hadie

Saalewelle

24.11.2011 | 12:50

Feldforschung

 

(Türklingel. Tür wird geöffnet.)

Jürgen: Einen schönen guten Tag Frau Pudeleck. Wir sind Wissenschaftler.

Martin: DDR-Wissenschaftler.

Monika: Wir erforschen die DDR.

Jürgen: Den Unrechtsstaat.

Martin: Das Unterdrückungsregime.

Monika: Und die Nischen.

Jürgen: Alles, was wir finden, legen wir auf unseren Handwagen. Stimmt's Ossi?

Martin: Ossi bockt.

Monika: Unser Kommunal-Kombi-Ossi ist etwas schwierig.

Martin: Kriegt noch zu viel Geld, das neue Ossi.

Monika: Unser voriges Ossi hat mir aus der Hand gefressen.

Martin: Soll doch nur den Handwagen ziehen.

Monika: Brrr, Ossi. Ruhig!

Jürgen: Also wie gesagt, wir suchen Sachzeugen der Unterdrückungsgeschichte.

Martin: Sie haben doch bestimmt noch Ost-Sachen, die sie für unser Forschungsprojekt zur Verfügung stellen könnten?

Monika: Ja, wir warten draußen.

Jürgen: Schauen sie auch in den Bücherschrank.

Martin: Gib nicht so an, wir können auch lesen.

Jürgen: Aber ich bin ein Poet, ein gewaltiger Erzähler.

Martin: Und ich fresse Katzenfutter, um auf mich aufmerksam zu machen.

Monika: Still, ihr Plattfische! Frau Pudeleck kann uns doch hören.

Jürgen: (ruft) Schauen sie auch in den Leichenkeller, ihr Ossis habt ja alle so etwas unter dem Kunstfaser-Teppich.

Martin: Noch ein Jahr und ich habe die C4-Professur an der Universität Eisenhüttenstadt sicher.

Monika: Oh milder Zephyr, umwehst so viele Unwürdige!

Martin: Und jede Ferien jette ich zum Golfen nach Mallorca.

Jürgen: Das tust du doch jetzt schon.

Martin: Das wäre nicht dasselbe.

Monika: Ich weiß gar nicht, was Urlaub ist. Schließlich habe ich eine Mission.

Jürgen: Und die wäre?

Monika: Umerziehung! Sieh sie dir doch an, alle diese Kittelschürzen und Blaumänner!

Jürgen: Als erstes würde ich die zum monatlichen Friseurbesuch zwangsverpflichten.

Monika: Und dann ab zur Farb- und Stilberatung. Dederonschürzen und Trainingsanzüge wären bei Strafe der Ausbürgerung verboten.

Martin: Das war mal das Volk der Dichter und Denker.

Monika: Dieser Goethe war doch auch nur ein Stasispitzel und Eckermann war der Führungsoffizier. Ist jetzt bei einer erneuten Leichenschau herausgekommen.

Jürgen: Da kommt Frau Pudeleck, was haben wir denn schönes? Ein Brigadetagebuch, wusste gar nicht, dass ihr so was schreiben durftet. Geben sie mal her, den ganzen Schmonzes.

Martin: Thälmann-Biographie, FDJ-Ausweis, Aktivistenurkunde, was sollen wir mit dem Plunder?

Monika: Sie haben doch bestimmt noch selbst geschriebene Spitzelberichte oder alte Überwachungsfotos.

Jürgen: Und ein bisschen hopp, hopp! Wir sind nicht zum Spaß hier! (zu Martin) Die verstehen nur die Sprache der Autorität. (Tür wird zugeworfen und abgeschlossen.)

Monika: Jetzt reicht's aber!

Jürgen: (schlägt gegen die Tür und ruft) Pass auf, du Stasi-Schlampe! Wir rühren uns hier nicht von der Stelle, bis wir deine ganze schmutzige Wäsche auf die Straße gezerrt haben.

Monika: Kennt ihr die rührselige Geschichte, wo vier Stasi-Spitzel tagelang in einem Trabant gesessen haben, um eine Leipziger Dissidenten-Familie einzuschüchtern?

Jürgen: Und am Ende haben alle zusammen Blümchenkaffee getrunken. Das wird einem doch täglich vorgekaut.

