Unsere hochdotierte Verkommenheit
Über Ilija Trojanows Roman EisTau
Das Titelwort EisTau, Synonym von Schneeschmelze und Tauwetter, will als Neuprägung etwas anderes, etwas mehr sagen. Das Abschmelzen der Alpen- und anderer Gletscher, die Schrumpfung der arktischen Eisdecke und nicht zuletzt auch den Klimawandel mit seinen Rahmenbedingungen in einen Roman zu packen, ist ein hochgestecktes Ziel.
Der weggeschmolzene Gletscher, der jahrzehntelang das Forschungsobjekt des Glaziologen Zeno Hintermeier war, ist das Fanal für alles Folgende im Leben des Münchner Hochschullehrers, des Protagonisten im Roman. Der Mann ist erschlagen vom Verlust seines eisigen Gegenübers, er verlässt die Universität, heuert auf einem Kreuzfahrtschiff in der Antarktis an, um als Touristenguide den Passagieren etwas von seinem Wissen über Gletscher und Eis zu vermitteln.
Natürlich fällt ihm in der Praxis sogleich auf, was für einem Auditorium er sich da verpflichtet hat. Studierende waren, wie er anmerkt, manchmal nur diszipliniert, weil sie noch Examen vor sich hatten, aber so heterogen und desinteressiert waren sie nie. Zeno ist bewusst, „dass sie [die Passagiere] auch nach der Heimkehr auf ihre zerstörerische Bequemlichkeit nicht verzichten werden“. (S.38)
War er ein zu weltfremder Spezialist aus der Bergwelt, dass er nicht ahnte, auf was er sich einließ als Urlauber-Unterrichter auf einem Kreuzfahrtschiff im antarktischen Eismeer? Denkbar ist das.
Schwerer nachzuvollziehen beim späten Karriereknick des Gletschermanns ist sein Hass, den er gegen alle entwickelt, die er für mitschuldig hält am Klimawandel und dadurch letzten Endes auch am Raub seines geliebten Forschungsgegenstands. Aber manchmal ist er auch wütend auf sich selbst, auf seine Unfähigkeit, „dieses Mich-nicht-erklären-Können, selbst ihr [Paulina] gegenüber, was ich wahrnehme und fürchte und verabscheue, ist mit den Händen zu fassen, unsere hochdotierte Verkommenheit, wieso fällt es mir so schwer, das Offenkundige denen zu erklären, die es nicht erkennen können?“ (S.68) Das ist die Zielfrage.
Wer aber auf einem Luxusliner gegen den Luxus polemisiert, macht sich bald zum Gespött, weil er unglaubwürdig ist.
Diesen Kritikpunkt nimmt Trojanow gleich im Eingangskapitel produktiv vorweg. Er legt die Einwände dem alten Kneipier in Ushuaia in den Mund in einem Gespräch am Vorabend des Auslaufens. Die beiden Männer kennen sich von ähnlichen Treffen der Kreuzfahrtteilnehmer. Zu später Stunde übrig geblieben, reden und trinken sie sich warm, bis der verwitterte Wirt seinem Gast die Wahrheit geigt:
„Ich habe dich beobachtet. Du bist nur Gerede. Deine Empörung ist ein Furz. Du lässt Luft ab, du stänkerst herum, ansonsten bist du wie alle anderen, nein, schlimmer noch, du weißt Bescheid, und du lässt dein Wissen versilbern.“
Da ist sie schon wieder, die hochdotierte Verkommenheit.
Die Worte sind im Roman auf den „Expeditionsleiter“ gemünzt, treffen aber auch (selbstkritisch) den aufklärerisch schreibenden Autor.
Sein schlechtes Gewissen, erstens als Erfinder des Plots, zweitens als Schwimmer gegen den Strom, drittens als Vertreter des Urmangels, der Berufsschlagseite der Worte-Reiher, nach Taten zu rufen, die rettende Tat zu beschwören, ohne selbst über Worte hinauszukommen.
Der Autor lässt durchblicken, dass er Bescheid weiß. Im Grundsatz wie im konkreten Fall gesteht er, dass seine Fiktion fragwürdig und in sich widersprüchlich ist.
Doch es ist nicht sein Wissen, was er versilbern lässt. Es ist seine Wortkunst, seine Sprachmacht.
Gegen diese Einschätzung regt sich Kritik von außen. Nicht einmal den Buchtitel habe Trojanow offenbar selbst erdacht, denn er bedanke sich ja ausdrücklich „für den geschenkten Titel“ (S.172). Die Kapitelüberschriften seien wortlos, nackte Ziffern und Gradnetzkoordinaten wie aus einem technisch-naturwissenschaftlichen Bericht.
