Jan Jasper Kosok

Alalala

19.06.2009 | 00:29

128 zu 389

 

Warum sich die große Koalition an die Bild verkauft hat und die Jugend endlich wieder die Jugend sein kann.

 

Bei der EU-Wahl holt die Piratenpartei in Schweden bei der Gruppe der Jungwähler (18-30 Jahre) mehr Stimmen als jede andere Partei. In Deutschland fegt eine Welle der Empörung durch das Netz, weil die große Koalition ein Gesetz durchwinkt, welches die Rechtsstaatlichkeit in ihren Grundfesten erschüttert. Die Piraten holen ein knappes Prozent. Und die Alterwürdigen huldigen der Macht.

 

Das System dahinter ist so banal wie kurz gedacht. Ob Henne oder Ei, die Bild entschloss sich relativ frühzeitig dazu, den Altkonservativen Rückendeckung zu geben und Ursula Von der Leyens Internetsperrgesetz ganz im Sinne der Erfinderin zu lancieren. Gegner wurden rigoros abgewatscht. Ein Schelm, wer bei der Zweckgemeinschaft Krogmann/Draxler Böses denkt. Man ist es ja nicht anders gewöhnt.

 

Nun ist die Bild nicht irgendein Medium, sondern vermutlich eines derer mit den größten Reichweiten. Die "Internet-Community", oder kurz "Community", wie sie inzwischen gern genannt wird, dahingegen ist ein zartes Pflänzchen, ein Sprössling, jedenfalls noch lange nicht in voller Blüte. Ihre Stimme taugt noch nicht für das Rauschen im Walde.

 

Wahlpolitisch scheint damit klar, was zu tun ist. Wer was gelten will, muss bei der kommenden Wahl auf Rot setzen, auf jenes mit 4 Buchstaben. So wähnt man schließlich im Zweifelsfall den Großteil der Bevölkerung hinter sich. Welcher gute Volkspolitiker käme schon auf die Idee, dem Newsgiganten in der heissen Phase des Wahlkampfs zu widerstehen und den Mann von der Straße mit Bildern nackter Jünglinge zu vergraulen? Richtig.

 

Die Vermutung, dass hinter dem Verhalten der Protagonisten Kalkül steckt, lässt sich ebenfalls mehr als deutlich an selbigem ablesen. Frau von der Leyen nahm ebenso wenig an Ausschüssen wie Abstimmungen betreffend "ihres" Gesetzes teil, denn wetterfest und schmutzresistent ist ihre Fönfrisur nicht. Sitzen tut sie nur im rechten Licht. Anderswo möchte man im Wahlkampf auch nicht stehen. Und wer hätte sich schon öffentlich von jemandem bloßstellen lassen wollen, dem man vorwirft, ein Päderast zu sein. Das wollte nicht einmal Herr Dörmann von der SPD.

 

Was aber, wenn der Wahlkampf vorüber ist? Die Parteien gehen ganz im Sinne der klassischen Wahlversprechen davon aus, dass Otto Normalverbraucher in 4 Jahren nicht mehr daran denken wird, was am 18. Juni 2009 geschah. Ob diese Binsenweisheit allerdings auch für das Internet, diesen riesigen, furchteinflößenden und interaktiven Datenspeicher, gilt, ist zumindest fraglich. Wir werden es erleben.

 

Nimmt man einmal an, man würde nicht vergessen, in 4 Jahren hätte man immer noch mit den Geistern, die man heute rief, zu tun: die Langzeitwirkungen des heutigen Tags könnten schlimmer nicht sein - zumindest aus Sicht der Volksparteien. Denn gerade die Jungwähler sind netzaffin, verteidigen diesen Hort der Glückseligkeit (und vermeintlich der Kinderpornographie) wie ihre Augäpfel. Sie sind es aber auch, die in ein paar Jahren darüber entscheiden werden, wer sie regiert. Denn so alt wird nicht einmal die Wählerschaft der CDU, auch wenn die Parteispitze selbst nur all zu gern vom ewigen Leben fantasiert.

 

Dass eine Generation heute zum Bauernopfer eines Kuhhandels zwischen konservativen Popularmedien und Regierungswilligen wurde, scheint zu groß, um zwischen Bits und Bytes zu verloren zu gehen. Denn was Jahrgängen von Politikern nicht gelang, findet man dank #Zensursula heute in den sozialen Netzen wieder: U30-Politisierung; etwas, was selbst Linksaußen schon längst ad acta gelegt hatte.

 

Dass das Gesetz selbst einen Angriff auf Informationsfreiheit, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit, Länderkompetenzen und Demokratie an sich darstellt, bezweifeln selbst führende Rechtsexperten nicht. Insofern ist es zumindest nicht ganz unwahrscheinlich, dass dieser perfide Versuch der großen Koalition, kurz vor ihrem Ableben Machtverhältnisse und Kontrollsysteme dieses Landes im Sinne gereifter Renitenz auf den Kopf zu stellen, an der ein oder anderen Hürde, die noch auf ihn wartet, scheitern wird. Im Sinne des Allgemeinwohls wäre es allemal, wenn ein Gesetz, das Kontur mit Konjunktiv verwechselt, eine angemessene Halbwertszeit bekäme.

