h.yuren

die seen gehn unter

04.09.2010 | 22:13

Diskrepanzen

thilo sarrazins medial inszenierte und mit gewaltigem medienecho quittierte veröffentlichung hat eine unschöne diskrepanz in der öffentlichen reaktion gezeitigt.
einige haarsträubende thesen aus seinem buch führten zu direkten angriffen gegen den autor (parteiausschglussverfahren und kündigungsbeschluss der bundesbank).

in krassem gegensatz zu diesen sanktionen gegen die person steht die ganz selbstverständliche rasante verbreitung seiner schrift. mit anderen worten, der autor als bürger wird abgestraft, der bürger als autor aber zugleich reichlich belohnt.

diese diskrepanz wird noch dadurch verschärft und unerträglich, dass nicht die person als bürger (parteimitglied und banker) den stein des anstoßes darstellt, vielmehr allein die person als autor. der schaden für die republik, der durch die massenhafte verbreitung unhaltbarer und verletzender thesen entsteht, ist weit größer als die rufschädigung einer partei oder bank.

das verhalten der gesellschaft im fall sarrazin will so gar nicht zur goldenen regel der humanen diskussion passen: nicht ad personam, sondern stets ad rem zu argumentieren und zu agieren.

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 04.09.2010 um 22:23
Exakt! Klasse! Sehe ich ganz genauso!

(nur den letzten Satz habe ich nicht verstanden, aber das liegt an mir!)
h.yuren schrieb am 04.09.2010 um 22:56
lieber ruhrrot, das liegt wohl vor allem daran, dass ich die lateinischen formeln, die aus tradition gebraucht werden, da reingebracht habe. in den stichworten oben über dem blogtext hab ich sie verdeutscht eingesetzt. ad rem = zur sache, ad personam = zur person. die goldene regel, die person zu schonen und sachargumente zu bringen, steht im schroffem gegensatz zu klatsch und tratsch, zu journaille und politik, literatur und alltagsgerede.
freut mich, dass du die angelegenheit genauso siehst.
poor on ruhr schrieb am 04.09.2010 um 22:58
@h.yuren

Danke. ;)
luggi schrieb am 04.09.2010 um 22:31
gut ivening helder, tja,
wir brauchen dich und andere als diskrepanzer.
Sind nicht doch zu viele ein bisschen wie Th. Sa.?
Worauf begründen sich eigentlich unsere Vorbehalte gegenüber anderen Menschen?
Die allermeisten Ausbeuter in Deutschland haben "deutsche" Gene.
An diesem bescheuerten Buch hat nicht nur Th. Sa. seine Verdienste, glaub ich mal.
h.yuren schrieb am 04.09.2010 um 23:02
seh ich auch so, lieber luggi. te-sa "denkt" wie 90 und mehr prozent der rückwärtsrepublikanischen stammbewohner. ruhm/publizität sind zu fürchten unter diesen umständen. ein bankvorstand ruft in den deutschen wald...
luggi schrieb am 04.09.2010 um 23:17
genau,
und wir sollten und müssen dieses Buch sezieren als gegenwärtigen Bestandteil dt. überheblicher (meint chauvinistischer, rassistischer, biologistischer...etc.) Befindlichkeiten. Diese gibt es aber schon lange.

Ein Bankvorstand ruft in den dt. Wald...und erwartet hoffentlich kein rhetorisches Echo. Man oder wir sollten diesen Bankvorstand ablösen; glaub ich mal.
h.yuren schrieb am 05.09.2010 um 08:30
willst du wirklich so schrecklich reich werden, lieber luggi, und diesen bankvorstand ablösen?
eben, diese befindlichkeiten gibt es schon sehr, sehr lange.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 04.09.2010 um 22:51
Diese Diskrepanz ist doch wohl nichts Neues: Wenn Dieter Bohlen oder Eva Herman ein Buch schreiben, dann greifen die Kritiker auch den Autor an und der Autor freut sich über die vielen verkauften Bücher. Der Unterschied ist nur: Bei Bohlen und Herman haben die Kritiker das Buch vor dem Riss (vermutlich) auch gelesen.
Besonders lustig finde ich es ja, wenn dieselben Politiker-Kritiker, die zuvor behaupteten, Sarrazin bausche die Integrationsdefizite auf - was kaum zu bestreiten ist -, ein paar Tage später fordern, jetzt müsse man aber mal öffentlich Tacheles geredet werden über die Integrationsdefizite. Von denen es doch gerade noch hieß, die gibt es eigentlich gar nicht oder vielleicht doch und es wurde doch schon seit Jahren ausführlich darüber diskutiert ...
Das sind auch so Diskrepanzen ...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 04.09.2010 um 22:52
"Verriss" (nicht "Riss") sollte es natürlich heißen.
h.yuren schrieb am 04.09.2010 um 23:10
wenn die diskrepanz neu wäre, gäbe es nicht die alte ermahnung, ad rem zu argumentieren, lieber derdonnerstag.
ich gebe zu, das ich die sogenannten bestseller nicht gelesen hab. auch den te-sa-knaller nicht. ich sehe mir das treiben von weitem an. als langsamleser wäre es reine zeitverschwendung für mich, sowas zu lesen.
Fro schrieb am 04.09.2010 um 23:51
Sehr richtig Helder, ein wichtiger Hinweis. Die aufgeputschten Emotionen mit rassistischem Einschlag, kann man nicht mit einer auf die Person Sarrazins gerichteten Emotionalisierungskampagne begegnen – damit macht man ihn ja auch zum oppositionellen Helden. Die Dummheit (das ist vor allem der Rassismus) dieses Machwerks muss sachlich benannt werden und dann sollte man sich dem real vorhandenem Problem souverän und tabulos widmen. Und das hieße für mich an erster Stelle, die grundlegende Erneuerung des Bildungssystems einzufordern – natürlich bundesfinanziert. Und das von dir benannte demokratische Defizit muss m.E. unbedingt zur Sprache gebracht und im Diskurs beseitigt werden – aber so weit ist das demokratische Verständnis hier wohl noch nicht. Eigentlich eine große Chance für die aufgeklärten Linken und Demokraten sich zu profilieren und den Weg zu weisen – aber zur Zeit sehen die leider etwas überrollt und hilflos aus – ich hoffe sie berappeln sich.
h.yuren schrieb am 05.09.2010 um 08:45
tscha, lieber fro, wenn wir hierzulande (und auch noch anderswo) andere bank- und parteivostände hätten, könnten wir aus fehlern (eigenen und anderen) lernen. so aber produzieren die leut täglich neue fehler. und lassen sich dafür obendrein gut bis viel mehr als gut bezahlen.

