarz-rot-gold beim Public Viewing hervorrufen?

So kurz vor der Fußball- Weltmeisterschaft ist jeder vernünftige Deutschland-Fan natürlich schon  mit einem Arsenal aus  Schwarz-Rot-Goldenen Accessoires ausgestattet, um die Weltmeisterschaft standesgemäß zu überstehen. Keine Frage, jeder jubelt und kann auch Fahnen schwenken. Warum nicht? Aus Coolness für Nord-Korea jubeln? Auch nicht wirklich.  Wie sich die Fankultur seit dem „Sommermärchen“-Sommer 2006 jedoch entwickelt hat, ist – bemerkenswert.  Es scheint, als ob eine Flutwelle aus schwarz-rot-güldenen Plastik-Klatschhänden, Pseudo-Irokesen-Kämmen, Slips, Kondomen, Cowboy-Hüten, Auto-Sonnenblenden, Aschenbecher und Atom-Reaktoren das Land überschwemmt. Deutschland einig WM-Land.

Wurden in den WM-Jahren vor 2006 einfach Tore bejubelt, waren vor vier Jahren Prügeleien an der Tankstelle im Kampf um die letzte Deutschland-Auto-Klemmfahne durchaus üblich. Ein „Wir sind wieder wer (WM 1954)“ zusammen mit einem „Jetzt dürfen wir auch wieder (WM2006)“ hat sich eingebürgert.  Vielleicht singt Deutschlands erster Grand Prix Friedensengel Nicole ja die Nationalhymne vor dem ersten Deutschland-Spiel. Natürlich mit weißer Gitarre.

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Magda schrieb am 30.05.2010 um 18:26
"Was sind wir als nächstes? Hund, Katze, Maus, Müllschlucker oder einfach pleite?" - :-))
Rahab schrieb am 30.05.2010 um 18:34
als nächstes? - geil. ständig.
Damian Bold schrieb am 30.05.2010 um 18:42
Auf Dich bin ich
extrem.
Geil.
Damian Bold schrieb am 30.05.2010 um 18:42
Oh.
Damian Bold schrieb am 30.05.2010 um 18:42
Hierhin:

Auf Dich bin ich
extrem.
Geil.
Doris Brandt
Der, Die, Das, Wieso, Weshalb, Warum
Mitglied seit:
2 Jahre 36 Wochen
Zuletzt aktiv:
22.05.2012
Status:
Autorin
Aktivität:
Beiträge: 61
Kommentare: 293
Logbuch
10:14
abghoul hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:01
tlacuache hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:56
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:53
luggi hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:47
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG