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Über Rayk Wielands Roman „Kein Feuer, das nicht brennt“

Es sind keine Haupt- und Staatsaktionen, die der Autor erzählt:

Ein Reisereporter, der aus Prinzip niemals reist, wird ertappt und verliert den einträglichen Job. Fast verliert er dann auch noch sein Leben bei einem Verkehrsunfall. Das Taxi, das ihn zum Verlagshaus bringen soll, kollidiert frontal mit einem anderen PKW. Wie man sich denken kann, überlebt der Ich-Erzähler den Crash. Doch landet er wegen einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus.

Gleich zwei Nackenschläge nacheinander waren zuviel. Der Mann wird aus der gewohnten Bahn geworfen. Und in seiner desolaten Lage lässt er sich von einer früheren Freundin nach China einladen, wo sie arbeitet.

Das ist schon der ganze simple Plot. Er ist ein wenig zu unwirklich, zu gut konstruiert. So unwirklich wie das Feuer, das nicht brennt, bloß digital auf einem großen Flachbildschirm flackert. Das künstliche Feuer spielt im Buch eine tragende Rolle, nicht nur im Titel „Kein Feuer, das nicht brennt“. Es entspricht in seiner Künstlichkeit und Ausgedachtheit dem Reisereporter, der nicht reist, dem Charakter des Buchs insgesamt.

Die „fast märchenhafte Existenz. Es war einmal ein nichtreisender Reisereporter ...“ (37) wird schon früh – lange vor der Chinareise – in Frage gestellt und dann in der zweiten Hälfte des Romans durch die Reise nach Fernost vollends annulliert.

Nur einzelne Sätze und Absätze werden wie Bekennerfähnchen oder Hyde Park Plakate provozierend hochgehalten. „Seit über zehn Jahren schrieb ich über die ganze Welt, ohne die Wohnung zu verlassen. Ein bißchen Internet, eine Handvoll Reiseführer, Lexika und Literatur, dazu ein paar Telefonate – mehr Authentizität braucht kein Mensch.“ (20)

Das kulminiert in dem Plädoyer für „das unhintergehbare Menschenrecht aufs Zuhausebleiben. Fragt sich nur, ob das nun eine Verhöhnung der Menschenrechte ist oder der Leute, die aus Geldnot zuhause bleiben müssen oder beides.

Als der Erzähler sich nach Unterstützern für seine Wackelposition umsieht, erwischt er (nach Pascal und Jules Verne) auch den Strohhalm für alle deutschen Lebenslagen, Johann Wolfgang „Goethe, der sich eben nicht persönlich umbrachte, sondern den Part bekanntlich dem armen Werther überließ.“ (21)

Das Beispiel hat nun dummerdings gar nichts mit der Alternative reisen oder bleiben zu tun. Doch ist der Fehlgriff interessant, lenkt er die Aufmerksamkeit ja auf die dichterische Freiheit oder den Mix aus Dichtung und Wahrheit. Im realen Leben firmiert Wieland als „gelernter Reisereporter“, so der Klappentext. Alles andere ist Fiktion oder das Spiel mit den Gegenstimmen.

Skrupel kommen dem Protagonisten bezeichnenderweise nicht beim Thema Fernreisen, sondern beim digitalen Kaminfeuer. In Shanghai macht er sich Gedanken über die Umweltschäden, die auf dem globalen Produktionsweg vom echten Holzfeuer bis zum Film auf dem großen Flachbildschirm an der Wand entstehen.

