Über Christian Krachts Roman Imperium
Nicht das billige Bild auf dem Umschlag vorn, auch nicht der Satz Elfriede Jelineks auf dem Umschlag hinten lockten mich zum Lesen; es war allein die Debatte über Krachts Buch, nachdem mir neulich beim Buch von Thea Dorn „Die deutsche Seele“ schon aufgefallen war, dass die junge Schriftstellergarde im Nachklang des Sommermärchens immer öfter die nationale Spielwiese aufsucht.
Die Replik des Verlagsleiters Malchow ging so weit, Diez Denunziation vorzuhalten und den „Versuch der Ausgrenzung eines der begabtesten deutschsprachigen Schriftsteller“. Wenn es nach Malchow ginge, wäre kein Autor verantwortlich für seine Publikation. Denn nicht der Urheber spreche, sondern die eine oder andere Erzählfigur.
Diesem bekannten Refugium aller freien Kunst ist allerdings die ebenso große Freiheit der Kritik entgegenzuhalten.
Wenn Christian Kracht oder wer auch immer nicht in der Lage oder willens ist, die Story so zu erzählen, dass die Konturen der Figuren klar umrissen sind, hat er ein Problem. Das Zwielichtige fällt auf den Autor zurück.
Parodie hin, Ironie her, durch den gesamten Text des Romans Imperium zieht sich wie die Seele des Drahtes Deutsch-Nationales, Rückwärtsdeutsch.
Wenn es auf Seite 12 (der zweiten Textseite) heißt, „So oder ähnlich dachte der junge August Engelhardt ...“, dann ist das hier und da einleuchtend; den ganzen Roman hat aber nicht der Protagonist Engelhardt verfasst, sondern der Schriftsteller Christian Kracht.
Es fehlt zu oft die spürbare Distanz des Autors zur Sprache seiner Figuren. Konnte dem spinnerten Kokovoren etwa einfallen, „Deutsche auf dem Welt-Zenit ihres Einflusses“ (S. 12)? Er wird als Eskapist gezeigt, als Aussteiger. Und wörtlich: „Engelhardt ist kein politisch interessierter Mensch.“ (S.78)
Die als abstoßend beschriebenen „dickleibigen Pflanzer“, die an Deck lagen und schnarchten, mochten „von barbusigen dunkelbraunen Negermädchen“ träumen, Engelhardt sicher nicht.
Wie gesagt sind die Zuschreibungen hier und da deutlich. Aufs Ganze gesehen aber bleiben zu viele Worte und Wertungen am auktorialen Erzähler hängen.
„das deutsche Schutzgebiet“ (ab S.16) als Bezeichnung der Kolonien des Kaiserreichs war vor 100 Jahren üblich und amtlich, dürfte aber heute nicht mehr ohne weiters, etwa ohne Anführungsstriche, geschrieben werden, schon aus wortkritischer Rücksicht nicht, wonach „Schutzgebiet“, auch in der latinisierten Nazi-Version als „Protektorat“, eine Sprachregelung und ein Euphemismus ist. Wo das Unwort Schutzgebiet wie selbstverständlich und oft wiederholt im Roman erscheint, darf das zugehörige Unwort Schutztruppe (S.168) nicht fehlen. Die Ausflucht, der Text spiele in der Kaiserzeit, bleibt eine Ausflucht und Ausrede, solange die Jahrhundertdistanz nicht kenntlich gemacht ist. Denn leider gibt es noch immer Nachhänger, die den Jargon der Kolonialzeit und der nachfolgenden Jahrzehnte unkritisch verwenden.Kennt Christian Kracht nicht die Kette der barbarischen Tradition von der kaiserlichen Schutztruppe bis zur bundesrepublikanischen Truppe out of area? Von Deutsch-Südwest bis Afghanistan? Die deutschen Soldaten in Afghanistan werden tatsächlich als „Schutztruppe“ in offiziellen Nachrichten bezeichnet. Das ist die Folge unkritischen und verräterischen Wortgebrauchs.
„die Kanakenkinder“ (S.17) passen ins Bild der undifferenzierten Redeweise. Nicht als Vorstellung im Bewusstsein Engelhardts, der ja den jungen Insulaner Makeli bei sich aufnimmt.
Diez hätte die deutlichen Parallelen im übrigen Werk Krachts gar nicht aufzeigen müssen. Auch ohne sie ist die Rechtslastigkeit von „Imperium“ unübersehbar. Ganz dicke kommt es auf Seite 18 (vielleicht auch das kein Zufall, sondern „durchaus beabsichtigt“). Da wird „diese Chronik“ in einer Zusammenschau ins große Ganze eingeordnet.
