Bald ist wieder Wochenmarkt.
Der Markttag lässt die Stadt pulsieren, sonst ist da tote Hose, toter Stein, totes Wort und Schweigen am Pfad.
Zumindest hier weiß Hans Müller, wie er zum Markt kommt, zum Gemüsemarkt. Den Weg zum Finanzmarkt kennt er nicht, er weiß auch nicht, wann der Finanzmarkt stattfindet. Vielleicht denkt er, er könne dort irgendwas mit Geld regeln. Egal.
Auf die Bitte an Hans Müller, er können doch mal im Internet nach alternativen Themen suchen, wurde ihm die Freitags Community empfohlen.
Nach einer Betrachtungsauszeit kam Hans Müller erbost zurück. Was denn der Demonstrationsscheiß soll! Und die angekündigte Blogsammlung über das letzte Wochenende entpuppt sich ja wohl eher als ein Sammelchen.
Wenn das dort geschriebene und wenig und schlecht fotografierte dann der alternative Wochengeist sein soll, dann geht Hans Müller lieber weiter auf den Wochenmarkt und nagt an einer grünen Gurke oder einer roten Möhre.
Er meint, das Regional und Saisonal dort wäre revolutionärer als jedes ferne Wort aus der Sesselcommunity.
- 'Occupy Everywhere' versteht er nicht,
er kauft auch sonst nur Lebensmittel
ohne Zusatzstoffe.
Mit einem „Das wollt ich auch noch sagen!“ rechnet er kurz nach, obwohl das nicht seine Stärke ist.
Bei 10.000 Demonstranten in Berlin, könnte er die Aufgewühlten hier im Verhältnis persönlich auf dem kleinstädtischen Wochenmarkt begrüßen. Es wären genau 25, in Worten „Fünfundzwanzig!“. Er schaut in die Runde und sagt: „Diese Republik steht kurz vor der Lächerlichkeit.“. Nein, wir können uns die Fünfundzwanzig in die Seitentasche stecken, die reichen nicht mal, um den Bachmühlenweg zu besetzen.
Der Satz: "Die links intellektuellen Neuschreiberjungchen dort, die sollen mal 4 Wochen Praktikum auf dem Gemüsemarkt machen, 5 Uhr aufstehen, um dann pünktlich 8 Uhr zu beginnen, die Welt zu verändern." hat gesessen. Niemand will sich trauen, Hans Müller ein Freitags-Abo anzubieten.
Justin kauft sich nachdenklich gegen 9 Uhr ein Bund Möhren, es sind deutlich mehr als 25 Menschen auf dem Gemüsemarkt, meist ältere. Es wird gesprochen und gerollt, was Gelenke und Rollator noch hergeben. Keine Spur von Romantik, wie sie Justin noch gestern im Internet fand, im Irgendwo, aber nicht im Nebenan.
Justin wird später für diese Realität eine APP suchen, die tröstet.
Hans Müller wird auch weiterhin am Morgen beim Bäcker mit einem Bild begrüßt. Im Impressum steht eine große Tasse Kaffee. “Den Tall, den Small oder den Grande... das können die Spinner in Berlin lassen! Bei uns ist trotzdem das Grüne an den Möhren oben d'ran.
http://kyf.net/freitag/utb.php?d=17.10.2011