 

Was aber bleiben wird, ist das Gefühl einer Generation, nicht verstanden zu werden. Ein Gefühl, das von je her Motor der Veränderung war und nun frei nach Sascha Lobo mit dem Netz den richtigen Kraftstoff gefunden hat. Das ist es, worüber man sich in den Spitzen von CDU und SPD Gedanken machen sollte. Denn das Netz und seine Denke wird die Bild und ihre Leser zwangsläufig überholen; ein Umstand, der Futter für etwaige Projekte im niedrigen zweistelligen Bereich liefert.

 

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 19.06.2009 um 00:38
Und nun?
Warten auf Godot?
Jan Jasper Kosok schrieb am 19.06.2009 um 00:44
Um es mal mit deine Worten zu sagen: Wählen gehen. ;)
Streifzug schrieb am 19.06.2009 um 00:47
Die Auswahl ist mager. Wer bleibt nach der Wahl standhaft?
Streifzug schrieb am 19.06.2009 um 00:50
Wem sind offene Strukturen wichtiger als Klientel/Lobbying?
Jan Jasper Kosok schrieb am 19.06.2009 um 00:53
Nach dem Ausschlussprinzip noch maximal 3 ernstzunehmende Parteien.
Streifzug schrieb am 19.06.2009 um 00:57
Hm, so viele ernstzunehmende Parteien gibt es doch in Deutschland gesamt nicht.
Jan Jasper Kosok schrieb am 19.06.2009 um 01:00
OK, 2 Glas Wein und irrationaler Optimismus. Mal wieder.
Streifzug schrieb am 19.06.2009 um 01:05
Ich befürchte, es werden in kurzer Zeit nun koordinierte Aktionen von mehreren Seiten starten, um das Internetsperrgesetz mit Leben zu füllen. Auch und gerade Medienkonzerne werden dabei sein.

Vorne laden sie Blogger ein und hinten lassen sie die Bewaffneten rein. Das ist vergleichbar mit dem großen Sterben kleiner Zeitungen. Auch damals wurden Gesetze zuungunsten der Kleinen erlassen. Man versucht die "Freien" so weit es geht vom Input abzuschneiden.
Jan Jasper Kosok schrieb am 19.06.2009 um 01:07
Na dann hoff ich mal, dass unser Dispo reicht.
Streifzug schrieb am 19.06.2009 um 01:08
Ok, gute Nacht :)
Jan Jasper Kosok schrieb am 19.06.2009 um 01:27
Zu viel gute Laune für halb 2. ;)
Streifzug schrieb am 19.06.2009 um 08:05
Humor ist immer gut.
I.D.A. Liszt schrieb am 19.06.2009 um 01:09
Man kann ja mal wählen gehen. Was empfehlen Sie, JJK? Das kleinere Übel, das Ihr Herz so gebrochen hat?
Nö, oder?
Und doch nicht etwa die FDP, oder, Gott bewahre, die KPD/?ML?

Ich bin der Meinung, daß sich - gleich wen man wählt - nichts ändern wird, jedenfalls nicht in Richtung auf eine freiere und demokratischere Gesellschaft. Ehe wird das Gegenteil der Fall sein, fürchte ich.
Streifzug schrieb am 19.06.2009 um 01:11
Was ist das Gegenteil?
Cassandra schrieb am 19.06.2009 um 01:13
Und was bleibt dann? Sich in die Ecke verkriechen? Die Optionslosigkeit beklagen?
Streifzug schrieb am 19.06.2009 um 01:14
Moin erstmal, wollte gerade schlummern gehen.
Jan Jasper Kosok schrieb am 19.06.2009 um 01:15
Ich kann keine Empfehlung aussprechen. Dazu fühle ich mich nicht im Stande. Das kleinere der beiden Übel jedenfalls nicht. Dazu habe ich mich ja bereits ausführlich geäussert. Ich habe meine Streichliste, vermutlich werde ich die Partei wählen, an der ich am wenigsten gewetzt habe. Welche das ist, kann ich aber momentan beim besten Willen nicht absehen.
I.D.A. Liszt schrieb am 19.06.2009 um 01:29
Hallo, gestreifter Freund!
Das Gegenteil von 'freier und demokratischer'? Repressiver und autoritärer natürlich!

@ Cassandra:
Man kann sich auch über die Optionlosigkeit freuen, wenn man masochistisch veranlagt ist.
Für mich gibt es keine Option.

@ JKK:
Deshalb werde ish es so halten wie sie.
Die Partei, die mir am wenigsten übel aufstößt, bekommt meine Stimme, und sei es die "Partei der Nichwähler". Ich finde es nämlich auch eine politische Willensbekundung, nicht wählen zu gehen. Da mögen die etablierten Systemrepräsentanten quäken, was sie wollen.
Wenn sehr viele Leute der Wahl fernbleiben, ist das ein Signal, als wie sinnlos die Wahl enmpfunden wird.
Nur ändert das ja leider nichts an den Mehrheitsverhältnissen, und die Gewählten können sich weiter damit brüsten, daß sie die Mehrheit ...
daß der Wille des Wählers ...
as infinitum, ad nauseam .
marc.o schrieb am 19.06.2009 um 11:06
Jan Jasper Kosok
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