Monika: Aber nur so kommt man zu unverfälschten Forschungsresultaten.

Jürgen: Wir setzen uns alle auf den Handwagen und beobachten das Haus, bis sich etwas rührt.

Martin: Gute Idee. Diese Stasi-Hunde hatten nur die falschen Ziele.

Monika: Oh Anastasia, Schutzheilige des Karrieresprungs, seit zwanzig Jahren bete ich täglich zu dir.

Jürgen: Aber der Handwagen ist doch nun wirklich zu poplig. Wartet mal einen Moment, ich hole meinen Wagen.

Martin: Da geht er hin, rasch und geduckt, ein Totalitarismus-Forscher mit Biss!

Monika: Der wird noch mal Behördenleiter.

Martin: Unser voriger Behördenleiter ist anschließend Geheimdienstchef geworden. Wir dürfen uns nur nicht abschütteln lassen.

Monika: Dranbleiben, sag' ich, dranbleiben. Was horchst du so, Ossi? Hier hast du 10,- Euro und jetzt ab zu Feinkost-Schäfer, eine Flasche Sekt holen. Bald gibt es was zu feiern.

Martin: Aber kein Rotkäppchen, du zurückgebliebener Klemmi! (Motorengeräusch, Bremsen) Bohhh! Ist das ein Geschoss von einem Geländewagen!

Jürgen: Steigen sie ein, meine Herrschaften. Der Grand Ranger ist wie geschaffen für solche Einsätze im Felde. (Türen auf und zu.) Klimaanlage, Standheizung, Suchscheinwerfer und Außenlautsprecher. (Lautsprecher) Achtung! Achtung! Hier spricht die Untersuchungsbehörde! Geben sie alles zu, jedes Leugnen ist zwecklos!

Monika: Was ist denn das für eine Schüssel?

Jürgen: Das ist ein Richtmikrofon. Seid doch mal ruhig, ich verstehe gar nichts. (Rollladen werden herunter gelassen.) Jetzt hat sie die Rollos herunter gelassen, das ist Verdunklungsgefahr!

Martin: Sozusagen im Verzuge.

Monika: Als Konfliktpädagogin kann ich da nur sagen: Bomben drauf und Napalm drüber!

Jürgen: Aber, aber, werte Kollegin, da haben wir doch ganz andere Möglichkeiten. Der Grand Ranger hat Anschluss an so ziemlich alle Funknetze und ans Internet.

Martin: Da schauen wir doch gleich mal, was wir über die Verdächtige wissen.

Jürgen: (tippt) Pudeleck, Annette, geboren am ja, erlernter Beruf auch, geschiedene Soundso, arbeitslos seit ...

Martin: Welcher Verfassungspatriotismus-Indexwert?

Jürgen: 3,2 - aber nicht ganz abgeklärt. Hat eine Fernsehillustrierte und eine Gartenzeitschrift abonniert, aber keine Tageszeitung.

Martin: Das muss doch einen Grund haben, diese feindlich-negative Haltung gegenüber unserem Organ?

Monika: Zu unserem vorigen Ossi habe ich immer gesagt: wenn das Licht an geht, müsst ihr die geschundensten Opfer und die teuflischsten Täter von allen sein! Sonst seid ihr gar nichts.

Martin: Und die internationale Konkurrenz ist groß. Da kann unsere Frau Pudeleck noch nicht mithalten.

Monika: Müsste ihr mal jemand sagen. Fehlende Weltmarkt-Kompatibilität.

Jürgen: Die Amis machen es uns wieder einmal vor, hier im Internet, seht ihr die pralle Blondine?

Martin: Bohh ehj!

Jürgen: Und was sagt sie? Klick auf meine Dinger, gib deine Kreditkarten-Nummer ein und ich zeige dir meine schmutzigen Geheimnisse ...

 
Senden Bookmarken Drucken
hadie
Das Unangenehme mit dem Nutzlosen verbinden!
Ort:
Halle/S.
Mitglied seit:
3 Jahre 12 Wochen
Zuletzt aktiv:
26.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 101
Kommentare: 794
Logbuch
10:28
Lethe hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:23
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:19
abghoul hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:16
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:14
abghoul hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG