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nicht nur die nachtaktiven, die im dunkeln munkeln, haben dem begriff zugesetzt, auch manche aufklärerischen geister haben vorstellungen verbreitet, die der idee abträglich waren und sind.
jede/r kennt aus dem geschichtsunterricht den dort kolportierten ausdruck "aufgeklärter Absolutismus".nach dem oxymoron war der preußische könig friedrich I ein aufklärer. die auffassung, der absolutistische herrscher habe einen nennenswerten beitrag zur Aufklärung geleistet, kann man bei immanuel kant finden und bei peter sloterdijk.
der getrübte blick auf die Aufklärung hat hierzulande tradition. typisch für "Das Elend der Aufklärung" (buchtitel des literaturkritikers h.vormweg) sei die wirkungsgeschichte der werke wielands, eine "Verfolgungsgeschichte" laut vormweg: "Die Nazis mußten sich im Fall Wieland nicht mehr bemühen. Da war er bereits ein auch historisch toter Mann."
der in der öffentlichkeit am meisten gefeierte deutsche denker der gegenwart, peter sloterdijk, hat eine postmoderne vorliebe fürs zwielichtige. bezeichnend für ihn sind sätze wie dieser: "Wie die Dinge liegen, gibt es Treue zur Aufklärung nur noch in der Untreue.", "Aufklärung, oder was von ihr noch übrig ist." oder die diagnose von "latenten Zynismen gegenwärtiger Aufklärer". (alle zitate aus: Kritik der zynischen Vernunft)
es ist gemein-europäisch, die Aufklärung zu historisieren, das heißt, sie in ein einziges jahrhundert einzuschließen (wohl in der hoffnung, sie für alle zeit loszusein), das mit der französischen revolution endet.die mächte der restauration und reaktion haben es der Aufklärung nie verziehen, dass sie ihren beitrag zur vorbereitung der französischen revolution geleistet hatte.
was die bewältiger der vergangenheit "das Zeitalter der Aufklärung" nennen, war bloß eine etwas höher schwappende welle vermehrter Aufklärung, die aus dem buchdruck, den anfangserfolgen systematischer wissenschaft und anderen faktoren resultierte.
arno peters (zu unrecht weniger bekannt als sloterdijk) fasste den begriff Aufklärung so weit, dass ein arzt aus dem alten ägypten seine liste der globalen aufklärer anführt. (vgl. Synchronoptische Weltgeschichte)
wenn jemand der weltgeschichtlichen bedeutung und wesentlichen bestimmung der Aufklärung nachspürt, bleibt als quintessenz übrig der kampf gegen wahn und gewalt. dieser kampf ist per definitionem eine unendliche geschichte, weil mensch nie ganz frei ist von wahn und gewalt. aus demselben grund zielt die Aufklärung nach innen und nach außen.
darin gleicht sie den entsprechenden staatlichen maßnahmen und den biologischen mechanismen, die einesteils nach innen auf immunität gerichtet sind, andernteils nach außen auf selbstbehauptung. der kampf der Aufklärung ist ein integrierter bestandteil der gesellschaft und der biosphäre. sozial und biologisch unumgängliche koalitionen und kompromisse dürfen aber das hoffnungshelle bild der Aufklärung nicht verdunkeln.
wo immer vernunft und gewissen versagen, müssen die wecker schrillen und schreien. tag für tag. lokal, regional und global. die netzwelt hat das zeug, die aufklärungswelle der gutenberggalaxie um ein vielfaches zu übertreffen.
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'Aufklärung' bleibt eine Aufgabe. Danke, dass Du das thematisierst! "...bleibt als quintessenz übrig der kampf gegen wahn und gewalt." - Kann man nicht auch einfach sagen: Wir Menschen müssen den Durchblick gewinnen, unsere wirkliche Situation zu erkennen, um entsprechend handeln zu können?
Das Verächlichmachen der Vernunft hält an, das Geplauder über die vielen Wahrheiten und 'Zukünfte' und so weiter bla bla... |
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Peter Sloterdijk war länger im Ashram von Bhagwan Shree Rajneesh (Osho) und sagt, dass seine Schriftstellerei ohne dieses Erlebnis nicht zu denken wäre. Das lässt manche seiner Äußerungen in einem anderen "Licht" erscheinen.