„ … dieser Bericht spielt ganz am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, welches ja bis zur knappen Hälfte seiner Laufzeit so aussah, als würde es das Jahrhundert der Deutschen werden, das Jahrhundert, in dem Deutschland seinen rechtmäßigen Ehren- und Vorsitzplatz an der Weltentischrunde einnehmen würde, und es wiederum aus der Warte des nur wenige Menschenjahre alten, neuen Jahrhunderts auch so erschien.“
Der Passus enthält eine fast wörtliche Wiederholung: „so aussah“ und „so erschien“. Der Autor besteht darauf, dass es ganz bestimmt so und nicht anders gesehen wurde. Aus der Sicht des begiinenden Jahrhunderts.
Doch dieser Absatz könnte raubkopiert sein aus Veröffentlichungen der Neonaziszene. Aber verantwortlich ist der Autor des Buchs Christian Kracht. Niemandem sonst lässt sich die Verantwortung für dieses Gebräu zuschieben.
Und der historische Exkurs „aus der Warte des ... (beginnenden) ... Jahrhunderts“ geht noch weiter:
„So wird nun stellvertretend die Geschichte nur eines Deutschen erzählt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewußsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent. Nur ist letzterer im Augenblick noch ein pickliger, verschrobener Bub, der sich zahllose väterliche Watschen einfängt. Aber wartet nur: er wächst, er wächst.“
Hitler als Romantiker und Vegetarier. Diese Verharmlosung ist gelinde gesagt eine Frechheit. Die angeblich beabsichtigte Parallele zu Engelhardt ist keine, denn Engelhardt handelte nach allem, was wir wissen, gewaltfrei, was man von Hitler nicht behaupten kann.
Was soll der Relativsatz: „der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre“? Das ist wohl wieder aus der Warte der Unwissenheit gesprochen, aus der unverdächtigen Perspektive des frühen Jahrhunderts. Die konstruierte Position bietet die Gelegenheit, sich dumm zu stellen. Kein Urteil zu fällen. Sonst müsste es, nein, es muss heißen: der besser bei seiner Staffelei geblieben wäre.
Und wen hat der allwissende Erzähler, der sich aber dumm stellt, im Sinn mit dem Schluss: „aber wartet nur: er wächst, er wächst.“? Der Gute macht den ungeduldig Wartenden Hoffnung. Wer aber wartet auf sowas?
Auf den Seiten 25/26 wird der deutsch-nationale Jargon eindeutig von Leuten aus der Kaiserzeit gebraucht:
„ … ferner sprach man von den Wilden, wenn man sie denn, so einer der Plantagenbesitzer, überhaupt noch als das bezeichnen dürfe. Oder sei es jetzt schon so weit gekommen, daß ein Deutscher im Schutzgebiet nicht mehr einen Kanaken von einem Rheinländer unterscheiden dürfe?“
Diese Fassung wird den Apologeten Krachts gefallen. Seinen Kritikern nicht, denn zwar sind die Sprecher klar zugeordnet, aber nichts im Text gibt zu erkennen, was für Unwörter er (ver)birgt.
Kracht nimmt seine Leser/innen mit in die gute alte Zeit, als es noch nicht so weit gekommen war, Wörter von Unwörtern zu unterscheiden.
Wie hier die „Wilden“, auch an anderer Stelle als „Eingeborene“ bezeichnet, das „Schutzgebiet“ und die „Kanaken“, an einer Stelle differenziert auch mal als „Halbblut“ (S.57), im Text versteckt sind, so im ganzen Roman die Köder aus dem nationalen Giftschrank. Motto: Rette sich, wer kann.
Ob aber Engelhardts Distanzierung von den „schrecklichen Menschen … lieblosen, rohen Barbaren“ den rettenden Strohhalm reicht?
Ist es bloß einer der vielen Schnitzer im Text, dass die Lippe des Tamilen als Lefze bezeichnet wird? Oder handelt es sich wieder um den ubiquitären Rassismus, der sich so äußert? (S.38)
Auf derselben Seite sinniert Engelhardt: „Waren nicht die dunklen Rassen den weißen um Jahrhunderte voraus?“
Das ist eine Umkehrung der gängigen Vorurteile, damals und noch heute. Von „Rassen“ wurde vor 100 Jahren noch ganz selbstverständlich gesprochen. Von jener Warte aus musste Engelhardt so reden und denken. Heute aber ist der Rassebegriff wissenschaftlich nicht mehr zu verteidigen. Er ist obsolet und mit ihm alle Wörter, die ihm entsprachen.
