Zeitig am Morgen signalisiert der funkgesteuerte Wecker, dass es keine Ausreden für eine Verspätung gibt. Der Tag beginnt wie immer. Nach wenigen Sekunden schlägt der Weihnachtsmann die Decke zur Seite und begibt sich als Pantoffeltierchen ins Bad und dann in die Küche.
Für das Frühstück soll schon etwas Zeit sein. Neues aus dem Radio hören, einige Seiten aus der Zeitung lesen, gehören dazu.
Wie zu lesen ist, müssen die Russen ihre Marssonde „Phobos-Grunt“ aufgeben. Dem Weihnachtsmann bleibt der Morgenlebkuchen im Halse stecken, er denkt an seine Waschmaschine, die er nun auch aufgeben will. Seit Wochen bastelt er daran rum, es reicht. Auch sie sollte nie den Mars erreichen können. Er ist sich nur noch nicht sicher, wo das Teil, was er liebevoll „Waschi“ nennt, verglühen soll. Er kann es ja irgendwann auf Twitter posten.
Gestern hat er noch schnell das aktuelle Kartenmaterial auf sein Weihnachtsnavi geladen. Nun sind endlich die Umgehungstrasse nach Wichtelhausen und der Weihnachtsweg zum Geschenkegroßmarkt per GPS befahrbar. Einen Schlittenadapter hat er sich auch noch kurzfristig besorgt, da die Akkulaufzeit seines Weihnachtsnotebooks etwas dürftig ist.
Schon lange geht ihm all das unbrauchbare Zeugs durch den Kopf. Hat er sich doch ein Smartphone aufschwatzen lassen. Leider kann das mit Handschuhen nicht betatscht werden. Und auch bei Minusgraden sollte es laut Herstellerempfehlung nur kurzzeitig im öffentlichen Naturraum benutzt werden und eher in einer Socke lagern. Also was für Schönwettertelefonierer? Aber nichts für den Schlitten! Er will sich im neuen Jahr beim Hersteller darüber beschweren. Der Geschenkegroßmarkt hat ihm derweil ein Rentnertelefon geliehen, eines mit großen Tasten, was auch bei Schnee und Wind von allen Seiten und mit Handschuhen funktioniert.
Am Nachmittag ist er zurück von seiner Besorgungstour. Im Briefkasten findet er neben liebevoller Post auch seltsame. Die Anwaltskanzlei „Schnell & Flink“ fordert 1200 Euro und eine Unterlassungserklärung, da sein Schlitten dem Schlitten vom Weihnachtsmann aus Richtershofe täuschend ähnlich sein soll. Im zweiten Brief liegt ein Gebührenbescheid der GEMA, da er auf seinen Schlittentouren immer fröhlich Weihnachtslieder singt. Er lehnt sich tief in seinen Sessel und zweifelt wieder mal für Minuten am Sinn dieser Welt.
Am Abend schaut er seine beliebte Nachrichtensendung „gestern“ und wird wieder deutlich daran erinnert, dass er sich bald einen neuen SAT-Empfänger kaufen soll. Große Buchtstaben flanieren durchs Bild, um das Ende des Analogen zu verkünden. Eigentlich möchte er gern wissen, was dann im April passiert. Vielleicht macht ein Sender eine analoge Abschiedsparty mit Rauschen und Grieß?
Sentimental wird er schon etwas, wie damals, als der WFF, der Weihnachtsfernsehfunk, abgeklemmt wurde und Redakteure und Intendanten aus dem Westerwald das Programm führten.
Wieder kein Schnee für den Schlitten! Der Weihnachtsmann überlegt, ob er den Oberhofer machen soll. Er könnte doch auch in Bremerhafen im Eiswerk anrufen und Crash-Eis ordern. Die haben doch 10 LKW-Ladungen über 400 Kilometer quer durch die Schmelzrepublik gefahren und in der SKI-Halle von Oberhof eingelagert. Er schaut auf sein Kyoto-Protokoll und stellt fest: „Kein Platz für Spaß!“. Er ruft seinen Technikverleiher an und fragt, ob er die Schneekanone auch als Konfettikanone für Silvester umrüsten könne. Er möchte gern seine Wanderkarte „Kanada auf dem Wege“ konfettisieren.
Die Nacht beginnt stürmisch. Der Weihnachtsmann schläft ruhig und träumt vom Kurvenfahrlicht für seinen Schlitten.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen