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07.09.2011 | 19:28

Müllmolke in Fruchtbonbons. Und auch sonst überall.

Dass es sich beim "Nimm 2"-Lutschbonbon nicht um den Juwel in der Schatzkammer des Ernährungspyramiden-Pharaos handelt, dürfte jedem klar sein. Dafür hat das mediengehypte Empörungstamtam der Foodwatch-Aktivisten nachhaltig gesorgt. Dennoch griff ich heute morgen - teils aus Höflichkeit, teils aus einem unterbewussten autoaggressivem Impuls heraus - trotzdem in die Tüte, die mir meine Kollegin strahlend entgegenstreckte. Und während ich noch damit beschäftigt, war den spitzen, süßsauren Füllungsrest, der sich wie eine fette Zecke an meinem bisher noch nicht kariösen rechten oberen Reißzahn festgesaugt hatte, mühsam mit der Zunge in den Schlund zu befördern, rief es entsetzt aus der Magengrube empor, dass ich doch überhaupt nicht wisse, ob die Dinger denn eigentlich vegan seien.

Sind sie nicht. Möglicherweise sind sie nicht einmal vegetarisch. Sie enthalten Süßmolkenpulver. Das ist das gleiche wie Molke, Molkenerzeugnis oder Milcheiweiß. Und es kommt sehr gern dort vor, wo man es nicht vermutet. Zum Beispiel in vermeintlichen Fruchtsaftbonbons. Aber auch in Kartoffelchips, Brotaufstrichen, Fruchtgummis, Pesto und sogar Zahncreme. Dort zu suchen hat es nichts, und es ist dort auch für rein gar nichts gut, obwohl ausgewählte Experten auf seine gesundheitsfördernde Wirkung schwören. Molke ist die Flüssigkeit, die bei der Herstellung von Käse übrig bleibt. Da sehr viel Käse produziert wird, fällt auch sehr viel Molke an. Früher, als noch niemand auf die Geschäftsidee mit der entschlackenden Wirkung gekommen war, wurde dieses Abfallprodukt einfach in die Kanalisation eingeleitet. Erst die Erkenntnis, dass das Molkeeiweiß zu Fäulnisprozessen führt, die sogar Kläranlagen zum biologischen umkippen führen, rief die Alternativ-Verwertungs-Kreativen auf den Plan. Neben ambitionierten Forschern, die nach schonenden Entsorgungmöglichkeiten suchen, hat sich die Fitnessbranche und offenbar auch die Lebensmittelindustrie bereit erklärt, als gutmütige Abfallverwerter einzuspringen. Dies geschah möglicherweise nicht ganz uneigennützig, wie die Preise der Molkepulver und die Verwendung desselben als billiges Füllmittel für alles mögliche nahelegen. Solange man den Müll nicht zu stark herausschmeckt, mag das den Meisten egal sein. Für Veganer ist das Süßmolkenpulver jedoch der kleine Stinkefinger am Ende viel zu vieler Zutatenlisten, beispielsweise jener von "Nimm 2". Aber auch die Konseqeunz von Vegetarierern wird getestet: Da zur Herstellung von Käse auch heute noch oft auf tierisches Lab zurückgegriffen wird, sind für die Gewinnung des so hochwertigen Süßmolkenpulvers möglicherweise Tiere gestorben. Dass der Weg zum Fruchtbonbon über den Schlachthof führt, dürfte aber selbst den omnivoren Süßwarenfreund einigermaßen überraschen.

 
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Kommentare
GeroSteiner schrieb am 07.09.2011 um 22:40
Fazit:
Wenn man isst, stirbt man.
Wenn man nicht isst, stirbt man auch.
kopfkompass schrieb am 08.09.2011 um 07:53
So ist es.
Zwischendurch kann man ja aber versuchen ein bisschen Leid zu vermeiden.
memyselfandi schrieb am 08.09.2011 um 12:22
!

Ich finde ja manches Empörungstamtam ist gut, wenn es grob einer guten Richtung dient, ich störe mich also nicht so sehr an Foodwatch. Das nur nebenbei.

Das Ding mit der Molke ist schon solange bekannt, aber wirklich getan hat sich da kaum was in den letzten Jahren.

Ich vermeide es inzwischen in die Einkaufskörbe anderer Leute zu schauen (außer auf dem Wochenmarkt), was manche sich da reinpfeifen, nur weil es 1,50€ billiger ist als anderswo ist persönlich dämlich und unverantwortlich vielen Tieren gegenüber. Ich bin keiner, der anderen die Ernährungsweise vorschreibt, aber warum kaufen sich Menschen Müll ohne Nährwert mit ekelhaften Füllstoffen ohne einen Groschen weit zu denken was da drin ist.

