Kathrin Zinkant

Blog von Kathrin Zinkant

23.04.2010 | 15:31

PID-Drama: Wer hat "Die Drachen besiegen" gesehen?

Es gibt Themen, die finden in Deutschland einfach nicht mehr statt. Zu diesen Themen gehört klar auch die Möglichkeit in der modernen Reproduktionsmedizin, in vitro erzeugte Embryos genetisch zu untersuchen und auszusortieren. Das erste so gezeugte Geschwisterpärchen kam vor nunmehr 20 Jahren zur Welt, in vielen Ländern ist die Methode akzeptert und erlaubt - was an der ethischen Problematik nichts ändert. sehr wohl aber an der Haltung mancher Wissenschaftler, die sich offen für eine Auslese per PID ausprechen und zwar immer entlang der biotechnologischen Möglichkeiten.

Nun ist das alles in Deutschland aber verboten und geregelt und deshalb eigentlich kein Thema. Oder doch? Vorgestern abend lief in der ARD ein Film, der sehr deutlich gemacht hat, wie nahe das Themenfeld in Wahrheit an uns allen dran ist. Mit viel öffentlich-rechtlichem Kitsch darin, aber doch realistisch. Meine Kollegin Ulrike Baureithel greift das Thema anlässlich eines Kommentars im Wissenschaftsmagazin Nature in der aktuellen Freitagsausgabe auf, und weist dabei auch auf die Problematik des Reproduktionstourismus hin, der ja nicht einmal unbedingt mit Selektionswünschen verbunden sein muss, sondern oft am Kinderwunsch allein hängt.

Wo sind da wirklich die Grenzen? Können wir es uns leisten, die ethische Problematik - wie schon beim Thema Stammzellen - ins Ausland abzuschieben? Interessiert sich tatsächlich niemand für die Frage, wie wir mit der prinzipiell möglichen Diskriminierung ungeborenen Lebens umgehen?

 

 
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Kommentare
Technixer schrieb am 23.04.2010 um 18:39
Hallo Kathrin,

nach meinem aktuellen Kenntnisstand rückt man von der Erforschung embryonaler Stammzellen ab. Zu groß und zu unüberschaubar das Feld der Wechselwirkungen, wann welcher Zusatz in welchen Mengen benötigt wird um die gewünschte Ausdifferenzierung zu ermöglichen. Die Zellen sind auch meist geschädigt,weil tiefgefroren und so weiter.

Soweit ich es mitbekomme, setzt man eher auf die Reprogrammierung von somatischen Stammzellen, um bei diesen Pluripotenz zu erzeugen.
scienceonline.org/cgi/content/abstract/318/5858/1917
Diese konnte man bereits in Muskelzellen differenzieren (irgend nen anderes Paper), weil man die Faktoren genauer definieren kann.

Die embryonale Stammzellforschung hat seit Jahren keine Fortschritte erzielt und einige Fachleute haben bereits vor Jahren schon (vgl. Spektrum der Wissenschaften 2004 -Die Verheißung von Stammzellen) auf diese zu erwartende Entwicklung aufmerksam gemacht.

Mal abgesehen von den religiösen Fragen, ob ein Maulbeerkeim eine Seele hat und somit das ungeborene Leben zu schützen ist usw., ist allerdings die Entwicklung in der molekularen Genetik mit Sorge zu betrachten.
Patentierung von effizienzsteigernden Genen die man evtl. aus Profisportlern isolieren kann oder das Gen-Screening und danach die Berechnung des Krankenkassenbeitrages. Das sind die Bereiche welche mir eher Kopf zerbrechen bereiten.

Dann würden nämlich reiche Menschen noch mehr Möglichkeiten erhalten ihren Nachwuchs zu pimpen, wenn man solch eine Marktausschlachtung wünscht. Quasi eine neoliberale Neuorientierung ihres vertretenen Sozialdarwinismus, dessen ich diese Menschen einfach mal beschuldige.
luggi schrieb am 23.04.2010 um 20:18
Wir degenieren immer mehr und die Genetik (je nach Anwendungsrichtung) beschleunigt diesen Prozess.
Kathrin Zinkant schrieb am 25.04.2010 um 01:47
In der Präimplantationsdiagnostik geht es nicht um Stammzellen - aber weil ich sie als Parallele erwähnt habe und weil es da offensichtlich Klärungsbedarf gibt:

Welcher Unterschied besteht zwischen einer embryonalen und einer induzierten pluripotenten Stammzelle? Abgesehen von der Herkunft: keiner. Zumindest sollte es keinen geben, denn ES-Zellen sind quasi das ungeborene Vorbild der neuen, ethisch so sauberen IPS-Zellen. Ohne Kenntnisse aus der Forschung an embryonalen Stammzellen hätte es keine IPS-Zellen gegeben und gäbe es auch nicht diese Fortschritte mit IPS-Zellen (Der Senior Author des Papers, das sie da verlinken, ist nicht umsonst der Mann, der die ersten ES-Zellen überhaupt isolieren konnte, über Jahre alle wichtigen humanen ES-Zelllinien lieferte und bis heute an diesen Zellen forscht, nämlich Jamie Thomson) Das ist ein Zusammenhang, der viel zu oft unter den Tisch fällt. Was bei vielen den Eindruck erzeugt, die Forschung an embryonalen Stammzellen sei überflüssig, nur, weil es doch andere pluripotente Zellen gibt.

Und selbst da es sie nun gibt: IPS-Zellen müssen genau so mühselig zum Differenzieren werden, wie andere pluripotente Zellen auch. Sie haben den Vorteil, dass man sie inzwischen leichter gewinnen kann - und nicht "weil man die Faktoren genauer definieren kann". Wie definiert man denn die Faktoren, die man auf die IPS-Zellen gibt? Diese Frage stellt sich für die guten, neuen Zellen genau so, wie für die alten, bösen ES-Zellen.

Meine Frage bezog sich nun allerdings nicht auf die Stammzell-Problematik, sondern auf die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, mit deren Hilfe in einigen Ländern, zum Beispiel Holland, bereits Embryos mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko aussortiert werden. Wie auf dem inhaltlich doch recht verschiedenen Feld der Stammzellen hat man sich in Deutschland entschieden, die PID hier schlicht zu verbieten. Mit der Folge, dass ein wachsende Zahl von Eltern ins Ausland reist, um sich dort helfen zu lassen. So wie im oben genannten Film. Damit wird das Problem aber nur ausgelagert, den de facto findet die PID ja trotzdem statt.
Technixer schrieb am 25.04.2010 um 10:41
"Wie definiert man denn die Faktoren, die man auf die IPS-Zellen gibt?"

Bei Stammzellen war/ist ja ein Hauptproblem, dass man diese nicht gezielt zu den gewünschten Zellen ausdifferenzieren kann. Mit Faktoren meine ich alle möglichen, wäre ja jetzt Unfug diese auf zu zählen.
Als ich in Wien, an den MFPL an einem Praktikum zur Zellentwicklung teilnahm, haben wir eigentlich ganz gut IPS und im nachhinein eine Ausdifferenzierung hinbekommen. Das dies nur ein Lehrbeispiel zu den Methoden war, ist mir bewusst. Aber trotzdem wurde mittels definierter Faktoren eine Reprogrammierung möglich.

Naja zum Thema PID kann ich nicht soviel sagen, außer dass das Feld der Bioethik immer größer wird. Inwieweit dies ethisch fragwürdig ist, ab wann man Wahrscheinlichkeiten "aussortiert" würde ich mal behaupten, dass ist für die meisten Menschen einfach zu abstrakt.

PID scheint ja nur so eine Art Vorläufer von "Pimp-my-Embryo". Ich meine selbst in der Genetik an den Unis wird nichteinmal auf die Problematik solcher statistischen Wahrscheinlichkeiten eingegangen. Wenn also die Forscher schon den Nutzer aufklären, wie sollen sich dann Paare dieser Problematik stellen?

Es kam mal ein Beitrag darüber (ob in TV oder ob ich es gelesen habe weiß ich nicht mehr) in dem das so richtig schön auseinander gefetzt wurde mit den Wahrschneinlichkeiten. Diese sind nämlich ziemlicher Unfug.
Technixer schrieb am 25.04.2010 um 10:50
"Wenn also die Forscher schon den Nutzer (NICHT) aufklären..."
Kathrin Zinkant
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