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lieber streifzug, wenn du "in einem anderen Licht" sagst und "zwielicht" meinst, bin ich einverstanden.
sloterdijk gebraucht das wort "Aufklärung" in seinem hauptwerk inflationär. ich kenne kein anderes buch, in dem die vokabel so oft vorkommt. die "Kritik der zynischen Vernunft" hat auch aufklärerische qualitäten. aber dem zweiten blick hält das werk nicht stand. was der mann in indien gesucht und gefunden hat, ist mir schleierhaft. |
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Anlässlich der Entdeckung dieses Beitrags zunächst einmal off topic folgendes an die Redaktion bzw. Seitengestalter: Ich habe noch nie eine so unübersichtliche Internet-Blog bzw. -Forum-Seite gesehen. Auf diesen doch aktuellen Artikel bin ich nur gestoßen, weil ich einen anderen von gestern oder vorgestern gesucht, aber bis jetzt nicht gefunden habe. Wieso kann man das nicht so gestalten: www.frblog.de/ - die Threads übersichtlich in zeitlicher Abfolge zum Nachblättern, weitere Kategorisierungen nicht ausgeschlossen, jedoch finde ich unter angeblich "meinem Freitag" nicht einmal die von mir geschriebenen Kommentare, dafür aber einiges, was mit mir sicher nichts zu tun hat.
Zur Sache vielleicht später etwas, wenn ich die Seite nicht verliere. Grüße Oranier |
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Ein wichtiges Thema, wie ich finde. Zum dritten Mal innerhalb weniger Tage: Kant sagt, er befinde sich nicht in einem aufgeklärten Zeitalter, sondern in einem Zeitalter der Aufklärung. das dauert offensichtlich noch an - wenn wir Glück haben. Dass Kant seinem König als Repräsentanten der Aufklärung huldigt, mag man als Borniertheit auffassen, oder unter gegebenen Umständen als geistige Ermutigung des Herrschers, in die richtige Richtung zu gehen. Post festum sieht manches anders aus.
"bleibt als quintessenz übrig der kampf gegen wahn und gewalt. dieser kampf ist per definitionem eine unendliche geschichte, weil mensch nie ganz frei ist von wahn und gewalt". Was ich an diesem Satz verstehe und teile: Aufklärung ist Kampf gegen Wahn. Gegen Gewalt hilft nicht eigentlich Aufklärung, sondern, je nach Standpunkt, Gegengewalt oder gewaltfreier Widerstand. Beides, richtig betrieben, setzt allerdings Aufklärung voraus. Dass "mensch nie ganz frei ist von wahn und gewalt" ist m.E. ein anti-aufklärerischer Satz, wenn das als anthropologische Konstante begriffen wird. Dass Aufklärung hat die Beseitigung von Wahn und Gewalt zum Ziel hat, setzt, soll das Ziel realistisch sein, voraus, dass die condition humaine sich so entwickeln kann, dass diese Ziele sich in der Endlichkeit erreichen lassen. "darin gleicht sie den entsprechenden staatlichen maßnahmen und den biologischen mechanismen, die einesteils nach innen auf immunität gerichtet sind, andernteils nach außen auf selbstbehauptung. der kampf der Aufklärung ist ein integrierter bestandteil der gesellschaft und der biosphäre. sozial und biologisch unumgängliche koalitionen und kompromisse dürfen aber das hoffnungshelle bild der Aufklärung nicht verdunkeln." Dieser Passus verdunkelt mir das hoffnungshelle Bild der Aufklärung. Mit anderen Worten: ich verstehe ihn kein Bisschen. Wenn ich trotz der Unsicherheit kommentieren darf: Aufklärung zielt doch auf Mündigkeit des autonomen Individuums. Staatliche Maßnahmen zielen auf die gegenteilige menschliche Verfassung. Der Kampf der Aufklärung sollte ein Bestandteil der Gesellschaft sein. wenn er integriert ist, ist das ein Glücksfall. Wenn die Biosphäre sich in dem Zuge mit aufklären lässt, ist das noch ein größerer Glücksfall: Humanisierung der Natur und Naturalisierung des Menschen (Marx). |
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hallo oranier,
