h.yuren

die seen gehn unter

17.06.2009 | 14:41

una scienza nuova. Plädoyer für die G-Wissenschaft

google kann mit der such-eingabe "g-wissenschaft" nicht viel anfangen. in wörterbüchern ohnehin fehlanzeige.
nicht irgendeine wissenschaft ist gemeint, deren name mit einem g- beginnt wie gastroenterologie, genetik, geochemie bis gynäkologie, sondern eine disziplin, die es im unterschied zu den genannten noch gar nicht gibt, deren gegenstand das gewissen des menschen ist.
pädagogische gewissensbildung oder religiöse gewissenserforschung sind etwas anderes.
wissenschaft fängt an, den namen zu verdienen, wo es um klar erkennbare und wiederholbare tatsachen geht, wo in diesem fall nachweisbar das gewissen in seiner funktionsweise beschrieben und erklärt wird.
professor milgram hat mit seinem experiment einen grundstein für die g-wissenschaft gelegt, als er zeigte, was geschieht, wenn die versuchspersonen zur gewaltausübung gegen einen unbekannten aufgefordert werden und dabei die umstände variieren. zum beispiel konnte milgram zweifelsfrei herausarbeiten, dass die gewaltbereitschaft von der entfernung zwischen täter und opfer abhängt. je größer der abstand, desto größer die gewaltanwendung. aus äußerster ferne waren praktisch alle probanden bereit, bis zum äußersten zu gehen.
in unmittelbarer nähe zum opfer aber kündigten die allermeisten versuchspersonen die mitarbeit, sprich: den gehorsam auf. das stärkste feedback wirkte wie eine bremse.
dieses gesetz der distanz-relation ist wirksam wie ein naturgesetz. im menschen. da es in tausenden versuchen bestätigt wurde, muss es unabhängig von der einzelnen person eine angeborene/genetische eigenschaft des menschen sein. individuen, deren gewissen nicht so arbeitet, sind wahrscheinlich verbrecher. sie haben einen irreparablen geburtsfehler, durch den sie für die übrigen menschen gefährlich sind. sie in verwahrung zu nehmen, ist unvermeidlich. aber sie an den pranger zu stellen, ist unmenschlich, weil die betroffenen unschuldig schuldig werden. ihr defizit ist als krankheit zu verstehen wie eine mangelerkrankung. ob sie eines tages heilbar sein werden durch den fortschritt der gentechnik, wissen wir nicht.
noch existiert die g-wissenschaft nicht, doch schon zeichnen sich formen der angewandten g-wissenschaft ab, etwa wenn schlussfolgerungen gezogen werden aus der entdeckung des gesetzes der distanz-relation, die dringend geboten erscheinen:
alle imperien in kleine regionen aufzuteilen und alle zentralen verwaltungen auf ein menschliches maß zu reduzieren. flache hierarchien sind erlaubt, steil aufragende nicht.
in den 70er jahren propagierte e.f. schumacher die überschaubarkeit in der ökonomie unter dem motto: small is beautiful.
die kleinräumigkeit der verwaltungseinheiten ist aus ökologischer und aus ethischer sicht das ideal, weil es den fähigkeiten des menschen angemessen ist.
machtkranke sind eine weitere art der verbrecher, deren charakter andere menschen gefährdet und wahrscheinlich unglücklich macht. das jedenfalls sah der historiker jacob burckhardt so, als er schrieb:
"Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe. Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier und eo ipso unerfüllbar, daher in sich unglücklich und muß also andere unglücklich machen."
der historiker hatte gewiss anschauliche beispiele aus studium und zeitgenossenschaft vor augen.
die g-wissenschaft ist gesellschaftlich so notwendig wie das gewissen aller individuen. dass es sie noch nicht gibt, wirft kein gutes licht auf die forschungslandschaft.

es ist nur zu verständlich, dass manche leutchen besser fahren ohne die g-wissenschaft. doch die gesellschaft würde besser fahren mit dieser disziplin und ihrer förderung.

brachliegende forschungsfelder sind: gewissen und geschichte; manipulierbarkeit des gewissens (gefahren der schwächung und möglichkeiten der stärkung des gewissens); erscheinungsformen des positiven gewissens (= handlungsmotiv) und formen des negativen gewissens (= unterlassungsmotiv); das verhältnis von wahn und gewalt und das verhältnis von wissen und gewissen etc.

