Joachim Losehand

Blog von Joachim Losehand

10.04.2009 | 15:25

Homo amans

(Kommentar zum Wochenthema und Beitrag „Jesus liebt Dich“ von Michael Jäger)

Homosexualität ist eine abnorme sexuelle Präferenz (Wehe dem, der diesen Satz isoliert liest oder gar zitiert!). Wohl um die 7% der Menschen mit klar homosexuellen Präferenzen stehen einem überwältigenden Rest von vielleicht 93% Heterosexuellen gegenüber, leben mitten unter ihnen und mit ihnen. Seit 1969 sind homosexuelle Menschen (vor allem Männer) in der Öffentlichkeit sichtbar und sichtbarer geworden. Homosexualität ist nicht mehr Neben- und Freizeitbeschäftigung von den „Sitten“ entsprechend verheirateten und kinderreichen Männern und Frauen, gleichgeschlechtliches Lieben, Leben und Erleben ist eigenständig geworden. Für manche, besonders für politisch engagiert denkende Menschen auch zu einer Vollzeitbeschäftigung.

Weil Homosexualität – wiewohl natürlich – eine Minderheit der Menschen betrifft, weichen diese Menschen (zunächst in ihrer Sexualität) von der Norm („ab norma“) der Mehrheit ab. Aus Sicht der Mehrheit der Heterosexuellen gilt für Homosexuelle durchaus das gleiche Recht wie für sie; „denn“, so formulierte es Gerhard Polt, „die Minderheit hat immer das Recht, sich der Mehrheit anzuschließen“. Gleichgeschlechtliche Praktiken finden sich bei vielen Spezies, nicht nur dem Menschen. Michael Jäger formuliert diesen empirischen Befund kreationistisch: man finde ihn „schon“ bei Tieren, also den dem Menschen in der Stufenordnung der Schöpfung zeitlich vorgeordneten, ansonsten in jeder Hinsicht nachgeordneten Lebewesen. Kurzum: man kann homosexuelles Verhalten nicht nur beim Menschen beobachten. Ob daraus folgt – und hier denkt Michael Jäger naturalistisch – daß Homosexualität auch beim Menschen etwas Normales und nicht weiter Bedenkenswertes ist, wird sicherlich von manchen bezweifelt werden. Schließlich finden wir auch Kannibalismus im Tierreich, Eltern oder Geschwister fressen das schwächste Junge, Männchen töten die Nachkommen unterlegener Tiere, deren Weibchen man erobert hat. Daß Verhalten im Tierreich beobachtbar ist, muß also nicht heißen, daß man sich beruhigt zurücklehnen kann. Denn schließlich gibt es auch menschliches Verhalten, welches keine Analogie bei anderen Arten hat und das wir trotzdem dann gerne als „viehisch“ abklassifizieren.

Ich mag mich irren, aber schon im Einstieg zu seinem, wie ich schon schrieb: lobenswerten und wohlbedachten Leit-Artikel zeigt sich, wie auch in der Folge, daß der Autor einen wichtigen Kardinalpunkt in der Argumentation der christlichen Morallehre und auch in der nicht-christlichen Ablehnung von Homosexualität als dauerhaftes Verhalten und als Lebensform nicht rezipiert und seine Bedeutung erkannt hat. Er sieht sie wohl – die Fortpflanzung – aber er glaubt ihr nicht recht. „So mag man früher wohl gedacht haben“ resümiert Michael Jäger und schüttelt innerlich über seinen Quellen den Kopf.

Widernatürlich ist Homosexualität für die monotheistischen Religionen, weil die natürliche Schöpfungsordnung Mann und Frau gemeinsam sieht; Gott spricht im Paradies beide gemeinsam an, Mann und Frau sind aufeinander hin geschaffen, nur zusammen sind sie „ein Fleisch“, sind sie „ganz“. Darum ist auch homosexuelles Empfinden „ungeordnet“, sagt die katholische Morallehre – unabhängig davon, daß auch Rosa von Praunheims Befund gilt und wir sagen müssen, daß jedes Empfinden immer in „Unordnung“ gerät, wenn es psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt ist. (Die Verletzungen, die Homosexuelle gerade in der Phase ihrer Selbstfindung erleiden müssen, machen auch Heterosexuelle „irre“ an sich und der Welt, würde ihnen gleiches widerfahren.) Homosexualität „macht nicht ganz“, darum kann es nach derzeitiger katholischer und orthodoxer Morallehre keine „homosexuelle Ehe“ geben, schon begrifflich ein Paradoxon, sagen sie folgerichtig. Und darum ist auch das Handeln des Onan die „Sünde des Onan“, weil er seine Geschlechtlichkeit alleine auslebt, nicht nur seinen Samen vergeudet, sondern seine Sexualität egozentrisch mißbraucht, ein Verlangen, das geordnet sein kann nur mit einer Frau und mit dem Wunsch auf Nachkommen. Darum können auch Ehen aufgelöst werden, wenn sie geschlossen wurde ohne den Wunsch auf Nachkommenschaft, und ohne Vollzug der Ehe geblieben sind. Äußerlich mag die „Ehe“ bestanden haben, faktisch jedoch nicht. „Josefs-Ehen“ sind nur dann heilig, wenn man will, aber nicht kann oder will, aber seinen Willen auf dem Altar der Keuschheit (der einzig geordneten Alternative) opfert.