Noch deutlicheren Unmut lösen die Kapitel-Anhänge oder Unterkapitel aus, die stets nur etwas über eine Druckseite kunterbunter Phrasen enthalten, ein Sammelsurium aus Reklamesprüchen, Sprichwörtern, Nachrichtenfetzen. Eine Zumutung sei das. Von dichterischer Kraft keine Spur. Darum empfiehlt ein Rezensent, die verstörenden Zwischenkapitel beim Lesen einfach zu überschlagen.
Der Schöngeist hat gar nicht so Unrecht, wenn er den Wortsalat im Blick hat. Welche Funktion die Unterkapitel im Kontext des ganzen Buchs haben, ist ihm aber entgangen. Das Mindeste, was er zugeben müsste, wäre die Kontrastwirkung.
Nehmen wir z.B. den allerersten Satz des Romans: „Es gibt keinen schlimmeren Alptraum, als sich nicht mehr ins Wachsein retten zu können.“ (S.9)
Der Satz schwebt wie ein Motto, durch eine Leerzeile vom Erzählblock abgehoben, über dem ganzen Text. Es ist ein Aphorismus, der für sich selbst spricht, keine Erzählung braucht, ja, im Gegensatz zum Erzählton Autarkie in splendid isolation beansprucht.
Der Anfang des ersten Unterkapitels liest sich dagegen so: „Das sind Traummaße, kräht kein Hahn danach, das kannste dir abschminken, greifen Sie zu, solange der Vorrat reicht.“ (S.19)
Über den Spaß an der sprachlichen Spannweite hinaus hat der chaotisch erscheinende Kapitel-Anhang bestimmte Funktionen, wenn er auch auf den ersten Blick bloß die Eigenart des Trash-Symbols auf dem Bildschirm des Computers hat, ein Behältnis für gelöschte und verworfene (An-)Sätze.
Oder man erkennt in den Inhalten der Anhänge eine Spiegelung des medialen Rauschens, das uns überall umgibt.
Versteckt im Konfetti der gestückelten Sätze finden sich aber auch solche Schätzchen wie: „wir graben Ihrer Zukunft ein Zuhause.“ (S.93)
Unter dem Eindruck der (Selbst)Anklage (s.o. den Wirt in Ushuaia) nimmt Trojanow den hohen Anspruch der literarischen Publikation zurück und nennt seine Arbeit lediglich ein „Notizbuch“ (S.18), um freilich gleich anschließend seinen Rückzug wieder zurückzunehmen mit der auftrumpfenden Ansage: „Ich werde zum Worthalter des eigenen Gewissens.“
Dass er nach der Beschwichtigung dann doch wieder eine prophetische Geste wagt:
„Etwas muss geschehen. Es ist höchste Zeit.“
geht literardialektisch auf.
Wer die kargen Kapitel-Überschriften, geografisch-mathematische Positionsbestimmungen, liest, ahnt vielleicht schon, dass ihn im Roman EisTau nicht die abertausendste Familiensaga erwartet. Was Trojanow über die Beziehungskiste seines Antihelden Zeno verrät, hat nichts von den romantischen Aufmachungen der Brautausstattungswerbung im Zeichen von Liebe und Glück. Vielmehr wird schnell deutlich, dass dem Gletschermann sein eisiger Partner ebenso plötzlich abhanden kommt wie seine Ehepartnerin Helene. Der doppelte Verlust in den existenziellen Bereichen Beruf und Familie ist aber weder das Ergebnis einer Midlifecrisis noch Anfang und Ursache einer solchen. Der 60-Plusser geht zwar nicht vollkommen ungerührt zur Tagesordnung über. Ins Notizbuch schreibt er: „... und nun dieser Anschlag aus dem toten Winkel unseres Zweckoptimismus.“ (S.88) und:
„Egal, auf was ich blickte, es war mir unmöglich, das frühere Einverständnis mit den Dingen wiederherzustellen. Mir schien, als würde ich erst jetzt ihre Essenz wahrnehmen. Hinter Sims und Stuck sah ich nur mehr Gefängnisbauten.“ (S.98)
„Seinem“ Gletscher trauert er mehr nach als seiner Frau. „Die Lüge der ewigen Liebe stimmt uns ein auf die Lüge des ewigen Lebens.“ (S.103)
Er verabschiedet sich nolens volens vom Forscher- und Eheleben, vollzieht den radikalen Tapetenwechsel, den Therapeuten Schicksalsgeschlagenen empfehlen, und sucht das Weite.
