Katharina Schmitz

Blog von Katharina Schmitz

21.07.2010 | 12:45

Das Streiflicht macht nicht nur Studienräte glücklich

Das Streiflicht der Süddeutschen ist ja quasi die höhere Schule des Boulevards für den - grob in einen Sack gesteckt - Bildungsbürger. Seit 1946 täglich oben links. Heimlich kann er da, bevor er sich den großen Ereignissen zuwendet, erstmal nach Castrop-Rauxel schielen und schauen, was so unerhört für eine DPA-Meldung gereicht hat. Ein alltägliches Kuriosum von hinterm Mond oder aus der Welt, dann muss die Muse küssen, und das tut sie nicht immer aber doch bewährt recht leidenschaftlich. Ich jedenfalls bin ein großer Bewunderer des Streiflichts. Es ist, als läse man zu Hause im Café.

Man kann es aber auch im Café lesen. Dann ist es so, als wäre man zuhause. Anywhere in the world: Ich lese das Streiflicht jeden Tag und berichte meinem Liebsten darüber. Er verdreht dann die Augen, ich aber weiß, dass auch er ein heimlicher Bewunderer ist. Ich glaube, es gibt viele heimliche Bewunderer des Streiflichts. Ja, es ist anzunehmen, dass es ohne das Streiflicht die SZ überhaupt nicht mehr gäbe!

Drei Stunden ungefähr – stand irgendwo zu lesen - recherchiert, konstruiert, philosophiert der Autor an seinem Text. Er kommt vom Besonderen ins Allgemeine oder umgekehrt, macht kurz einen Schlenker zu Goethe, Schiller oder einem anderen aus dem Kanon und das so leichtfüßig, dass es wie Muttermilch und nicht hochstaplerisch klingt. Etwa drei Pointen werden platziert, die Form ist Preußen: 72 Zeilen. Hauptteil, Mittelteil, Schluss. Kurz vor dem Andruck ist die Nadel gestrickt, was dann nicht stimmt, soll der aufmerksame Leser richtig stellen.

Wikipedia sagt, das Streiflicht will "eine Art Leuchtturm im Sturmgebraus der täglichen Hiobsbotschaften" sein, das hätte einer seiner Erfinder, der SZ-Redakteur Franz Josef Schoningh gesagt. Der exponierte Unernst sei eine "Liebeserklärung an die Leser" meint Claudius Seidl in einem Interview. Das Streiflicht - im Unterschied zum Leitartikel - muss angeblich  von allen Redakteuren abgesegnet werden.

Und heute? Bei der Lingerie-Kette Vicoria?s Secret in New York erschnüffelte ein Hund jüngst Bedbugs. Eine Steilvorlage für den Autor? Jedenfalls liest es sich so. Da schwadroniert er auf hohem Niveau vom Gilb an deutschen Vorhängen, das weg ist, seit es die alte Bundesrepublik nicht mehr gibt und mit ihr die Vorhänge und Zugeknöpftheit, stattdessen sehr viel, viel zu viel Privates im Öffentlichen (1). Er spaziert weiter zum berühmten Beiß, so nennt der Bayer Ungeziefer aller Art (das heuer uns Deutsche plagt) im lokalpatriotrischen Wettstreit, welcher Beiß durchtriebener ist: der Sendlinger oder der Untergießinger (2). Dann steuert der Autor zielsicher zum Bedbug und ein bisschen Schadenfreude ist auch dabei: Beim Feind Bettwanze hilft eben keine Pump Gun und kein Cobra-Kampfhubschrauber, Amerika ist machtlos, das Geschäft musste geschlossen werden (3). Und mit Brecht wird gezwinkert: "Den Haien entrann ich. Den Tiger erledigte ich. Aufgefressen wurde ich. Von den Wanzen." Das Streiflicht ist wunderbar, nur Nacherzählen geht nicht, man muss es schon selbst lesen.

Doch wie mit allem, was gut ist, da kommt einer und wittert die Zweitvermarktung, die Marketing-Leute schreien Geschäft. Die gesammelten Glossen erscheinen inzwischen in Buchform (mit Nennung der Autoren!), so wie das Rätsel der ZEIT, um die Ecke gedacht. Wer sich das ausgedacht hat. Das ist als ob, als würde man, als fände nächstes Jahr die nächste WM statt. Da halte ich es lieber wie Michael Ballack: "Ich habe keine Rituale - bis auf Sachen, die man immer wieder gleich macht" - täglich das Streiflicht lesen.


