h.yuren

die seen gehn unter

06.12.2011 | 11:44

"Mitte links"

die parole gab sigmar gabriel auf dem spd-parteitag aus. 'mitte' meint masse, macht, mehrheit, den dicken bauch der gaußschen kurve. 'links' kann die mitte, die masse, die macht, die mehrheit nicht meinen. das ist nicht nur eine frage der logik, sondern auch eine der flügel der partei. die schröder-schwinge würde einen linksruck verhindern. obendrein steht die gruppendynamik, die stets die hemdsärmeligen und rechtshänder nach oben wirbelt, linken bestrebungen entgegen.

kurz: 'links' bedeutet im schlachtruf des parteivorsitzenden schlicht "irgendwie links", mithin ein trostwort für den linken flügel der partei und ein appell an alle linken vögel im lande, doch wenigstens einen zwischenstopp auf dem ausladenden geäst der volkspartei zu erwägen.

die 'mitte' nimmt ja auch die andere volkspartei für sich in anspruch, ohne freilich ein ehrliches 'rechts' anzuhängen. wozu auch? das wäre ein pleonasmus.

nun melden gerade die statistiker, dass die mitte der gesellschaft noch in anderer hinsicht heiß umkämpft ist, ja, einer zerreißprobe ausgesetzt. seit jahrzehnten, heißt es, gehe die schere zwischen arm und reich immer weiter auf, sodass die mitte nach unten vor allem, aber auch nach oben an substanz verliere.

offensichtlich haben die wahlkampfstrategen der volksparteien diese entwicklung verschlafen. sonst würden sie nicht just auf die sollbruchstelle setzen, auf die auseinanderfallende mitte.

 
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Kommentare
blog1 schrieb am 06.12.2011 um 13:20
Die Volksparteien sind programmatisch verschlissen. Was Sie mit der Erosion der Mitte ansprechen, stimmt, auch die Tatsache, dass ein Großteil der erodierenden Mitte nach unten wegbricht. Sozialwissenschaftler nennen das Prekariat.

Ein weiteres Problem, das in allen hochentwickelten Industriegesellschaften auftritt, sind die Partikularinteressen einzelner Gruppierungen, die sich für eine Volkpartei nicht mehr einfach unter einen Hut bringen lassen. Die Devise lautet jeder gegen jeden und die Auseinandersetzungen werden immer unerbittlicher geführt.

Es fällt auf, dass sowohl die SPD wie auch die CDU ihren "Markenkern" suchen. Dabei nähern sich diese Parteien programmatisch immer mehr aneinander an.

In einem Punkt unterscheiden sich CDU und SPD signifikant. Links von der SPD befindet sich die Linkspartei, die das Thema soziale Gerechtigkeit glaubhafter vertritt. Rechts von der CDU befand sich einmal eine FDP, die von Merkel jedoch marginalisiert wurde.

Nur dann, wenn es gelänge, die Linke und die SPD wieder zu einer Partei zu verschmelzen, könnte eine Vollpartei linker Prägung entstehen und da wäre in der Tat die von Ihnen genannte Sollbruchstelle ein interessanter Ansatz.
h.yuren schrieb am 07.12.2011 um 08:36
"Rechts von der CDU befand sich einmal eine FDP, die von Merkel jedoch marginalisiert wurde."
rechts von der cdu befindet sich dank verfassungsschutzpolitik der c-parteien noch immer die neonazipartei.
die fdp hat sich, glaube ich, höchstselbst in die bedeutungslosigkeit manövriert. dadurch hat merkel den mehrheitsbeschaffer verloren. und darum macht sich die spd hoffnung auf die nächsten wahlen.
koslowski schrieb am 06.12.2011 um 22:45
Eine Partei der Mitte und irgendwie links davon als Volkspartei? Das gab’s mal eine kurze Zeit lang um 1972 und ist heute nur noch eine nostalgische Erinnerung. Oder eine konkrete Utopie? Ich hoffte, die Parole von Gabriel wäre mehr als eine Floskel aus dem Vokabular der spin doctors.
h.yuren schrieb am 07.12.2011 um 08:39
ja, das gabs mal. obwohl auch die damalige sp-spitze den radikalen-erlass unterschrieb. aber gefühlt und verbal war die spd eine andre.
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