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Der Chef ist weg, der Boss, der Köhler. In 27 Tagen wird ein neuer Bundespräsidentenmensch gewählt. Wie fühlt er sich an, der Alltag so ohne richtiges Staatsoberhaupt? Ein Tagebuch.

Eigenbrötlerei führe am Sinn des Lebens vorbei, erfahre ich in der Radio-Predigt zu Fronleichnam. Okay. Suche ich also menschliche Nähe. Und finde sie wie immer in der Straßenbahn. Der Leib des Herrn neben mir ist ein Bekenntnis und nichts für empfindliche Nasen. Beim Ablenkblick aus dem Fenster sehe ich, dass die Ausstellung "Sand - Spiegel der Umwelt" im Naturkundemuseum nur noch bis 4. Juli läuft. Im Bildermuseum, ein paar Meter weiter, verspricht Neo Rauch, noch bis Mitte August mein "Begleiter" zu sein . Ab morgen zeigt Gunter von Hagens seine "Körperwelten." Staub, Rauch, Leichen. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, melancholisch zu werden, verwerfe ihn aber. Zu viel Sonne.

Beim Grundversorger an der Ecke muss ich sehen, dass Der Freitag jetzt so viel kostet wie meine erste Zigarettenschachtel vor 23 Jahren: Kenton Menthol, Mark der DDR. Wobei Der Freitag nicht so tödlich ist. Ich lasse anschreiben und gebe mir Feuer. 25 Cent lösen sich auf in Rauch. Staub. Körperwelten. Vielleicht sollte ich doch melancholisch werden.

Hat Köhler eigentlich ein Laster? Herrscht im Schloss Bellevue neben dem Bundespräsidenten auch Rauchverbot? Ich denke an Helmut Schmidt und habe eine Vision: Weißer Rauch über der Bundesversammlung ... Habemus Cheffe! Es ist ein Raucher! Eine Prozession deutscher Gastwirte endet mit Public Drinking im Tiergarten. Brot wird geteilt, das Leben - es hat einen Sinn.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.