danke, dass du das thema wichtig findest. nachklärung: deine sicht auf kant ist auch meine. ich verbinde wahn und gewalt manchmal mit dem &-zeichen, um anzudeuten, wie eng das eine mit dem andern verbandelt ist. nimm den wahn als ideologie, die zur gewalt das gute gewissen liefert. oder nimm den aufklärer, der die todesstrafe bekämpft oder andere formen der strukturellen gewalt. nein, das ist nicht anti-aufklärerisch, sondern schlicht realistisch zu sagen, dass mensch niemals frei von wahn und gewalt ist. zum beispiel ist die identität wahnhaft, mit dem grundwahn des ich-bewusstseins. entscheidend ist zu erkennen, dass wahn und gewalt unmenschlich sind und darum überall minimiert werden müssen. entschuldige den passus, der statt zu erklären verdunkelt. die parallelen sind missverständlich, zumindest nicht selbstverständlich. das individuum mensch kämpft gegen wahn und gewalt in sich (nach innen) und in der gesellschaft (nach außen) wie der staat innere und äußere feinde abwehrt und das tier innere anfechtungen (z.b. viren) überwinden muss wie gegenüber fressfeinden und anderen gefahren sich behaupten muss. den schnörkel hätte ich wohl besser weggelassen. |
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Hallo h.yuren,
prima, ich bin ganz begeistert. Da hat meine kritische Intervention doch etwas zur Klärung und nicht nur zum gegenseitigen Verständnis, sondern sogar zum gegenseitigen Einverständnis beigetragen. Ein Einwand aber noch zum Wahnbegriff, der bei uns beiden unterschiedlich zu sein scheint: Das Identitätsbewusstsein, das du ansprichst, ist nach meinem Verständnis nicht wahnhaft, sondern zeigt, in die Tüte gesprochen, dem philosophischen Blick die Grenzen des erkennenden Subjekts an, sofern es sich in die Doppelung des Erkennenden wie des zu Erkennenden zugleich begibt. Für die praktische Selbst- und Weltorientierung ist die Konstitution eines konsistenten Ich jedoch physisch und psychisch lebensnotwendig. Ein gesunder Vorgang also, wogegen der Wahn etwas Krankhaftes ist, EINbildungen, die die Perzeptionen der gesunden Wahrnehmungs- und Erkenntnisorgane übersteigen. So denkt es jedenfalls vorläufig mit vielen Grüßen der Oranier |
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schrieb am
06.08.2009 um 18:47
"Aufklärung zielt doch auf Mündigkeit des autonomen Individuums. Staatliche Maßnahmen zielen auf die gegenteilige menschliche Verfassung. Der Kampf der Aufklärung sollte ein Bestandteil der Gesellschaft sein. wenn er integriert ist, ist das ein Glücksfall. Wenn die Biosphäre sich in dem Zuge mit aufklären lässt, ist das noch ein größerer Glücksfall: Humanisierung der Natur und Naturalisierung des Menschen (Marx)."
Fein, aber wollen wir vielleicht 'des autonomen Individuums' ersetzen gegen z.B. 'der gesellschaftlichen Individuen' und dem darauf folgenden Satz anfügen 'solange er (der Staat) nicht Instrument der assoziierten gesellschaftlichen Individuen ist'? |
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@ meisterfalk
Ja, das wollen und das erstreben wir! |
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P.S.
Wie wende ich mich hier an die Redaktion, da meine obige o.t. Nachricht nicht wahrgenommen bzw. nicht darauf reagiert wurde? Oranier |
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schrieb am
06.08.2009 um 19:34
Am schnellsten wird sein: auf die Startseite gehen, ganz runterscrollen, Brille aufsetzen, den Kontakt-Button anklicken...
Oder eine 'persönliche nachricht' an Tessa o.a. Redaktionsmitglieder senden. |
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Danke, meisterfalk!
Ich dachte z.B. urspünglich noch an einen Kommentar zu deinen und Michael Jägers Überlegungen in "Drei Quellen und drei Bestandteile des Kapitals", aber dermaßen im Orkus, wo sich das mittlerweile befindet, liest das dann ja gewiss niemand mehr, oder? |
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schrieb am
06.08.2009 um 20:07
Es gibt ja die Suchfunktion (user-Suche oder die allgemeine), wenn Du 'Michael Jäger' eingibst, müsste sich alles finden lassen. Man kann auch in die Profile der 'user' gehen und deren Kommentare und Blog-Beiträge durchsuchen. Viel Erfolg!
