kay.kloetzer

robinson

28.01.2012 | 13:39

Revolution nach Noten

Seit Freitag wird am Theater Freiburg übers Handeln diskutiert. „(Wie) geht Veränderung?“ fragt vom 27. bis 29. Januar ein Kongress zur Kunst der Teilhabe in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die lokalen Krisen provozierten ein neues Nachdenken, heißt es. Quasi als Auftakt feierte am 26. Januar in Kleinen Haus ein Liederabend Premiere: „Children of the Revolution“ wurde vom Publikum bejubelt.

Eigentlich sollte Tom Ryser nach „Orpheus in der Unterwelt“  eine Operette für Schauspieler auf die große Bühne des Dreispartenhauses bringen. Doch der  Regisseur schlug er einen Liederabend vor. Eine gute Entscheidung, denn nun zeigt er – gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Nikolaus Reinke, etwas Großes im Kleinen, und das wird daher umso deutlicher. Beide spürten in der Gesellschaft „eine nostalgische Revolutionssehnsucht“, sagte Reinke vorab der Badischen Zeitung.

Am Ende lädt die Jüngste durch. „Man zielt nicht auf das Publikum“, sagt der Kellner, der den Sekt bringt, um den kommenden Aufstand zu feiern, vielleicht auch nur die Erinnerungen an zurückliegende Empörungen oder das kleine Wutgefühl im vollen Magen. Der aber die Gläser nicht rausrückt gegen imaginiertes Theater-Geld. „Da ist nichts“,  trotzt er, bis der Pianist leblos auf dem Parkett liegt, niedergestreckt von der Jüngsten, die, zart und blond (anrührend: die Stuttgarter Schauspielstudentin Jenny Langner), auch ohne Kimme und Korn auf das Publikum zielt mit Wolf Biermanns Nachdichtung:


„Uns bleibt, was gut und was klar war:
Und dass man bei Dir immer durchsah,
und Liebe, Hass, doch nie Furcht sah,
Commandante Che Guevara!“


Der Commandante  ist längst „weg, und doch geblieben“. Im Döner-Imbiss neben der Uni etwa schaut er von den Wänden. „Jesus Christus mit der Knarre“ - Da wenden sich die anderen ab, treten hinten an die Fenstern, hinter denen der Tag anbricht, führen zurück in die Realität ohne Gewähr. So gelingt Regisseur Ryser der gewagte  Schritt von Revolutions-Pop und Protest-Songs in eine Nachdenklichkeit, die Verklärung ausschließt und ja auch auf Wohlstand fußt. Trotz „Internationale“ und „Solidaritätslied“, dem Sound der DDR, den mancher hier gewiss zum ersten Mal live gesungen hört. Wenn nicht überhaupt.

Doch einen neuen Soundtrack gibt es nicht, es gibt keine politische Popmusik, die mit den aktuellen Protesten in Verbindung gebracht werden kann, sagt Dramaturgin Heike Müller-Merten, der es um das Irritierende dieser Zusammenstellung geht, im Bewusstsein der Gefahr des Kitsches oder der Ironisierung.

Während im Freiburger Friedrichsbau  Rudi Gauls Dokumentarfilm „Wader Wecker Vater Land“ zu sehen ist, das Aufbegehren der Alten, verschneidet der Banker „seine Buchsbaumhecke im Rot-Stern-T-Shirt“, wie Müller-Merten im Programmheft schreibt, und im Nachtbus raunt ein Kapuzenshirtträger „El pueblo unido“ wie ein Mantra „in seine leere Bierflasche“. Avanti o popolo, vorwärts, Volk, jedoch wohin?

Die Inszenierung kommt ohne Symbole aus. Auf der kargen Bühne, einem Raum mit fünf Türen und einem Sofa, beginnt der Abend mit dem Morgengrauen: Zu „Morning Has Broken“ kommen nach und nach sieben WG-Bewohner aus ihren Betten, den Schlafanzug werden sie sehr spät erst ablegen und gegen einen Anzug tauschen. Sie räkeln  sich und fotografieren sich mit Selbstauslöser und machen sich Gedanken mit Monty Pythons „So Worried“. Diese frühen Vögel fangen erstmal keinen Wurm.

Traumtänzer sind sie, born to be wild, wenn es zu hause nicht so läuft. Jede Veränderung schiene unglaubwürdig, wäre da nicht eine Art Nachrichtensprecher, der vor der Szene halb unter, halb über dem Bühnenboden, informiert und kommentiert, wörtlich oder pantomimisch übersetzt  (großartig: Victor Calero). Der der Marseillaise oder „They Don't Care About Us“ eine zweite Ebene gibt und die Liedtexte mit neuer Bedeutung auflädt.