Dass Menschheitsfragen wie die Ökobilanz der Konsumartikel zu Wort kommen, ist zu erwarten bei einem Autor, der (im Klappentext) wissen lässt, dass er Philosophie studierte. Freilich präsentiert und beantwortet er die großen Fragen nicht wie ein ordinärer Schulphilosoph, sondern macht z. B. aus Heraklits Satz , dass man nur einmal in einen Fluss steigt, den Absatz: „Die alte Menschheitsfrage, ob jemand, der aus einem Friseurladen herauskommt, ein anderer ist als der, der hineingegangen ist, ist nach wie vor weitgehend offen, und es scheint viele Leute zu geben, die eigens durch seine magische Pforte schreiten, um dahinter eine Neubewertung ihrer Biographie vorzunehmen, ein anderes, aufregendes Leben zu beginnen, inspiriert von der Zauberkraft einer Kaltwelle oder der persönlichkeitsverändernden Spezifik kürzerer Koteletten.“ (18)

Das wird noch weiter verfolgt bis zu der Bemerkung: „ … im Grunde müßte man sich in jeder Sekunde einen anderen Namen verpassen.“

Weitere Anspielungen auf Topoi aus der Philosophiegeschichte sind öfter in den Text eingestreut. So verspürt der Ich-Erzähler in einer bestimmten Situation Mitleid mit einem Kaffeespender. Erste Anzeichen für Objektophilie geheißen. „Die Thermoskanne würde für mich das werden, was für Nietzsche das Pferd war. Gleich würde ich sie umarmen ...“ (55)

Auch sinniert der studierte Philosoph im Erzähler gelegentlich über den angemessenen Gebrauch der Anredeformen du und Sie. Oder er philosophiert mit seinem Chef über das Feuer, das digital an der Wand flackert, ob es ein gefälschtes oder ausgedachtes ist, „das genauso gut ist wie ein richtiges“, (65) bevor der Chef ihn feuert.

Wenn man den Ausspruch kennt, der besagt, dass alle Fortschritte der Philosophie gleichbedeutend sind mit Fortschritten in der Sprachkritik, tut unser Romanheld gut daran, sich hier und da in Wortkritik zu üben, etwa beim Verb implementieren (34) und den Substantiven Neubeginn (86) und Sehenswürdigkeit. (104)

Aber so richtig in Fahrt kommt er jedesmal beim Titelthema. Da wird schon mal Prometheus, der Feuerbringer, und Platon mit dessen Höhlengleichnis (134) bemüht, wenn auch nur dies und das kurz angerissen wird wie die „analogen Streichhölzer“, die ja meist schon im nächsten Moment weggeworfen werden.

Gleich zu Anfang des Romans (10/11) philosophastert der Held über Wendepunkte. Doch denkt er dabei nicht an mathematisch definierte Richtungsänderungen einer Parabel oder Hyperbel, sondern an die Umkehrpunkte im sportlichen Bereich, etwa bei Schwimmwettkämpfen. Aus diesem seichten Wasser gelangt er via Phantasiewende zur „Daseinsinnovation“, der „wahren Wende“, ohne Nebengedanken an die Warenwende.

Was das Buch lesenswert macht, ist nicht die wie eine Reiseroute geplante Fabel, auch nicht die mit grübelnden Intermezzi angereicherte und entsprechend coole Erzählung, sondern die bis ins Detail reflektierte Sprache, die gern ins Komische tendiert, auch ins Paradoxe. Zum Beispiel in dem schlichten Satz: „Ein schrottreifer Zaun versuchte nicht einzustürzen.“ (38)

Der Zaun mit der trostlos-traurigen Gestalt wird dynamisch geladen zur Metapher der Krise.

Auch der Ich-Erzähler durchlebt eine existenzielle Krise. Doch scheint er sich über sich selbst erheben zu können und schwebt über dem Geschehen.

Über seine Situation nach Aufdeckung der erfundenen Reiseberichte notiert der Betroffene: „Meine komfortable Existenz als immobiler Globetrotter, der aus 1000 Reiseberichten und Reportagen die 1001. zusammenkomponiert, schien sich definitiv einem unerfreulichen Ende zuzuneigen.“ (21)

So schlicht und einfach der Zaunsatz dasteht, so überfrachtet und gedrechselt kommt die Situationsbeschreibung daher. Was die Metapher implizit sagt, macht der komplexe Satz explizit. Die Fernverbindung und Korrespondenz der beiden Sätze ist aber offensichtlich.