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schrieb am
06.08.2009 um 23:23
Pardon, Du hast ja nur gefragt, ob das noch einer liest. Erstaunlicherweise werden hier manchmal noch Kommentare zu wochenalten Blogs abgegeben. Es ist also nicht ganz aussichtslos...
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grüß dich, oranier,
nicht wirklich anderer ansicht sind wir, was den wahn betrifft, glaube ich. denn die ich-identität ist schon lebensnotwendig, so wie wir gestrickt sind. es ist außerdem ein recht harmloser wahn, wenn wir ein altes foto in der hand haben und sagen, das da bin ich. negativ wird es oft bei der gruppen-identität, in die wir ja auch oft unbemerkt hineinwachsen. sehr banales beispiel, jemand ist mann oder macho. wo fängt das krankhafte an, wo hört das gesunde auf? ich sehe das wie auf einer skala oder der x-achse. die möglichkeiten reichen von extrem negativ über annäherungen an null bis zu extrem positiv. die ich-identität ist nah bei null. kannst du das auch so sehen? |
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Leute, diese Diskussion ist doch Humbug. Aufklärung als Zeitalter ist der Aufstandsversuch gegen die Barberei durch Bürgerherrschaft. Und Aufklärung schlägt deshalb, als bürgerlich-kapitalistische, um in unsägliche Barbarei. So Marx, so die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno. Einfach mal nachlesen. Sollte für Community-Mitglieder des Freitag kein Problem sein.
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hallo rainer kühn,
wird gemacht. zum beispiel mit der Dialektik der Aufklärung von horkheimer und adorno. laut vorrede wollten die autoren ergründen, "warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art der Barbarei versinkt." hätten sie schlicht gefragt, warum es schlechter statt besser wurde im jahrhundert der blutigsten kriege, wäre die frage nur allzu berechtigt gewesen. so aber irritiert die metaphorik der fragestellung. denn wenn die menschheit noch nicht "in einen wahrhaft menschlichen Zustand" eingetreten ist, steht sie noch draußen davor in einem nicht "wahrhaft menschlichen Zustand", mithin in einer höheren art der barbarei, von der aus überraschenderweise der zutritt "in einen wahrhaft menschlichen Zustand" wie über eine magische gangway denkbar erschien. statt an bord des luxusliners zu gehen, fiel die menschheit von der kollabierenden brücke und versank im brackwasser zwischen kai und schiff. "Einfach mal nachlesen." |
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schrieb am
07.08.2009 um 01:16
hallo h. yuren, das ist ok natürlich, aber eben auch die crux: aufklärung versprach richtigerweise das glück für alle, die bürgerliche revolution brachte das glück für die kapitalisten und trotzdem geschändeten spd-wähler, des bürgers kapitalistische gesellschaftsordnung forcierte in den faschismus/nationalsozialismus, und die barbarei "west fort" (adorno). - das alles spricht nicht gegen aufklärung von kant bis marx zur kritischen theorie, sondern gegen die gesellschaft, gegen die weiter aufgeklärt werden muß.
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schrieb am
07.08.2009 um 01:22
Na, Rainer Kühn, die ersten Aufklärungskritiker waren ja wohl die Romantiker, Hymnen an die Nacht, zurück in die rätselhafte Dämmerung, alles schön gemütlich und hierarchisch geordnet... (Ja, ich weiß, dass die auch ihre Gründe hatten, aber ihre Alternativen waren's ja wohl nicht.) Das hat auch Leuten zwischen 33 und 45 gefallen. Und seltsam, wann immer wieder die Verächter der Vernunft auf den Plan treten.
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lieber rainer, ich fürchte, du trägst einige erfolge der diffamierung mit dir herum, die mensch in dieser gegend per sozialisation, bildung und medien so abbekommt. eine "bürgerlich-kapitalistische" Aufklärung hat es nie gegeben, (das wäre ein widerspruch in sich)wohl aber das bemühen, die Aufkärer und die Aufklärung zu diffamieren.