Übrigens gehören die Billigketten-Unternehmer zu den Leuten mit Milliardengewinnen pro Jahr, diese Gewinne machen sie auf Kosten der Tiere und der Menschen. Sollte man auch mal bedenken. Aber mit dem Denken ist es in D ja immer nicht so gut bestellt.
memyselfandi schrieb am 08.09.2011 um 12:27
Da ich gerade in Fahrt bin: In der Kosmetikbranche ist es nicht anders, Die Lebensmittel- und die Kosmetikbranche gehören zu den am besten verdienenden Zweigen. Warum? Weil auch hier billige Füllstoffe wie Silikone und Mineralöle verwendet werden, die der Haut nicht nur nicht nutzen, sondern auf Dauer schaden. Z.B. Parabene, die dauerhaft die Haut dünner werden lassen. Darüber denkt auch kaum einer nach. Imgrunde rausgeschmissenes Geld, aber die Hauotsache billiger. Anyway.
Kiat schrieb am 08.09.2011 um 14:25
Es sind nicht nur die Füllstoffe, sondern recht gesundheitsgefährdende Stoffe wie Nano-Silber, das in Kosmetika verwendet wird, damit die Pampe nicht zu faulen beginnt. Wie bei Nano-Teilchen so üblich, durchdringen sie die Blut-Hirn-Schranke und gelangen so ins Zentralnervensystem, wo sie nicht hingehören und Schaden verursachen! Ilse Aigner, unsere Verbraucher - und Landwirtschaftsministerin wurde ja vom BUND aufgefordert, gegen das Nano-Silber in Kosmetika etwas zu unternehmen! Mehr dazu in meinem Artikel "Was macht eigentlich Ilse Aigner!" 0z.fr/SdwMD
memyselfandi schrieb am 08.09.2011 um 15:08
Was macht Aigner!? Gute Frage.

Die oben angesprochenen Parabene schmiert man da ja rein zur Konservierung, "dummerweise" konservieren sie auf der Haut und in der Haut weiter. Gruslig.

Danke für den link.
KalleWirsch schrieb am 08.09.2011 um 12:44
"Dass der Weg zum Fruchtbonbon über den Schlachthof führt, dürfte aber selbst den omnivoren Süßwarenfreund einigermaßen überraschen."

Nicht so wirklich, oder? Gelantine ist ja auch in einer Vielzahl von Süßwaren enthalten und dass Gelantine über den Schlachthof führt ist seit langem bekannt.

Für Eier und Geflügel gibt es jetzt ein sehr schönes Projekt:

www.aktion-ei-care.de/

Wem es wirklich auf artgerechte Tierhaltung ankommt, wird dort fündig. Die Eier kosten zwar ca. 10 Cent mehr und sind gerade mal halb so groß wie herkömmliche Bio Eier, aber ich esse dann eben lieber weniger.
Kiat schrieb am 08.09.2011 um 14:11
Irgendwie verstehe ich nicht, wieso die Kritik von Foodwatch an der Firma Storck resp. ihrem Produkt Nimm2 als "Empörungstamtam" bezeichnet wird. Foodwatch hat doch mit Recht darauf hingewiesen, dass Storck mit seinen Werbeaussagen darüber hinwegtäuscht, dass diese Bonbons viel zu viel Zucker enthalten! Und das ist schlichtweg schädlich!
kopfkompass schrieb am 08.09.2011 um 19:50
Du hast natürlich recht, Kiat. Auch ich finde die Arbeit von foodwatch gut und richtig. Mit Empörungstamtam meinte ich die von großem Medienrummel begleitete Verkündung von Wahrheiten, die jeder längst wissen könnte, würde er sich die Mühe machen, die Zutatenliste zu lesen. Zumindest die Inhaltstoffe von Lebensmitteln sind ja kein Geheimnis.
Kiat schrieb am 08.09.2011 um 14:15
"Gelantine" ist definitiv ein Sprengstoff :-) und ist normalerweise nicht in Lebensmitteln zu finden! Du meinst wahrscheinlich Gelatine ;-)
KalleWirsch schrieb am 08.09.2011 um 15:16
erwischt
kay.kloetzer schrieb am 08.09.2011 um 15:38
danke für die aufklärung. andererseits: wer sich - und da genügen ein paar wochen - mal ausschließlich normal ernährt, also echtes essen bevorzugt ohne ein fitzelchen konservierungs-, geschmacks und farbzeugs, der kann so etwas wie nimm2-bonbons sowieso nicht mehr essen. das klärt sich quasi von allein. wenn auch zu einem hohen preis: man kann nicht maleben in kantinen, restaurants und sowieso an imbiss-buden etwas essen.
problematischer finde ich, was Kiat über die kosmetik-inhaltsstoffe schreibt. weil hier zum einen noch wenig bekannt ist und es zum anderen schwieriger scheint, alternativen zu finden.
memyselfandi schrieb am 08.09.2011 um 16:58
Es ist gar nicht so schwierig Alternativen für die herkömmliche Kosmetik zu finden, man muss nur etwas recherchieren; das meiste findet sich im Internet oder in ausgesuchten Läden, aber immerhin.
Calvani schrieb am 08.09.2011 um 17:20
@ kay
Stimmt. Auch die Geselligkeit leidet, denn das gemütliche Kaffeekränzchen gerät ebenfalls zum Spießrutenlauf, wenn die Geschmacksnerven herkömmliche Süßigkeiten nicht mehr gewohnt sind.
Bei der Kosmetik sind v.a. chemische Haarfarben problematisch, daran ändert auch das Label "Pflanzentönung/-haarfarbe" nichts. Lediglich die reinen Pflanzenfarben sind eine Alternative, aber sie sind umständlich in der Anwendung und sie bieten nur eingeschränkte Färbemöglichkeiten.
kay.kloetzer schrieb am 08.09.2011 um 19:30
@memyselfandi und @Calvani
einiges habe ich auch schon gefunden (haarfarbe will ich eigentlich ausschließen, ich bin jetzt alt genug für grau), aber beim sonnenschutz beispielweise ist es schwierig oder bei anti-mücken-dingen (gut, ist nicht sooo lebenswichtig). und nicht immer kenne ich die inhaltsstoffe bzw. was dahintersteckt. das problem ist oft: unbedenklich heißt weniger wirkungsvoll (z.B. auch beim Deo).
kopfkompass schrieb am 08.09.2011 um 19:54
Ich komme gerade von Lush und habe für ein Parfum in Lipglossgröße und 250 ml Duschbad 22,50 € bezahlt.

