18
]
Vier Wahlen, Zahlen, Zahlen, Zahlen: Seit 18 Uhr verfolge ich Hochrechnungen und Prognosen, doch noch mag sich kaum etwas aus diesem Wahltag herausschälen. Nur in Sachsen wird es wohl auf Schwarz-gelb hinauslaufen, sonst aber ist alles möglich. "Wir werden miteinander reden", ist der meist ausgesprochene Satz an diesem Abend.
Etwa eineinhalb Jahre nach dem Einzug der Linkspartei in den hessischen Landtag stellt sich heraus: Was sich damals abbildete - die Veränderung dieser Demokratie zu einem 5-Parteien-System - ist in vollem Gange. Anfang 2008 mochten sich das noch nicht so viele vorstellen, der FDP ging es noch gar nicht so glänzend wie heute. Jetzt aber zeichnet sich ab, über 40 Prozent werden Parteien nur noch in Bundesländern bekommen, wo sie vor nicht allzu langer Zeit allein regierten: Bayern, BaWü und Sachsen. Sonst aber ist ein Ergebnis 30 plus x der Gipfel der Gefühle. Die Zeit der Groß- und Volksparteien in diesem Lande ist vorbei. Die Zeit, dass man eine Große Koalition so noch nennen sollte, ist es auch.
Was heißt das? Vielleicht müssen wir uns mit der "Zersplitterung der Parteienlandschaft" schon allzu bald an Dreier-Koalitionen im Bund gewöhnen: Ach was, wir sind doch schon dabei, denn in Wahrheit besteht doch schon der Bundestag aus sechs Fraktionen, und die CSU hat sich in den letzten Wochen reichlich Mühe gemacht, zu zeigen, dass die Große Koalition eigentlich Schwarz-Schwarz-Rot heißen sollte.
Trotz der Roten-Socken-Kampagne, die Pofalla und Niebel gerade in der Elefantenrunde versuchten anzuzetteln: Die Politik hat sich mit der Perspektive, Dreier-Bündnisse bilden zu müssen, schon besser angefreundet, als das Wahlvolk. Zu echten Lagerwahlkämpfen ist sie schon gar nicht mehr in der Lage. Doch aus gutem Grund macht sie für Dreier-Bündnisse keine Koalitionsaussagen: Rot-Rot-Grün, Schwarz-Gelb-Grün, wie solche Koalitionen konkret aussehen könnten, dafür hat der gemeine Wähler nur ein diffuses Bild. Eine Kanzlerin Merkel, ein Außenminister Westerwelle und einen Umweltminister Trittin, wie soll sowas funktionieren?, frage ich mich. Oder ein Kanzler Steinmeier, ein Finanzminister Lafontaine und ein Außenminister Trittin? Vorstellbar?
1989 durfte ich als Abiturient einmal mit Willy Brandt zusammenzutreffen - Sie wissen schon, das war der, der einmal mit "Mehr Demokratie wagen" zum Kanzler wurde. ich fragte ihn, ob es nicht einmal an der Zeit sei, dass in Deutschland auch Minderheitsregierungen regierten. Ich fing mir eine Suada ein, dass in der deutschen Kanzlerdemokratie solche Verhältnisse nie eintreten werden. Ein paar Jahre später gab es eine Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt. Brandt hätte sicher auch nie daran denken wollen, dass es Zwei-plus-X-Koalitionen in der Bundesrepublik geben werde. Die Verhandlungen darüber werden wir bald auf Landesebene erleben. Und bald sicher auch in Berlin.
P.S. Eine tiefer gehende Analyse von Georg Fülberth zum Wahlabend steht hier. Später folgt die Polizeiruf-Kritik. Stay tuned.
|
|
Das Ende der großen Lügen.
|
|
|
"Die Politik hat sich mit der Perspektive, Dreier-Bündnisse bilden zu müssen, schon besser angefreundet, als das Wahlvolk."
