15.11.2011 | 10:20

Väterchen Franz und das Jahr der Schweine

Ein persönlicher Nachruf

Väterchen Franz - so sollten wir Franz Josef Degenhardt bald auch im Freundeskreis nennen, dessen mit rauher Stimme vorgetragene Lieder und Balladen uns immer von neuem berührten. Songs, die anarchisch wie wir, keiner Obrigkeit hörig, geübt im Untertauchen (Joß Fritz), in der Rebellion ...

Die Lieder aus dem Album "Im Jahr der Schweine" (1969) waren die ersten, mit denen ich in Berührung kam, Mitte der 70er Jahre, in der DDR, mit Texten, die zum Teil surreal anmuteten ("Landleute nageln tote Eulen oft an ihre Scheunen"), Selbstreflexionen auf die unangepaßten und rebellischen 60er Jahre - die Songs dieses Albums, das einem Freund aus dem Westen zugesandt worden war, schienen diese Glut in sich zu haben, fortzutragen, und was da zu hören war, paßte auch auf die Verhältnisse, unter denen wir lebten.

Denn das Statement, das Väterchen Franz damit abgab, erschien uns trotz der verrätselten Texte klar, Kritik und Ironie galten der Bürgerlichkeit, Saturiertheit und Borniertheit, und nicht nur der jener ganz oben ... ("Daß das bloß solche Geschichten bleiben"). Das Album "Im Jahr der Schweine" wurde in der DDR nie verlegt, fanden sich doch auch Spitzen in den Songs, die so mancher Partei- oder Staatsfunktionär auf sich oder die Verhältnisse in der Republik beziehen mochte.

Nicht eindeutig genug mochte den DDR-Oberen die Aussage dieser Lieder erscheinen, nicht so eindeutig wie die der späteren Songs, in denen sich der anarchische Geist des Barden fast unkenntlich gemacht, zurückgezogen, und doch bargen auch jene Lieder noch einen Zündstoff in sich, die Konterbande der Rebellion, transportierten sie ein Gut, das wir als Ermutigung begriffen, weiter zu machen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen ...

Gestern ist Franz Josef Degenhardt im Alter von 79 Jahren verstorben - am 03.12. hätten er und wir seinen 80. feiern können ...

Nachtrag: Ein Interview mit FJD in der Sendung Monitor des wdr aus dem Jahre 1967

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 15.11.2011 um 21:15
Liebe jayne,

vielen Dank . Ein würdiger Nachruf.

Franz Josef Degenhardt ist gegangen, doch seine Musik und seine Inhalte bleiben aktuell.

Herzliche Grüße

por
h.yuren schrieb am 16.11.2011 um 18:59
danke, liebe jayne. wenn ich etwas über oder von franz josef degenhardt höre/lese, bin ich augenblicklich wieder in der stimmung der rührigen jahre, der 60er und 70er, als die studenten hier im westen auf der straße geknüppelt wurden, weil sie den muff von 1000 jahren verscheuchen wollten...
archinaut schrieb am 17.11.2011 um 01:01
Ach ja, FJD, lange nichts mehr gehört,
aber frischer denn je.....

Vielen Dank für den Blog und für die Musik!

Herzliche Grüße
archie
weinsztein schrieb am 17.11.2011 um 03:40
Liebe Jayne,

danke für Deinen Nachruf auf Franz-Josef Degenhardt.

Du differenzierst zwischem dem jungen und dem älteren Väterchen Franz, in des letzteren Songs "sich der anarchische Geist des Barden fast unkenntlich gemacht" und zurückgezogen habe. Doch "bargen auch jene Lieder noch einen Zündstoff in sich, die Konterbande der Rebellion, transportierten sie ein Gut, das wir als Ermutigung begriffen, weiter zu machen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen ...".

Das Monitor-Interview von 1967 offenbart keinen anarchischen Geist Degenhardts, auch seine frühen oder späten Lieder nicht. "Anarchisch" ist ein Gemeinplätzchen.
Im Interview bezieht sich Degenhardt auf Wolfgang Neuss und Wolf Biermann. Biermann wiederum, wie Degenhardt, war äußerst inspiriert von George Brassens, dem wunderbaren französischen Anarchen, dem das Väterchen Franz in den 80-er Jahren eine Platte widmete.

Franz-Josef Degenhardt und Wolf Biermann waren sich als Liedermacher früh nahe gewesen und gingen dann ihrer immer weiter auseinander driftenden Wege, in sehr turbulenten politischen Zeiten, die sie mit ihren Liedern und Statements begleiteten und sie für ihr Publikum noch mehr zuzuspitzen halfen. Der eine so, der andere so.
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