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Google nimmt seinem Feedreader die soziale Interaktion und zwingt dessen Nutzer in vorzeitliche Isolation. Das trifft vor allem Meinungsführer und Aggregatoren

Der Vorhang ist gefallen. Seit kurzem ist der Google Reader nicht mehr, was er einmal war: ein Mikrokosmos der Blogosphäre, in dem sich eine kleine Schar von Netzmenschen darüber austauschte, was die relevanten [sic!] Themen des Netzes waren. Die Krux dabei ist, dass davon nur wenige wussten. Für die meisten Anwender ist und war Googles Feedreader nur eins: ein Feedreader – das heißt, die Möglichkeit, den RSS einer Seite zu abonnieren und akkumuliert mit denen von anderen Seiten zentral auf einer Seite darzustellen. Ein persönlicher, wenn auch statischer Newsticker.

Das änderte sich schlagartig, als Google Buzz einführte, ein damals gescheiterter Gegenentwurf zu Twitter. Einziges nützliches Überbleibsel aus diesen gottlob vergangenen Zeiten war die vernetzende Folgefunktion (, die es zwar schon zuvor gab, jedoch lange nicht so prominent). Sie markierte den Punkt, an dem es möglich war, anderen Usern Artikel zu empfehlen und ebenso deren Empfehlungen direkt in den eigenen Newsstream injiziert zu bekommen.

Dass viele Augen mehr als nur zwei sehen, war ein Umstand, der vor allem auf die bloggende Zunft – ewig auf der Suche nach den “Trending Topics” – einen enormen Reiz ausübte. So entwickelte sich über Zeit ein kleines, aber feines soziales Netzwerk, das sich innerhalb des Google Readers auf dem Laufenden hielt. Der Google Reader war das Allheilmittel gegen die Angst etwas zu verpassen und gleichzeitig komparativer Vorteil gegenüber all denen, die nichts davon wussten.

[Einschub: Neben der sozialen Funktion hat Google ebenfalls die Möglichkeit gestrichen, aus Lesezeichen individuelle RSS-Feeds zu generieren. Dies geht vor allem zu Lasten derer, die aus den Artikeln, die sie im Reader mit bestimmten Tags versehen, automatisch den Content für z.B. Fanpages oder Twitter-Bots erstellen. Auch hätte man mit Hilfe der generierten Feeds die Reader-Community zwar umständlich, aber immerhin am Leben erhalten können. Neben dem Tod eines sozialen Mikronetzwerks ist also auch ein neu erschaffenes strukturelles Problem zu beklagen, das es jetzt gilt mit Workarounds zu lösen.]

Insofern ist klar, warum der Aufschrei (über 10.000 Petenten gegen den Umbau) in bestimmten Kreisen groß war – und im Gros verhallte –, als Google (überraschend) ankündigte, den Reader in Zukunft zugunsten des Mammutprojekts Google+ um seine soziale Funktion beschneiden zu wollen. Es ist nicht das Aufbegehren der Nachrichtenkonsumenten, sondern derer, die kreativ mit Nachrichten jonglieren, sie verbreiten, schnell und effizient zu etwas Neuem weiterverarbeiten oder in schlichte Netzschauen aggregieren. Ihnen wird die Möglichkeit genommen, sich einfach und zentral (!) miteinander zu vernetzen.

Auf den gemeinen Leser wird Googles Umstellung dementsprechend zunächst marginale Effekte haben. Man wird sich die Nahrung weiterhin in Zeitungen, sozialen Netzwerken, auf Seiten wie SpOn, einer Handvoll Blogs oder aber eben im (blinden) RSS-Reader besorgen – also zerfasert. Für viele Meinungsführer und deren Leser heißt es jedoch jetzt: Umdenken. Wo man sich bis gestern noch gemeinsam durch eine Flut von Nachrichten arbeitete, ist man jetzt wieder Einzelkämpfer, geschirrmachert von einer Flut von Informationen, bedroht vom Verlust der Filtersouveränität. Denn wer möchte schon von sich behaupten, er wäre in der Lage, 800 Artikel am Tag zu lesen – erst recht, wenn man nicht einmal weiß, wo danach zu suchen ist?

Googles Schritt ist einer von der Qualität hin zur Masse. Er zwingt einer Community, die für sich in Anspruch nimmt, modern mit Nachrichten umzugehen, einen konzeptionellen Schluckauf auf – bringt nicht um, nervt aber –, dessen Ende nicht absehbar ist und opfert dafür das einzige funktionierende (!, wenn auch kleine) soziale Netzwerk des eigenen Portfolios. Ohne Not und zu Gunsten eines Hypes, von dem es ”nichts versteht”.

Heureka. Nicht.

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Bild: Wikipedia

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.