in einem halbwegs vernünftigen system könnte ich mir gesellschaftliche wachleute vorstellen (nicht bloß ein paar wache journalisten in privaten medien), die solche vorstände gar nicht erst zuließen. an eine rundumerneuerung kein gedanke. die muss wie schon immer in der geschichte von außen angestoßen werden. teutonien blickt niemals prometheisch in die vorwärtsrichtung, sondern stets rücksichtslos nach hinten.
h.yuren schrieb am 05.09.2010 um 08:45
tscha, lieber fro, wenn wir hierzulande (und auch noch anderswo) andere bank- und parteivorstände hätten, könnten wir aus fehlern (eigenen und anderen) lernen. so aber produzieren die leut täglich neue fehler. und lassen sich dafür obendrein gut bis viel mehr als gut bezahlen.

in einem halbwegs vernünftigen system könnte ich mir gesellschaftliche wachleute vorstellen (nicht bloß ein paar wache journalisten in privaten medien), die solche vorstände gar nicht erst zuließen. an eine rundumerneuerung kein gedanke. die muss wie schon immer in der geschichte von außen angestoßen werden. teutonien blickt niemals prometheisch in die vorwärtsrichtung, sondern stets rücksichtslos nach hinten.
Fritz Teich schrieb am 05.09.2010 um 11:50
<<
Die aufgeputschten Emotionen mit rassistischem Einschlag
>>

Das liegt aber nicht an Sarrazin. Jeder legt war rein. Und haette er seine Ausfuehrungen ueber die Gene weggelassen, haette dies am Sinn oder Unsinn seines Buches nichts geaendert. Ganz abgesehen deavon, dass Rassismus noch etwas anderes ist, mag uns ein Gespraech ueber Gene auch nicht gefallen, weil wir darin eine Reduzierung der Person auf ihre Leiblichkeit sehen.
ed2murrow schrieb am 05.09.2010 um 11:30
Sehr geehrter Helder Yurén,

würde man Ihre Ausführungen auf den Begriff „Gesetz“ und seine Anforderungen anwenden, leuchten sie ohne weiteres ein: Sie regeln eine Vielzahl von Fällen, ggfs. zu einem Sachverhalt. Ad personam dürfte es maximal der Verwaltungsakt sein. Soweit die Theorie.

Herr S. ist in eine Regelungslücke vorgestoßen, indem er in einer selten so evidenten und eklatanten Weise in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands Bundesbehörde – Beamtentum – Finanz – Politik kurz geschlossen hat. Das Dienstrecht wird ihm nur unter sehr schwerer Dehnung beikommen, die parteipolitische Konsequenz -außer der ohnehin erfolgten de-facto-Ausschließung- eines justiziablen Vorgehens schwierig. Das werden die ersten ganz praktischen Erwägungen sein, die derzeitige „Entscheider“ bewegen, von der Klientelpolitik abgesehen.

S. ist also in der Tat ein Spezialfall, auch wenn derzeit versucht wird, dies mit Umfragen zu relativieren: Er äußere nur, was andere nur dächten. Die Beschäftigung mit der Person des öffentlichen Interesses offenbart also mehr als nur das strikte „ad personam“ – man könnte die Person als Versuchsballon bezeichnen, der die Schwachstellen, welche und wo immer sie sein mögen, offenbart, auch nichtlegalistisch betrachtet.

Grüße, e2m
Fritz Teich schrieb am 05.09.2010 um 11:43
Wowereit und Platzeck, um mal Namen zu nennen.

S. ist auch kein Beamter, sondern Teil eines unabhaengigen Organs.
Fritz Teich schrieb am 05.09.2010 um 11:45
Und ganz sicher ist Aufgabe dieses Organs nicht, sich bei Trichet ("ich bin entsetzt") beliebt zu machen.
Fritz Teich schrieb am 05.09.2010 um 11:45
Und ganz sicher ist Aufgabe dieses Organs nicht, sich bei Trichet ("ich bin entsetzt") beliebt zu machen.
Fritz Teich schrieb am 05.09.2010 um 11:53
Broder sprach von der "Reichsschrifttumskammer", blos zynisch und dekadent?
h.yuren
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