Privates und Politisches gewinnt nach und nach an (Gruppen-)Dynamik und die wiederum an Kraft, wobei Choreographien und vielstimmige Arrangements Wirkung erzeugen, auch Komik durchaus – ein bisschen Unterhaltung tut doch der Empörung gut.

Am Bühnenrand treibt die Combo mit Klavier, Bass und Schlagzeug voran, während das Ensemble barfuß seinen Wünschen hinterherjagt, mal mehr (André Benndorff!) mal weniger überzeugend im Gesang, doch durchweg glaubhaft und sympathisch in ihrer Spiellust, von der dieser „Liederabend für Schauspieler“ ja auch lebt. Dessen Botschaft vielleicht die ist, dass Unzufriedenheit über Stillstand kaum hinausführt, wenn der Blick nicht gleichermaßen zurück, zur Seite und nach vorn geht, dass ein Latte Macchiato noch keinen Weltbürger macht und ein Wutbürger noch keine Revolution.

Nach 75 Minuten verlangt das trampelnde Premierenpublikum eine Zugabe. Die gibt es nicht. Aber einen Regisseur, der einlädt, zu trinken, zu lächeln, zu reden und zu tanzen. In dieser Reihenfolge. Womöglich ist das der Zeitplan einer Revolution, die ihre Enkel mit Hoffnung füttert.

„Children of Revolution“: mit: André Benndorff, Victor Calero, Hendrik Heutmann, Jenny Langner, Jennifer Lorenz, Charlotte Müller, Andreas Helgi Schmid
Anne Folger / Nikolaus Reinke (Klavier), Johnny B. Gomer (Bass), Günther Krenk / Peter Vonessen (Schlagzeug)
Regie: Tom Ryser
Bühne und Kostüm: Stefan Rieckhoff
Dramaturgie: Heike Müller-Merten

 www.theater.freiburg.de

Foto: Maurice Korbel/ Theater Freiburg

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 28.01.2012 um 13:58
Da fällt mir als Kommentar erstmal nur das hier ein:

Well you can bump and grind if it's good for your mind
well you can twist and shout let it all hang out
but you won't fool the children of the revolution no
you won't fool the children of the revolution no no no

Well you can terraplane in the falling rain
I drive a Rolls Royce 'cause it's good for my voice
but you won't fool the children of the revolution no
you won't fool the children of the revolution no no no

But you won't fool the children of the revolution no
you won't fool the children of the revolution no
you won't fool the children of the revolution no
you won't fool the children of the revolution no way

(Im Moment scheints so zu sein, als wär es gut für someones voice, so zu tun, als würde man Rolls-Fahrer hassen.)

PS: Auch diesen Bericht von Dir habe ich wieder gern gelesen. :))
goedzak schrieb am 28.01.2012 um 14:01
ch.paffen schrieb am 28.01.2012 um 15:35
@kk
Danke! Sehr feiner Lesestoff.

ZUGABE !!!!

Feinen Resttag noch Christiane Paffen
Magda schrieb am 28.01.2012 um 15:35
"Dessen Botschaft vielleicht die ist, dass Unzufriedenheit über Stillstand kaum hinausführt, wenn der Blick nicht gleichermaßen zurück, zur Seite und nach vorn geht, dass ein Latte Macchiato noch keinen Weltbürger macht und ein Wutbürger noch keine Revolution."

Herrlich so ein - wenngleich durchaus skeptisches - Resümee
kay.kloetzer schrieb am 28.01.2012 um 17:05
dank euch für die kommentare. es sollte wohl mehr gesungen werden in diesen zeiten und gewiss auch in den kommenden. was freilich den verfassungsschutz vor ganz neue aufgaben stellen würde ...
jens kassner schrieb am 28.01.2012 um 17:19
Vielleicht schon mal anfangen, ein Liederbuch zusammen zu stellen, oder neue Songs schreiben. Von der gegenwärtigen deutschsprachigen Musikszene, so fragmentarisch ich sie kenne, erwarte ich da aber nicht so viel. Doch auch englische Occupy usw.-Songs sind wohl noch keine Hits, oder?
kay.kloetzer schrieb am 28.01.2012 um 17:45
alles sprachen sind möglich. gegenwärtiges fällt mir auch nicht sein (meine kenntnisse sind da ebenfalls sehr fragmentarisch), aber immer wieder alfonso zecas "grandola vila morena". bei der originalaufnahme aus dem stadion bekomme ich jedesmal eine gänsehaut. die habe ich zum einbetten nicht gefunden, dafür diese:
kay.kloetzer schrieb am 28.01.2012 um 17:46
alles sprachen sind möglich. gegenwärtiges fällt mir auch nicht sein (meine kenntnisse sind da ebenfalls sehr fragmentarisch), aber immer wieder alfonso zecas "grandola vila morena". bei der originalaufnahme aus dem stadion bekomme ich jedesmal eine gänsehaut. die habe ich zum einbetten nicht gefunden, dafür diese:

Magda schrieb am 28.01.2012 um 17:17


Genau.
kay.kloetzer schrieb am 28.01.2012 um 17:41
kurz dachte ich, da schaut der heesters aus dem fenster ... aber ich sehe auch nicht mehr so gut.
kay.kloetzer schrieb am 28.01.2012 um 17:41
kurz dachte ich, da schaut der heesters aus dem fenster ... aber ich sehe auch nicht mehr so gut.
ch.paffen schrieb am 28.01.2012 um 18:15
www.youtube.com/watch?v=L6NqBFDphm0&feature=player_detailpage

älter, aber E.Piaf ist ja nun auch nicht der aktuelle Chartbreaker.
ch.paffen schrieb am 28.01.2012 um 18:18
kay.kloetzer schrieb am 28.01.2012 um 19:01
und mit so schön viel nachdruck in die welt gebracht!
archinaut schrieb am 28.01.2012 um 18:43
Sehr gern gelesen, liebe kay,
nach Freiburg komme ich so selten...

"Nach 75 Minuten verlangt das trampelnde Premierenpublikum eine Zugabe. Die gibt es nicht."
- ja, ist klar, die Revolution braucht keine Zugabe!
kay.kloetzer schrieb am 28.01.2012 um 19:00
lieber archie,
bei einer zugabe bestünde die gefahr der konterrevoltution.

ja, leider ist freiburg so weit weg von hier. zumindest gefühlt. denn knapp sechs stunden mit auto oder bahn sind ja zu bewältigen. sofern es dabei bleibt. diesmal haben die bahnfahrer gewonnen, es war aber knapp.
goedzak schrieb am 28.01.2012 um 19:14
goedzak schrieb am 28.01.2012 um 19:17
Mir gefällt, wie Du durch die Stadt läufst und die Zeichen liest, gesehen durch Deine Brille.
kay.kloetzer schrieb am 29.01.2012 um 02:42
ha! durch die stadt zu "laufen", hieß in diesem fall: den im sturm berstenden schirm unter ein dach zu retten und dabei nicht ins bächle zu treten, das ja immer und überall ist. (bin extra mit badelatschen ins, besser: ans bett) es heißt in dieser wunderbaren stadt, kneipen- und kinoplätze möglichst telefonisch vorzubestellen, um überhaupt eine chance zu haben, und es heißt dann, die innere (und auch äußere) ruhe des kneipenpersonals duch einen sportlichen sprint an die kulturstätte auszugleichen.
durch die stadt zu fahren bedeutet, dem taxifahrer recht zu geben, dass das "hotel stadt freiburg" und das "stadthotel freiburg" total leicht zu verwechseln sind, auch wenn man ihm den straßennamen sagt. (und ihm das geld zu geben)
die stadt zu erleben, setzt voraus, alle ratschläge auszuschlagen, die da hießen: dann fahrt doch mal nach basel (oder in andere orte, die nicht freiburg sind).
diese stadt zu lieben, setzt voraus, das rauchen ganz aufzugeben.
goedzak schrieb am 29.01.2012 um 05:31
Es wär ja langweilig, wenn's einfach wäre! :)

Aber Dein Text liest sich nicht so, als wärst Du nur genervt gewesen...

Ich hab mal in der Gegend übernachtet, auf der Durchreise nach Frankreich. - Es hätte auch in Kassel oder Köln sein können, oberflächlich betrachtet.
mcmac schrieb am 29.01.2012 um 10:54
Hey! think the time is right for a palace revolution
But where I live the game to play is compromise solution




Revolution nach Noten ist eine gute Medizin ;-)

Vielen Dank, liebe Kay, für diese schöne Rezension und den damit verbundenen Tipp.
kay.kloetzer
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