Mag man auch den Kopf schütteln über solchem Denken, die Ordnung der kirchlichen Sexuallehre läßt sich zusammenfassen in „Weitergabe des Lebens in einer von Gott gesegneten Gemeinschaft von Mann und Frau“. Alles andere ist ungeordnet und nicht von Gott gewollt. Die anglikanische Kirche, die liturgisch und emotional sich der katholischen Kirche nahe fühlt aber in der seelsorglichen und kirchenpolitischen Praxis eher protestantisch denkt und handelt, kann von „Liebe zwischen Männern“ denken und sprechen, und meint dabei durchaus „amor“ und nicht nur „caritas“. Den orthodoxen und den katholischen Kirchen ist das logisch verwehrt.

In jedem Fall ist es immer wieder erstaunlich (wenn auch nicht unbegreiflich), daß gerade eine Religion, die nicht für ihre Freude an der menschlichen Sexualität bekannt ist, so ausführlich und unablässig darüber redet. Natürlich ist das auch ein „Kommunikationsproblem“, die christliche Moral- und Soziallehre und die Ethik des Christentums konzentriert sich und zeigt nicht nur auf „das Eine“. Aber es wird auch nicht deutlich genug das Gegenteil vertreten, mal genervt abgewunken und die Unordnung in der Welt von der vermeintlichen Unordnung sexueller Empfindungen entknüpft.

Auch die Aufforderung an alle, deren Sexualität die kath. Kirche für ungeordnet hält, dieser Unordnung mit einer Patt-Endlösung zu begegnen und keusch zu leben, hat nur bedingt einen realitätsnahen Impetus. Natürlich: die rechte Leitung der eigenen Sexualität, die Herrschaft des Geistes über den Körper, ist ein erstrebenswertes Ideal in allen ethisch ausgerichteten Religionen und Philosophien. Die Promiskuität in der männlichen homosexuellen Subkultur mag mit Verweis auf das Tierreich entschuldbar sein, da „rammeln ja auch alle in den Ecken und unter den Bäumen“, aber auch nicht allen Homosexuellen ist das Treiben geheuer und „geordnet“.

Was wir in der Natur außer beim Menschen nicht finden (aber vielleicht bin ich da nicht „up to date“), ist etwas, das uns trotz allem „natürlich“ ist, ein Bedürfnis ist, wie Essen, Trinken und Atmen: Liebe. Der Mensch ist liebesbedürftig und liebesfähig. Aus der Erkenntnis „Jesus liebt Dich“ folgert der Kirchenlehrer Augustinus von Hippo: „ama – et fac quod vis“. Liebe – und tue was Du willst.

 
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Kommentare
feliksbln schrieb am 11.04.2009 um 11:52
Wie schön, dass am Ende des Beitrages von Joachim Losehand die Kernignoranz der Kirche(n) - und der meisten Homosexualitätsgegener - auf den zentralen Punkt gebracht wird. Nämlich das Ausklammern der Liebesfähigkeit und des Liebesbedürfnisses von Lesben und Schwulen.

Es ist sehr bemerkenswert, dass die ganze Debatte über Homosexualität sich so sehr an der Sexualität als reine Ausübung des sexuellen Aktes abarbeitet (dabei u.a. naturalistische, moralische oder bevölkerungspolitische "Argumentente" ins Feld führt) und völlig außen vor lässt, dass lesbischer/schwuler Sex genau deshalb stattfindet, weil sich lesbische/schwule Menschen zu anderen Menschen (entsprechenden Geschlechts) hingezogen fühlen, und zwar u.a. aus schlichter und reiner Liebe - und zwar in genau dem selben Maße, wie bei heteroSEXUELLEN Menschen auch.
Unbenommen davon frönen viele Menschen (egal welcher sexuellen Orientierung) der sexuellen Lust (egal in welcher Stellung) auch einfach nur aus einem starken Attraktivitätsempfinden, temporärer Zuneigung oder aus momentaner Geilheit (was die Sache nicht schlechter macht, sondern einfach nur ehrlich menschlich. Den Göttern oder einfach nur der Natur - je nach Einstellung - sei's gedankt!