Aufs Kreuzfahrtschiff MS Hansen rettet Zeno immerhin ein paar Routinen. Als Lektor hält er weiterhin Vorträge, nimmt weiterhin an Expeditionen ins Eisfeld teil und pflegt eine unbeschwerte Liebesbeziehung zu Paulina, einer Filipina, die auf dem Kreuzfahrtschiff kellnert und mit ihm die Kabine teilt. Zeno liebt ihr Lachen und ihre pflegeleichte Art, die sie auszeichnet wie die anderen Filipinas und Filipinos der Crew. Die Beziehung zu Paulina ist nach der gescheiterten Ehe mit Helene erholsam unkompliziert, so sehr, dass auch ihre Abschiede zu Saisonende und ihre Begrüßungen zu Saisonbeginn ohne emotionalen Aufwand sind.
Die Intimszenen mit Paulina kontrastieren mit Zenos Bordellbesuchen, die er im „Interregnum“ zwischen Alpen und Antarktis unternahm.
Natürlich ist der junge Greis kein Beispiel daoistischer Ausgewogenheit, des Schwebezustands zwischen Liebe und Hass.
Seine Vertreibung aus dem Elfenbeinturm der Spezialwissenschaft war für ihn ein so schwerer Schock wie die Katastrophe von Fukushima für große Teile der deutschen Bevölkerung, die sofort zu den Atomkraftgegnern überliefen und den Atomausstieg, Teil 2, auslösten. Doch anders als Otto Normalo erkennt der Hochschullehrer Zeno im konkreten Ereignis die ursächlichen Systemfehler, die weiteren Katastrophen Nahrung geben. Dem kommenden, mehr gefühlten als bezifferbaren Unheil sieht er sich ohnmächtig ausgeliefert. Das wurmt ihn, nagt an seiner Substanz und treibt ihn zu überkochenden Reaktionen.
Auf die Frage der Kollegin Beate, wie es wohl zu diesem merkwürdigen Wort „Naturvolk“ - es geht um die Urpatagonier - gekommen sei, antwortet erst niemand, dann prescht Zeno in das Schweigen der Gruppe vor: „Weil wir sie exterminiert haben. Weil wir alles zerstören, was sich auf die Seite der Natur stellt. …
Ein Stöhnen hebt an unter den Lektoren, here he goes again, sie erwarten einen meiner Ausfälle, sie haben meine Wutlawinen schon mehrmals ertragen müssen, sie wissen aus Erfahrung“ - und nun folgt wieder so ein aphoristischer Kulminationspunkt, der typisch ist für Trojanows poetische Prosa - „wenn Mr. Iceberger apodiktisch loslegt, endet es apokalyptisch.“ (S.15)
Der Alptraum, aus dem er sich in kein Wachsein retten kann, ist die Realität der idiotischen Verhältnisse. Das globale Defizit an Vernunft und Gewissen. Er sieht eine ganze Lawine von Katastrophen auf sich zurasen, ohne sich vom Fleck bewegen zu können.
Ein Daoist würde den Lauf der Welt gar nicht aufhalten oder steuern wollen. Nicht eingreifen, wäre seine Devise.
Aber Zeno, der Mitteleuropäer, muss einen Schuldigen suchen. Er kann die Ignoranz und Gleichgültigkeit der Zeitgenossen nicht mehr ertragen, wobei nicht klar ist, ob sein Motiv Hass, Frust oder enttäuschte Liebe ist.
Wenn er die Menschen abgrundtief hasste, könnte er dem Inferno doch gelassen entgegensehen, durch das die Menschheit abgestraft oder ausgelöscht würde. Ja, er müsste eigentlich sogar das Ende herbeisehnen.
Zeno (und mit ihm sein Erfinder Trojanow) ist aber aus anderem Holz als der Verfasser der Streitschrift „Das Untier“ (Ulrich Horstmann). Erschüttert und verzweifelt steht er vor dem globalen Fiasko, „machtlos … gegen die Untertanen des Alptraums“ (S. 18). Was ihn durch jede Nacht alpträumt (S.17), ist nicht nur die Erderwärmung und die fortschreitende Gletscherschmelze, vielmehr ist es die apokalyptische Aussicht insgesamt. Und dazu pfeifen die Spatzen so einiges von den Dächern. Man muss nur Ohren haben, es zu hören. „greifen Sie zu, solange der Vorrat reicht“ (S.19), „bestellen Sie, solange der Vorrat reicht“ (S.28), „genießen Sie, solange der Vorrat reicht“ (S.44), „raffen Sie, solange der Vorrat reicht“ (S.62), „plündern Sie, solange der Vorrat reicht“ (S.79).