Beides vegan, ohne Tierversuche entwickelt und angeblich so chemiefrei wie möglich.
Die Preise sind und bleiben aber eine Frechheit und ein bisschen zu fett für alle Tage.

Welche Alternativen kannst du empfehlen?
kopfkompass schrieb am 08.09.2011 um 19:58
"Weniger wirkungsvoll" kann ich bestätigen. Was gerade beim Deo zur unverzüglichen Disqualifikation führen muss.

Wahr ist aber auch: Neulich in der Flughafenkontrolle musste ich mir von einem fremden Mann unter die feuchten Achseln greifen lassen, weil mein Silberionendeo den Metalldetektor getriggert hat.

Dann in Zukunft vielleicht doch lieber etwas stinken.
kay.kloetzer schrieb am 08.09.2011 um 20:00
bei lush zum beispiel sind, soviel ich weiß, seife und körperbutter okay, aber einige cremes und lotions beinhalten parabene. im dm-drogeriemarkt gibt es etliches in der alverde-linie, was in ordnung zu sein scheint, und preiswert ist es auch.
memyselfandi schrieb am 08.09.2011 um 20:01
Bei der dekorativen Kosmetik gibt es Bare Minerals, das ist eine Marke aus den Staaten, die früh eine Nische besetzt hat und über die Mengen, die sie verkauft den Preis nicht allzu hoch hält. Die haben reine Mineralpuder ohne Chemie und Schnickschnack. Aber leicht ist es schon irgendwie nicht mal von Kopf bis Fuß fündig zu werden. Und was Deo angeht, da kenne ich nur Hochpreisiges mit rein natürlichen Stoffen.
kay.kloetzer schrieb am 08.09.2011 um 20:06
Silberionendeo? ist das so ewtas, was ein halbes jahr frischeduft verspricht? beim deo ist es auch so, dass eine gewisse entwöhnungszeit den körper wieder normalisiert. aber erstens ist das eine sehr einsame zeit, zweitens wirkt es nicht 100prozentig in jeder situation, und drittens ist vor allem die kleidung das problem, deren zusammensetzung (es sind wohl die farbstoffe) zur geruchsbildung beiträgt. hier ist natürlich nicht das intelligente silberionen-shirt die lösung, sondern ungefärbte baumwolle. kann aber auch einsam machen.
Achtermann schrieb am 08.09.2011 um 21:15
Nicht nur Nimm 2 ist problematisch. Auch die Lutschbonbons, die in Toiletten und Urinale gehängt werden, Klosteine genannt, sollen nicht gesund sein. Das mit Abfällen der chemischen Industrie bestückte Produkt soll rund 100 Millionen Euro Umsatz in Dt. jährlich bringen. Es schadet zwar nicht direkt dem Körper, wie die oben besprochenen Anwendungen, kehrt jedoch wieder zurück, auch wenn der Weg ein bißchen Zeit in Anspruch nimmt. Ein Vorteil bleibt: Klosteine machen nicht zwangsläufig einsam.
KalleWirsch schrieb am 09.09.2011 um 08:20
Hier kann man Naturkosmetik bestellen. Von Lavera bis Weleda. Das Gute hier, dass es ein Rohstofflexikon gibt, so dass man die angegebenen Inhaltsstoffe einordnen kann.

www.bio-naturel.de/
kopfkompass
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