Natürlich ist es ein fauler Trick, wenn die Dudenredaktion flink das Wort Rasse durch das Wort Menschentypus ersetzt im großen Wörterbuch der deutschen Sprache. Und es ist ein Ausdruck falscher Pietät oder Faulheit und Feigheit, dass das Wort Rasse noch immer nicht aus dem Verfassungstext der Bundesrepublik getilgt ist.
Nachdem wir auf Seite 78 erfahren haben, dass Engelhardt „kein politisch interessierter Mensch“ war, fällt seine Warte aus, um den Blick auf die Feldherrnhalle in München zu schildern. Was es bedeutet, sie „steht mahnend, ja beinahe lauernd im spektralen Münchner Sommerlicht“, sagt der Folgesatz: „Nur ein paar kurze Jährchen noch, dann wird endlich auch ihre Zeit gekommen sein, eine tragende Rolle im großen Finsternistheater zu spielen.“
Das also lauerte dort. Was „spektral“ am Münchner Sommerlicht ist, wird nicht erläutert, das aufatmende „endlich“ schon: Die Nazis sorgten für die tragende Rolle des Baus.
Der Text bleibt nazinah: „Mit dem indischen Sonnenkreuz [vulgo Hakenkreuz] eindrücklich beflaggt [die schwarzweißroten Fahnen machen Eindruck], wird alsdann ein kleiner Vegetarier [die Frechheit in der Wiederholung], eine absurde schwarze Zahnbürste unter der Nase [kleiner Beitrag zur Erheiterung zwischendurch], die drei, vier Stufen zur Bühne ...“
Nun wissen wir's. Hier in der Münchner Feldherrnhalle betritt unser Freund, sorry, nein, nicht der Antiheld Engelhardt mit der Kokosnuss als Reichsapfelersatz, sondern der Held höchstselbst die Bühne „im großen Finsternistheater“.
Dann wieder, wie gehabt auf S.18, die Aufforderung an die Wartenden: „ach, warten wir doch einfach ab, bis sie in äolischem Moll düster anhebt, die Todessymphonie der Deutschen.“
Trotz Verdunkelung der Bühne macht die künstlerische Darbietung weiterhin Eindruck.
Kommentar des Erzählers: „Komödiantisch wäre es wohl anzusehen“ - Wie das? Finsternis und Tod erheiternd? Doch Kracht besinnt sich und fährt so fort: „wenn da nicht unvorstellbare Grausamkeit folgen würde: Gebeine, Excreta, Rauch.“
Wenn das Kind im Brunnen liegt, beginnt die Suche nach dem Deckel. Was heißt unvorstellbare Grausamkeit folgen würde? Folgt nicht Grausamkeit auf Grausamkeit? Oder war die Dezimierung des Stamms der Herero 1904 im Schutzgebiet Deutsch-Südwest durch die Schutztruppe daselbst doch noch vorstellbar?
Das Krachtsche Finsternistheater-Bühnenbild wäre doch allzu lückenhaft ohne die zugehörige Dosis Antisemitismus. Also lesen wir, zunächst in der Maske des „Unsympath“ Aueckens, was an Klischees damals und mancherorts auch heute noch herumgeistert. Das resistente Opfer seiner homosexuellen Attacke wurde von Aueckens als Jude erkannt und zum Schuldigen seines Misserfolgs gestempelt. Er darf im rückwärts orientierten Roman die hinlänglich bekannte Hetze wiederholen vom „ungewaschenen levantinischen Sendboten des Undeutschen“. (S.126)
Anschließend verschlimmbessert Kracht den antisemitischen Ausfall, wo er Engelhardts Urteil über die „Anschuldigungen gegenüber Juden“ in diese Worte fasst: „Es war doch wohl strikt abzulehnen, über Menschen aufgrund ihrer Rasse zu urteilen. Punkt, ja.“ (S.127/128)
Von wegen Punkt. Kracht macht im Namen Engelhardts und der Nazis aus den Mitgliedern der jüdischen Gemeinden eine jüdische Rasse. Das ist die Verquickung von Antisemitismus und Rassismus ohne Hinterfragung der falschen Begriffe. Da der Rassebegriff obsolet ist, gehört kein Mensch einer Rasse an, auch kein Jude, der freilich unverzeihlicherweise kein Mitglied einer christlichen Kirche ist.