Dies ist natürlich eine Anspielung auf die Werbefuzzis mit ihren Steigerungen, die von den immer knapper werdenden Ressourcen nichts wissen (wollen).
Und die Spatzen pfeifen apokalyptisch weiter: „der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht“ (S.79), und noch unmissverständlicher: „es fallen die Drosseln tot vom Himmel“ (S.94), dann „die Amseln“ (S.109), „die Stare“ (S.110), „die Rotkehlchen“ (S.129). Sie alle fallen tot vom Himmel und erinnern, wenn's auch schon oder erst ein halbes Jahrhundert her ist, an die Prophezeiung des „Silent Spring“ von Rachel Carson.
Trojanows Menetekel steht in dieser Tradition.
Während der eigenst zu diesem Zweck eingeflogene Superstar seine Show auf dem ewigen Eis in Szene setzt – 300 rot uniformierte Passagiere formieren sich nach seinen Anweisungen zu den überdimensionierten Buchstaben SOS, ist für Zeno das Maß „hochdotierter Verkommenheit“ voll. Er bemächtigt sich der MS Hansen ohne Besatzung, steuert das Schiff aufs offene Meer hinaus und springt ins eisige Wasser. So will er ein Zeichen setzen.
Auf die letzte Seite seines Notizbuchs schreibt Zeno den Aphorismus, der eine Art Erklärung für sein Handeln, einschließlich Freitod, ist: „Der einzelne Mensch ist ein Rätsel, einige Milliarden Menschen, organisiert in einem parasitären System, sind eine Katastrophe.“ (S.167)
Der Nachsatz unterstreicht die Unerträglichkeit seiner Situation: „Ich bin es leid, unter diesen Umständen Mensch zu sein.“
Andeutungen, Vorausblicke auf das Ende gab es frühzeitig, prosaische in den Kapitel-Anhängen, im fortlaufenden Text aber auch poetische wie diese: „Wir fahren durch die Straße der Eisgiganten. Spitze Eisblöcke halten Wache, ihre Leiber gerippt, gemeißelt aus Alabaster. Ausgeklopfte Wände, blaues Kupfer und ein einziger Sturmvogel, zart wie ein dahingeworfener Strich, hundert Einsamkeiten von seinem Nest entfernt. Das bist du, Zeno, mit Fallgeschwindigkeit stürzt du ins Nichts, auf der Kreidezeichnung des nächsten Augenblicks bist du schon nicht mehr zu sehen.“ (S.150)
Der eindeutige Beweggrund Zenos ist das parasitäre System, auf das an vielen Stellen im Buch angespielt wird, etwa in den wortkritischen Anmerkungen zum Bankberater, zum Zertifikat (beide S.49) und zum Entscheidungsträger (S.133), oder wenn er von den „Zumutungen unserer Zeit“ und „ihrer Idiotie“ (S.148) redet.
Was lebende Autoren zu beachten haben, entnimmt Zeno der Presse: „Die Klassiker dürfen Licht ins Dunkel tragen, sie dürfen Sätze verfassen, die man in steinerne Fassaden hauen kann. Lebende Autoren hingegen, das erfuhr ich, wann immer ich eine Zeitung aufschlug, sollen sich bescheiden, ein wenig anregen, ein wenig erregen, ein wenig aufregen, aber auf gar keinen Fall die Welt verändern wollen.“ (S.147)
Zeno folgt dieser Richtlinie. Der alte Kneipier in Ushuaia sagt es ihm platt ins Gesicht, dass er nur ein Gerede sei.
Trojanow wagt es, gewieft gegen die Richtschnur des Feuilletons zu verstoßen. Zwar verfasst er kein Sachbuch gegen den Ausverkauf der Erde, doch verankert er eine gut sichtbare Bake im Zeitstrom gegen die gedankenlose Bequemlichkeit. Dabei gelingen dem Sprachkünstler regelmäßig Sätze (es lohnt sich, nach den Perlen zu tauchen), die wie diejenigen der Klassiker, wenn schon nicht in Stein gehauen, so doch im objektiven Gedächtnis bewahrt bleiben könnten.
Kurz, Trojanow hat ein Buch in meisterhafter Sprache über einen bedeutenden Gegenstand vorgelegt.