zur geschichtlichkeit des gewissens: ein flüchtiger blick auf die ausdrucksformen von gewissen in den letzten jahrhunderten und jahrtausenden suggeriert eher, dass es keinen fortschritt der gewissen gegeben hat. vor jahrhunderten wandten sich george fox und seine anhänger (die im deutschen mit dem verächtlich klingenden namen "quäker" bezeichnet werden) gegen die hierarchie von staat und kirche, gegen todesstrafe und kriegsdienst, gegen sklavenhandel etc. die mitglieder der "Society of Friends" hatten offenbar ein klares gespür für die unmenschlichkeit der gewalt, sei sie direkt oder strukturell.

vor jahrtausenden bewiesen bewegungen in indien wie dschainismus und buddhismus, dass sie die gewalt als unmenschlich erkannt hatten und durch verhaltensregeln individuell zu überwinden suchten. albert schweitzer, bekannt durch sein urwaldkrankenhaus in lambarene und durch seinen slogan "Ehrfurcht vor dem Leben", nannte die formulierung des ahimsa-gebots der dschainas ein überragendes ereignis in der geistesgeschichte der menschheit, und er sprach in dem zusammenhang von "absoluter Ethik". das gewissen der inder schloss stets die tiere in das verbot der verletzung und tötung ein. dschainas durften weder bauer noch krieger sein. gandhis praxis der gewaltfreiheit stand in der altindischen tradition.

 

 
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Kommentare
Dattel schrieb am 18.06.2009 um 07:22
Ich stimme dir voll und ganz zu, dass wir fuer unsere abendlaendische Kultur eine Wissenschaft brauchen, die den Groessenwahn durchbricht und die Umwelt des Menschen auf ein fuer ihn ueberschaubares Mass reduziert. Es gibt aber fuer andere Kulturen schon eine solche Wissenschaft, die Ethnologie. Jedoch ist es dort schwierig mit dem Begriff des Gewissens zu arbeiten, weil in indigenen Gesellschaften die Kultur (ist Gleichzusetzten mit Religion) gegen ein Gewissen arbeitet, dass abwaegt ob es jetzt Vor- oder Nachteile bei einer Straftat gibt. Dort gibt es die Tabus und die sollten nicht gebochen werden, weil aus der kulturellen Perspektive dies als absurd erscheint. Die G-Wissenschaft kann auch deshalb auch nur in unserer Kultur betrieben werden, da sie mit unseren Kategorien und Begriffen arbeitet.

Ein Beispiel: Ein paar Ethnologen wollten die durch den Kolonialismus langsam aussterbende Sprache von einem nordamerikanischen Indianerstamm lernen und konservieren. Als sie die Indianer fragten, was das Wort fuer "luegen" sei (ist sehr vereinfacht, weil es andere Sprachmodelle bei den Indianern gibt) waren diese verwirrt, da sie mit dem Wort nichts anfangen konnten. Mehrere Wochen versuchten die Ethnologen den Indianern diesen Begriff zu erklaeren bis ein grosses Gelaechter unter den Indiandern ausbrach und sie sagten: "Ja was ist das denn fuer ein absurdes Verhalten? Dann braucht man ja gar nicht mehr zu kommunizieren."
h.yuren schrieb am 19.06.2009 um 11:58
hi dattel, ich freue mich, dass du im ersten satz deines kommentars meinen thesen zustimmst.
dass du mich aber dann so verstanden hast, die g-wissenschaft sei der ethnologie gleich oder ähnlich, lässt mich an der einfachheit meiner darstellung zweifeln. es gibt nach meiner information nichts dergleichen. die ethnologie oder früher "völkerkunde" befasst sich mit der lebensweise der menschen in schriftlosen kulturen. ich bin kein ethnologe, habe mich aber unter anderem eingehend mit dem leben der inuit und der mbuti befasst. tabus und gewohnheiten oder überlieferungen genügten den menschen in der überschaubaren welt vor den herrschaftsverhältnissen als regelwerk. für den aufstand des gewissens gab es wahrscheinlich wenig spielraum. obwohl, mehr oder weniger ohne gewissen lebt(e) der mensch nur als verbrecher.
in der total verstaatlichten welt heute hat das gewissen eine herausragende funktion. trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist das gewissen bei aller verwissenschaftlichung der gesellschaft noch immer kein gegenstand einer eigenständigen wissenschaft. das ist der punkt.
Dattel schrieb am 20.06.2009 um 08:16
Was ich mit dem Beispiel der Ethnologie deutlich machen wollte ist, dass diese Wissenschaften Gesellschaften untersucht, die so gut wie niemals in einen Prozess eingetreten sind den sie selbst nicht kontrollieren koennen und daher kein Gewissen brauchen. Ich sehe das eher als ein Leben in Freiheit im Kampf gegen aufkommende Herrschaftsverhaeltnisse an moegen die Knecht-Herr sein Verhaeltnisse oder Mensch-Machschiene. Leider wird das Buch "Staatsfeinde" von dem verstorbenen anrchistischen Ethnologen Pierre Clastres nicht mehr gedruckt. Seine These ist jedenfals, dass die Indigenas eine herrschaftsfreie Gesellschaftsstruktur erhalten, die gegen die Entwicklung zum Staat kaempft also gegen Ausbeutung und Herrschaft.