Über einen der größten Schrecken unserer Gesellschaft, die Straßenunfallstatistik, räsonniert und referiert Rayk Wieland nicht,

vielmehr stellt er einen einzelnen Autounfall dar und zieht eine gehörige Portion Komik aus dem heiklen Thema. Nach der Kollision schildert er, was er hört und spürt: „Dann wurde es still.

Eine Hupe ertönte, hupte sich einsam voran und hupte weiter und weiter. Stimmen kamen näher, wurden erst laut, dann leiser. Ich vernahm ein Geräusch, das klang, als würde Eis gekratzt oder geschabt, und ich dachte, wie schön, daß dieses Eis endlich mal weggekratzt wird, und fragte mich, warum das nicht schon früher passiert war. Die halbe Welt ist vereist. Ich spürte die Kälte und spürte zugleich, daß ich nicht tot war, nicht tot sein konnte, aber sicher war ich mir nicht. Ich war noch nie tot gewesen, und falls doch, hatte ich bisher nichts davon mitbekommen.

Der Taxifahrer war auf der Hupe zusammengesunken.“ (22)

Der Tod wird nur gestreift, und das nicht ohne die eine oder andere Wende ins Komische. Den Autor verlässt sozusagen nie sein Lächeln über die eitlen Verrenkungen und Windungen des Erdenwurms. Den Kopfverband, der ihm im Krankenhaus verpasst wurde, nennt er nur gut gelaunt seinen Turban.

Über das Ziel seiner angeblich ersten Weltreise sagt er: „Wenn ich eine Reisereportage über Shanghai zu schreiben hätte, würde sie beginnen mit den Sätzen: „Haben Sie gerade nichts vor? Dann bleiben Sie dabei. Und kommen Sie auf keinen Fall in diese Stadt.“ (103)

Die Sätze erinnern an den Satz vorneweg: „Ich erwähnte den Gleichklang von Tourismus und Terrorismus, den beiden gräßlichsten Geißeln des Planeten.“ (21)

Das Mienenspiel des Erzählers wechselt zwischen Bitterkeit und Lächeln. Oder: Über dem gesamten Text schweben abwechselnd die Masken der Komödie und der Tragödie.

Welcher die auffälligen Wiederholungen zuzuordnen sind, die wie Leitmotive den Text durchwirken, ist nicht klar, wenn sie an sich schon zerrspiegelbildlich erscheinen wie die Ähnlichkeit des Taxifahrers mit dem ehemaligen Außenminister Joschka Fischer. Das Pendant zum deutschen Minister des Äußeren als Kasper, der immer mal wieder um die Ecke schaut, ist der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il. Wer von beiden öfter winkt, habe ich nicht nachgezählt. Aber resümierend ist zu sagen, dass der Erzähler die politische Klasse oder Kaste ähnlich despektierlich behandelt wie Tod und Tourismus.

Gar nicht komisch, erst recht nicht amüsant findet der Autor die Wiederholung im realen Leben. „Die ganze Welt war inzwischen bestückt mit den gleichen Ketten, Klamotten und Kinos, in denen die gleichen Filme liefen und vor denen die gleichen Autos herumkurvten, aus denen die gleiche Musik kam, die von den gleichen Leuten gehört wurde, welche die gleichen ausdruckslosen Gesichter hatten, die gleichen Träume und, im Gegensatz zu mir, das gleiche Wissen, wo's langgeht.“ (34)

Der globalisierte Massenkonsum lässt grüßen. Oder die gute alte Rückwärtsromantik?

Der Schriftsteller Rayk Wieland hat jedenfalls keine Ähnlichkeit mit seinen Namensvettern aus der altnordischen Sage und aus der deutschen Literaturgeschichte.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.