Damit nicht genug der unkritischen Wiederholung alter Vorurteile lässt Kracht „unsern Freund“ Engelhardt am Ende doch gleichziehen mit dem großen Trend: „Ja, so war Engelhardt unversehens zum Antisemiten geworden; wie die meisten seiner Zeitgenossen, wie alle Mitglieder seiner Rasse war er früher oder später dazu gekommen, in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches [sic] erlittene Unbill zu sehen.“ (S.225)
Man sieht, der Erzähler zieht die „durchaus beabsichtigte“ Parallele durch. Solche Kleinigkeiten fallen nicht ins Gewicht wie die Tatsache, dass der Aufsteiger, der in München die Bühne betrat, von Anfang an Antisemit war, der Aussteiger auf der Südsee-Insel aber erst gegen Ende seiner Kokoszeit „unversehens“ zum Antisemiten wurde.
Es ist wirklich abenteuerlich, wie der Schriftsteller Christian Kracht es fertigbringt, die Lebensgeschichte des verkehrten Robinsons mit lauter deutsch-nationalromantischen Aufklebern und Klecksern zu verunzieren. Es fragt sich der nüchterne Betrachter, ob diese Bekleckerung und Beschmutzung vor allem der Idee und Praxis des Vegetarismus gilt. Je länger die Erzählung fortschreitet, desto ekelhafter und erbärmlicher erscheint auch der Kokovore selbst, der nicht bloß auf den Fingernägeln kaut, sondern obendrein seine Fußnägel verzehrt, sozusagen als Ersatz für tierisches Eiweiß. Die Parodie des extremen Vegetariers ist als gelungen zu betrachten. Doch mit Nationalismus, Imperialismus, Rassismus und Antisemitismus ist die simple Geschichte bis zum Kentern überfrachtet.
Keine Frage, Christian Kracht kann erzählen, wenn auch seine mit Attributen überladenen Langsätze eher traditionell bis hundertjährig daherkommen. Ein Erzähltalent allein macht aber noch keinen Erzähler. Sprachliche Glanzstücke fehlen oder sind mir entgangen. Manches erinnert an Werbesprachliches. Besonders auffällig sind die wiederholt eingeblendeten strahlend weißen Zahnreihen. Mich hätte es nicht überrascht, wenn außer der Stiftung Pro Helvetia auch das Dentallabor Beiß & Weiß „die Arbeit an diesem Roman freundlicherweise unterstützt“ hätte.
Statt zu verteidigen, was nicht zu halten ist, nämlich die Rechtslastigkeit des Romans, hätte die Verlagsleitung besser daran getan, in der Vorbereitung des Buchs mehr Einfluss zu üben, auch mit Blick auf die vielen Schnitzer handwerklicher Art, Ungereimtheiten, die zu oft stören. Ein paar Beispiele:
- die Umschreibung der Fregattvögel als „schwalbenschwanzähnliche Jäger“ (S.12). Die Vögel haben Keine Ähnlichkeit mit einem Schwalbenschwanz.
- „einhunderttausend Millionen Kokospalmen“ (S.21). So wird vielleicht in den USA gezählt, weil das Englische keine Milliarden kennt.
- Hartmut Otto ist Händler mit den Federn von Paradiesvögeln. Er wird zuerst als „Paradiesvogeljäger“ (S. 23) bezeichnet, was noch einigermaßen hinhaut, ab S. 25 ist er dann ein „Vogelhändler“, was schlicht falsch ist.
- Der Vegetarier Engelhardt lehnt die Einladung des Federhändlers Otto zum gemeinsamen Bratenessen ab, „höflich, aber mit der Bestimmtheit seines (und Schopenhauers ..) Gewissens..“ (S. 24). In seiner Preisschrift über die Grundlagen der Moral verteidigt Schopenhauer jedoch ausdrücklich die thierische Nahrung.
- „Hartmut Otto war im eigentlichen Sinne ein moralischer Mensch.“ (S.23)
Kann ein Mensch, der Jagd macht auf Paradiesvogelfedern und meint, „Die Federn müßten … am unteren Ende ihres Kiels, als Qualitätssiegel sozusagen, Blutspuren aufweisen, sonst kaufe er sie erst gar nicht.“ (S.23) noch als moralischer Mensch durchgehen?
- Nicht zur Nachahmung empfohlen: „... mit seiner Axt vier Meter tiefe Löcher auszuheben“ (S.209). Das schafft nur ein wahrer Künstler.