04.10.2011 | 08:21

Magisch, mystisch und experimentell - MORPHONIC LAB. X

 

Jedes Jahr zur gleichen Zeit tauchen sie auf, die Flyer mit dem rätselhaften Logo, und man mag an Morphologie denken, oder Phonographen ...

 

Tatsächlich geht der Titel auf ein Wortspiel des maßgeblichen Initiators dieser Veranstaltungsreihe, den Dresdner Maler Detlef Schweiger zurück, und darin steckt auch "more phonie". Das MORPHONIC LAB, ein Highlight elektronischer Musik, das am 8. Oktober sein zehnjähriges Jubiläum feiert, ist als Klanglaboratorium zu betrachten, in dem Formen experimentieller Sounds erzeugt werden, die sich eher an Gestaltungsarten Bildender Kunst und nicht an der Harmonielehre orientieren. Videokunst, Performances und Lichtinstallationen sowie die räumlichen Gegebenheiten des Spielorts werden konzeptionell in die Arbeit einbezogen, sodaß das Ganze als multimediales, als Gesamtkunstwerk seine Wirkung entfaltet. Das Morphonic Lab hat seit Anbeginn im Palais Großer Garten Dresden, in Räumen mit unverputztem Gemäuer und morbidem Charme einen festen Ort, als Veranstalter fungieren von Anfang an der Künstlerbund Dresden und die Verwaltung Schlösser und Gärten Dresden.

 

 

Die Ursprünge des Morphonic Lab lassen sich auf die heute noch in veränderter Besetzung existierende Künstlergruppe SARDH zurückführen - die vier Dresdner Künstlerinnen und Künstler Detlef Schweiger, Andreas Garn, Reinhard Sandner und Sabine Harprecht hatten sich schon zeitig in den 80er Jahren zusammengefunden, um gemeinsam mit Klängen und Geräuschen zu experimentieren. Die Grundausstattung bildete in der Anfangszeit ein Synthesizer, nach und nach ergänzt durch diverse zweckentfremdete Dinge wie etwa Schläuche, Laubrechen, Stahlplatten ... Sie erzeugten damit Klänge, die sie sehr bald in Strukturen übersetzten und bearbeiteten. SARDH trat zu Vernissagen auf, erlangte zunehmend Bekanntheit, produzierte ab den 90ern eine Anzahl Konzept-Alben. Die Richtung läßt sich mit Industrial, Noise, Collagen, Muzak umschreiben, was in den Achtzigern in der DDR, aber auch noch danach fast einzigartig war. Die Mitglieder der Gruppe bezeichneten und bezeichnen das in ihren eigenen Worten als "Fortsetzung des Malens mit klanglichen Mitteln". SARDH sollte indes nicht die einzige Künstlerband auf experimentellen Gebiet bleiben, erinnert sei in diesem Zusammenhang beispielsweise an die Rennbahnband, an der Dresdner und Leipziger Künstler beteiligt waren, u.a. Christiane Just und Andreas Hegewald.

 

 

MORPHONIC LAB, das jedes Jahr einen anderen thematischen Schwerpunkt hat, agiert an den Schnittstellen von bildnerischen und klanglichen Ausdrucksformen, arbeitet mit prozessualen Mitteln, mit Improvisationen. Allerdings wird auch einiges im Vorhinein geprobt und vorbereitet - man betreibt beispielsweise ein zielgerichtetes Fieldrecording, um etwa das Schlagen verschiedenster Toiletten- oder Stahltüren aufzunehmen, Geräusche, die dann als percussives Gerüst für Sounds dienen. Für Sounds, die stark emotional eingefärbt sind, magisch, mystisch, martialisch, nichts glattes ... Seit MORPHONIC LAB IV gibt es jeweils eine Gesamtillumination des Palais, das Zusammenspiel von außen und innen - entsprechend der Intention, daß die Dinge ineinandergreifen, sich beeinflussen, überlagern, nicht nur in der Vorstellung der beteiligten Künstlerinnen und Künstler, sondern tatsächlich, in der Wahrnehmung. Die Akteure im Saal haben ihre Livepräsenz nicht auf der Bühne, sondern auf der Leinwand dahinter, und Akteure wie Klänge und Bilder verschmelzen miteinander ... Während man den Klängen lauscht, huschen Schatten über die Wände, Lichter, sind an der Decke Projektionen zu beobachten - es ist die Gleichzeitigkeit der Vorgänge, die das Gefühl vermitteln, in eine andere Wirklichkeit versetzt worden zu sein, eine Wirklichkeit, deren Charakter in stetem Wandel begriffen. Und man wähnt sich ab und an in einem Kraftwerk, einer Schaltwarte, ständig wechseln die Perspektiven ...

 

 

Morphonic Lab bildet aber nicht nur für dessen Begründer, zu denen auch der Lichtkünstler Arend Zwicker gehört, eine Plattform, regelmäßig werden auswärtige wie internationale Akteure eingeladen. Und jeder der Beteiligten versteht sich dabei als Glied des Gesamtkunstwerks. International bekannte Künstler und Formationen wie Mark Spybey, Valentina Tonado, Einheit Irmler oder Andrea Hilger hatten hier schon ihren Auftritt. Seit letzten Jahr ist das Morphonic Lab Bestandteil des Dresdner Festivals der zeitgenössischen Musik des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau, was nicht zuletzt als qualitative Anerkennung dieses Projekts zu werten ist.

 

 

Das X. wird am 8. Oktober 2011 von 19-24 Uhr im Palais Großer Garten u.a. mit Column One (Berlin), SchnAAk (Frankfurt/M.), und Skrol (Prag) aufwarten. Im Installations-Sektor werden u.a. Arbeiten von Katharina Groß und Angela Hampel zu sehen sein.

P.S. Wie so eben bekannt wurde: Mark Spybey hat sich als Geburtstagsgast kurzfristig angekündigt und wird das Jubiläumsprogramm bereichern.

 

Weitere Informationen unter dieser Seite: www.morphoniclab.de/

Unten eine Aufnahme des Palais während des Morphonic Lab von 2007

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 04.10.2011 um 09:26
Die Karte kenne ich! :)

Es gab schon eine interessante Underground szene in den achtzigern in der dadaer. - Das die das als Malen mit anderen Mitteln bezeichnen, nicht vordergründig als Musik, finde ich zutreffend. Man muss das ganz anders wahrnehmen als Musike.
poor on ruhr schrieb am 04.10.2011 um 14:39
Hört sich sehr interessant an. Wie kommt es denn so an den Ohren an? Ein Bild, dass dass durch die Ohren geht. Schon ziemlich außergewöhnlich, das Kunstprojekt von dem da berichtet worden ist.
jayne schrieb am 04.10.2011 um 14:45
über den link am ende sind auch ein paar akustische eindrücke erfahrbar ...
poor on ruhr schrieb am 04.10.2011 um 14:55
Danke. ;)
Magda schrieb am 04.10.2011 um 16:41
Ja, Klangskulpturen, finde ich sehr interessant.
h.yuren schrieb am 05.10.2011 um 10:29
liebe jayne, interessante information für einen nicht eingeweihten wie mich.
das alte gemäuer wie ein mutwillig geschminktes altes gesicht.
jayne
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