Aus der Parteizentrale in NRW war grad das Gegenteilige zu hören. Die einfachen Parteimitglieder hätten gejubelt bei den Wahlergebnissen, die Rot-Rot-Grün möglich machten, die Parteispitzen hätten keine Reaktion gezeigt. Ansonsten schön, daß einem hier mal angekündigt wird, was heute noch passieren soll im Freitag. Da bleibt man doch auf Sendung. :-)) |
|
|
Für Georg Fülberth immer.
|
|
|
Da fehlt noch die Info: in der Parteizentrale der SPD. Ist fürn Ruhri so selbstverständlich, tschuldigung.
Aber auf einmal war der ganze Beitrag weg. |
|
|
Es gibt eine noch ungern ausgesprochene Tendenz:
In Thüringen sorgt die SPD dafür, dass Althaus CDU, im Amt bleibt. Im Saarland sorgen die Grünen dafür, dass Müller, CDU, an der Macht bleibt. SPD und Grüne geraten in Versuchung, weil beide bei der nächsten Bundesregierung dabei sein wollen. Momentan hätte das einen Kamikaze-Effekt, also wird die Entscheidung verschleppt. |
|
|
Matschie hat Althaus sogar zum Wahlsieger erklärt. Dazu fällt einem dann nicht mehr viel ein.
|
|
|
@titta
Bei Matschie war das wahrscheinlich ein Freudscher Versprecher, soviel Kameras verwirren die Sinne eines Provinzlers. @streifzug Im Saarland, da halte ich mal die Wette dagegen. Wenn die Grünen der CDU zur Macht verhelfen, wird sie das zerreißen. Sie werden natürlich alle auf Zeit spielen und das Wahlergebnis im Bund in allen drei Ländern abwarten. Ist do logo. Gruß BW |
|
|
Mit dem auf Zeit spielen hast du höchstwahrscheinlich recht.
|
|
|
schrieb am
31.08.2009 um 17:18
@Titta @Bildungswirt.
Den Versprecher hätte er korrigiert. Nein, das war (provozierende ?) Absicht. |
|
|
Hy Streifzug,
was ist los? Abgetaucht? Was ist mit unserer Wette? Gruß BW |
|
|
Danke, Jörn Kabisch, für diesen Artikel.
Als ich gestern Müntefering im Ersten sah, konnte ich es gar nicht fassen: Für mich grenzte es an Dummheit, das Zusammengehen mit den Linken angesichts dieser Zahlen weiterhin so vehement auszuschließen. Vogel-Strauß-Politik, oder was auch immer. Im Deutschlandradio Kultur erkärte ein Kollege dies auch mit mangelnden Gemeinsamkeiten bei Afghanistan und der Finanzpolitik, und eben der Angst vor der Kampagne, die Sie oben erwähnen. Wie ich schon bei JAs Artikel zu Afghanistan geschrieben habe, wird genau diese Hasenherzigkeit das Verhängnis der SPD bei der Bundestagswahl 2009 sein. Bloß - Angst wovor? Ich behaupte: Rote-Socken-Kampagne hin oder her, trotzdem würde die SPD mit dem Zugeständnis zu einer eventuellen Rot-Rot-Grün-Koalition besser abschneiden als ohne. Aber vielleicht brauchen sie ordentlich eins auf den Deckel. Diese Arroganz (weswegen eigentlich) ist unglaublich. Woran wir uns auch immer öfter gewöhnen müssen, vermutlich: Dass die zahlenmässig stärkste Partei nicht mehr in der Regierung vertreten ist. Es ist ein bisschen wie bei den Zeitungs-Verlagen und dem Internet: Der Stimmungswandel ist "draussen" längst da, aber "die Politiker" haben es verschlafen - oder wollten es nicht hören. Was viel über unsere Politiker aussagt. |
|
|
Kleiner Nachtrag: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) gab heute morgen gleich eine Kostprobe in Sachen "rote-Socken-Kampagne". Auf seine Interpretation der drei Wahlen angesprochen, sagte er nur, rustikal, wie er sich gern gibt: "Jo -da müssen wir wohl doch noch ´ne Schippe drauflegen.... Und müssen wir müssen dem Wähler unbedingt klarmachen, was für eine Regierung ihm sonst DROHT."
