Katharina Schmitz

Blog von Katharina Schmitz

04.02.2010 | 14:44

Worte als Totschlagargumente

 

Meine Freundin hatte neulich Besuch von ihrem Vater. Einmal im Jahr für ein paar Tage reist dieser aus Bayern in ihr Leben nach Berlin. Sie erzählte mir, wie immer wieder aufs Neue sie erst irritiert und bald auch entsetzt sei von der rohen Sprache des Vaters, die sie natürlich noch kenne, doch wie diese Sprache sie immer wieder in ihre gewalt-atmosphärische Heimat und Kindheit katapultiere und die Erinnerung zurückkehre an diese Sprachgewalt. Du musst unbedingt dieses  Buch lesen, erwiderte ich: "Pascolini" von Maximilian Steinbeis.

 Dieser Roman ist eine Provinzposse aus Bayern. Ich will gerne glauben, dass Ungeheuerliches möglich ist in diesem entlegenen Landstrich mit seinen eigensinnigen, argwöhnischen, urkatholischen, politisch rückständigst stammtischlernden Bewohnern. Die Erzählerin beschreibt ihre Herkunft abgeklärt und spöttisch und bei allem, was sie dort erlebt hat, ist das vielleicht die einzig mögliche sie schützende Sprache, um überhaupt weiterzuleben zu können. Die Sprache überhaupt in diesem Buch ist die intelligente Verteidigung für die Guten wie für die Bösen, für die "Fremden"im Ort, die „Zugezogenen“, wie für die Einheimischen. Sprachliche Überlegenheit und Überheblichkeit entwaffnet die Alteingesessenen, aber auch die wissen, wie sie einen Feind unter ihresgleichen in melodisch bedrohender Mundart ins Gesicht schlagen können oder für alle Zeiten mundtot machen.

 Allerorten lauert das Böse, Niederträchtige und Kriminelle, erst nur als unheimliche Ankündigung bei einer harmlosen Theaterprobe, dann inmitten einer fröhlichen Schneeballschlacht. Am Schluss übt nicht einer Rache, der nur die brachiale dumpfe wortlose Gewalt kennt, sondern einer, der die Kunst der Demütigung allein durch das Wort, Blicke und Gesten immer wieder erduldet hat.

"Man muss sich die Kunden des Aufbau-Verlags als glückliche Menschen vorstellen", mit diesem schaurigen Journalisten-Allgemeinplatz wird im Anhang die Süddeutsche Zeitung zitiert und weitere Titel im Programm des Verlags vorgestellt. Aber es stimmt! Ich muss nun auch das Debüt des Autors "Schwarzes Wasser" lesen.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 04.02.2010 um 14:56
Sehr interessante Rezension, die Interesse weckt.
Katharina Schmitz schrieb am 04.02.2010 um 20:23
vielen Dank, ich kann das Buch nur empfehlen
ed2murrow schrieb am 04.02.2010 um 15:26
Katharina Schmitz schrieb am 04.02.2010 um 20:31
danke für den Link! Indes - ich würde ein Buch höchstens anlesen und zwar lieber im Buchladen, die Auszüge hier sind mir fast schon zuviel Einblick, man will doch in den Sog hinein.
luggi schrieb am 04.02.2010 um 20:43
Ich lese das Buch nicht, ich hab's hier live, als Zugreister.
Katharina Schmitz
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