Aber klar, fokussiert auf die eigenen sexuellen Vorlieben und (Un-)Möglichkeiten, lehnen viele Menschen andere Varianten für sich ab (und belegen sie mit Ekel, mit Hass und mit Verboten) weil es natürlich (!) einfacher ist, sich auf dieser faktischen Ebene dem Thema zu nähern und es für sich zu instrumentalisieren.

Es ist mehr als bezeichnend, dass der emotionale Aspekt völlig ausgeklammert wird und den sich etliche Hassprediger (man gestatte mir diese Verkürzung) wahrscheinlich tatsächlich nicht vorstellen können. Weniger interessant als dramatisch dabei ist der immer wieder aufkommende missionarische Charakter dieser "Puristen", die den Rest der Gruppe nach ihrer Façon glücklich machen wollen! Oder liegt gar hier eine Unordnung vor, nur dann glücklich sein zu können, wenn alles nach den eigenen Vorstellungen läuft?

Wie dem auch sei, ich unterstelle hier Absicht. Denn durch die Berücksichtigung des Liebes-/Zuneigungsgefühes bei sexuellen Handlungen, die jenseits der heterosexuellen Mehrheits-Praxis stattfinden, würde die Menschlichkeit in ihrer existentiellsten Form mit in die Bewertung der homosexuellen Handlung genommen werden und die Diskussion anders geführt werden müssen. Etwas, das für Menschen, die sich gegen homosexuelles Verhalten stellen, sicherlich nicht sinnvoll und wünschenswert ist, schließlich geht es ganz klar um die Markierung als etwas Entmenschlichtem - um die Darstellung als "Bestie".
Joachim Losehand schrieb am 11.04.2009 um 14:01
Ich hatte in einem Kommentar zu einem Beitrag von „Chris97“ („Vom Verharmlosen von Kinderpornografie“) angemerkt, daß es einen empirischen Zusammenhang zwischen vermehrten Berichten über Kindesmißbrauch bzw. Pädophilie und gewalttätigen Übergriffen auf Schwule gibt. Männliche Homosexualität und homosexuelle Pädophilie wird von manchen Menschen nach wie vor als synonym gesehen, was zu entsprechenden Gleichsetzungen von Schwulen und „Kinderverzahrern“ (österr. Idiom) in den Köpfen der, naja, „prekären“ Mittel- und Unterschicht und zu affektiven Ausfällen führt. Insofern stimme ich dem Befund zu, daß – wenigstens partiell – mit dem Marker „Bestie“ gearbeitet wird.

Die röm.-kath. Kirche hat ihre eigenen Wahrnehmungs- und Definitionsdefizite, die sich jedoch auf einem anderen Niveau und mit einem anderen Abstraktionsgrad abspielen. Homosexualität als „spezifische Neigung“ oder „Tendenz“ ist zwar seit 1986 nicht mehr „sündhaft“, jedoch nach wie vor im Sprachgebrauch „objektiv ungeordnet“. Implizit wird Homosexuellen unterstellt, keinen genügenden Grad an affektiver Reife erlangen zu können, um, wie es auch heißt: eine „korrekte Beziehung zu Männern und Frauen zu pflegen“. Bislang hat man sich noch nicht dazu durchringen können, auch Heterosexuellen den gleichen Grad affektiver Unreife und partieller Unordnung zuzugestehen, den Menschen individuell oder kollektiv nun einmal haben. In gewisser Weise fällt die Amtskirche hier ein Vor-Urteil, entgegen empirischer Befunde. Denn die homosexuellen freiwillig zölibatär lebenden Priester bzw. Pfarrer mit affektiver Reife und einer „korrekte Beziehung zu Männern und Frauen“ sind ja nicht sichtbar. Die heterosexuellen Amtsbrüder mit ihren Nöten hingegen immer häufiger, was vielleicht auch grundsätzlich zu einem Umdenken in der Beurteilung von sexueller Präferenz und Reifefähigkeit führt.
Joachim Losehand
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