|
|
|
schrieb am
31.08.2009 um 17:17
Beim öffentlichen Müntefering tippe ich einfach nur noch auf Wahrnehmungsdefizite oder Altersstarrsinn.
|
|
|
In gewisser, beruhigender Weise haben die Ergebnisse von gestern die politischen Verhältnisse ein stückweit richtiggerückt. Wir leben in einem Land, in dem immer mehr Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen leben, sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet und in Zeiten einer globalen Krise, hervorgerufen durch den hemmungslosen Neoliberalismus. Da ist es mehr als natürlich, dass die Politik, die dafür verantwortlich ist, abgestraft wird. Dementsprechend deutlich und erfreulich das Signal von gestern: Schwarz-gelb hat keine Zukunft!
|
|
|
Zum eigentlichen Thema:
Vielleicht bietet diese neue Konstellation in der Parteienlandschaft auch Chancen, dass ein struktureller Richtungswechsel in Richtung Rot-Rot-Grün schneller zustande kommen kann. Einschränkung: Für mich wäre es wünschenswert, dass kroelle mit seiner letzten Behauptung recht hat, aber Rot-Rot-Grün bitte nur , wenn die Schröderianer von der alten Tante SPD rausgeschmissen werden. Danach sieht es zur Zeit ja wirklich nicht aus. Wenn ein Sigmar Gabriel gestern bei Anne Will stolz in Richtung Westerwelle darauf verweist, dass in der rotgrünen Ära der Spitzensteuerstaz auf 42 % gesunken ist, finde ich das als ehemaliger SPD-Wähler einfach nur skandalös. Solange diese Leute den Ton angeben, bitte "Liebe Linke" macht in so einem Haufen nicht mit. Im Wahlkampf hört sich das ja ziemlich gut an, was die Linke sagt, aber wenn die bei solchen Leuten wie Gabriel und Ihren neoliberalen Aktivitäten mitmachen, werde ich sofort wieder aus der jetzt noch neuen roten Hoffnung, die sich den Namen Links auf Ihre Fahne geschrieben hat, wieder austreten. |
|
|
"wenn die Schröderianer von der alten Tante SPD rausgeschmissen werden."
Solche "Lösungen" sind Scheinlösungen, das Problem marschiert durch die Hintertür wieder rein. Die SPD wird um eine politische Aufarbeitung ihres Scherbenhaufens nicht umhinkommen, neues Personal ist bis 2013 gefragt. Die alte Garde wird abtreten, vielleicht kommt es auch erst zum Erneuerungsprozess 2014 und zu einem einigermaßen entspannten Verhältnis zweier sozialdemokratische Parteien - SPD und Linke. Gruß BW |
|
|
Dass die Linke wirkliche eine sozialdemokratische Partei sein kann, wage ich zu bezweifeln - an der Basis tummeln sich dafür einfach zu viele Kommunisten...
|
|
|
Lafontaine ist sozialdemokratisches Urgestein, Gysi auch.Ein Teil der linken Sprüche gehören dazu, solltest du nicht so wichtig nehmen. Das meiste sind Parolen der Jusos aus den 70er Jahren.
Vergesellschaftung der Banken z.B. hat selbst die Frankfurter Rundschau Ende Okotober 2008 gefordert.Darüber kann doch mal nachgedacht werden. Was sind die wirklich notwendigen Funktionen der Banken? Das gleiche gilt für den Energiesektor oder? Monopolstellungen mit gigantischer Gewinnbeschöpfung (z.B.RWE 9 Milliarden 2008)kann doch innerhalb des Kapitalismus nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Gruß BW |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen