hadie

Saalewelle

03.01.2012 | 10:01

Vorwiegend festkochend

Am ersten Arbeitstag des neuen Jahres lese ich früh um 8.00 Uhr in der Hörspiel-Broschüre vom Deutschen Landradio und schneide Sendungs-Beschreibungen aus: es geht um die "Bewirtschaftung von Randgruppen", DDR-Diskussionen in einer Nervenheilanstalt, den argentinischen Staatsbankrott, Sergej Eisenstein, Plattenbaucowboys und die Katastrophen in Japan. Die Sendetermine trage ich in den neuen Jahreskalender ein. Dann gehe ich einkaufen, zwänge mich durch die klaustrophobisch engen Gänge einer ehemaligen Trafostation. Ein halbes Brot und "vorwiegend festkochende" Kartoffeln sollen es sein, wie einfallslos - und teuer, 2500 g der Knollen kosten mittlerweile 1,99 Euro.
Plötzlich Tumult, zwei stämmige Kerle verdächtigen einen schmalen Jugendlichen des Ladendiebstahls und erklärten lautstark: "Das klären wir alles im Büro!" Auch die einzige Kassierin hat ihre Kasse verlassen, um dem Jugendlichen einen Besuch im Büro des Filialleiters anzuraten. Das geht mehrere Minuten so, ich will bezahlen und rufe "Kundschaft!" Doch die Kassiererin hat einer Amtshandlung beizuwohnen und der Filialleiter ist ganz Amtsperson. Der dritte Typ ist wohl der Ladendetektiv, wie peinlich - da gibt es anscheinend Leute, die diesen Lebensmittelkram klauen und andere Leute, die das wichtig finden und ihre ganze Existenz damit rechtfertigen. Endlich verschwinden Filialleiter und Verdächtigter in ihrem tollen Büro und die Kassiererin zieht meine Kartoffeln über den Scanner.

edeka

Der Detekiv steht hinter mir an, er kauft Limo und Kekse.
"Und ich habe gerade erst angefangen", sagt er.
"Das ganze Jahr wird wieder Sch... !", meint die Kassiererin.
Das ist es, was der Kunde jetzt bestätigt wissen will. Wenigstens gehen dem Law-and-Order-Prekariat mittlerweile die eigenen Rituale auf die Nerven, ein kleiner Lichtblick in diesem konsequent schlechtgeredeten neuen Jahr.

 
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Kommentare
Zeitwechslerin schrieb am 03.01.2012 um 12:45
sehr hübsch. aber die linken rituale von früher, als medien in not noch so wunderbare finanzielle rettungsstrategien in redaktionsitzungen gebaren wie "jetzt machen wir nen kneipenstreifzug und fragen jeden: haste mal ne mark?" waren auch ziemlich nervig. das kollektive autoanschieben, bevor jemand mit dem wg eigenen benz mit kaputtem anlasser fahren konnte. mit vorrennen und hechtsprung ins auto, wenn es ansprang. als man diskutierte, wer mit einklauen dran war. als auf fensterbänken statt blumen wunderschöne kristalle von den händen von chemiestudenten im 13. semester gezogen wurden.

ja law und order rituale sind lächerlich. aber das leben der linken... *grins*
hadie
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carsten plaug hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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anne mohnen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Red Bavarian hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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koslowski hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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