 
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Kommentare
ed2murrow schrieb am 21.07.2010 um 13:14
Liebe Katharina Schmitz,

diese Liebeserklärung (so lese ich Sie) an das Streiflicht im Blätterwald, die teile ich. Vieles ist bei der SZ zu sehr Routine geworden, und manchmal prantelt es ganz fürchterlich. Aber diese eine halbe Spalte da links oben, auch wenn nicht mehr Riehl-Heyse dahinter stecken mag (hat er je?), die hat ihr Eigenleben. Übertrüge ich es auf flattr, wären es rund 24 x 1 € = Abopreis für die online-Ausgabe + ein Cappu irgendwo in der Ludwigstraße.

Der Werkstattbericht liest sich hier
www.henri-nannen-preis.de/preistraeger_2005.php?id=34&award=Herausragende+humorvolle+Berichterstattung

Ihr e2m
Katharina Schmitz schrieb am 21.07.2010 um 14:00
Lieber e2m

vielen Dank! Bei Wikipedia werden ein paar Namen genannt. Riehl-Heyse ist nicht dabei. So ein kleines Lese-Juwel ist sein Geld wert, finde ich auch. Ich gestehe, dass ich deshalb ganz gerne die BRIGITTE lese - wegen der amüsanten Kolumnen. Julia Karnick, Georg Cadegginanini, sogar Ildikó von Kürthy, auch wenn diese meist auf dem Klassiker herumreitet: die weibliche Eitelkeit. In Sachen Reportage unbedingt lesenswert Stuckrad-Barre, erschiene die regelmässig in der Welt, ich wüsste nicht ... ;0)

Sonnigen Gruß nach München, Katharina Schmitz
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.07.2010 um 14:23
Liebes Streiflicht,
täglich lese ich Dich. Du geschmeidigster aller Hafenpoller im Ozean des täglichen Irrsinns.
Und täglich denke ich mir, das kann ich auch. So locker und witzig und klug ist meine Welt schon lange. Und die alten Griechen und alles andere schlage ich eben nach. Gleich, gleich setze ich mich hin und schreibe die ersten fünf Streiflichter. Zum Beispiel über die Vergeblichkeit aller Rücktritte, die Sinnlosigkeit aller Leserbriefe oder den Zusammenhang zwischen, sagen wir, rutschenden Socken und dem Winterdienst. Ich brauche also schon nächste Woche fünfmal 72 Zeilen. Erste Seite. Oben links. Die 5000 € Honorar bitte gleich aufs Konto. Über eine Festanstellung läßt sich eher nicht reden.
Ich fang' dann also schon mal an. Gleich jedenfalls.
Einen herzlichen Gruß
Michael Angele schrieb am 21.07.2010 um 14:35
Sehr geehrter Herr GerhardHM

Herr Riehl-Heyse von der Süddeutsche Zeitung hat mir Ihren Veröffentlichungswunsch weitergeleitet. Er sitzt ja ganz oben, es soll also unser Wunsch sein. Fünfmal 72 Zeilen. Gebloggt.
Gebongt.
Freundliche Grüße
Michael Angele

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Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.07.2010 um 14:45
Oh! Äh! Hmmm! Schweißausbruch. Wo ist die Dusche?
ed2murrow schrieb am 21.07.2010 um 16:54
Lieber Angele,
Riehl-Heyse ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Das ist der Grund, warum er zumindest jetzt auf keinen Fall mehr Streiflichter schreibt.
MfG, e2m
Michael Angele schrieb am 21.07.2010 um 17:12
Lieber ed2murrow

das weiß ich doch! Deshalb habe ich doch geschrieben "Er sitzt ja ganz oben". Sie sind doch ein Mann der höchstsubtilen Lektüre! Die Hitze?
Schöne Grüße
MA
ed2murrow schrieb am 22.07.2010 um 07:32
Yep. Entschuldigen Sie bitte.
Katharina Schmitz schrieb am 22.07.2010 um 08:44
und war natürlich einer DER Streiflicht-Autoren, meine Doofheit.
Katharina Schmitz
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