Das Gewissen zu untersuchen waere aber sehr spannend. Gerade da ich glaube, dass dieses nur in von Herrschaft gepraegten Gesellschaften in Erscheinung tritt als innere Instanz, die sich gegen das falsche Leben auflehnt und das Gute will. Es ist eine durch und durch menschliche Instanz, die wie Anders erkannt hat im Beruf und im Markt ausgeschaltet ist. Je mehr Markt desto weniger Gewissen lautet meine These. Letztendlich um so weniger Mensch. Jedoch muesste ich mich durch einige Buecher wuehlen, um eine wissenschaftliche Bestaetigung zu finden.
h.yuren schrieb am 20.06.2009 um 20:56
tagchen, dattel,
unterkommentar nicht technisch nicht möglich, also setze ich meinen kommentar womöglich an der falschen stelle an.
dein verständnis der urgesellschaft (so nenne ich die indigenen oder schriftlosen kulturen etwas pauschal) scheint in vollkommener übersteinstimmung mit dem meinen zu sein. das ist mir erst durch deinen neuen kommentar klar geworden. ich muss leider gestehen, dass ich den autor clastre nicht gelesen habe.
mit der einschätzung der urgesellschaft bin ich etwas vorsichtig, was die menschlichkeit der von herrschaft freien menschen betrifft. mein maßstab ist der grad von wahn und gewalt. und ich fürchte, dass der mangel an wissen dem wahn viel raum geben konnte. den wahn wiederum nenne ich den bruder der gewalt.
mein eindruck ist, dass auch ohne herrschaft die äußeren bedingungen großen einfluss auf die verhältnisse in der gruppe haben konnten. beispiel ist das leben der inuit unter den harten äußeren bedingungen der arktis. die geschlechter waren nicht relativ gleichgestellt, sondern der mann dominant. er war der ernährer der kleinfamilie in der verstreut lebenden ethnie.
bei den mbuti im tropischen regenwald war die relative gleichstellung der geschlechter weitgehend gegeben. nur ein andeutendes beispiel.
im übrigen glaube ich genügend anhaltspunkte für die these zu haben, dass der mensch in der urgesellschaft evolutionär zum menschen wurde. und zwar in einem langen prozess der zusammenarbeit und verständigung, wobei die sprache entstand und die solidargemeinschaft und - das gewissen, das wie die sprache genetisch im menschen angelegt ist. weil das so ist, kann mensch bis heute davon zehren und die übergestülpten herrschaftsverhältnisse kritisieren. die rangordnung beim militär vor allem, aber auch in der übrigen zivilisierten gesellschaft halte ich für einen rückfall in "bestialische" verhältnisse und verhaltensweisen vor der menschwerdung.
stanley milgram sagte, dass das gewissen in der gesellschaft von heute geschwächt oder manipuliert werden kann. er hat es in seinem experiment auch bewiesen. seine deutung des phänomens lehne ich aber ab. milgram sprach wirklich von einem gehorsamsgen, das uns zu mitläufern und mittätern mache. er übersah, dass eine genetische anlage mehr zeit zur evolution braucht als ein paar tausend jahre. befehl und gehorsam gibt es aber "erst" ein paar tausend jahre. der große forscher verwechselte gehorsam und kooperationsbereitschaft.
meine these ist nun, dass wir noch viel zu wenig über das gewissen wissen. daher die forderung nach der g-wissenschaft.
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