ein waschechter Aufklärer aus der französischen zeit der revolution wie condorcet war vielleicht zuweilen zu optimistisch, nie aber bürgerlich-kapitalistisch. erich kästner oder kurt tucholski kann man solche gemeinheiten auch nicht nachwerfen. der deutsche begriff von Aufklärung stützt sich zu sehr auf kant, der in preußen nicht sagen und schreiben konnte, was er dachte. |
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@ h.yuren
"kannst du das auch so sehen?" - Ja, natürlich. Offenbar bin ich zu individualistisch und zu weit entfernt von Fußballwahn und Nationalismus, um bei "Identität" spontan an etwas anderes denken zu können als an das Ich. Ein Mann wird mit seinem Auto an der Grenzkontrollstation angehalten und vom Grenzbeamten gefragt: "Können Sie sich identifizieren?" Der verstellt seinen Rückspiegel, schaut hinein und antwortet: "Ja, das bin ich!". Mit Rainers Einwänden machst du es dir wohl ein wenig einfach. Es ist nicht die feine dänische Art, jemanden, der eine gegenteilige Auffassung vertritt, als sozialisationsgeschädigt zu deklarieren. Allerdings ist "einfach mal lesen!" eine arrogante Attitüde, bei der ich assoziiere: Ihr seid ein bisschen döflich und bedürft dringend der Nachhilfe. Darauf zu antworten verspüre ich nicht die große Lust. Vielleicht müsste man sich erst einmal darüber verständigen, wen und was man genau meint, wenn von "Aufklärung" die Rede ist. Kontrovers ist in der Diskussion über die Epoche bzw. die geistige Bewegung, wenn ich das richtig sehe, ob der industrielle Kapitalismus und der zu seiner äußersten Effektivierung angetretene Faschismus im Keim schon im Denken der Aufklärer vorhanden ist, das mit seinem instrumentellen Vernunftbegriff notwendig irgendwann von Fortschritt auf Reaktion umschlägt, oder ob letztere im Gegenteil auf antiaufklärerischen Gegenbewegungen gründet. Mir liegt da auch Lukács' "Die Zerstörung der Vernunft" trotz der Einseitigkeiten und der etwas vordergründigen Nietzsche- und Heidegger-Rezeption näher als die "Dialektik der Aufklärung" mit ihrer Einseitigkeit. Nicht als Hausaufgabe, sondern als Anregung für die Diskussion hierzu folgender Aufsatz, in dem u.a. mit Diderot und zumal Rousseau Denker der Aufklärung mit einem weniger eingeengten bzw. auf naturwissenschaftliche Rationalität orientierten Vernunftbegriff ins Spiel gebracht werden, als die von Horkheimer/Adorno in Ansprunch genommenen und in dem diese keineswegs als so einhellig mit Marx übereinstimmend erscheinen, wie du, Rainer, es nahelegst. www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/109_10_Seidel.pdf Der "deutsche Begriff" von Aufklärung, wenn es den denn gibt, ist zu sehr an das Thema geknüpft, wie die Kinder gemacht werden, außerdem erscheint, obwohl darin das Wort "klar" enthalten ist, das Licht nicht so hell wie in "Illumination". Seine Vertreter würde ich aber keineswegs herabwürdigen. Tucholsky ja, aber ob mir dazu Kästner einfallen würde, weiß ich nicht. Die Lichtgestalt der Aufklärung ist für mich Lessing, in der Differenziertheit seiner Religionskritik vor den französischen Materialisten mit ihren primitiven "Pfaffentrug"-Geschichten. Schön, diese haben die Revolution vorbereitet oder waren daran, wie Condorcet, aktiv beteiligt, aber diese barg natürlich tatsächlich nicht nur den Keim der neuen Klassenherrschaft, sondern konstituierte sie. |
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hallo oranier,
der link zum seidel mit seiner goldwäschermanier der analyse der Dialektik der Aufklärung ist ein guter tipp. danke. du schreibst: "Vielleicht müsste man sich erst einmal darüber verständigen, wen oder was man genau meint, wenn von Aufklärung die Rede ist." darum hab ich den blog geschrieben. mir ist es wichtig, dass in diesem unaufgeklärten land über die Aufklärung neu nachgedacht und diskutiert wird. wenn du lessing als lichtgestalt siehst, halte ich einen alten franzosen dagegen, der dir vielleicht unbekannt ist: jean meslier. der mann lebte um 1700 (nach christlich-mythischer jahrzählung). ein pfaffe als erzaufklärer! (ich weiß nicht, ob das buchkapitel über leslier als leseprobe auf meiner website steht): www.weltwissen.com |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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